[Illustration:
Phot. E. Thurston.
Abb. 109. Feueranzünden bei den Kanibar von Travankore,
wobei das stumpfe Ende eines Pfeiles in ein Loch eines Stückes weichen
Holzes gedrückt und rasch hin und her gedreht wird.]
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 110. Der Affengott Hanuman,
nach einem Gemälde, das eine Szene aus seinem Leben als volkstümlicher
Held des hindostanischen Epos Ramayana vorstellt.]
Fast jedes Dorf oder jede Stadt Südindiens besitzt eine +Ortsgottheit+,
Grāma Dēvata genannt, die sich aber von der der nächsten Ortschaft
schon zu unterscheiden pflegt. Ebenso mannigfaltig wie ihre Namen sind
auch die Bildnisse (Abb. 114) oder Symbole der Gottheiten. In manchen
Dörfern gibt es überhaupt kein bleibendes Bild von ihnen, sondern der
Töpfer fertigt für jedes Fest eine Lehmfigur an, die eine Gottheit
vorstellen soll und nach Beendigung des Festes wieder beiseite geworfen
wird. In anderen Dörfern wieder wird die Gottheit einfach durch eine
Steinsäule auf freiem Felde (Abb. 113) oder auf einer Steinplattform
unter einem Baum (Abb. 116) oder innerhalb einer kleinen, aus Steinen
aufgebauten Umfriedigung, oft auch nur durch kleine kegelförmige
Steine, die nicht höher als zehn bis fünfzehn Zentimeter sind und
infolge des beständigen Salbens mit Öl eine schwarze Farbe angenommen
haben, dargestellt. Die Dorfgottheiten sind mit wenigen Ausnahmen
weiblich; im Tamillande werden sie fast alle aber von männlichen
Wärtern behütet und bedient. Eine männliche Gottheit, Aiyanar, hat
einen eigenen Schrein und ist gleichsam der Nachtwächter des Dorfes,
denn ihm fällt die Aufgabe zu, des Nachts auf seinem Geisterrosse
die Dorfstraße abzureiten und die bösen Geister zu verscheuchen.
Sein Schrein ist an Lehm- oder festen Pferdegestalten (Abb. 115) zu
erkennen, die entweder zu beiden Seiten des Bildnisses aufgestellt sind
oder in Haufen auf dem freien Platze umherliegen. Diese Pferde, die die
Rosse vorstellen sollen, auf denen Aiyanar nachts seine Runde macht,
werden von den Anbetern der Gottheit verehrt.
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 111. Tiyanweib von Malabar.
Die Frauen dieses Stammes tragen den Oberkörper unbedeckt. Der
Schmuck der erweiterten Ohrläppchen besteht in Metallscheiben
oder zusammengerollten Palmblättern. Am Halsband sitzt ein Tali
(Eheabzeichen).]
[Illustration:
Phot. E. Thurston.
Abb. 112. Vadagottheiten aus Ton,
die vor Antritt eines Fischzuges oder bei einer Krankheit angebetet
werden, sowie Holzbilder von Vorfahren.]
Um die Dorfgottheiten zu versöhnen und die Angriffe böser Geister
abzuwenden, werden ihnen fast allgemein jährlich +große Opfer+
dargebracht (Abbild. 118), bei denen Büffel, Schafe, Ziegen, Schweine
und Geflügel (Abb. 119), oft genug zu Tausenden, so daß das Blut
geradezu in Strömen hinter dem Opferplatz fließt und ganze Karren Sand
herbeigeschafft werden, um die Lachen zuzuschütten, ihr Leben lassen
müssen. Die Köpfe der geopferten Tiere werden zu einem etwa vier Meter
hohen Haufen aufgetürmt; obendrauf wird eine Schüssel mit Öl und einem
dicken baumwollenen Docht gestellt und das Ganze angezündet. Das
Schlachten der Tiere dauert den ganzen Tag bis gegen Mitternacht; sie
werden von den Priestern geköpft und auf die großen Reisberge geworfen,
die man den Göttern dargebracht hat, so daß der Reis von ihrem Blut
vollständig durchtränkt wird. Dabei spielen sich oft genug widerwärtige
Szenen ab, bei denen die Tiere vielfach gequält werden. Unter anderem
werden die Opfertiere bei lebendigem Leibe aufgespießt und so auf einer
Karre durch das Dorf gefahren, den Schweinen wird Reis, der mit ihrem
eigenen Blut getränkt ist, zu fressen gegeben und anderes mehr. Eine
ganz sonderbare Verwendung findet das Blut der geschlachteten Tiere bei
den Pudukkottai tāluk des Trichinopollidistriktes; man taucht Tücher in
dieses ein und hängt sie an den Dachrinnen der Häuser auf, um das Vieh
dadurch vor Krankheit zu schützen.
[Illustration:
Phot. H. M. Bray.
Abb. 113. Hindugötterschreine,
wie man sie an Wegen zu errichten pflegt, damit die Vorbeigehenden
und die Dorfbewohner die in ihnen aufgestellten Götterbilder anbeten
können.]
[Illustration:
Phot. V. Arumynayagam.
Abb. 114. Kolossalstatue einer Dorfgottheit mit ihrem Wärter aus dem
Tamillande.]
Bei einem Fest, Mayāna oder Smasāna kollai (Beraubung des
Begräbnisplatzes) genannt, das die Sembadawan, eine Fischerkaste,
im Tamillande zu Ehren der Ankalamma feiern, trägt eine Person, die
entsprechend aufgeputzt diese Göttin darstellen soll, auf den Armen ein
Brett mit den sauber gewaschenen Eingeweiden eines Schafes (Abb. 117)
und hält einen Teil von ihnen im Munde, so lange, bis die Prozession,
die das Bildnis der Göttin zum Dorfaltar geleitet, zurückgekehrt ist.
Dicht bei der Stelle, wo man die Leichen zu verbrennen pflegt, häufen
die Priester sodann an fünf Stellen die Asche einer Leiche kegelförmig
auf; diese Haufen sollen den Elefantengott Ganesha darstellen, dem
Opfergaben aus Getreide, Betel, Spangen und so weiter in großen Mengen
dargebracht werden. Das versammelte Volk fällt über die Haufen her
und schleppt mit sich fort, was es nur mitnehmen kann. Man sagt, daß
Hunderte von Personen dabei in Verzückung geraten, die Asche der
Leichen essen und jedweden Knochenrest, dessen sie nur habhaft werden
können, anbeißen. Die Asche der Leichen wird nämlich sehr geschätzt, da
man glaubt, daß sie böse Geister fernzuhalten und unfruchtbaren Frauen
Nachkommenschaft zu sichern vermag.
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 115. Große Pferdefiguren, die zu Ehren der Dorfgottheit Aiyanar
errichtet sind
und auf denen der Gott nachts das Dorf besuchen und die Dämonen
niederreiten soll.]
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 116. Hindugottheiten aus Ton oder Mörtel,
die man häufig auf einer Plattform unterhalb eines heiligen Baumes
antrifft. Ihnen bringt man Früchte, Kokosnüsse und andere bescheidene
Opfer dar.]
[Illustration:
Phot. E. Thurston.
Abb. 117. Szene aus dem Feste der Dorfgöttin Ankalamma bei den
Sembadawan-Tamilen.
Die zur Linken die Gottheit darstellende Person mit Eingeweiden eines
Schafes im Mund wird von einem anderen Manne begleitet, der als
Birabhada, der Sohn von Siwa und Ankalamma, verkleidet ist.]
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 118. Darbringen von Opfergaben vor dem Geiste Guru.
Im Vordergrunde Musikanten und ein Knabe mit aus die Stirn gemaltem
Sektenabzeichen.]
Die Vadafischer an der Ostküste errichten am Strande Miniaturschreine
aus Ton oder Backsteinen, die nach der See zu offen sind (Abb. 123).
In ihnen stellen sie die Lehmfiguren der Götter auf, die von ihnen
angebetet werden, bevor sie einen Fischzug unternehmen, oder auch
Holzfiguren von verstorbenen Verwandten. Die Namen ihrer Götter,
einschließlich einer Göttin mit tausend Augen, die durch einen
durchlöcherten Topf mit einem Öllicht in seinem Innern dargestellt
wird, und eines Bengali Bābu genannten Gottes, der einen Hut trägt und
auf einem schwarzen Pferde reitet (Abb. 112), sind unzählig. Letzterer
steht in dem Rufe, die Fischer auf der See gegen Gefahren zu schützen
und ihnen zu großen Fischzügen zu verhelfen. Die Hauptgöttin der Vada
scheint indessen Orosundiamma zu sein, die nachts auf dem Meere in
einem Boote umherfahren soll. Man huldigt ihr, indem man denjenigen,
der die Zeremonie vorzunehmen hat, mit einer Ziege an einem Pfosten
vor dem Hause festbindet und ein Spielzeugboot davorstellt. Die Ziege,
der Pfosten, das kleine Boot und der Schrein für das Götzenbild werden
darauf an die See gebracht und vor dem Schrein Andachten verrichtet.
Kriecht die Ziege dabei auf allen vieren entlang und zittert sie, dann
opfert man sie; tut sie dies aber nicht, dann erblickt man darin eine
üble Vorbedeutung und beschafft sich eine andere Ziege an ihrer Stelle.
In manchen Dörfern mit einem bleibenden Schrein werden den Gottheiten
täglich Reis, Früchte und Blumen mit Weihrauch und Kampfer dargebracht,
an anderen wieder nur alle Jahre oder an einem bestimmten Tage,
ausgenommen zu Zeiten einer Epidemie, in denen man sofort die Götter
durch Opfer zu versöhnen sucht. Auch bei Beginn der Bestellung des
Ackers, sowie zur Erntezeit werden Festlichkeiten zu Ehren der Götter
veranstaltet. Bei eintretender Dürre werden an den Regengott Gebete
gerichtet, und an manchen Orten wird eine Lehm- oder Strohfigur mit
den Füßen nach vorn durchs Dorf gezerrt und von den Totengräbern in
regelrechter Weise begraben. In Südkanara werden, ehe die zweite Saat
in die Erde kommt, Büffeljagden, denen „Teufelstänzer“ beiwohnen, auf
einem tiefverschlammten Reisfelde abgehalten; am Tage darauf finden
große Hahnenkämpfe auf einem freien Platze vor dem Dorfe statt, dieses
alles in der Absicht, die verschiedenen Teufel zu versöhnen. -- Unter
den sportlichen Tierkämpfen spielen die Kämpfe zwischen Elefanten eine
hervorragende Rolle (Abb. 132).
[Illustration:
Phot. Wiele & Klein.