[Illustration:
Phot. J. W. Davidson.
Abb. 67. Eine Sammlung von erbeuteten und aufgestellten Schädeln bei
den Atayalen.
Die Wilden stellen einen frisch abgeschlagenen Kopf auf einen Pfosten
in das Dschungel und legen manchmal Körner in dessen Mund, um die Vögel
anzuziehen. Wenn sein Fleisch entfernt ist, wird der Schädel auf das
Brettergestell, das jede Familie besitzt, gelegt.]
Formosa.
Formosa, seit 1895 im Besitze der Japaner, wird von acht Wildstämmen
bewohnt, die sich nicht nur in ihrer Sprache, sondern auch in der
Kleidung, Bauart der Häuser, Tatauierung und sonstigen Sitten
voneinander unterscheiden; gemeinsam ist ihnen allen das Äußere, kleine
Statur, gelbbraune Hautfarbe und glattes, schwarzes Haar. Dieses ihr
anthropologisches Verhalten, wie auch ihre Sprache und ethnographischen
Verhältnisse lassen darauf schließen, daß sie malaiischer Herkunft
sind, also von Völkern abstammen, die zu verschiedenen Zeiten
von Süden, der indisch-australischen Inselwelt her nach Formosa
einwanderten. Zu ihnen, den Sebenshin oder Wildstämmen, gesellten sich
im fünfzehnten Jahrhundert Chinesen aus Südchina hinzu, die Hakka,
später die Hoklo; diese machen die reiche Bevölkerung der großen Städte
der Insel aus. Ihre Frauen verkrüppeln sich auch heute noch die Füße.
Die +Wilden Formosas+, die durch die Chinesen in die gebirgigen Teile
des Landes zurückgedrängt wurden und hier in fast unzugänglichen
Dschungeln hausen, sind Ackerbauer; ihre Dörfer bilden ungefähr ein
halbes Dutzend leicht gebauter Hütten. Eine feste Stammesverfassung
unter Häuptlingen kennen sie nicht. -- Als +Schmuck+ ist bei allen
Stämmen +Tatauierung+ beliebt; die einzelnen Stämme unterscheiden
sich hierin deutlich voneinander. So sind die Männer der Atayalen an
einer senkrecht von der Mitte der Haargrenze über die Stirn bis zu
den Augenbrauen verlaufenden breiten blauen Linie, sowie an einer
senkrechten am Kinn, ihre Frauen an einem breiten blauen Bande, das von
einem Ohr zum anderen über den Mund sich hinzieht (Abb. 68), kenntlich,
die Amifrauen an mehreren Bändern um die Handgelenke (Abb. 73) und
so weiter. Die Atayalen tragen als weiteren Schmuck noch geschnitzte
Stöcke in den Ohrläppchen, andere Stämme wieder Hals- und Kopfbinden
aus einer Art Achat und anderes mehr. Bei einigen Stämmen besteht die
Sitte des Zähneherausnehmens bei Eintritt der geschlechtlichen Reife.
[Illustration:
Phot. J. W. Davidson.
Abb. 68. Atayalenfrauen mit Tatauierung.
Diese dient als Schmuck und auch als Zeichen von Rang oder Reife. Die
letztere wird durch hellblaue Linienmuster zum Ausdruck gebracht, die
sich vom Mundwinkel zum Ohr ziehen.]
Die Wilden Formosas besitzen eine außerordentliche +Gewandtheit+;
mit affenartiger Geschwindigkeit verstehen sie es, die Klippen zu
erklimmen, von Baum zu Baum zu springen und durch das beinahe
undurchdringliche Dickicht des Urwaldes hindurchzukriechen. Sie tragen
beständig ein Schwert bei sich, dessen Griff bei den Ami, ebenso wie
ihre Pfeifenköpfe, mit Silberstäbchen ausgelegt ist.
[Illustration:
Phot. J. W. Davidson.