Eine besondere Eigentümlichkeit Südindiens sind die verschiedenen
Klassen +frommer Bettler+, die Bairāgi, Dasari, Gangeddu und Lingayat
Jangam; sie ziehen in der Regel von Ort zu Ort und erbitten, mit
einem ihrem Berufe eigenen Gewande angetan, in den Basaren und auf
den Straßen Almosen. Die Bairagi tragen Kochgeschirre aus Messing,
einen geweihten Salagramastein und eine Seemuschel bei sich und rufen
beim Durchwandern der Straßen den Namen einer Gottheit laut aus. Für
gewöhnlich lassen sie sich Bart und Haar lang wachsen (Abb. 139) und
bestreichen ihren nackten Körper mit heiliger Asche. Die Abzeichen
eines Dāsari sind eine Seemuschel, auf der er bläst, um seine Ankunft
mitzuteilen, ein Gong, das er auf seinen Runden schlägt, eine hohe
eiserne Lampe, die beim Betteln brennt, ein Metallgefäß, in das er
seine Almosen legt, und ein Metallbild des Affengottes Hanuman um den
Hals. Bei einem Fest im Tamillande stecken die Anbeter etwas von einer
Mischung von Bananenfrüchten, Reis und anderen Sachen einem Dāsari, der
zu dem betreffenden Tempel gehört, in den Mund, der es kaut und in die
Hand des Anbeters wieder zurückspeit. Dieser ißt den zerkauten Bissen
dann auf, um dadurch eine erbetene Wohltat zu erlangen. Die Jangam
sind manchmal mit sehr auffallenden Gewändern angetan, hängen sich
Messingteller mit Bildern verschiedener Gottheiten und ein Kästchen um,
das den Lingam, ein phallisches Abzeichen des Siva, enthält, und tragen
ein Schwert in der Hand und Metallglocken um die Knöchel gebunden (Abb.
138), die klingen, wenn der Jangam tanzt und das Lob des Virabhadra,
des Sohnes des Siva, preist.
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb 125. Tempelwagen aus Seringapatram,
der mit der großen geschnitzten Figur eines mythischen Tieres
geschmückt ist.]
Die Lingayat, eine Sekte, die gleichsam die Hindupuritaner vorstellt,
tragen das Lingam, ein Sinnbild des männlichen Gliedes, als Symbol
des Gottes Siva in einem Metallkästchen oder in einer rotseidenen
Schärpe um den Hals oder den Arm gebunden. Ihre Kinder werden damit
bereits im frühesten Kindesalter von dem geistlichen Berater der
Familie bekleidet. Das Lingam wird mit geweihter Asche bestrichen
und dem Kinde umgebunden, dem man außerdem einen Rosenkranz von
geweihten Rudrakshaperlen um den Hals bindet und die vorgeschriebene
geheiligte Formel ins Ohr flüstert. Auch Weihwasser, mit dem die Füße
des Priesters gewaschen worden sind, wird über das Lingam ausgegossen,
und von der gekochten Speise, die für jenen bestimmt ist, dem Kinde
etwas in den Mund gesteckt. In Kanara besteht bei manchen Kasten die
Sitte, der Gottheit gewisse Mädchen, Basawi genannt, zu weihen, die in
derselben Weise wie die Dēva-Dasis oder Tanzmädchen ein öffentliches
Leben führen. Die übliche Form ihrer Weihefeier besteht darin, daß
ihnen ein Tali, das Eheabzeichen, an einer schwarzen Perlenschnur
um den Hals gebunden und die Abzeichen der Chank und Chakra auf die
Schultern gebrannt werden. Bei einer anderen Art dieser Zeremonie
legen die Mädchen ein Schwert mit einer Limette an seiner Spitze, die
den Bräutigam vorstellen soll, in das Allerheiligste der Gottheit. In
wieder anderen Fällen werden die Mädchen an einem glückverheißenden
Tage mit einer Blumengirlande an eine Lampe gebunden, wie sie manche
fromme Bettler tragen, und aus dieser Stellung entweder von einem
Manne, der ihrer ersten Gunstbezeigung teilhaftig werden will, oder von
ihrem Onkel mütterlicherseits befreit; zum Zeichen daran wird ihnen
eine schwarze Perlenschnur um den Hals gehängt. Der Aberglaube, daß
eine Dēva-Dasi niemals Witwe werden kann, veranlaßt manche Hindu, um
sich Glück zu verschaffen, das Tali, das bei ihrer Hochzeit gebraucht
wird, zu einer dieser Frauen bringen zu lassen, damit sie das Band dazu
herrichtet.
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.