schwüle Luft. Hier giebt es Taranteln und Molche, dachte Peter, und er
fürchtete sich, laut aufzutreten. Alle Verschläge waren geschlossen, bis
auf einen einzigen, der sich ganz hinten, zwischen zwei Kaminen befand.
Da hinein gingen die Kinder, und Lizzi breitete eine braune,
durchlöcherte Decke, die in einer großen Kiste gelegen, auf dem Boden
aus, und beide setzten sich darauf, ganz in den spitzen Winkel zwischen
Dach und Boden hinein. Und das Rascheln und Trommeln des Regens auf dem
Dach war ganz sonderlich anzuhören, und bald sagte Lizzi, daß sie sich
fürchte. Doch Peter stand auf und versuchte, den mutigen Beschützer zu
spielen, obwohl auch ihm sehr bang zu Mut war und er es bitter bereute,
heraufgegangen zu sein. Er stand jetzt am Dachfensterchen und sah
hinaus auf die Stadt, auf das weite, ebene Land. Und der Abend nahte
heran und drüben im Westen war der Himmel mit einem tiefdüsterroten Band
gesäumt. Kein Geräusch drang bis hier herauf aus dem Gewimmel der
Häuser, und die Türme, die emporragten, erschienen ihm fast wie Stengel
ohne Blüten. Jetzt begannen hinten am Giebel die Tauben zu gurren, und
immer stärker trommelte der Regen auf das Schieferdach und tropfte in
die Rinne hinab. Über das kleine Fenster floß das Wasser in Strömen, so
daß man den Himmel nicht mehr sehen konnte. Peter wagte sich nicht mehr
zu rühren; alles in der Runde war ihm plötzlich unheimlich geworden, und
er bat den lieben Gott um Hilfe in dieser Not. Lizzi begann leise zu
weinen, da ging er doch hin, um sie zu trösten und er setzte sich wieder
zu ihr. Sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und legte ihre Wange an
die seine. Peter schloß seine Augen, denn auf einmal war es ziemlich
dunkel geworden, und er wagte nicht hineinzublicken in diese Dunkelheit,
denn da sah er den Tod leibhaftig vor sich stehen. Und dann kam auch der
liebe Gott und blickte streng herab auf Peter. Es fiel ihm ein, daß er
noch gar nicht seine Schulaufgaben gemacht habe, und wie ein leiser
Schauer wurde ihm dunkel bewußt, daß es nicht gut sei, solch ein Träumer
zu sein. Er sagte gute Worte zu dem kleinen furchtsamen Mädchen, dessen
Körper zitternd an ihm lehnte, und er küßte sie auf den Mund. Dann sagte
er, sie wollten jetzt wieder hinunter gehen, er fürchte sich nimmer. Da
wischte Lizzi die Thränen von ihren Wangen und folgte ihm, bisweilen
einen leisen Schrei ausstoßend, wenn irgend ein ungewohnter Laut hörbar
wurde. Kaum war sie unten, so war es für sie, als ob nichts geschehen
wäre. Sie forderte Peter auf, mit ihr zu spielen und sie spielten
Namen-Erraten. Da stritten sie, welcher Name schöner sei: Regina oder
Agnes. Peter behauptete, Tante Regina laute häßlich, aber Tante Agnes,
das sei wunderbar, herrlich sei das. Lizzi fand jedoch, daß damit die
Ehre ihrer Mutter angegriffen sei und schmollte mit Peter.
Am andern Tag kam Peter ins Wohnzimmer, um zu lesen. Als ihn Tante
Regina sah, lächelte sie voll Trauer und Güte, und sie sagte, daß die
Mutter sehr krank sei. Sie hatte die Thür zum Schlafzimmer nicht ganz
geschlossen, darum dämpfte sie ihre Stimme. Aber die Kranke hatte sie
trotzdem gehört, und sie rief mit erloschener Stimme, Peter solle hinein
kommen.
Es war halbdunkel drinnen. Es roch nach Karbol und nach jener
abgelagerten, aufgespeicherten Wärme, die den Krankenzimmern eigen ist.
Weiche Teppiche bedeckten den Boden, und Peter beschaute neugierig die
vielen Flaschen und Fläschchen und Schachteln und Schüsseln. Er empfand
nicht Mitleid mit der Mutter, sondern nur Neugierde und Ehrfurcht
erfüllten ihn. Ja, er wünschte auch einmal so krank zu werden, damit man
so besorgt um ihn sei, und damit er alles so schön habe. Und die Mutter
legte nun ihren Arm um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund. Da hatte
sie auf einmal jenen Zug der Unerbittlichkeit, den die Mutter als die
strafende Macht in seiner Vorstellung besaß, verloren. Und das machte
ihn traurig. Er hätte ihr gern sein armes Herz ausschütten mögen. Er
hätte ihr sagen mögen, wie verhaßt ihm die Schule war und der dumme
Lehrer, und daß niemand da sei, der ihn verstehe und der ihn so recht
von ganzer Seele lieb habe, und daß er die Mutter schrecklich lieb habe
und es nur nicht sagen könne .... Er brachte kein Wort über die Lippen.
Die Mutter reichte ihm eine der Aprikosen, die auf dem kleinen Tischchen
am Bett lagen, und er konnte ihr nicht einmal danken.
»Willst du denn ein guter Mensch werden, Peter?« fragte Frau Agnes
leise. »Schau, du mußt später immer an mich denken, wenn dir etwas nicht
recht erscheint. Ach, und du mußt kein solcher Träumer sein, das mußt du
mir versprechen. Du mußt nicht den Kopf immer hängen lassen. Du mußt
froh sein, du mußt dir was Großes vornehmen im Leben und mußt immer
deine Pflicht erfüllen. Nur nicht so viel träumen; schau, ich hab' auch
mein Leben verträumt und es ist nichts daraus geworden.«
Erschöpft hielt sie inne, und dann kamen die Ärzte, und Tante Regina
schob ihn hinaus. Immerfort mußte er an die Mutter denken und an das,
was sie ihm gesagt. Er vermochte nicht eigentlich darüber nachzudenken,
sondern es war nur ein dumpfes Hinträumen; er fragte sich furchtsam, was
das wohl sei, dies geheimnisvolle »Leben«, daß man sich so sorgen mußte
darob. Er dachte auch wieder daran, daß er bis jetzt noch keine
Schulaufgaben gemacht und daß er alle Ferientage verbummelt und
verträumt habe. Doch der Abend nahte schon, und er war so müde vom
Grübeln, daß er ins Bett ging. Stundenlang hatte er schon geschlafen, da
hatte er folgenden Traum.
Er fuhr in einer Karosse und neben ihm saß die Mutter. Und sie blickte
mit ihren großen, wundervollen Augen nachdenklich vor sich nieder. Durch
eine weite Wüste fuhren sie, in der man nichts als Sand und Steine und
die rote Sonne sah. Und hinter der Kutsche lief der Vater und schwang
die Peitsche. Sein Gesicht war ganz rot und aufgequollen, ganz häßlich
und er schrie immer und konnte nicht nachkommen. Die Mutter aber
lächelte verächtlich und streichelte Peters Haar langsam und liebevoll
und flüsterte: verträumt hab' ich mein Leben, verträumt ... Plötzlich
aber traf sie die Peitsche des Vaters mitten ins Gesicht, und das helle
Blut floß aus ihren Wangen und aus ihrer Stirn. Sie wurde immer
bleicher, aber der Vater schrie immerzu, und die Karosse stand nicht
still. Peter fühlte, wie die Hand der Mutter auf seinem Kopf erstarrte,
wie sich die Finger ins Haar einkrampften, als sie sich zurücklehnte,
seufzend und bleich .....
Da erwachte er mit einem halberstickten Schrei. Es war anfangs so völlig
Nacht um ihn, daß er nicht einmal das Fenster sehen konnte, gerade wie
wenn seine Augen im Traum durch eine grelle Lichtflut geblendet worden
wären. Eine unbestimmte Angst erfaßte ihn, jenes Gefühl, das gar oft in
der Finsternis der Nacht kommt, und das den Menschen unerbittlich
zwingt, Schreckbilder zu sehen und an sie zu glauben. Und dann ging
diese Angst wieder in jene allgemeine und beklemmende Furcht vor dem
Leben über und er kam sich so hilflos vor, so allein. Sein Herz klopfte
laut ... Doch plötzlich war es, als ob ein wilder und ungestümer
Entschluß in seiner Seele erwacht sei. Ich will nicht träumen, sagte er
sich, ich will ein Mann werden. Und jetzt muß ich auch meine
Schulaufgaben machen, ja heute Nacht noch, und die Mutter soll sehen,
daß ich nicht so ein Herumträumer bin. Feldmarschall werden, das ist ja
Unsinn; Baumeister will ich werden, da kann man viele schöne Häuser
bauen, und man kann über alle Maurer befehlen und hat auch viel Geld. Da
kann ich dann der Mutter was davon geben. Ich will ihr ein großes,
marmornes Schloß am Meer bauen, darinnen soll sie wohnen, ganz allein
mit mir. Und ihm wurde das Leben plötzlich golden und heiter in seiner
Wirklichkeit, nicht mehr wie früher im Traum. Und eine ganz fremde Glut
erwärmte nun seinen Körper, so, als ob er vorher hätte leiden müssen
durch Frost, und als ob man ihn an nun ein wärmendes Feuer getragen
hätte. Ein ganzes Weltbild spiegelte sich in seinem kindlichen Geist,
und er sah wohl, daß er noch im Thal wandere, wo es düster war, in der
Schlucht, dahin der Tag noch nicht dringen könne; doch oben auf dem Kamm
der Berge, da war das Licht und da war Helligkeit, so daß man die Augen
zumachen mußte davor. Glück war da oben und Frohheit und Jauchzen und
frischer Kampf und keine Träume, sondern der Weg lag da so klar und
bestimmt, daß man nicht fehltreten konnte. Und eine schöne Frau stand
da. Sie lächelte ihm zu, sie warf ihm Blüten ins Gesicht, und sie neckte
ihn, wenn er den Kopf hängen ließ und grübeln wollte. Blühende
Landschaften sah er und Flüsse, die vom Gold der Sonne glänzten, und er
gewahrte nichts mehr von der Finsternis ringsumher. Ach, wenn er doch
jetzt groß wäre und stark, dann hätte er heiraten können, und ein Schloß
würde er sich bauen mitten im Wald, und lauter Schlösser in der Runde so
herrlich, wie die Residenz des Königs ... Was wollte er alles
ausrichten im Leben, was alles vor sich bringen! Wie große Augen würde
Lizzi machen, wenn er ihr dies alles berichtete! Und nun mußte er zur
Mutter, jetzt gleich, und mußte ihr sagen, daß er kein Träumer mehr sei
und kein Kopfhänger, daß er froh sein werde und gut, und gegen alle
Menschen freundlich ....
Er sprang aus dem Bett und eilte in das Zimmer der Mutter. Im Wohnzimmer
war es finster und ihm schien, als klänge vom Sofa her ein Stöhnen. Er
blieb stehen und betastete sich und knöpfte das Hemdchen, das über der
Brust offen stand, wieder zu. Denn es fror ihn, barfüßig und im Hemd,
wie er war.
Im Krankenzimmer brannte Licht. Aber die Lampe war so tief
heruntergeschraubt, daß von der Schwelle aus kaum noch die Gardinen
sichtbar waren. Dem Knaben erschien alles anders, gleichsam starrer,
lebloser. Er wußte nicht, wie weit die Nacht vorgerückt war, und ihm
graute auf einmal vor dieser Einsamkeit und vor der Stille. Wo war Tante
Regina? Wo war Barbara? Indem er ins Wohnzimmer zurückschaute, sah er
sich selbst im Spiegel, -- nur einen weißen Fleck, düster und
gespensterhaft.
Dort lag die Mutter. Sie rührte sich nicht. Er flüsterte: »Mutter!« Aber
sie blieb trotzdem unbeweglich. Er ging näher heran. Kaum konnte er sich
aufrecht erhalten, so sehr hatte ihn eine unbestimmte Furcht ergriffen,
eine Furcht, die ihm heiß machte, die sein Herz beschwerte, die ihn
daran denken ließ, ob es nicht gut wäre, niederzuknieen und zu beten. Er
hatte sehr große Lust zu weinen, aber es umwehte ihn wie ein Schauer
unsichtbarer Fittiche, so daß er mit weit aufgerissenen Augen vergeblich
der Thränen harrte ... Da stand er nun am Bett. Die Aprikosen lagen
noch auf dem Tischchen. Wie leicht hätte er nun eine nehmen können und
niemand würde was merken. Und die Arzneiflaschen standen da, rot
beklebt.
Die Mutter war bleicher, als er je an einem Menschen gesehen. Er sah sie
gar nicht atmen, und er fragte sich neugierig, wie es komme, daß sie so
unnatürlich starr dalag, mit dieser wächsernen Farbe des Angesichts. Die
Augenlider waren ja nicht einmal völlig geschlossen; das Dunkel des
Augapfels schimmerte durch die Wimpern, -- so, als wäre sie über irgend
einen Gegenstand in sehr tiefe Gedanken gefallen, so daß sie alles um
sich her vergessen mußte. Aufgelöst waren die Haare und sie flossen
hinab über den Bettrand .... Jetzt hörte er ganz deutlich, daß Jemand im
Wohnzimmer draußen stöhnte! Das mußte wohl Tante Regina sein. Aber
weshalb sollte sie wohl weinen? Sie war doch schon so alt. So alte Leute
weinen doch nicht mehr.
Peter berührte die Hand der Mutter und erschrak. Wie kalt fühlte sich
das Fleisch an! So kalt wie ein Stein. Er beugte sich zu ihr. Er näherte
die Lippen ihrem Ohr und fragte: »Schläfst du Mutter?«
[Illustration]
Ruth
[Illustration]
Abgespannt und unbeweglich saß Formes, der Student in seiner Kammer und
starrte mit verglasten Blicken zu Boden. Ein Leben der Eintönigkeit und
der Demütigungen, wie er es führte, ein Leben des Nichtsthuns und der
Jagd nach schalen Genüssen hat freilich seine Augenblicke der
Zerknirschung, in denen man jene guten Vorsätze faßt, welche später
zertrümmert und zerschellt sich wiederfinden, gleichwie die Fetzen eines
vom Packeis zerrissenen Kahnes. Lange Zeit saß der hagere Student so,
dem schmerzlichen Anschauen eines leeren Daseins hingegeben, und der
Regen fiel vom Himmel und benetzte die Scheiben und klatschte auf den
Pflastersteinen der Gasse mit seltsamer Geschwätzigkeit, und nebenan
lärmten die Kinder und eines sang ein Lied und das andere knallte mit
einer Peitsche und ein drittes blies in ein Trompetchen, so daß es
schrill und durchdringend in alle Ecken des Hauses scholl. Die Bälge
verbittern mir auch noch das Leben, dachte Formes und blickte finster in
den grauen Himmel hinein. Wie traurig, daß die Mutter auf die
Verpflegung fremder Kinder angewiesen ist. Und wie kläglich ist der
Gewinn daraus! Meist waren es Bauernkinder aus den umliegenden
Ortschaften, die in der Stadt die Schule besuchten und nur am Sonnabend
zu ihren Eltern gingen, um den Feiertag zu Hause zuzubringen. Und als
die Dämmerung hereinbrach, erhob sich Formes, froh, von seinen
Grübeleien abgelenkt zu sein, und betrat das Zimmer, wo die sechs Kinder
wie sechs Vögelchen in heiterem und lautem Spiel umhertollten. Sie
haschten einander mit Jauchzen und Händeklatschen; ihre Augen
leuchteten und ihre Wangen waren frisch gerötet. Eine düster brennende
Lampe stand auf dem Tisch; um die Lampe herum lagen in krausem Wirrsal
Schiefertafeln und Fibeln und Griffel, und die kleinen, braunen
Rechenbüchelchen von Heuner.
In dem Augenblick, wo Formes den Raum betrat, wurde es mäuschenstill
unter dem kleinen Völkchen. Jedes der Kinder blieb an seinem Platz wie
angewurzelt stehen und jedes schaute zu Boden, -- so, als ob es genascht
hätte und dabei ertappt worden wäre. Manche blinzelten scheu von unten
herauf an dem »Mann« empor, und zwei lächelten sich sogar verstohlen zu.
Mit den Händen in den Hosentaschen blieb Formes an der Thüre stehen und
versuchte, kindlich unbefangen zu lächeln. Aber er fühlte selbst, wie
schlecht ihm das gelang, und aus Ärger darüber, wohl auch aus Ärger, daß
er sich bei Kindern mit einem Lächeln einschmeicheln wollte, klapperte
er heftig mit den Schlüsseln in seiner Tasche. Und er forderte die
Kleinen mit rauher Stimme auf, weiter zu spielen, und dazu nickte er
jovial und zwinkerte mit den Augen. Die Kinder begannen sich wieder zu
bewegen; sie gingen umher, plauderten miteinander, aber es lastete
gleichsam wie ein Druck auf ihren Herzen. Kein frohes Spiel wollte sich
mehr gestalten, und Formes gewahrte mit einem Zorn, der ihn selbst
betroffen machte, wie sie immer stiller und scheuer wurden, wie sie sich
schließlich um den Tisch gruppierten, um mit etwas trotziger und
herausfordernder Geschäftigkeit ihre Schulaufgaben zu vollenden. Formes
runzelte die Stirn und blies den Atem durch die gespitzten Lippen. Er
fühlte sich überflüssig und beschämt und wußte durchaus nicht weshalb.
Er errötete (wie lange schon war er nicht mehr errötet!), und auch
hiervon wurde ihm der Grund nicht klar. Er versuchte, kindlich mit den
Kindern zu reden, aber was er sagte, war nur kindisch, so daß die vier
Mädchen leise darüber kicherten und sich viel verständiger dünkten als
er.
Da gewahrte er in einer Ecke, dicht an die bunte Gardine geschmiegt, ein
Kind, das ihm gänzlich fremd war. Und er war bestürzt durch den Anblick,
der sich ihm bot. Ein bleiches Gesichtchen sah in süßen Ovallinien aus
einer Flut glänzend schwarzer Haare hervor. Die gelbliche Blässe dieses
Antlitzes war so fremdartig, und die großen, dunkelen Augen, die wie
Sterne aus der finsteren Ecke herüberleuchteten, waren von so seltner
Glut erfüllt, daß Formes hinüberstarrte wie auf eine Erscheinung. Das
Kind rührte sich nicht. Es hatte die Blicke unverwandt auf den langen,
hageren Menschen gerichtet, voll Furcht und zugleich voll Wildheit. Und
die Nasenflügel zitterten leicht, und die kleinen schmalen Händchen
klammerten sich fest an die Gardine und hinter diesem Bild voll Zauber
lugte die matte Nacht herein, durchzittert und durchwogt von letzten
Dämmerlichtern. Formes fragte sich beklommen, wo das Mädchen herkomme,
denn er hatte es noch nicht gesehen unter den übrigen. Aber unter den
Blicken des Kindes verwirrten sich seine Gedanken. Sein Herz öffnete
sich plötzlich einer Bitterkeit, die ihm ganz neu war, und die ihn auf
sein vergangenes Leben schauen ließ, wie auf eine einzige durchschlemmte
Nacht. Eine brennende Sehnsucht nach Frieden und friedlicher Arbeit
erfüllte ihn plötzlich und ein sonnenvolles Land öffnete sich plötzlich
seiner Seele, und ein Haus stand davor mit weißgetünchten Mauern und
grünen Fensterläden und ein Park, an dessen Wegen die Bäume wie
Brautpaare standen und sich die Äste reichten. Doch dies währte kaum
länger, als man braucht, es zu erzählen. Er wollte hingehen, um das
Mädchen anzureden, aber siehe, seine Glieder waren wie gelähmt. Er
wagte es nicht, das Kind anzureden. Darüber war er sich völlig klar,
daß er zu feig war, den furchtsamen und doch unbefangenen,
durchbohrenden Blicken des seltsamen Geschöpfes stand zu halten, und er
ging, -- er flüchtete aus dem Zimmer. Draußen fragte er die Schwester
nach dem Neuankömmling. »Aus der werden wir auch nicht klug,« erwiderte
Cenci etwas hastig. »Das Kind spricht nicht, es lacht nicht, es spielt
nicht, wenn sie alle spielen. Seine Mutter ist ein armes, armes Mädchen,
das sich kümmerlich mit Nähen fristet. Kaum ein paar Pfennige kann sie
für das Wurm zahlen.«
Formes nahm Hut und Mantel. Erst als er die einsame Straße entlang ging,
verlor sich langsam die drückende Wehmut in seinem Herzen. Aber am
folgenden Tage suchte er den Anblick des Kindes zu vermeiden, wo es
möglich war. Er schalt sich thöricht, er machte sich mit Heftigkeit und
Erbitterung vor sich selbst lächerlich, aber er gedachte mit Schrecken
an die Reihe jener nagenden Gefühle, die das erste Erblicken des blassen
Mädchens in ihm hervorgerufen hatte. Einmal jedoch, spät war es am
Abend, stand das Kind im Flur, eben als er sich zum Ausgehen rüstete. Es
war barfüßig und mit einem dünnen, weißen, Kattunschlafröckchen angethan
und schaute mit unverwandten Blicken in den Sternenhimmel, der über den
Schneedächern, über den Schneefeldern, über den Gärten und über den
Wäldern lag, wie eine schwarzblaue Glasglocke, die an vielen, vielen
Punkten durchlöchert ist, so daß man das goldene Feuer durchblitzen
sieht, welches im Himmel brennt. Da faßte Formes den Entschluß, das Kind
anzureden. Er that es mit Widerwillen und mit Überwindung, aber ihm war,
als könne er sich dadurch loskaufen von der fremden, eindringlichen,
beängstigenden Macht, welche dies Kind auf ihn ausübte.
»Wie heißt du denn?« fragte er, zu dem Mädchen tretend, und sah mit
einem seltsamen Gemisch von Geringschätzung und Scham auf dessen ruhig
zum Nacken strömendes Haupthaar.
»Ruth heiße ich,« erwiderte die Kleine mit einer vornehmen Biegung des
Köpfchens. »Ruth« wiederholte sie scheu, als könne man ihren Namen nicht
gleich aufs erste Mal verstehen. Dann sah sie ihm wieder mit jenem
vollen, bangen Blick in die Augen, der ihn zwang, sich abzuwenden. Wenn
nur jenes Grübeln von mir ginge, dachte Formes. Und von neuem kam das
Bild: blaßwangig mit feuchten, schweren Augen, in denen der suchende
Blick lag und von Verlassenheit und Freudlosigkeit redete. Es war, wie
wenn Stimmen des Himmels sprächen; es war auch, wie wenn in tiefer
Nacht, gleich nachdem der Sturm sich zur Ruhe gelegt hat, eine sanfte
und gleichmäßige Musik aus geheimnisvollen Räumen fließt und sie wogt
und schwindet, während das Herz klopft und die Lippen ein verlangendes
Wort murmeln. Und wir können wähnen, daß auf unserm Haupt eine goldene
Krone säße und langsam hinschmölze vor den Strahlen des Glücks und der
Erwartung. Und ein fremder Stolz umgiebt die Wangen und den Mund. Und
die Nacht ist so reich, und die Sterne wandeln so vorsichtig dahin, um
die Sehnsucht nicht geringer werden zu lassen. Und in den Flammen des
Ofens steigen feurige Paläste auf und lassen uns wünschen: so möcht' ich
wohnen.
Alles dies empfand Formes und noch mehr.
In der nächsten Nacht ereignete es sich, daß er durch den leisen Druck
einer Kinderhand aus dem Schlafe geweckt wurde. Ruth stand an seinem
Bett. Wie das Kind zu dieser tiefen Nachtstunde hereingefunden, blieb
ihm verborgen. In wenigen Sekunden war all seine Schlaftrunkenheit
verscheucht, und mit Schrecken und Staunen betrachtete er das Kind in
dem ungewissen Dämmerlicht der halbhellen Winternacht.
»Du mußt uns helfen; willst du?« flüsterte Ruth ganz leise und schauerte
zusammen. »Schau, die Mutter weint oft die ganze Nacht, wenn sie glaubt,
daß ich schlafe. Weißt du, warum sie weint? Nicht? Dann mußt du hingehen
und mußt sie fragen.«
Formes fühlte etwas zerfließen in seinem Herzen und er preßte die Lippen
zusammen. »Du frierst ja, Kind,« sagte er mit rauher Stimme, nahm das
Mädchen und zog es in sein Bett.
»Bist du auch brav? Betest du auch?« fragte Ruth, als sie zufrieden das
Köpfchen in den Kissen zurecht gelegt hatte.
»Nein.«
»Nein? Wirklich? Niemals betest du?«
»Doch -- bisweilen --«
»Und warum hast du denn so einen langen Bart? Wie häßlich das ist, der
kratzt ja, den mußt du dir wegthun lassen. Willst du? O, was bist du
für ein schwarzer, schwarzer Mann, -- du!«
Und sie bedeckte das Gesicht mit den Händen. Formes lachte.
»Gelt, du läßt deinen Bart ein wenig schneiden? Dann hab' ich dich gern.
Und versprich mir auch, daß du der Mutter helfen willst. Du weißt doch
wo sie wohnt? Also paß auf: nämlich in der Bauerngasse im dritten
Stock.«
»Warum hab' ich denn keinen Vater wie die anderen Kinder?« fragte die
kleine Ruth nach langem Stillschweigen. Und als Formes nicht antwortete,
weil wieder jene beengende und heiße Wehmut über ihn hereinbrach,
flüsterte sie weiter: »Sie fragen mich immer alle, wie heißt denn dein
Vater?... aber ich weiß nicht, ich weiß gar nicht. Das ist doch dumm,
gelt? Was ist er denn nur? Vielleicht hat er mich nicht lieb, du? Sag
doch.«
»Ja, ich weiß auch nicht,« erwiderte Formes, und er fand es gar schwer,
Worte zu finden für das Kind.
Und nach langem Nachdenken begann das Mädchen hastig, als dürfe es diese
Frage nicht vergessen. »Du, was ist weiter, Amerika oder die Welt?«
Der große Student konnte nicht darauf antworten. Es war eine fremde
Sprache, die er vernahm. Ungewohnter Gefühle voll, schaute er in die
dunkle Nacht hinein, die lautlos auf der Erde lag und die sich
unermeßlich hinzudehnen schien über alle Länder und über alle Sterne. Er
hörte wohl, wie das Kind weiter plauderte, und nicht zur Ruhe darüber
kommen konnte, wo der liebe Gott wohne und ob er Flügel habe wie die
Engel und ob das Paradies schöner sei wie der Stadtgarten hinter der
Burg, aber er fühlte sich arm dieser kindlichen Welt gegenüber und er
sah immer nur auf die Häusermauern hinaus, den Kopf auf den Arm
gestützt. Er sah gleichsam die Stille draußen schleichen, wie sie mit
wehenden Tüchern alle Dinge umwand, und er sah den dunklen Schlaf mit
müßigem Schritt durch die Gassen schleichen. Endlich warf er auch seine
Körner in die Augen der kleinen Ruth, während Formes bis zum Anbruch des
Tages wach blieb.
Am folgenden Nachmittag ließ er sich die Hälfte des Bartes abnehmen und
ging dann in die Bauerngasse, nachdem ihm Cenci auch die Nummer des
Hauses angegeben hatte. Er vermochte sich zwar durchaus nicht
vorzustellen, wie er helfen könnte; denn Geld besaß er nicht. Aber er
ging von einer fremden Macht befehligt, und ein wunderbares Vertrauen zu
dieser Macht erfüllte ihn.