Abb. 28. Onotänzer in reich gestickter Kleidung.]

Das Puppenfest scheint aus einem alten shintoistischen Reinigungsfeste,

das am 3. März, am Liomi, dem ersten Tage des Schlangenmonats,

stattfand, hervorgegangen zu sein. Seine Bedeutung bestand darin, daß

die Familienmitglieder sich an das Flußufer begaben, sich mit einem

Stückchen Papier, dem der Priester durch Ausschneiden die rohe Form

einer menschlichen Figur gegeben hatte, den Körper abrieben und damit

ihre Sünden auf diese übertrugen; die Knaben warfen ihre Papierpuppen

in den Fluß, die Mädchen aber bewahrten sie auf. Letztere scheinen

späterhin eine plastische Form angenommen und sich zu den sogenannten

„Himmelssöhnen“ entwickelt zu haben, das sind Puppen, die nach altem

Volksglauben alles Unglück, das einer Frau während ihres Lebens,

besonders auch in ihrer Ehe, zustoßen könnte, freiwillig auf sich

nehmen. Ursprünglich stellten die beiden obersten Puppen überhaupt nur

ein Ehepaar vor, um dadurch den jungen, in Abgeschlossenheit lebenden

jungen Mädchen den Begriff der Ehe und Familie bildlich vor Augen zu

führen, später aber erblickte man in diesen beiden das Kaiserpaar und

pflanzte dadurch in das junge Mädchenherz frühzeitig die Liebe zum

Herrscherhause ein.

Das +Fest der Knaben+ wird am fünften Tage des fünften Monats

gefeiert. Zu diesem Zeitpunkte sieht man neben jedem Hause, in

dem ein Knabe im Laufe des vergangenen Jahres das Licht der Welt

erblickte, eine mächtige Bambusstange, die mit vergoldeten Bällen

und bunten Wimpeln geschmückt ist und an ihrem äußersten Ende einen

oder mehrere mächtige Papier- oder Baumwollkarpfen (Abb. 39), die

in Schwarz, Scharlachrot und Gelb recht realistisch angemalt sind,

trägt. Wenn der Wind in die durch einen Ring offengehaltenen Mäuler

dieser hohlen Fische hineinfährt, bläst er das Tier mächtig auf und

setzt es in drehende Bewegung. Da an dem Knabenfeste Tausende und

aber Tausende von bunten Karpfen über der Stadt flattern, so gleicht

sie sozusagen einem Riesenaquarium. Daß man gerade dieses Tier als

Festzeichen auswählte, hängt mit der volkstümlichen Auffassung des

Karpfen als Symbol der Energie, des Mutes und der Standhaftigkeit

zusammen. Man will damit andeuten, daß der Knabe in derselben Weise

den Strom der Leidenschaften überwinden möge, wie der Karpfen imstande

ist, nicht nur gegen den Strom zu schwimmen, sondern auch Wasserfälle

zu überspringen, dank seiner großen Energie. Das Innere der Häuser

wird mit Flaggen, auf denen sich die Helden der Götterlehre und der

Geschichte dargestellt finden, sowie mit anderweitigen Bannern,

Feldzeichen, Miniaturspeeren und Lanzen geschmückt, um dadurch in den

Knaben bereits frühzeitig kriegerischen Sinn und Liebe zum Vaterlande

zu erwecken. Auch die Knaben laden sich gegenseitig zu diesem ihrem

Ehrentage ein und bewirten sich mit Leckerbissen. Außerdem flechten sie

sich aus Kalmus Schwerter, mit denen sie in fröhlichem Spiel auf die

Erde schlagen und dabei „zurück! du Teufelsauge“ ausrufen. Kalmus- und

ebenso Beifußblätter gelten nämlich als Schutzmittel gegen allerhand

schädliche Tiere und werden daher bei dem Knabenfeste auch in Bündeln

am Vordache der Häuser aufgehängt.

[Illustration: Abb. 29. Japanischer Schauspieler in der Tracht eines

Samurai.]

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 30. Tempelfest in Japan,

das einem Karneval gleichkommt. Der ganze Bezirk geht aus, um den Umzug

des Gotteswagens zu feiern. Frauen und Töchter der Kaufleute sind

prächtig in altertümlichem Stil gekleidet und beteiligen sich an der

Prozession.]

Schon frühzeitig werden die japanischen Kinder in die Volksschule

gebracht; der hier ihnen erteilte Unterricht erstreckt sich auf einen

mindestens vierjährigen Kursus im Lesen, Rechnen (Rechenmaschine, Abb.

42), Satzlehre, Turnen und Sittenlehre. Besonderer Wert wird darauf

gelegt, daß die Kleinen in die japanische Sittenlehre eingeführt

werden, die in der Pflicht unbedingten Gehorsams gegen die Eltern

gipfelt. Jeden Morgen haben die Kinder ihre Eltern in ehrfurchtvollster

Weise zu begrüßen, indem sie vor ihnen ernst und würdig in knieender

Stellung ihren Oberkörper und Kopf verbeugen und sich dabei mit

ausgestreckten Händen auf die darunter liegende Matte stützen (Abb.

11). Außerdem haben sie ihren Eltern nach jeder Richtung hin bei

ihren Arbeiten hilfreiche Hand zu leisten, so die Knaben im Geschäft,

Rechnen und Schreiben, die Mädchen im Haushalte. Außerdem wird den

Kindern frühzeitig eingeschärft, sich bei allen Seelenerregungen

möglichst zu beherrschen, also äußerlich jedes Gefühl von Freude

oder Schmerz zu unterdrücken. Zur Kräftigung ihres Körpers und zur

Erlangung großer Geschmeidigkeit werden sie bereits sehr frühzeitig

zu allerhand Leibesübungen herangezogen (Abb. 43). Der zweite Grundsatz

der japanischen Morallehre bezweckt die Pflege der Treue gegen den

Kaiser, der schon bei Lebzeiten göttliche Verehrung genießt, und

gegen das Reich, wie überhaupt gegen jedweden Vorgesetzten. Diese

unbedingte Gehorsamspflicht gegen höher Stehende führt zu merkwürdigen

Konsequenzen. Die eine davon ist, daß die Tochter verarmter Leute zur

öffentlichen Dirne wird, um durch das dabei verdiente Geld ihre Eltern

vor der Schande vollständigen materiellen Unterganges zu bewahren. Die

andere Folge äußert sich in der unbedingten Unterordnung des Mädchens

unter den Willen seiner Eltern bei der Wahl des Gatten.

[Illustration: Phot.

Yei Ozaki.

Abb. 31. Szene vom Setsubunfest,

das im Frühling (ungefähr am 2. Februar) gefeiert wird. Nach alter

Sitte geht ein mit einem Hakama bekleideter Mann durch das Haus, ruft

aus: „Teufel raus! Alles Gute zieh’ hinein!“ und streut getrocknete

Erbsen nach allen vier Himmelsrichtungen aus.]

[Illustration:

Phot. Clark & Hyde.

Abb. 32. Japanischer Ringkampf.

Die japanischen Ringer sind große, äußerst muskulöse Männer. Junge

kräftige Burschen vom Lande werden ausgesucht und zu Ringkämpfern

ausgebildet. Der Ringkampf hat meist zum Ziel, den Gegner aus einem

Kreis von etwa fünf Meter Durchmesser hinauszudrängen.]

[Illustration:

Mit Erl. von G. Newns Ltd.

Abb. 33. Szene vom Omitafest in Isobe,

das alljährlich von den jungen Leuten auf den Reisfeldern gefeiert

wird. Man kämpft um eine geschmückte lange Bambusstange.]

Sobald der älteste Sohn in einer Familie das heiratsfähige Alter

erreicht hat, sieht sich sein Vater unter den Töchtern seiner Freunde

nach einer passenden +Lebensgefährtin+ um, und zwar bedient er sich

hierzu eines Vermittlers. Dieser schlägt ihm dieses oder jenes junge

Mädchen vor und veranlaßt, wenn eine Partei ihm geeignet erscheint,

einen Mi-ai, das heißt eine „Sehbegegnung“ entweder im Hause der Eltern

oder in einem Blumengarten, einem Restaurant oder im Theater. An einem

solchen Orte, dessen Namen langes Leben, gutes Geschick und Glück

versinnbildlicht, finden sich die jungen Leute in Begleitung ihrer

Eltern zum ersten Stelldichein ein und lernen sich flüchtig kennen.

Sind beide Parteien hiervon befriedigt, dann nehmen die weiteren

Verhandlungen einen schnellen Verlauf. Der Vermittler hält jetzt in

aller Form um die Hand des Mädchens an. Wird der Heirat zugestimmt,

dann kommt es zum gegenseitigen Austausch von Geschenken, die bereits

ebenso bindend sind, wie die Hochzeit. Der Bräutigam sendet seidene

Kleider, einen Obi, Sake, getrockneten Fisch, Seetang, ein Weidenfaß

und Flachsgarn, alles Gegenstände von guter Vorbedeutung; die Braut

macht ihrem Bräutigam ebenfalls ein Geschenk; dabei ist es Vorschrift,

daß die beiderseitigen Sendboten sich unterwegs treffen. Bevor die

Hochzeit festgesetzt wird, wendet man sich noch an einen Wahrsager,

damit er den günstigen Termin dazu auswähle.

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 34. Deygutfrau,

die einen bronzenen Bullen an der Körperstelle streicht, an der sie

selbst vom Rheumatismus geplagt wird, in dem Glauben, dadurch Heilung

zu finden.]

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 35. Zurschaustellung der Kinder im Alter von einem Monat, drei und

fünf Jahren im Tempel durch die Anverwandten, damit der Priester sie

segne.]

Die japanische +Hochzeit+ ist, da es die erste Pflicht eines jeden

Japaners ist, für einen männlichen Nachkommen zu sorgen, der die

vorgeschriebene Ahnenverehrung vornehmen kann, keine persönliche

Angelegenheit, sondern eine solche der Familie. Wirkliche Liebe

spielt dabei selten mit. Bei der Hochzeit geht es sehr zeremoniell

zu; je höher die Beteiligten im Range stehen, um so strenger sind die

konventionellen Formen und um so großartiger die Zeremonien, die sie

begleiten. Drei Tage vor der Hochzeit wird die Aussteuer der Braut

in einem Zuge in ihr künftiges Heim getragen (Abb. 41). Die Sitte

erfordert, daß die Braut außer den Gegenständen zu ihrem persönlichen

Bedarf alles Notwendige mitbringt, um das Heim für sich und den Gatten

auszustatten, nämlich Betten (baumwollene Schlafdecken mit Seide und

Krepp bezogen), Kommoden zur Aufbewahrung ihrer Kleider, Küchengeräte,

Schreibtische, Schränke, Kohlenpfannen, lackierte Tablette, Porzellan

und Toilettengegenstände. Ist der Hochzeitstag erschienen, dann stellt

sich zunächst die Friseurin ein, sie kämmt das rabenschwarze Haar

der Braut zum letztenmal in der gleichen kunstvollen Weise, wie es

die jungen Mädchen tragen und schmückt es mit Nadeln aus Bernstein,

Schildpatt und Korallen, sowie mit einem kleinen Kamm aus Goldlack,

der den ganzen Aufbau krönt. Die Braut kleidet sich darauf in eine

wundervolle Hochzeitsrobe (Abb. 46) mit langen Ärmeln, die beinahe

bis auf die Erde reichen, in altmodischen Häuslichkeiten legt sie

noch eine Hochzeitskapuze an, um ihr Erröten zu verdecken (Abb. 44).

Das Brautkleid ist ganz in Weiß gehalten -- der Farbe der Trauer --,

wodurch der Austritt des Mädchens aus der Familie beziehungsweise Sippe

angedeutet werden soll --; dagegen ist die Unterkleidung hellrot.

Ehe das Mädchen ihr altes Heim verläßt, verabschiedet sie sich in

aller Form von ihren Eltern; in diesem Augenblick überreicht ihr

der Vater der Sitte gemäß ein kurzes Schwert (Abb. 45), wodurch er

stillschweigend andeuten will, daß sie nicht vergessen soll, es im

Notfalle, wenn ihre Ehre auf dem Spiele steht, zu gebrauchen. Von ihren

Eltern begleitet, begibt sich die Braut, meistens am Abend, entweder

in einer Jinrikscha oder in einer Kutsche, je nach den Geldmitteln

der Familie, in ihr zukünftiges Heim. Die Eltern und Verwandten des

Bräutigams, alle in knisternde Seide gekleidet, empfangen sie hier am

Tore, der Bräutigam erwartet sie in dem Zimmer, wo die Heiratszeremonie

stattfinden soll. An dieser dürfen außer dem zu trauenden Paar nur

die beiderseitigen Eltern, der Vermittler und seine Frau, sowie

zwei Bedienstete teilnehmen. In der Mitte des Zimmers befindet sich

der Shima dai, ein weißer Tisch mit drei Beinen, auf dem das Land

ewiger Jugend und Glückes dargestellt ist. Unter Kieferbäumen steht

das alte Paar Takasago, das wegen seiner ehelichen Treue berühmt

geworden ist, ihnen zu Füßen spielen Schildkröten mit langen grünen

Schwänzen, deren Lebensspanne zehntausend Jahre beträgt; in der Höhe

schweben Kraniche, ebenfalls Sinnbilder langen Lebens und Gedeihens,

über einem Nest mit Jungen in den Fichtenbäumen, in deren Schatten

Bambus und Pflaumenbäume stehen. Nachdem sich Braut und Bräutigam

einander gegenüber gesetzt haben, findet das zeremonielle Trinken

des San-san-ku-do („drei-drei-neunmal“) Bechers Sake statt. Dabei

werden keine Versprechungen gemacht, keine Gelübde abgelegt, die

ganze Zeremonie spielt sich schweigend ab. Zwischen das Paar wird ein

viereckiger Ständer aus Lackarbeit gestellt, auf dem übereinander drei

verschieden große zierliche Lackschalen für Sake stehen. Der Vermittler

reicht zunächst die oberste Schale, mit diesem Stoff gefüllt, dem

Bräutigam (Abb. 48), der sie in drei Zügen austrinkt, hierauf reicht

er sie, neu gefüllt, der Braut, die sie ebenfalls leert. Dasselbe

geschieht mit der mittleren und der unteren Schale. Hiermit ist die

Ehe geschlossen. Das neuvermählte Paar wird sodann seinen zahlreichen

Verwandten vorgestellt, die sich in einem Nebenraum versammelt haben

und das frohe Ereignis durch ein Essen feiern. Ein Gang dieses

Schmauses pflegt in einer Suppe aus Venusmuscheln zu bestehen, da

die Schalen dieser Muschel eine glückliche und unzertrennliche

Verbindung versinnbildlichen sollen; denn wie eine Schale nur mit der

entsprechenden Partnerin ein Ganzes bilden kann, in die ihr Schloß

hineinpaßt, so sollen auch Mann und Frau in der Ehe einander ergänzen.

Auch ein Kranich wird serviert, indessen seltener, denn dieses Gericht

können sich nur Wohlhabende leisten. Beim Festessen, währenddessen sich

die Braut mehrere Male umkleidet, erhebt sich einer der männlichen

Teilnehmer, der in klassischer Musik bewandert ist, und singt mit

erhobenem offenen Fächer eine Ode, die dem feierlichen Augenblick

angemessen ist.

Eine religiöse Zeremonie fehlt bei einer rein japanischen Hochzeit. Das

Gesetz verlangt nur, daß die beiderseitigen Eltern die eingegangene Ehe

eintragen lassen, und daß der Name der Frau aus dem Familienregister

ihres Vaters gestrichen und in das ihres Gatten übergeschrieben

wird, denn ohne solche Eintragung ist die Ehe ungültig. Neuerdings

kommt auch die sogenannte Shintotrauung in Mode, die eine Nachahmung

unserer kirchlichen Trauung ist. Zu dieser versammelt sich die

Hochzeitsgesellschaft im Tempel der Sonnengöttin in Tokyo, der

„drei-drei-neunmal“ Becher mit Sake wird in Gegenwart weiß gekleideter

Priester getrunken, die Gebete an die Sonnengöttin sowie an Izanagi und

Izanami (die schöpferischen Gottheiten) richten.

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 36. Ein japanisches Kind wird im Alter von drei Jahren zum

zweitenmal seiner Schutzgottheit zugeführt.

Die Kinderwärterin trägt eine Tasche für das Schwert und den Talisman,

die das Kind vom Priester erhält.]

[Illustration: Das „Gion“-Fest in Kyoto.

Dieses Tempelfest, das größte in Japan, wird vom 17. bis 24. Juli

jeden Jahres durch einen prächtigen Umzug von dreiundzwanzig Dashi

oder Festwagen gefeiert. Auf dem vorderen Wagen befindet sich zwischen

zwei Gefährtinnen die Haupttänzerin in prächtigen Gewändern und reich

geschmückt.]

Eine große Rolle spielen bei der japanischen Hochzeit die +Geschenke,

die das Brautpaar erhält+ (Abb. 47) und die oft genug einen großen Wert

darstellen. Sie bestehen in allen Arten von Seide oder Krepp für die

Kleidung des jungen Mannes und der jungen Frau. Meistens sind diese

Stoffe in Weiß gehalten, damit die Empfänger sie nach eigenem Geschmack

nachfärben lassen können. Von der Großartigkeit der Hochzeitsgeschenke

und dem Luxus, der mit ihnen getrieben wird, kann man sich eine

Vorstellung machen, wenn man hört, daß bestimmte Leute das Einwickeln

von ihnen als besonderes Geschäft betreiben. Denn auch hierfür werden

bestimmte Gewohnheiten beobachtet. Um jede Schachtel oder jedes

Paket, das solche Glückwunschgaben enthält, werden zwei Stücke von

extra schwerem weißen Papier gewickelt, und um das Ganze sodann noch

in der Mitte ein rot und weißes zehnsträngiges Papierband, Mizuhiki

genannt, das oft in Locken oder Ranken endigt, zu einer zierlichen

Schmetterlingsschleife gebunden. Oft verwendet man dazu auch Gold- und

Silberpapier und führt darin allerlei Muster und Phantasiegebilde aus;

sehr beliebt sind Schleifen mit mehreren Schlingen in Form einer

fünfblätterigen Pflaumenblüte, des Symbols der Lieblichkeit und Tugend

der Frau, die sich im Unglück behauptet, geradeso wie die Pflaumenblüte

mitten im Schnee zur Entwicklung gelangt. Auch ein Stück getrockneter

Seeohrmuschel (Haliotis) pflegt jedes Geschenk zu begleiten. Da dieses

Tier, das wie ein Stück getrockneten Pergaments aussieht, elastisch

ist, so versinnbildlicht es Haltbarkeit und lange Lebensdauer, und

seine Schale die Beständigkeit der Liebe. Die Geschenke aus Seide

oder Krepp werden oft auch in Form großer Fächer arrangiert, um

dadurch anzudeuten, daß sich im Leben des jungen Paares das Glück

ebenso ausbreiten möge, wie der Fächer. Zu den genannten wertvollen

Geschenken gesellen sich noch eine Menge getrockneten Fisches

(Katsobushi genannt), der so hart ist, daß er wie Holz gehobelt werden

muß und im Haushalte für alle möglichen Suppen und als Würze bei den

meisten Gerichten Verwendung findet, sodann kleine Sträuße künstlicher

Kiefer- und Bambuszweige, sowie Pflaumenblüten. In der romantischen

Phantasie des Volkes stellt die Kiefer das Sinnbild der Ausdauer und

Beständigkeit, der Bambus das der Aufrichtigkeit und die Pflaumenblüte

das der weiblichen Tugend dar.

[Illustration:

Phot. A. Petrocokino.

Abb. 37. Geishas in einem Zuge tanzend,

der die Reise eines alten japanischen Edlen oder Samurai mit seinem

Gefolge zur Darstellung bringt.]

[Illustration:

Phot. Earl of Ronaldshay.

Abb. 38. Das Tempelumwandern der Japaner.

Um die Aufmerksamkeit der Götter behufs Erfüllung eines besonderen

Wunsches auf sich zu lenken, wandern japanische Männer und Frauen, die

dieses gelobt haben, viele Male um den Tempel des betreffenden Gottes

herum.]

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 39. Knabenfest am 5. Mai jeden Jahres,

zu dem jedes Haus, in das während des vergangenen Jahres ein männlicher

Weltbürger Einzug hielt, durch bunt bemalte Karpfen aus Papier

geschmückt ist.]

Bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts waren unter den Geschenken,

die man der jungen Frau darbrachte, gewisse Bilderbücher sehr

beliebt, die voll köstlichen Witzes in Karikaturen Beischlafszenen

in phantastischer Mannigfaltigkeit den Frauen zur Veranschaulichung

bringen, sie also darüber belehren sollten, was sie in der Ehe zu

leisten hätten, und die oft von namhaften Künstlern angefertigt

waren, ebenso die sogenannten Frühlingstäfelchen, Kästchen von der

Form unserer Tuschkästen, deren Schubdeckel oben ein Bild zeigte, das

ein männliches und ein weibliches Wesen in anständiger Unterhaltung

darstellte, auf der Unterseite aber in farbiger Reliefdarstellung

eine Beischlafszene in komischer Stellung darbot. Für unsere

Moralauffassung erscheinen solche Dinge in hohem Grade unanständig und

unverständlich, zumal man sie jungen Frauen darbrachte; der Japaner

indessen findet daran absolut nichts Anstößiges. Für ihn gilt das alte

Sprichwort, daß das Natürliche nichts Schimpfliches ist. Er erblickt in

dem nackten Körper daher etwas ganz Natürliches, Selbstverständliches,

sofern die Nacktheit im gegebenen Falle berechtigt ist. Er entledigt

sich daher zu Hause möglichst aller ihn beengenden Kleidungsstücke

und entblößt sich auch in der Öffentlichkeit, wenn ihn die Kleider am

Arbeiten hindern. Er findet es auch keineswegs anstößig, daß beide

Geschlechter zusammen baden, und ebenso ist für ihn der Geschlechtsakt

etwas ganz Natürliches und das Preisgeben eines Mädchens nichts

Entehrendes, wenn den Grund dazu die Unterstützung armer Eltern abgibt.

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 40. Japanisches Puppenfest.

Ganz zu oberst finden sich der Kaiser und die Kaiserin mit Opfergaben

in Wein und süßen Kuchen aufgestellt, darunter die Minister,

Hofmusikanten, Palastdamen und Palastwächter. Ganz unten stehen schöne

Miniaturgegenstände für den Puppenhaushalt.]

[Illustration: Phot. Yei Ozaki.

Abb. 41. Ein Hochzeitsbrauch bei den Japanern.

Die Brautausstattung wird drei Tage vor der Hochzeit in langen Kisten

und großen Kästen nach dem zukünftigen Heim getragen. Sie sind mit

grün bemalten, besonders für diesen Zweck gefärbten und mit dem

Familienwappen gekennzeichneten Stoffen überzogen.]

Die +Ehe+ des Japaners wird eigentlich +auf Zeit+ geschlossen, die bei

den besseren Ständen fünf Jahre, bei den niederen weniger beträgt.

Trotzdem kommt es höchst selten bei offenkundigem Unglück und fast nie

bei vorhandenen gesunden Kindern vor, daß die Ehegatten auseinander

gehen. Der Ehemann hat allerdings das Recht, sich ohne besonderen

Grund von seiner Frau zu trennen und eine andere zu heiraten, nur darf

dies nicht eine leibliche Schwester seiner Frau oder einer früheren

Frau sein. Auch braucht er nicht die eheliche Treue zu halten, kann

sich daher mehrere Frauen nehmen, soviel als ihm sein Geldbeutel

erlaubt. Neuerdings jedoch machen sich in den besseren Kreisen Japans

europäische Anschauungen auch über die Ehe geltend.

Der Japaner scheint ein +starkes Geschlechtsbedürfnis+ zu besitzen;

diesem wird dadurch Rechnung getragen, daß nicht nur jede größere Stadt

und jeder Seehafen, sondern beinahe jedes Dorf öffentliche Lusthäuser

besitzt. Es sind dies jedoch keineswegs Stätten unanständiger Orgien

und Liederlichkeit, sondern, wenn man von dem nach unserer Ansicht

unmoralischen Zwecke absieht, dem sie dienen, durchaus anständige

Institute, über die der Staat nach jeder Hinsicht eine strenge

Kontrolle ausübt.

[Illustration: Abb. 42. Japanische Rechenmaschine.]

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 43. Japanische Kinder, die mit Schwertern fechten.

Solche gymnastischen Übungen werden von ihnen von frühester Zeit an

betrieben.]

In Japan ist das +Prostitutionswesen+ in solchem Grade wie wohl

nirgends auf der Welt verbreitet. Ein anonymer englischer Schriftsteller

schätzt die Zahl der in etwa zwanzigtausend Freudenhäusern

untergebrachten Mädchen auf vier- bis fünfhunderttausend, zu denen

ungefähr die gleiche Anzahl Frauen kommen soll, die heimlich diesem

Berufe nachgehen. Die Prostituierten bilden in Japan eine besondere

Kaste, deren Entstehung schon um mehrere Jahrhunderte zurückreicht

und die durch Gesetz und Sitte geschützt ist. Der Staat kauft die

jungen Mädchen auf, läßt sie in allerlei Künsten ausbilden und so

für ihren zukünftigen Beruf vorbereiten. Es sind dies meistens

Mädchen armer Eltern oder Waisen, die zur Prostitution herangezogen

werden. Die älteren Kurtisanen unterrichten sie in allerlei

weiblichen Fertigkeiten, wie Schreiben, Lesen, Singen, Samisaspielen,

vornehmen Manieren und anderem mehr. Dafür haben diese jenen kleine

Handleistungen zu machen, sie gleichsam als ihre Zofen zu bedienen.

Oft genug kommen die jungen Mädchen schon im zartesten Kindesalter in

diese Häuser, aber erst mit vierzehn Jahren dürfen sie preisgegeben

werden. Mit dem siebenundzwanzigsten Jahre erhalten sie ihre Freiheit

wieder, falls sie nicht schon früher durch Freikauf in privaten Besitz

übergehen oder sich verheiraten. Denn die wenigsten Leute nehmen an

solchem Gewerbe einen Anstoß, im Gegenteil, die Mehrzahl der ärmeren

Japaner bezieht aus den Freudenhäusern ihre Ehefrauen; denn der

schon erwähnten allgemeinen Anschauung entsprechend wird die Schuld

ihres früheren Lebenswandels nicht den Mädchen, sondern ihren Eltern

zugeschoben; nur sie waren es, die zumeist unter dem Drucke der Not

ihre Töchter solchem Lebenswandel zuführten, und diese taten nur

ihre Pflicht, indem sie den Eltern gehorchten. Daher verachtet auch

die bessere Gesellschaft diese Mädchen nicht, sondern bemitleidet

sie nur. Die Bezeichnung für eine Prostituierte in Japan ist auch

keineswegs eine herabwürdigende, sondern eine höchst dezente; man

nennt sie „Zeitweib“ oder „Stundenehefrau“. Früher war es nämlich

Sitte, daß diese Mädchen dem Fremden auf eine kurze Zeit gleichsam

angetraut wurden. Die Zeremonie, die sich dabei abspielte, glich der

bei wirklichen Hochzeiten, wie wir sie oben kennen gelernt haben; der

Fremde heiratete aber nur auf Zeit.

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 44. Eine Hochzeit der Mittelklasse in Japan.

Die Braut trägt eine weiße Kopfbedeckung während der

„Drei-drei-neunmal“-Zeremonie.]

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 45. Bevor die Braut den Eltern Lebewohl sagt,

überreicht ihr der Vater ein kurzes Schwert.]

Das Bordellviertel von Tokio hat eine gewisse Berühmtheit erlangt; es

ist dies das +Yoshiwara+. Das Zugangstor zu ihm trägt die poetische

Inschrift: „Ein Frühlingstraum, wenn die Straßen voll von Kirschblüten

sind, eine Herbststimmung, wenn die Straßen auf beiden Seiten mit

hellen Laternen umsäumt sind.“ Das Yoshiwara (Abb. 49) ist durch

regelmäßig verlaufende Straßen eingeteilt, in denen es des Abends

ein wirkliches Schauspiel gewährt, umherzuwandern. Geschmückt mit

farbenprächtigen Gewändern sitzen die Mädchen in Reihen vor goldenen

Schirmen in käfigartigen Räumen -- denn von der Außenwelt sind sie

durch wirkliche Holzstäbe abgesperrt -- und stellen sich zur Schau

(Abb. 50). Die Prostituierten kennzeichnen sich durch zahlreiche

Nadeln, die sie im Kopfhaar tragen; auch pflegen sie sich als Abzeichen

ihres Gewerbes die Schleife des Obi, die sonst über dem Gesäß sitzt,

nach vorn zu drehen, so daß sie über den Schoß zu liegen kommt. In

größeren Städten sind an den Häusern Laternen ausgehängt, die mit

dem Wappen des betreffenden Mädchens geschmückt sind. Es gibt sogar

Bücher, in denen sich Laternen und Wappen, sowie der Schirm, der

vornehmen Prostituierten auf ihren Ausgängen vorangetragen wird, nach

Art eines Verzeichnisses aufgeführt finden. Künstler von Bedeutung wie

Yoshitoshi oder Kitagawa Utamaro haben es nicht für unter ihrer Würde

erachtet, Darstellungen aus dem Leben des Yoshiwara mit ihrem Stifte

wiederzugeben, und japanische Bücher bringen die Lebensbeschreibungen

einiger berühmter Prostituierter sowie ihre Porträts (Abb. 51). --

Da das ganze Yoshiwaraviertel besonderer polizeilicher Aufsicht

unterstellt ist, so herrscht hier vollkommene Ordnung, musterhafte Ruhe

und absolute Sicherheit; die öffentliche Scham wird durch das sich hier

abspielende Treiben keineswegs verletzt. -- Die gleichgeschlechtliche

Liebe unter Männern hat in Japan, besonders in seinen südlichen Teilen,

weite Kreise des Volkes durchseucht; hier werden ebenso wie in China

Knaben von frühester Jugend auf zu einem solchen Berufe systematisch

vorbereitet. Auch Bordellwesen existiert nach dieser Richtung.

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 46. Daimiotochter im Brautkleid.

Der Kimono ist in scharlachrotem Krepp gehalten und prächtig gestickt,

darüber hängt ein weißer Damastmantel. Im Gürtel steckt ein gesticktes

Notizbuch.]

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 47. Japanische Hochzeitsgeschenke,

darunter Pinienzapfen, Bambus- und Pflaumenblüten, alles Sinnbilder

langen Lebens und des Glücks.]

[Illustration:

Phot. Yei Ozaki.

Abb. 48. Szene aus einer modernen Hochzeit nach dem Shintoritus.

Neben dem Hausaltar mit den Gaben für die japanischen Götter der

Fruchtbarkeit sitzt je ein weißgekleideter Priester; an den Wänden

hängen Gohei, Papierstreifen, um das Unglück abzuwenden und die

Anwesenden zu reinigen. Der Bräutigam erhält soeben geweihten Reiswein

in eine dünne Porzellantasse gegossen.]

Zu den vielen schönen und ergreifenden Eigenarten des japanischen

Lebens gehört auch die +Verehrung der Toten+ und die peinliche

Sorgfalt, die auf die feierlichen Gebräuche der Anbetung und Erinnerung

an die Seelen der Heimgegangenen im Hause verwendet wird.

Hat der +Sterbende+ den letzten Hauch getan, dann versuchen die, welche

ihm am nächsten standen, ihn noch einmal ins Leben zurückzurufen,

indem sie ihm seinen Namen ins Ohr schreien, denn sie glauben, die

Seele könne es hören und noch einmal Rückkehr halten; besonders

rührend ist, wenn zuerst das jüngste Kind die Mutter ruft, denn man

erwartet, daß sie dieses am allermeisten liebe. Nützt dies nichts, dann

befeuchtet man die Lippen des Toten mit Wasser, bedeckt sein Gesicht

mit einem weißen Tuch und kehrt alles im Zimmer um. Auf einen niedern

Tisch stellt man sodann die Tafel mit dem Namen des Verstorbenen, der

ihm nach seinem Tode gegeben wird. Die Totentafel der Buddhisten ist

kunstvoll gearbeitet und reich vergoldet; sie trägt als Namen eine

langtönende Zusammenfassung vieler Tugenden; die Tafel der Shintoisten

dagegen ist einfach, aus weißem Holz angefertigt und hat als Aufschrift

nur den Lebensnamen des Verblichenen mit dem Zusatz „Mi-tama“, das ist

Erhabener Geist. Vor dieser Tafel nun stellt man ein Weihrauchbecken

mit einem dauernd brennenden Weihrauchstock, eine Tasse Wasser, ein

ganz bescheidenes Licht -- in einer irdenen Untertasse mit Rübsenöl

brennt ein Docht --, weiter einen Behälter mit einigen Aniszweigen, ein

paar Klöße aus weißen Bohnen auf einem Teller, eine Schüssel mit Reis,

über den Bohnensuppe gegossen ist, und ein Speisestäbchen auf; in die

Nähe der Leiche legt man öfters noch quer über die Kniee ein Schwert,

um die bösen Geister abzuwenden.

[Illustration:

Phot. Gebr. Haeckel.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 67 / 254 题