Abb. 70. Eine Schädelniederlage bei den Tsalisen

unter flachen Steinen. Die Tson verwenden dazu kleine Häuschen, die mit

Fächern versehen sind.]

Die Wilden Formosas sind reine +Animisten+; sie glauben an Geister,

auch an Zauberbann und Zaubermittel. Eine Krankheit legen sie fast

allgemein dem Zorne böser Geister zur Last; fast jedes Dorf hat eine

alte Frau aufzuweisen, die sich damit abgibt, sie zu vertreiben.

Zu diesem Zwecke hockt sie vor dem Kranken auf der Erde nieder und

nimmt ein Bambusrohr zwischen die Knie, so daß es vorn etwas in die

Höhe steht. Auf dem Ende dieses Rohres balanciert sie ein geweihtes

Zaubermittel, einen durchlöcherten Stein, und bewegt die Hand darüber,

indem sie gleichzeitig die Geister bittet, den Zauber fortzunehmen.

Bleibt der Stein für einige Augenblicke liegen, dann erblickt man

darin ein Anzeichen für eine günstige Wendung, fällt er aber sofort

herunter, dann sind die Bemühungen aussichtslos. Die Ami schreiben

Schmerzen einem schädlichen Stoffe im Fleische zu; ein Zauberer saugt

daher kräftig an der schmerzhaften Stelle und holt dann plötzlich einen

oder mehrere Gegenstände aus seinem Munde hervor, die er angeblich dem

Kranken entnahm.

[Illustration:

Phot. J. W. Davidson.

Abb. 71. Kopfjäger von Formosa.

Zum Zeichen seiner Tätigkeit trägt er eine Tatauierung auf seiner

Brust, die er hier aber durch ein Kleidungsstück verdeckt hat, damit

die Japaner, die Herren der Insel, ihm nicht ansehen können, wie viele

Menschen er schon getötet hat.]

Nach dem +Einbringen der Ernte+ sowie bei der Aussaat pflegt man bei

den meisten Stämmen an einem bestimmten Tage, an dem Vollmond sein

muß, die +Ahnen+ anzubeten, teils um ihnen für die reichliche Ernte

zu danken, teils auch um ihre weitere Gunst für die kommende Saat

zu erbitten. Eine jede Familie bringt Kuchen von dem eingeernteten

Getreide (Hirse und Reis) in der Dunkelheit der Nacht in den Dschungel,

wickelt sie in Blätter ein und hängt sie an Bäumen auf, damit die

Geister der Vorfahren von ihnen genießen. Am nächsten Tage kommen die

Dorfbewohner alle zusammen und lassen Frohsinn und Freude walten;

die Frauen führen dem Hula-Hula (I. Band Seite 24) ähnliche Tänze

auf. -- Die Stämme der Tsougruppe weisen den Geistern ihrer Ahnen als

Wohnsitze die Bäume an; am Eingange eines jeden Dorfes findet sich ein

besonders wegen seiner Größe auffallender Baum, der sich besonderer

Ehrung erfreut und nach Einbringen der Ernte aus Dankbarkeit gegen die

Ahnen mit Wein besprengt wird. Eine besondere Orchideenart wird am Fuß

des Baumes sowie bei den noch zu besprechenden Junggesellenhäusern

als heilige Pflanze gezogen und darf nicht beschädigt oder gar

abgeschnitten werden. Die Stämme der Paiwan glauben, daß die Geister

ihrer Ahnen in den Schwertern sind, die ihre Eltern ihnen hinterlassen

haben. Alle fünf Jahre führen sie an einem bestimmten heiligen Tage

ein Wettspiel auf; sie versuchen ein auf der Spitze einer Bambuslanze

sitzendes Bündel Borke aufzufangen, das die Form eines Menschenkopfes

hat; wem es gelingt, dieses aufzuspießen, wird als Sieger gefeiert.

Ursprünglich wurde dazu ein wirklicher Menschenkopf verwandt und am

Schluß des Spieles den Geistern ein Opfer dargebracht. Die Puyuma

fangen an dem Jahrestage des Festes einen Affen, binden ihn an einen

Baum vor dem Schlafsaal der Knaben und töten ihn mit Pfeilen, worauf

der Häuptling mit Wein dreimal das Tier und die Erde besprengt. Der

Affe ist auch hier an Stelle eines Menschen getreten, der ursprünglich

geopfert wurde.

Bei vielen Stämmen gibt es ein besonderes Haus, in dem die

unverheirateten Jünglinge wohnen, bis sie die Berechtigung erlangen,

zu heiraten. Es ist mit Absicht so gebaut, daß es seinen Bewohnern

wenig Behaglichkeit bietet, unter anderem den kalten und regnerischen

Winden Eintritt gewährt, damit die jungen Leute abgehärtet und an das

rauhe Kriegerleben gewöhnt werden. Sie dürfen auch nicht ein Haus, in

dem Frauen leben, betreten, noch irgend einen Gegenstand besitzen, der

einer Frau gehörte oder für eine Frau gedacht war. Für die +Heirat+

besteht die Voraussetzung, daß der Jüngling (Abb. 72) in aller Form vom

Stamme als Erwachsener anerkannt worden ist, was erst geschehen kann,

wenn er von der großen Versammlung der Tapferen aufgenommen wurde,

nachdem er einen Fremden getötet und dessen Kopf mitgebracht hat.

[Illustration:

Phot. J. W. Davidson.

Abb. 72. Ein Häuptlingssohn vom Tainanstamme.

Seine Jacke ist aus Leopardenfell angefertigt, der Kopfputz besteht in

einer Krone aus Leopardenzähnen, das Band über der linken Schulter aus

Muschelscheiben.]

[Illustration:

Phot. J. W. Davidson.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 76 / 254 题