mit dem heiligen Zeichen auf der Stirn und anderen religiösen Abzeichen
auf Brust und Schultern.]
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 132. Kampf zwischen zwei Elefanten,
denen die Stoßzähne abgesägt wurden. Die eingeborenen Wärter sind mit
langen Lanzen bewaffnet.]
Die Hindu sind durchweg gläubige Anhänger krassen Aberglaubens. Bei
allen wichtigen Gelegenheiten, wie Pubertät, Hochzeit, Todesfall,
Aufbruch zur Reise, Prüfungstag, Neujahrsmorgen, werden die
+Vorbedeutungen+ zu Rate gezogen, und die Liste solcher Vorzeichen
ist sehr groß. Zu den guten Vorbedeutungen rechnet man eine Jungfrau,
Brahmanen, einen Radscha, einen Elefanten, eine Kuh mit ihrem Kalb,
einen gebundenen Bullen, einen Topf mit Wasser und Milch, zu der
Zahl der ungünstigen aber einen lahmen oder blinden Mann, eine
Leiche, eine Witwe, einen Barbier, einen Wäscher, einen Besenstiel,
zerbrochenes Geschirr, eine Katze und einen Esel. Manchmal hängt die
Deutung auch davon ab, wie ein Satz Eier von der Henne ausgebrütet
wird, wie ein Huhn nach dem Getreide pickt, wie die Milch beim
Überkochen über den Topf läuft, ob eine Ziege oder ein Schaf beben,
wenn man über sie Wasser schüttet, oder wie eine Blume von dem Kopfe
eines Götzenbildes herabfällt. Das Auftauchen vieler Tiere bedeutet
Glück oder Unglück; so zeigt der Ruf eines Schakals das eine oder das
andere, je nach der Richtung, aus der er erschallt, an, bedeutet der
Anblick eines Hasen für einen Wanderer Mißerfolg, ebenso das Erscheinen
einer Katze oder einer Kuh am frühen Morgen, das Ersteigen des Daches
durch einen Hund oder eine Ziege, das Einnisten einer Eule in einem
Hause, das Hervorkriechen einer Schildkröte unter dem Pflug Unglück,
und vieles andere mehr. Auf der anderen Seite erwartet man Glück,
wenn Sperlinge ihr Nest in einem Hause bauen. -- Ungemein verbreitet
ist auch der Glaube an die Wirksamkeit eines +Zaubermittels+ oder
Talismans, wenn man solche zum Schutze gegen Teufel oder den bösen
Blick (Abb. 145), oder zum Zeichen eines Gelübdes, um eine Krankheit
zu heilen, oder um einen Prozeß zu gewinnen trägt; die unmöglichsten
Dinge werden dazu verwandt bis herab zu einem Stück Scherben vom
Begräbnisplatz her oder dem getrockneten Fuß einer Schildkröte, einem
Krokodilzahn, der Borste aus einem Elefantenschwanz, Bärenhaaren,
Tigerklauen, einer Schakalschnauze oder dem Schwanz eines Skorpions.
-- Mit Buchstaben, Zeichen und Figuren bedeckte oder eingravierte
Steintafeln werden oft an der Grenze der Dörfer angebracht, um seine
Einwohner und das Vieh vor Krankheit zu schützen. Ist in einem
Hause Krankheit ausgebrochen, dann wird bei Nacht in aller Stille
an Wegkreuzungen ein geometrisches Muster auf die Erde gezeichnet
oder vor dem Kranken eine Figur aus Reismehl, die mit Münzen an den
verschiedensten Körperstellen beklebt ist, geschwungen und dann auf
den Kreuzweg gelegt; man hofft dabei, daß dort die Krankheit auf einen
zufällig Vorübergehenden übertragen werde. -- Um einen Feind zugrunde
zu richten, formt man ein Bild aus Wachs, Mehl, Blei oder Erde, auf die
er getreten hatte, und vergräbt es oder verbrennt es unter mystischen
Handlungen.
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 133. Pilger beim Baden in dem heiligen Teich gelegentlich des
Mahamakhafestes zu Kumbakonam,
das einmal alle zwölf Jahre abgehalten wird.]
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 134. Pilger beim Baden gelegentlich des Mahamakhafestes zu
Kumbakonam.
Bei dieser Gelegenheit soll der Ganges durch unterirdische Zuleitung
seine Wasser in den heiligen Teich fließen lassen.]
Unter den Leuten, die berufsmäßig das Wahrsagen ausüben, haben die
Kaniyan der Westküste einen gewissen Ruf erlangt; sie verstehen es,
mit großer Geschicklichkeit das Horoskop zu stellen, einen Glückstag
für eine Hochzeit oder eine andere Festlichkeit vorauszusagen, die
Ursache eines Familienkummers ausfindig zu machen und ähnliches. Wo
ein solcher Wahrsager zu Rate gezogen wird, erscheint er mit einem
Beutel Muschelgeld und einem Astrologenkalender ausgerüstet, die Stirn
mit dem dreifachen Zeichen des Siva bestrichen in dem Hause, zeichnet
ein Diagramm auf den Fußboden und legt in dessen Felder Muschelgeld,
das die Planeten darstellt. Nachdem er daran die Stellung der Planeten
zueinander bestimmt hat, verkündet er nach reiflicher Überlegung die
Entscheidung, zu der er gekommen ist. Manche Kaniyan sind auch wegen
ihrer Kunst in der Geisterbeschwörung berühmt; sie kleiden sich dabei
in ein Kokosnußblättergewand und tragen Masken, die verschiedene Teufel
vorstellen sollen. Die malaiischen Zauberer von Malabar beschwören auch
Teufel und verkleiden sich dazu auf die verschiedenste Weise (Abb.
146, 148 u. 150). Die Pulluwan Malabars sind Astrologen und Priester
in einer Person und hausen in den zahlreichen Schlangenhainen, die
dem Nägesvara, dem Herrn der Schlangen, geweiht sind, Bildnisse von
Schlangen aus Stein zu Tausenden enthalten (Abb. 149) und sich oft
über ein Areal von vielen Morgen Landes erstrecken. Sie ziehen von
Haus zu Haus und singen zu dem Ton einer Trommel, die aus einem mit
einer Schnur überspannten irdenen Topfe (Abbild. 147) besteht und mit
einem Stock geschlagen wird, Lieder, die den Schlangen wohlgefällig
sein sollen. Werden sie für eine Schlangen- oder Teufelsbeschwörung zu
Personen, die von diesen besessen sind, gerufen, dann zeichnen sie eine
mächtige Schlangenfigur in farbigem Pulver auf den Fußboden, singen
zu Ehren der Schlangengottheit Lieder und verwischen unter heftiger
Erregung und vielem Getue das von ihnen gezeichnete Bild (Abb. 151);
schließlich suchen sie noch den Schlangenhain auf und werfen sich vor
den Steinbildnissen nieder.
[Illustration:
Phot. E. Thurston.