Nach dem Gemälde von G. Tornai.]

Neben diesen regelmäßigen Wallfahrten und Messen, die die Ausübung

ihres besonderen Glaubens den Strenggläubigen vorschreibt, gibt es

noch eine unregelmäßige und abergläubische Form der Religionsübung,

die aber ebenso im ganzen indischen Volke wie jene verbreitet ist

und aus der Verehrung übernatürlicher Mächte hervorging. Diese zeigt

sich hauptsächlich in der Andachtverrichtung vor den Grabmälern und

Schreinen früherer Volkshelden und selbst an den Wohnstätten noch

lebender, heilig gesprochener Persönlichkeiten (Abb. 196). Eine

Anbetung dieser lebenden oder toten Heiligen vermag ihren Anhängern

die Wünsche zu erfüllen, Krankheit zu heilen und hervorzurufen, an

den Orten der Verehrung Wundertaten zu verrichten, Lästerern und

Ungläubigen auf unheimliche Art Schaden zuzufügen und auf der anderen

Seite auch wieder ergebene Gläubige mit vollem Segen zu überschütten.

Die Bezeichnungen für solche Gottheiten zweiten Grades, um sie

kurzweg so zu benennen, fallen je nach der Religion verschieden aus

-- die Mohammedaner heißen sie zum Beispiel Heilige, die Hindu kleine

Götter oder einfach Teufel -- aber immer schreibt das Volk ihnen die

gleichen übernatürlichen Kräfte und Fähigkeiten zu und verehrt sie

in derselben Weise. Wie schon erwähnt, sind diese kleinen Gottheiten

als Kulturüberbleibsel des Uranimismus oder der Geisteranbetung der

Völker anzusehen, die vor alten Zeiten in Indien ansässig waren und

ihre religiöse Richtung den Einwanderern aufzwangen. Die Diener dieser

heiligen Personen und Stätten sind wandernde Barden, die in Scharen

das Land durchziehen, Städte und Dörfer heimsuchen, Lieder und epische

Gedichte, oft in sehr poetische Sprache gekleidet, vortragen und die

Wundertaten und geistigen Fähigkeiten ihrer besonderen Herren, denen

sie dienen, preisen. Als ein verdienstvolles Werk wird das Füttern von

Affen betrachtet (Abb. 197).

[Illustration:

Phot. W. Crooke.

Abb. 185. Szene vom Diwalifest,

die eine Art Volksdrama wiedergibt. Die männlichen Teilnehmer sind mit

weißen Streifen oder Flecken gezeichnet, um Tiger vorzustellen; die

Weiber tragen einen festlichen Kopfputz.]

Eine aufdringliche Erscheinung im täglichen Leben Indiens sind

die allerwärts anzutreffenden +Bettelmönche+ der verschiedenen

Religionen und ihrer überaus zahlreichen Sekten, die zwar unter

mannigfaltigen Namen auftreten, aber sich überall darin ähneln, daß

sie ihren Lebensunterhalt sich ausschließlich durch Ausbeutung der

Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen verschaffen. Denn alle gelten

insofern als „heilig“, als sie in dem Rufe stehen, Wünsche und

Hoffnungen auf irgendeine übernatürliche Art und Weise zu erfüllen.

Allgemein segeln sie unter der Bezeichnung der Fakire (Abb. 169 u.

173). Sehr zustatten kommt ihnen die weitgehende Wohltätigkeit und

große Freigebigkeit, die die verschiedenen Glaubensbekenntnisse ihren

Anhängern beständig als höchste Tugend predigen, und zwar gerade in

der Form des Almosengebens. Unter Almosen wird aber ein Geschenk an

Geld oder an Naturalien an Priester, heilige Männer und an alle solche,

die ein uraltes Anrecht auf Gewohnheitsgeschenke besitzen, verstanden.

Jedwede Handlung, die Religion, Aberglaube und Sitte vorschreiben,

jede Zeremonie bei Geburten, Hochzeiten, Todesfällen oder anderen

häuslichen Vorfällen, die eine konventionelle Handlung erfordern, jeder

Besuch eines Fakirs, Priesters, Sängers, Schlangenbändigers (Abb. 199)

oder ähnlicher Persönlichkeiten, jede Wallfahrt nach einer heiligen

Stätte, jeder Besuch einer Messe, alles dies bedingt die unvermeidliche

Almosenspende oder das Pflichtgeschenk (Abb. 198).

Eine eigentümliche Erscheinung bei den Bewohnern Indiens ist noch

die, daß sie wohl +Musik+ und +Tanz+ sehr lieben, aber diese Künste

niemals selbst ausüben, wie unsere Dilettanten dies tun, sondern sie

berufsmäßigen Musikern und Tänzern überlassen, deren Ausführungen

sie sich gern anhören und ansehen. Die meisten Festlichkeiten werden

von Musik und Tanz begleitet. Eine besondere Stellung nehmen unter

den Berufstänzern die +Nautsch+ oder +Tempelmädchen+, auch Bajaderen

genannt, ein, die eine besondere angesehene Kaste bilden (Abb. 206

und die Kunstbeilage). Sie werden bereits als kleine Kinder mit der

Gottheit eines Tempels vermählt, wohnen in diesem ihr ganzes Leben lang

und dürfen niemanden anders heiraten; von klein auf werden sie für

ihren späteren Beruf vorbereitet und im Tanzen und Singen ausgebildet.

Sobald diese Mädchen die Reife erlangt haben, werden sie vom Brahmanen

oder auch von einer fremden angesehenen Person entjungfert und stehen

fortan gegen Entgelt jedermann der gleichen oder einer höheren Kaste

zur geschlechtlichen Benutzung zur Verfügung. Trotz dieses ihres

Berufes erfreuen sich die Tempelmädchen großer Gunst und großen

Ansehens, zumal sich früher zu dieser Stellung Mädchen aus angesehenen

Kasten drängten. Sie führen auch, wie ihr Name besagt, bei religiösen

Festen Tänze auf, die durch ihre Geschmeidigkeit und Ästhetik die

Zuschauer entzücken. Jedoch beschränkt sich ihre Tätigkeit nicht auf

den Tempeldienst, sondern die Nautsch treten sehr häufig auch bei

festlichen Gelegenheiten in den Häusern, besonders bei Hochzeiten,

großen Festlichkeiten und dergleichen auf. Es ist allgemeine Sitte, sie

aus solchen Anlässen einzuladen und dafür reichlich zu beschenken.

[Illustration:

Phot. Sohanlal Bros.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 117 / 254 题