Abb. 96. Singhalesische Teufelstänzer

mit ihrem besonderen Kopfschmuck, großem Ohrgehänge,

Messingachselstücken, Perlketten über der Brust, roten Tuchanhängseln,

die über den Gürtel herunterhängen, und weiten Röcken.]

Das Ritual, bei dem es sich darum handelt, die +schädlichen Einflüsse

der Planeten+ und anderer Himmelskörper zu vertreiben, weist

fünfunddreißig verschiedene Formen auf und besteht hauptsächlich aus

Tänzen und Gesängen zu Ehren der Macht, welche die Krankheit veranlaßt

hat, sowie in Anrufen des Inhaltes, daß sie ihre Wirkung auf den

Kranken aufhören lassen möge; die Zeremonie dauert für gewöhnlich die

ganze Nacht hindurch. Der Patient sitzt oder liegt dabei auf einer

Matte dem Amtierenden gegenüber, ihm zur Seite je ein Freund. Bei

jeder Pause in den Bittgesängen des Priesters rufen diese beiden der

angeredeten Macht „Ayibo, Ayibo“, das heißt „Langes Leben, langes

Leben“ zu. Der ganze Vorgang wird reichlich beleuchtet, die Tänzer

tragen auch noch Fackeln; Tamtamschläger begleiten die Tänzer im

Takt. Vor dem Kranken ist außerdem noch auf einem Rahmen ein farbiges

Lehmrelief seiner selbst, sowie die Sinnbilder einiger Himmelskörper

aufgestellt; er hält das Ende eines Fadens in der Hand, der an

der Mittelfigur befestigt ist. -- Der +Glaube an den Einfluß der

Gestirne+ ist in dem Singhalesen fest eingewurzelt, und seine stete

Sorge ist es, überall die Gunst des Standes der Gestirne auszunutzen

und ihre schädlichen Wirkungen abzuwenden. Vor Schluß des Jahres

läßt er sich von dem Astrologen eine Zusammenstellung geben, in der

alle glück- und unheilbringenden Stunden -- hierzu gehören in erster

Linie die Finsternisse -- des neuen Jahres verzeichnet stehen, sowie

alle Handlungen und Zeremonien, die man zu diesen Zeiten vorzunehmen,

beziehungsweise zu unterlassen hat. In einem solchen astrologischen

Kalender heißt es unter anderem: „Das Zeichen des kommenden Jahres

wird ein roter Löwe sein, der gerade aufgerichtet auf einem Pferde

reitet und aus einem Loch herauskommt, das wie das Maul eines Pferdes

gestaltet ist. Dies wird am Anfange des Jahres geschehen, neun Stunden

und vierundfünfzig Minuten nach Sonnenuntergang; in diesem glücklichen

Augenblick soll man Milch an allen vier Ecken des Hauses kochen“ und so

weiter.

[Illustration:

Photo. Colombo Apothecaries Co.

Abb. 97 Peraharaprozession in Kandy,

bei der in jeder Nacht während zweier Wochen die Gerätschaften und

Abzeichen der vier indischen Gottheiten, in der letzten Nacht der

Buddhazahn auf einem Tempelelefanten durch die Straßen getragen

werden. Den Elefanten gehen voraus und folgen die Dorfvorsteher mit

breiten tellerartigen Kopfbedeckungen. Vor diesen kommen Tänzer und

Stockschläger.]

[Illustration:

Phot. Colombo Apothecaries Co.

Abb. 98. Der heilige Zahn des Buddha,

der angeblich etwa achthundert Jahre nach dessen Tode nach Kandy

gebracht wurde und hier in einem Tempel aufbewahrt wird. Er ruht auf

einer goldenen Lotosblüte und wird für gewöhnlich mit einer goldenen,

mit Edelsteinen besetzten Glocke zugedeckt.]

Das +neue Jahr+ beginnt man mit verschiedenen Zeremonien, dem

Anzünden des ersten Feuers, der Aufnahme der ersten Nahrung und

ein paar Tage später mit der Ölung aller Familienhäupter mittels

einer Mischung von fünf Ölen, die in günstigen Augenblicken, welche

die Astrologen feststellten, gemischt wurden, um sich dadurch die

allgemeinen Glücksfälle des Jahres zu sichern. Der Familienvater stellt

sich mit dem Gesicht nach der Richtung gewendet, die für die günstige

erklärt worden ist, vor einen Tisch, auf dem ein Licht und eine Tasse

mit Öl steht, taucht einen oder auch alle Finger hinein und zieht die

Fingerspitzen über die rechte Seite des Kopfes oberhalb des Ohres;

unter tiefem Schweigen wiederholt er diesen Vorgang an den anderen.

[Illustration: Das Periyapalayamfest,

das jährlich zu Ehren der Dorfgöttin von Periyapalayam bei Madras

stattfindet und von zahllosen Hindu aller Stände besucht wird. Männer,

Frauen und Kinder kleiden sich in Blätter und Zweige des heiligen

Mangojabaumes. Die Andächtigen zahlen eine kleine Eintrittsgebühr

in den Tempelbezirk und gehen drei oder mehrere Male um den

Göttinnenschrein herum.]

Das große +Peraharafest+ wird im Juni gefeiert, da um die Zeit der

Sonnenwende die Regenperiode einsetzt; man veranstaltet diese besonders

für Kandy großartige Zeremonie, um Fruchtbarkeit für die Äcker zu

erzielen. An jedem Abend während der zwei Wochen, die das Fest dauert,

trägt man die Waffen und Abzeichen von vier indischen Gottheiten

in feierlichem Zuge, an dem Elefanten, Musikbanden und Tänzer bei

Fackelschein teilnehmen (Abb. 97), durch die Stadt, am letzten Abend

kommt noch die angebliche Zahnreliquie des Buddha (Abb. 75 und 98)

hinzu. An diesem Abend begibt sich der Aufzug schließlich noch nach dem

Mahawäligangafluß zum Wasserschneiden. Bei Anbruch des nächsten Tages

beschreiben die vier Priester der Tempel der indischen Gottheiten mit

ihren Schwertern einen Kreis im Flusse, füllen vier Gefäße mit Wasser

aus diesem Kreis und kehren damit zu ihren Tempeln zurück, wo man die

Gefäße bis zum nächstjährigen Peraharafest stehen läßt. An anderen

Stellen spielt sich der Vorgang etwas anders ab; hier wird ein weißes

Tuch von zwei Männern über das Wasser gehalten und in der Mitte von den

Symbolen der Gottheiten niedergedrückt; das in dem Tuch befindliche

Wasser wird in den Tempel mitgenommen. Solches Wasser wird auch

verabreicht, um Krankheiten zu heilen. -- Ein anderes wichtiges Fest

wird alljährlich zu Ehren der Göttin Mariamma zu Periyapalayam gefeiert

(Abb. 99 und die farbige Kunstbeilage).

[Illustration:

Phot. Wiele & Klein.

Abb. 99. Eine Szene vom Periyapalayamfest,

das alljährlich in der Nähe von Madras gefeiert wird. Büßer kriechen

zur Erfüllung eines Gelübdes oder rollen sich auf der Erde rund um den

Heiligenschrein der Göttin Mariamma.]

Sobald dem Singhalesen ein +Kind+ geboren ist, eilt der Vater zum

Astrologen, um sich für das Neugeborene das Horoskop stellen zu lassen.

Früher wurde das Kind, falls der Stand der Gestirne ungünstig war,

lebendig begraben, ertränkt oder dem Hungertod preisgegeben. Auch wenn

man sonst bei kinderreicher Familie ein Kind aus dem Wege schaffen

wollte, gab man als Grund hierfür an, daß es unter einem unglücklichen

Planeten geboren sei. Selbst heute soll man von der Unsitte, die

Kinder, im besonderen die Mädchen zu töten, wozu hauptsächlich Opium

verwendet wird, noch nicht ganz abgekommen sein; auch Abtreibung

soll im Schwange sein, um keine zu große Familie zu bekommen. Die

Neugeborenen werden von der Mutter ernährt, und zwar ziemlich lange,

oft drei, vier und noch mehr Jahre; vom fünften Monat an erhalten sie

aber auch Reis als Beikost. Der Augenblick, in dem ihnen zum ersten

Male diese Speise gereicht wird, wird unter großer Feierlichkeit

begangen. Dabei erhalten die Kleinen auch ihren ersten Namen, den

Reisnamen. Natürlich wird auch hier der Astrologe wieder zu Rat

gezogen. Auf Grund des Horoskops bei der Geburt soll er den ersten

Buchstaben des Namens ermitteln und die Eltern die übrigen nach ihrem

Belieben hinzufügen.

[Illustration:

Phot. Colombo Apothecaries Co.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 84 / 254 题