Als er die drei überaus steilen Treppen erklommen und eine zerbrechliche

Thür geöffnet hatte, sah er ein junges, schmächtiges Weib beim Fenster

sitzen, das sich bei seinem Eintritt erhob. Aber sie sah ihn kaum, als

sie laut aufschrie, und es war, als ob sie seinen Namen suchte. Er

zitterte. Das junge Weib blickte ihn lange Zeit an, mit Lippen, die

gleichsam durstig waren, zu reden, aber sie brachte nicht eine Silbe

hervor. Formes fühlte, daß er kalt wurde an Händen und Füßen. Nur

unvollkommen konnte er denken, und er sah das Gesicht dieser Frau, wie

es jünger war und schöner; er sah es wie sie heraufstieg aus den Nebeln

vergangener Jahre mit all der jugendlichen Anmut des Weibes, das eben

die Schwelle der Kindheit verläßt. Nur flüchtige Tage waren es gewesen,

Tage der Leidenschaft und lange, lange hatte Formes selbst den Namen des

Mädchens vergessen, das sich ihm so hingegeben: ohne Frage, was die

Zukunft bringen möge und ob der Mann mit strenger Faust den Zügel des

tollen Renners Leben zu halten verstünde. Und das Voneinandergehen kam

still und natürlich, wie bei zweien, die sich nun entbehren können,

nachdem sie gemeinsam das Mahl der Freude genossen haben. Und das eine

versank in Not und das andere versank in Not und auf Flügelfüßen

enteilte die Zeit, leer an Glück und berstend von gespenstigen

Schicksalen. Sie ist an meinem Herzen gelegen und Ruth ist mein Kind,

dachte Formes und eine solche süße Befriedigung floß in seine Brust, daß

sich seine Augen mit hellen Thränen füllten. Wie der Mondschein im

Herbst an den Fenstern zittert, so durchirrte eine scheue Glut sein

ganzes Wesen und warf einen zauberischen Schein auf den Weg, der vor ihm

lag. Er wußte nicht, was er zu dem jungen Weib sagte, er sah nur, daß es

ihr plötzlich klar geworden, wohin sie ihr Kind gebracht, sah, wie sich

ihr Gesicht in Angst, Abscheu und Reue verzog, und da wandte er sich zum

Gehen. Nicht, als ob er zu verstockt gewesen wäre, ihr die Hand zur

Versöhnung zu reichen, aber er erachtete dies nicht für wesentlich;

ganz Anderes erfüllte ihn nun und das Kind, das er gewonnen, wollte er

schnell beglücken mit allem Glück der Liebe. Darum war er gegangen.

Das arme Weib aber raffte ein Tuch und ihren Mantel aus einer Ecke

hervor und stürzte fort: ihr war, als sei Ruth in Gefahr und als müsse

sie das Kind noch in dieser Stunde sehen und zurückbringen in ihr

dürftiges Heim, damit es nicht verdorben werde durch den Blick des

betrügerischen Mannes, dem sie sich einst berechnungslos ergeben hatte.

Formes wanderte weit hinaus in die Felder, wo es sehr einsam war. Ein

bleiern schwerer Himmel hing droben und der niedere Flug der Raben trieb

Staub aus den Äckern empor. Und hinten lag die Stadt ausgebreitet, und

die roten Ziegeldächer schoben sich ineinander wie die Schuppen eines

Reptils, und die Häuser stiegen an bis gegen die Burg hinauf, dem

ehrwürdigen Heim heldenhafter Kaiser. Niemals hatte diesen hagern

Studenten eine solche Fülle weicher und trauriger Empfindungen

beherrscht. Bereit zur Hingebung an Gutes und Edles, sah er einen Weg in

die Zukunft vor sich, den er wandeln wollte mit herber Entschlossenheit.

Sich loslösen von den Genossen und allein den stillen Pfad zur Kraft

wandeln, das beschloß er. Die lockere Weisheit des fatalistischen

Beharrens verachten zu lernen und sich mit strenger Arbeit ein Bett zum

guten Schlaf erkaufen, das Leben der Mühe wert zu leben machen, hingehen

und hoffen und allen Kleingeist zerbrechen wie dürres Rohr, das war ein

Ziel. Er fühlte, daß es gut würde, wenn er jetzt gehorchte und die

beglückende Frohheit und Kampfwilligkeit nicht ungenutzt vergehen ließ.

Und das alles hatte ein armes Kind vollbracht, das an ihn glaubte und

dem er näher stand, als irgend ein Mann der Welt. Er sagte sich, daß

etwas Herrliches und Erhabenes darin liegt, ein Wesen zu lieben,

welches vom eigenen Fleische stammt, ein Wesen, das lachen kann und

weinen kann und beten kann, und das Schönheit besitzt, die ihm

zugeflossen reichlich und wundervoll, wie aus einem unsichtbaren

Gnadenquell.

Er kehrte nach der Stadt zurück und hatte indes einen feinen,

glücklichen Plan ersonnen. Er suchte einen jungen Freund auf und bat so

ernst und eindringlich, wie er nie zuvor gethan, um ein Darlehn von zehn

Mark. Im Besitz des Verlangten, betrat er einen großen Spielwarenbazar,

wo er eine überaus prächtige Puppe kaufte. Sie hatte echtes Haar von

aschblonder Färbung und besaß einen edlen, damenhaften Gesichtsausdruck.

Es war eine Puppe, die Persönlichkeit besaß. Ihre Bewegungen waren weder

eckig noch kreischten die Gelenke dabei, sondern sie hatte die

einschmeichelnde Grazie einer Südländerin, und wenn sie »Mama« sagte, so

klang das, wie wenn ein wirkliches Mädchen sagt: Ich liebe dich. Ihre

Kleidung war so kostbar, daß ein tartarischer Chan vor ihr sich hätte

schämen müssen. Mit diesem köstlichen Schatz also bepackt, wanderte

Formes dem nördlichen Stadtteil zu. Sein Herz klopfte vor ungestümer

Bewegung und zum erstenmal empfand er, darüber erstaunend, die Freude

des Gebens.

Es war schon acht Uhr, als er zu Hause anlangte. Freilich waren die

Kinder jetzt schon zu Bett gegangen, aber er wollte Ruth wieder wecken.

Ohne der Schwester oder der Mutter zu begegnen, schlich er zum

Schlafzimmer der Sieben. Er zündete eine Kerze an und bemerkte, daß

seine Hände dabei zitterten. Dann suchte er die Bettchen ab; immer

ungeduldiger ging er von einem zum andern, und er wußte nicht, wie ihm

geschah, als er das Mädchen nicht fand. Es waren vier Betten und eins

stand leer. In den andern lagen je zwei Kinder. Er suchte noch einmal,

er leuchtete jedem der Schläfer ins Gesicht, aber die kleine Ruth fand

er nicht. Da lächelte er plötzlich, und dieses Lächeln war kindlich und

voll Heiterkeit. Während der Dauer dieses schönen Lächelns war er ein

völlig anderer Mensch. Er ging mit der Kerze in der Hand in sein eigenes

Zimmer; denn er war fest überzeugt, das Kind habe sich heimlich dort

drüben eingenistet, um bei ihm bleiben zu können. Im Korridor jedoch

traf ihn seine Schwester Cenci, die ihn etwas erstaunt ansah, als sie

ihn mit dem Licht in der einen und dem Packet in der andern Hand

erblickte. »Du, Hans,« sagte sie, als sie sich schon abgewandt hatte,

»die kleine Ruth ist heute plötzlich geholt worden. Ihre Mutter war da

und war sehr aufgeregt. Sie hat uns das Geld auf den Tisch geworfen und

ist dann mit dem Kinde gegangen. -- Was ist dir denn, Hans? Du bist ja so

bleich?« Mit langsamem Kopfschütteln wandte sie sich ab und zum ersten

Male fühlte sie sich durch irgend etwas dem Bruder nahe, obwohl ihr

keineswegs der Grund davon klar wurde. Stets lag Finsternis und Sorge

über diesem Haus und die Menschen darin waren froh, wenn sie mit ihrem

Tag zu Ende waren und sich das bischen Schlaf ergattert hatten.

Formes stand noch geraume Zeit. Ein dumpfer Laut entwand sich seinen

Lippen und mit heißem Ingrimm fühlte er, daß etwas Herrliches für ihn

verloren gegangen sei in dieser Stunde. Dann ging er hinab auf die

Straße und zertrümmerte die kostbare Puppe am Rinnstein. Damit

zertrümmerte er auch das lockende Gebäude der süßen und hoffnungsvollen

Träume. Schwer und grau zogen die Wolken der kommenden Jahre heran. Wie

lichtlos war all dies Treiben, all dies Hangen zwischen Hoffnung und

Verbitterung! Es geht einer einen blühenden Wiesenweg entlang und

mühelos vermeint er das köstliche Dach seiner Heimat zu erreichen. Aber

da öffnet sich plötzlich eine weite Schlucht vor seinem stockenden Fuß,

und er kniet verzweifelt auf einen harten Fels nieder, und mit

geringschätzigem Lächeln giebt er es auf, das Hoffen und das Warten.

Formes ging zum Thor und sah gegen den hellen Mond empor. Schwebte nicht

unter den Himmeln ein Kind mit blassen Wangen und streckte die Arme nach

ihm aus?

[Illustration]

Druck von Hesse & Becker in Leipzig.

Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München.

Jakob Wassermann

Melusine

Ein Liebesroman

Preis 2 Mark 50 Pf.

Der Liebesroman von _Jakob Wassermann_ _»Melusine«_ ist ein schweres und

trauriges Buch. Von der ersten Seite des Buches an fühlt man sich

seltsam und unwiderstehlich festgehalten. Man ahnt bereits das Ende der

Geschichte, wenn man den Anfang liest. Man merkt schon an dem Ton, an

der Vortragsart des Verfassers, daß er uns Verhältnisse schildert, aus

denen es kein Entrinnen giebt, bange, zerrüttete, trostlose

Verhältnisse, in denen die Gefangenen nur stumm, eintönig, unaufhörlich

weinen, ohne etwas ändern zu können an ihrem Geschick. Ein kindhaft

scheues und schwermütiges weibliches Wesen mit großer Hingebung und

einem bösen Geheimnis treibt in dem Buche ihr Spiel. Sie ist leidend,

die rätselhafte, weltfremde Melusine, die, jung und elternlos, von ihrem

Vormund verführt wurde und seitdem heimlich seine Geliebte ist. Sie

haßt, verachtet ihn, sie hat schon unzähligemal mit ihm gebrochen, aber

sie ist arm und hilflos und so muß sie sich von ihm brutalisieren

lassen. In der Familienpension lernt sie einen jungen Studenten kennen,

und ein leidenschaftliches Verhältnis entspinnt sich bald zwischen den

beiden. Aber das Geheimnis liegt zwischen ihnen und dann die Armut. Mit

Ekel vor der Liebe erfüllt, hat das Mädchen nicht den Mut, nicht die

Kraft, der Lüge zu entrinnen, ihr Schicksal zu ändern. Und so

entschwindet sie dem jungen Mann plötzlich und wie ihm, so auch dem

Leser. Man vernimmt nichts mehr von ihr und es bedarf auch dessen nicht.

Ihr Bild ist vollendet, ihr Wesen steht klar vor unserer Seele. Eine

große Sehnsucht weht durch das Buch, das ganz in Moll klingt und das ein

eigenartiges und dichterisches genannt werden darf.

(Frankfurter Zeitung, 29. VI. 96.)

Kleine Bibliothek Langen Bd. II.

MARCEL PRÉVOST

JULCHENS HEIRAT

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PARIS * LEIPZIG * MÜNCHEN

ALBERT LANGEN'S VERLAG

Jeder Band M. 1.--

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PREIS 10 PF. ALBERT LANGEN'S VERLAG. MÜNCHEN.

Abonnement vierteljährlich 1 Mark 25 Pf.

[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf

Grundlage der 1897 erschienenen Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende

Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext

vorgenommenen Korrekturen.

S. 012: von einer Summe iunerer Zweifel -> innerer

S. 022: [Anführungszeichen ergänzt] jetzt bin ich wieder aufgewacht.«

S. 031: [Ellipse vervollständigt] an den Ohren gepackt!...

S. 041: Wenn man draußeu stand -> draußen

S. 041: die Züge ihres Wesens anfgedrückt -> aufgedrückt

S. 075: gerade wie wenn seine Angen -> Augen

S. 076: [Ellipse vervollständigt] Sein Herz klopfte laut ...

S. 088: wie sie sich schießlich um den Tisch gruppierten -> schließlich

S. 093: [Anführungszeichen ergänzt] heißt du denn?« fragte er

S. 094: ereignete es sich. daß er -> sich, daß

S. 096: [Ellipse vervollständigt] wie heißt denn dein Vater?... aber

S. 101: ihr war. als sei Ruth -> war, als

S. 101: dem ehwürdigen Heim -> ehrwürdigen ]

[Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first

print edition, published in 1897. The table below lists all corrections

applied to the original text.

p. 012: von einer Summe iunerer Zweifel -> innerer

p. 022: [added closing quotes] jetzt bin ich wieder aufgewacht.«

p. 031: [extended ellipsis] an den Ohren gepackt!...

p. 041: Wenn man draußeu stand -> draußen

p. 041: die Züge ihres Wesens anfgedrückt -> aufgedrückt

p. 075: gerade wie wenn seine Angen -> Augen

p. 076: [extended ellipsis] Sein Herz klopfte laut ...

p. 088: wie sie sich schießlich um den Tisch gruppierten -> schließlich

p. 093: [added closing quotes] heißt du denn?« fragte er

p. 094: ereignete es sich. daß er -> sich, daß

p. 096: [extended ellipsis] wie heißt denn dein Vater?... aber

p. 101: ihr war. als sei Ruth -> war, als

p. 101: dem ehwürdigen Heim -> ehrwürdigen ]

End of Project Gutenberg's Schläfst du Mutter?, Ruth, by Jakob Wassermann

Schläfst du Mutter?; Ruth. Novellen · 第 3 / 3 段