Abb. 69. Ein erbeuteter Kopf

auf einem Pfahl im Walde mit darüber aufgehängtem Muschelschmuck.]

Die grausame Unsitte der +Kopfjägerei+ haben die Wildstämme aus ihrer

malaiischen Urheimat auch hierhin verpflanzt; sie beherrscht direkt

ihr ganzes soziales Leben. Besonders die Atayalen sind die eifrigsten

und gefürchtetsten Kopfjäger (Abb. 71). Ihre Sitte erfordert es, daß

man sich Köpfe verschafft, um eine reiche Ernte zu erzielen -- in

diesem Falle werden die frisch abgeschnittenen Köpfe den Ahnen geopfert

-- oder um sich eine Frau, eine Stellung oder überhaupt Einfluß zu

verschaffen, um sich für die Aufnahme in den Rat Erwachsener zu eignen,

und um als tapferer Mann angesehen zu werden oder um bei Verfehlungen

gegen die eigenen Stammesgenossen seinen Ruf wiederherzustellen. Es

kommt sogar so weit, daß zwei Männer, die Streit miteinander bekommen

haben, aber zu keinem Ausgleich gelangen können, verschwinden und sich

gegenseitig zu Leibe gehen, bis der eine dem anderen den Kopf abhaut;

wer mit dem Kopfe seines Gegners ins Dorf zurückkehrt, zu dessen

Gunsten wird der Streit entschieden. Bei der Rückkehr der Tapferen

mit den erbeuteten Köpfen (Abb. 69) wird ein großes Freudenfest

veranstaltet, häufig mit Tanz und Reisweintrinken; die Helden genießen

fortan großes Ansehen. Die Köpfe werden bei den Atayalen auf kleinen,

schmalen, drei bis vier Fuß hohen Plattformen (Abb. 67), bei den Paiwan

zwischen aufeinander gelegten Steinplatten aufbewahrt und verbleiben

dort als eine Art Heiligtum unter Aufsicht des Dorfältesten, damit sie

nicht gestohlen werden (Abb. 70). Manche Dörfer sind im Besitze von

mehreren hundert Köpfen, selbst der kleinste Weiler hat in der Regel

deren mindestens zehn aufzuweisen. In den Distrikten, die durch die

Kopfjäger unsicher gemacht werden, haben die Japaner mit Wällen und

Gräben befestigte Niederlassungen erbaut.

[Illustration:

Phot. J. W. Davidson.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 75 / 254 题