in einem Schrein, der von geschnitzten Pfeilern getragen wird.]
Bestimmte Zeremonien knüpfen sich an mancherlei andere +Einführungen+.
Bei den Telugu Mādiga werden gewisse Frauen der Göttin geweiht und
dadurch sogenannte Matangi. Bei dieser Zeremonie wird ein farbiges
Muster auf den Hof des Hauses gezeichnet, an dessen Ecken und in dessen
Mitte Töpfe aufgestellt werden, wie bei einer Hochzeit. Die Kandidatin
sitzt, in ein weißes Gewand gekleidet, dicht bei dem mittleren Topf
und erhält auf den Kopf einen Bambuskorb gestellt, der auch einen Topf
mit dem Bild der Fußeindrücke der Göttin, einem irdenen oder hölzernen
Behälter, einer eisernen Lampe und einem Rohr enthält. Der amtierende
Priester bindet ihr darauf ein Bottu, ein Heiratsabzeichen, im Namen
der Göttin um den Hals. Dieser Korb, dessen Inhalt die Abzeichen einer
Matangi ausmacht, darf niemals auf die Erde gestellt werden, sondern
wird, falls sie dieselben nicht benutzt, im Hause aufgehängt oder
in eine Wandnische gestellt. Bei den Dorffestlichkeiten der Madiga
beschimpft und bespeit die Frau, die als eine Verkörperung der Göttin
Mātangi angesehen wird, die Versammelten; diese fassen dies nicht etwa
als Beleidigung auf, sondern meinen im Gegenteil, daß ihr Speichel alle
Verunreinigung wegnimmt.
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 127. Tempelelefant, dessen Gesicht, Ohren, Rücken und Rumpf mit
religiösen Symbolen bemalt sind,
darunter auch mit dem Zeichen der Vaishnavasekte am Vorderhaupt. Einige
Elefanten sind dahin abgerichtet, durch Hochheben des Rüssels und
lautes Trompeten zu grüßen.]
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 128. Ein Tempelwagen zu Mylapore,
der bei festlichen Gelegenheiten von Kulis an Stricken durch die
Straßen gezogen wird. Er ist in wunderbarer Weise mit geschnitzten
mythologischen Figuren und anderen Sinnbildern, sowie mit Schirmen,
Flaggen und sonstigem Zierat geschmückt.]
Soll ein Korawamädchen in den Beruf des Wahrsagens (Abb. 140)
eingeführt werden, so verbindet man ihm die Augen und verabreicht
ihm mindestens dreimal einen ganzen Mund voll von einer Mischung,
die aus unreifem Getreide und dem Blute eines schwarzen Huhnes,
einer ebensolchen Ziege und eines Schweines besteht. Stellt sich bei
der Einzuführenden dabei kein Erbrechen ein, dann wird dies als ein
günstiges Zeichen angesehen, daß sie eine gute Wahrsagerin werden wird.
Schwarze Tiere stehen in dem Ansehen einer guten Vorbedeutung. -- Soll
ein Neuling in die Brüderschaft der Donga (Dieberei treibenden)
Dāsari aufgenommen werden, so führt man ihn an das Flußufer, wo er
ein Ölbad erhält und mit einem neuen Tuche bekleidet wird. Darauf
wird mit dem glühenden Zweige eines heiligen Baumes seine Zunge
angebrannt. Nunmehr ist es ihm gestattet an einem Festgelage der
Männer dieser Kaste teilzunehmen. Die Mitglieder der Dandāsikaste,
deren überlieferter Beruf ebenfalls in Dieberei besteht, vollziehen
eine eigentümliche Einführungsfeier an einem Neugeborenen. Das
Oberhaupt der Sekte schiebt das erst mehrere Tage alte Kind dreimal
durch das Loch einer Mauer oder unter der Türschwelle hindurch, wo es
Familienangehörige in Empfang nehmen, mit den Worten: „Tritt ein, Kind,
tritt ein; mögest du deinen Vater übertreffen!“
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 129. Ein Hindutempelpriester wird in einem heiligen Wagen durch
die Straßen von Kumbakonam getragen.
Am rechten Oberarm trägt er das Abzeichen seiner Sekte, um den Hals
einen Perlenrosenkranz.]
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 130. Hinduprozession zu Kumbakonam mit Elefanten, die auf der
Stirn das Sektenabzeichen aufweisen, und mit Kamelen.]
Sehr verbreitet ist unter den Hindu das +Darbringen von silbernen
Nachbildungen einzelner Körperteile+, die erkrankt waren (Abb.
141), oder von ineinandergeschlungenen Schlangen nach überstandener
Krankheit, des Modells eines Hauses nach einem gewonnenen Prozeß
und anderer Dinge mehr als Votivgaben. Kinderlose Frauen geloben,
unter einem heiligen Feigenbaum einen Stein mit dem eingravierten
Doppelschlangensymbol aufzustellen; auch erbitten kinderlose Eltern
manchmal vor einer Reihe solcher Steine, vor einem Lingamstein und
einer Steinfigur der Ganeshagottheit Nachkommenschaft (Abb. 142).
Der +Feuerlauf+, den wir bereits bei den Fidschiinsulanern (I. Band
Seite 46) kennen gelernt haben, ist allenthalben sehr verbreitet; er
wird hauptsächlich von solchen Leuten, die unter einem Gelübde stehen,
ausgeführt, und zwar vor dem Schrein der Draupadi. Draupadi lebte einst
mit fünf Brüdern Pandava in Vielmännerei und unterzog sich dieser
Prozedur, um den Beweis für ihre Keuschheit während der Verbannung
ihrer Männer anzutreten. Nachdem die Gläubigen an dem Tage der
Zeremonie gefastet und zu der Göttin vor ihrem Schrein gebetet haben,
wird ihr Bildnis auf den Schauplatz, wo sich der Vorgang abspielen
soll, hingetragen. Der Priester, der bereits die Vorzeichen befragt
hat, geht, mit Girlanden geschmückt und in gelbes Tuch gekleidet,
zuerst über die glühende Asche, ihm folgen die Anbeter, die, nachdem
sie hindurchgegangen sind, ihre Füße in einer Wasserpfütze, „Milchtopf“
genannt, abkühlen. An manchen Orten treten allerdings Blumen an die
Stelle der Aschenglut, auf denen man zu Ehren der Göttin wandelt.
-- Eine ganz sonderbare Zeremonie, die heutzutage von der Regierung
verboten wird, ist das +Hakenschwingen+, bei dem große eiserne Haken in
den Rücken eines Menschen getrieben werden (Abb. 144). Dieser hängt am
Ende eines hölzernen Hebels oben an einem hohen Mast und wird über der
versammelten Menge in der Luft geschwungen. Der Zweck dieser Sitte war
eine Beeinflussung der Witterung bei Regenmangel, eine Steigerung der
Ernte, eine Beseitigung der Cholera und eine Erhöhung der Geburtenzahl.
In der Provinz Mysore wird jetzt an Stelle eines Menschen bei diesem
Fest eine kleine Figur, Sidi Viranna genannt, die in bunten Aufputz
gekleidet ist und Schild und Schwert in den Händen trägt (Abb. 143),
an einem aus menschlichem Haar geflochtenen Seil an einem Balken
aufgehängt und geschwungen.
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.