Wenn wir auch von solchen Extravaganzen absehen, die der
Brahmanismus gezeitigt hat, so leuchtet doch ein, daß ein auf so
tief-philosophischer Spekulation aufgebautes Religionssystem, wie er es
ursprünglich war, unmöglich eine volkstümliche Lehre abgeben konnte.
Eine dem Geschmack des Volkes wirklich entsprechende Religion entstand
erst, als diese Lehre sich mit dem Kult der von den Eingeborenen
übernommenen volkstümlichen Götter zum Hinduismus vereinigte, der eine
Dreieinigkeit von Göttern aufstellte: Brahma als den Schöpfer, Wischnu
als den Erhalter und Schiwa als den Zerstörer des Weltalls. Dieser
+Hinduismus+ (Abb. 180) der Gegenwart kann als ein systematisierter
Animismus im weitesten Sinne des Wortes angesehen werden; feste
Dogmen kennt er nicht, wenngleich er doch wieder im allgemeinen sich
gleichbleibende Grundsätze besitzt.
[Illustration:
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 175. Ein Fakir und Bettler,
der seine Tage in der Erfüllung asketischer Gelübde durch
Selbstpeinigung der verschiedensten Art verbringt und wohl in keiner
Stadt Indiens fehlt.]
Geradeso wie das indische Gesellschaftsleben in eine Unmasse sozialer
Unterabteilungen zerfällt, zersplittert sich der Hinduismus der
Gegenwart in unzählige kleinere oder größere religiöse Sekten, deren
jede ihr eigenes System der Sittenlehre und heiligen Gebräuche
aufweist. Eine seiner wichtigsten Sekten ist der +Sikhismus+, die
Religion der Sikh des Pendschab (Abb. 179). Dieser stellte gleichsam
eine Reform der bisherigen Lehre dar, insofern er die Götzenanbetung,
das Kastenwesen, das Abschließen der Frauen, den Genuß von
Berauschungsmitteln, im besonderen des Tabaks, die Pilgerfahrten und
andere Sitten des Hinduismus verwarf. Unter so strenger Verneinung der
alten Gebräuche vermochte sich der Sikhismus aber nicht zu halten,
und daher neigt er bereits mehr dazu, langsam in die hindostanische
Sittenlehre wieder zurückzufallen. Späterhin wurde er der Kultus einer
einflußreichen militärischen Gesellschaft mit eigenartigen Zeremonien
und Bräuchen. Das Merkwürdigste davon ist der Aufnahmeritus. Die
Novizen müssen dabei eingemachtes Obst mit einem zweischneidigen
Schwert in Wasser zerrühren und die Glaubensartikel in Gegenwart von
fünf Eingeweihten hersagen, worauf sie mit diesem Wasser fünfmal
besprengt werden und ebenso oft davon mit der hohlen Hand trinken
müssen. Fortan haben sie die Pflicht, ihrem Personennamen den Titel
„Singh“ hinzuzufügen und die fünf K zu tragen, nämlich „ungeschnittenes
Haar“ am ganzen Körper, einen „Kamm“ zum Aufstecken der Haare, „kurze
Hosen“, eine „eiserne Spange“ und einen „kleinen Stahldolch“. Die Worte
für alle diese Gegenstände fangen mit dem Buchstaben K an, daher jene
Bezeichnung. Es gibt unter den Anhängern der Sikhreligion auch eine Art
von Sakrament oder Abendmahl aus geweihter Butter, Mehl und Zucker,
an dem alle Getreuen teilnehmen müssen, und zwar ohne Unterschied der
Kaste, um dadurch die ursprüngliche Verwerfung des Kastensystems zum
Ausdruck zu bringen. -- Eine zweite, vor sehr langer Zeit aus dem alten
Brahmanentum hervorgegangene Sekte sind die Vertreter des +Jainismus+,
der Religion der Jain (in Oberindien auch Saraogi genannt). Im
Gegensatz zum Buddhismus, der eine Seele in Abrede stellt, betont der
Jainismus ihr Vorhandensein und stattet alle Dinge im Leben damit aus.
Daher legen seine Anhänger einer jeden Lebensform eine außerordentliche
Heiligkeit bei, töten auch nicht die niedrigsten Lebewesen und bedecken
ihren Mund sogar mit einem herabhängenden Schleier, damit sie nicht
versehentlich ein Insekt hinunterschlucken (Abb. 181). Früher teilten
sie sich in Nackte und Bekleidete ein, heutzutage aber beschränken die
ersteren (die Digambar oder Himmelbekleideten) ihr Prinzip auf die Zeit
der Mahlzeiten in ihrem eigenen Heim.
[Illustration:
Phot. Vividhakala Mandir.
Abb. 176. Ein mohammedanischer Fakir.
Die Gurzmarfakire tragen einen kurzen eisernen Bolzen mit Ketten, die
sie beim Betteln rasseln lassen.]
Eine weitere große religiöse Macht in Indien ist der +Islam+, der in
der Theorie der Lehre Mohammeds in anderen Weltgegenden gleicht, aber
in der Praxis in Indien unter dem Volke stark mit hindostanischen
Gebräuchen durchsetzt erscheint.
[Illustration:
Phot. The S. P. G.