Abb. 124. Nalketeufelstänzer.]

Eine besondere Eigentümlichkeit Südindiens sind die verschiedenen

Klassen +frommer Bettler+, die Bairāgi, Dasari, Gangeddu und Lingayat

Jangam; sie ziehen in der Regel von Ort zu Ort und erbitten, mit

einem ihrem Berufe eigenen Gewande angetan, in den Basaren und auf

den Straßen Almosen. Die Bairagi tragen Kochgeschirre aus Messing,

einen geweihten Salagramastein und eine Seemuschel bei sich und rufen

beim Durchwandern der Straßen den Namen einer Gottheit laut aus. Für

gewöhnlich lassen sie sich Bart und Haar lang wachsen (Abb. 139) und

bestreichen ihren nackten Körper mit heiliger Asche. Die Abzeichen

eines Dāsari sind eine Seemuschel, auf der er bläst, um seine Ankunft

mitzuteilen, ein Gong, das er auf seinen Runden schlägt, eine hohe

eiserne Lampe, die beim Betteln brennt, ein Metallgefäß, in das er

seine Almosen legt, und ein Metallbild des Affengottes Hanuman um den

Hals. Bei einem Fest im Tamillande stecken die Anbeter etwas von einer

Mischung von Bananenfrüchten, Reis und anderen Sachen einem Dāsari, der

zu dem betreffenden Tempel gehört, in den Mund, der es kaut und in die

Hand des Anbeters wieder zurückspeit. Dieser ißt den zerkauten Bissen

dann auf, um dadurch eine erbetene Wohltat zu erlangen. Die Jangam

sind manchmal mit sehr auffallenden Gewändern angetan, hängen sich

Messingteller mit Bildern verschiedener Gottheiten und ein Kästchen um,

das den Lingam, ein phallisches Abzeichen des Siva, enthält, und tragen

ein Schwert in der Hand und Metallglocken um die Knöchel gebunden (Abb.

138), die klingen, wenn der Jangam tanzt und das Lob des Virabhadra,

des Sohnes des Siva, preist.

[Illustration:

Phot. Wiele & Klein.

Abb 125. Tempelwagen aus Seringapatram,

der mit der großen geschnitzten Figur eines mythischen Tieres

geschmückt ist.]

Die Lingayat, eine Sekte, die gleichsam die Hindupuritaner vorstellt,

tragen das Lingam, ein Sinnbild des männlichen Gliedes, als Symbol

des Gottes Siva in einem Metallkästchen oder in einer rotseidenen

Schärpe um den Hals oder den Arm gebunden. Ihre Kinder werden damit

bereits im frühesten Kindesalter von dem geistlichen Berater der

Familie bekleidet. Das Lingam wird mit geweihter Asche bestrichen

und dem Kinde umgebunden, dem man außerdem einen Rosenkranz von

geweihten Rudrakshaperlen um den Hals bindet und die vorgeschriebene

geheiligte Formel ins Ohr flüstert. Auch Weihwasser, mit dem die Füße

des Priesters gewaschen worden sind, wird über das Lingam ausgegossen,

und von der gekochten Speise, die für jenen bestimmt ist, dem Kinde

etwas in den Mund gesteckt. In Kanara besteht bei manchen Kasten die

Sitte, der Gottheit gewisse Mädchen, Basawi genannt, zu weihen, die in

derselben Weise wie die Dēva-Dasis oder Tanzmädchen ein öffentliches

Leben führen. Die übliche Form ihrer Weihefeier besteht darin, daß

ihnen ein Tali, das Eheabzeichen, an einer schwarzen Perlenschnur

um den Hals gebunden und die Abzeichen der Chank und Chakra auf die

Schultern gebrannt werden. Bei einer anderen Art dieser Zeremonie

legen die Mädchen ein Schwert mit einer Limette an seiner Spitze, die

den Bräutigam vorstellen soll, in das Allerheiligste der Gottheit. In

wieder anderen Fällen werden die Mädchen an einem glückverheißenden

Tage mit einer Blumengirlande an eine Lampe gebunden, wie sie manche

fromme Bettler tragen, und aus dieser Stellung entweder von einem

Manne, der ihrer ersten Gunstbezeigung teilhaftig werden will, oder von

ihrem Onkel mütterlicherseits befreit; zum Zeichen daran wird ihnen

eine schwarze Perlenschnur um den Hals gehängt. Der Aberglaube, daß

eine Dēva-Dasi niemals Witwe werden kann, veranlaßt manche Hindu, um

sich Glück zu verschaffen, das Tali, das bei ihrer Hochzeit gebraucht

wird, zu einer dieser Frauen bringen zu lassen, damit sie das Band dazu

herrichtet.

[Illustration:

Phot. Wiele & Klein.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 95 / 254 题