Frau Agnes liebte das alles nicht. Sie liebte die Träumereie

Produced by Markus Brenner and the Online Distributed

Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was

produced from scanned images of public domain material

from the Google Print project.)

Kleine Bibliothek Langen Bd. I

Jakob Wassermann

Schläfst du Mutter?

Ruth

Novellen

[Illustration: Verlagslogo AL]

Paris, Leipzig, München

_Verlag von Albert Langen_

1897

Inhalt.

Seite

Schläfst du, Mutter? 9

Ruth 83

Schläfst du Mutter?

[Illustration]

I.

Peter Vogelsang

Geht auf den Grillenfang,

Hat eine lange Nase

Und Ohren wie ein Hase ...

Ich lasse sie schreien, die Knirpse, dachte Peter und schritt würdevoll

seine Straße fürbaß. Das Spottgedicht stammte vom Herrn Lehrer selbst,

aber Peter war fest überzeugt davon, daß ihn diese »Kinderei«

gleichgültig lasse. Wenn er in den Zwischenpausen träumerisch, fast

tiefsinnig im Schulhof stand, hinten am Zaun, wo man auf den Fluß

hinabsehen konnte, der so ruhig und so klar vorbeiströmte, oder wenn er

abseits von dem Knäuel der Aufgeregten mit nachdenklich verschränkten

Armen dastand, mußte ihn oft die spöttische Mahnung des Lehrers aus

seinem Sinnen wecken. Aber Peter lächelte nur, und dieses Lächeln war

nicht ohne eine gewisse Geringschätzung; denn er war bei seinen neun

Jahren schon ein beachtenswerter Philosoph, der über den lieben Gott

bereits sein ganz bestimmtes Urteil hatte.

Es war ein Mittwoch-Nachmittag und er ging spazieren. Er trug einen

dünnen Spazierstock aus Weichselrohr, -- die Mutter hatte ihn gestern

erst gekauft, -- und damit hieb er fortwährend auf die Einfassung des

Trottoirs los, gerade als könne er sich damit von einer Summe innerer

Zweifel befreien. Am Lilienplatz ertönten die Schmiedehämmer und das war

ein heller, fast klagender Laut. Peter blieb stehen, denn diese Töne

fesselten ihn sehr. Klang es nicht, wie wenn die alten und berühmten

Recken mit ihren Schwertern aufeinander loshieben? Wahrlich, wenn man

die Augen schloß, so konnte man glauben, Laurin kämpfe in vollem

Gewaffen mit Dietrich von Bern. Dann sah er noch zu, wie einem Pferd die

Hufeisen erneuert wurden, und so beklommen war sein Herz bei diesem

Schauspiel, daß ihn selbst der arge Gestank des angesengten Hufs nicht

vertreiben konnte. Er staunte nur, daß ein Pferd so schön stille halten

konnte, während man ihm Nägel in die Füße schlug. Er ging weiter, aber

das Staunen über diesen sonderbaren Umstand wollte ihn gar nicht mehr

verlassen. Er dachte: man sollte das einmal bei mir probieren! man

sollte _mir_ einmal Nägel in die Füße schlagen! Erstens würde ich

schreien und dann ... dann würde schon Papa kommen ...

Als er sich der Fischergasse mit ihrem schlechten Pflaster und ihren

kleinen, baufälligen Häusern näherte, dachte er: dies Fürth ist doch

eine häßliche Stadt. Warum hat mich der liebe Gott nicht in einer Stadt

mit schöneren Häusern geboren werden lassen? Schon der Name ist so

häßlich. Es giebt doch so schöne Städte: Babylon oder Bagdad oder

Palmyra ....

Seine kindische Sehnsucht machte seine Schritte größer und hurtiger.

Bald lagen die Wiesen vor ihm.

[Illustration]

[Illustration]

II.

Lange Zeit verfolgte er die Landstraße, die kahl und schattenlos dalag,

während der weiße Staub sie gleich einer Mehlschicht bedeckte. Am

wolkenlosen Himmel stand die Sonne, und alles Land lag da: leblos,

gleichsam schlaftrunken. Bienen und Hummeln summten vorbei und der

Kohlweißling und das Pfauenauge flatterten umher. Hinter den Hügeln

drüben erhob sich ein Dorfkirchturm einsam in die Luft, lang und schmal

wie eine Lanze. Ein leichter Schleier verhüllte die Fernen, und je

weiter sich der Knabe von der Stadt entfernte, desto stiller, desto

feiertäglicher wurde es in der Runde um ihn. Er hätte immer zuwandern

mögen in diese große Ebene hinaus, die so trügerisch den Schein eines

Unermeßlichen erweckte. Nichts fesselte das Auge hier und stets sah man

die schwere, gleichförmige Linie des Horizonts: aber dies Flachland

birgt Schönheiten, die denen der Nacht verwandt sind.

Peter Vogelsangs Ziel war der Wald. Und während er weitertrippelte,

überließ er sich völlig seinen Träumereien. Wie herrlich wäre es, wenn

er jetzt als Anführer einer Armee die Straße zöge! Natürlich mußte er

dazu schon groß sein und stark, -- stärker wie Haushammers Fritz, ja

sogar stärker wie der Vater selbst. Er blieb stehen ..... nein, am Ende

war es doch viel hübscher, Kapitän zu werden, Seeräuber zu werden. Er

legte den Finger an die Nase und sann emsig darüber nach, was wohl

ersprießlicher sein möchte: Feldmarschall zu werden oder Seeräuber?

Wenn er aber bedachte, daß man es vom Feldmarschall gar leicht zum

Kaiser bringen kann? Es war schwer, darüber ins Klare zu kommen. Er

wollte die Bäume an der linken Seite der Straße zählen, bis hinauf zur

Hügelspitze; und wenn eine gerade Zahl herauskam, wollte er Kaiser

werden und wenn eine ungerade herauskam, wollte er Seeräuber werden.

Wenn das Tante Lina wüßte, würde sie natürlich wieder lachen, aber wovon

verstand sie denn eigentlich etwas? Überhaupt, die Mädchen verstehen ja

gar nichts, sagte er finster vor sich hin. Er haßte die Mädchen, und

obwohl Tante Lina schon verheiratet war, rechnete sie Peter doch zu den

Mädchen. Sie redete immer bloß von ihrem Alfredchen und von ihren neuen

Tüllgardinen oder so und vom lieben Gott zum Beispiel verstand sie gar

nichts. Auch hatte sie nicht einmal gewußt, daß die Sonne größer ist,

als die Erde. Das Empörendste war aber, daß sie immer vom Storch

sprach, der die kleinen Kinder bringe. Als ob er das geglaubt hätte,

solche Kindermärchen!

Und er versank in tiefes Grübeln. Eigentlich war er doch noch nicht

fertig mit diesem Storch. Wer sollte einen denn sonst bringen, wenn es

nicht der Storch war? Aber andrerseits, welches Interesse konnte der

Storch daran haben, daß die Menschen Kinder bekämen? Ja, -- und dies war

der Hauptpunkt: im Herbst ziehen doch die Störche fort, können also

keine Kinder bringen: er wußte aber ganz genau, daß die Kinder auch dann

auf die Welt kommen, wenn gar keine Störche mehr da sind. Und was ist

dies für ein geheimnißvoller Ort, wo die vielen winzigen Kinderchen

liegen? Ein großer See, von dunklen Wildnissen umspannt; rosenfarbige

Vögel schwimmen darauf umher und am Rand steht himmelhohes Schilf. Und

es giebt keinen Tag und es giebt keine Nacht dort, sondern immer nur

ein seltsames Dämmern und eine Prinzessin liegt im Wald und ist

verzaubert und schläft, bis der Königssohn kommt.

Er betrat den Wald. Schlanke Föhren standen da, soweit man sehen konnte.

Ringsherum war es halbhell; aber wenn man zwischen den Stämmen

durchschaute, wurde es dunkler und immer dunkler, bis sich der Blick in

Nacht verlor. Der Boden war schwellend weich und glatt, denn er war von

Nadeln ganz besät. Ein Specht hackte unaufhörlich, und weit in der Ferne

rief der Kuckuck. Drüben am Grabenrand standen große, schneeweiße Blüten

auf starken Stengeln, und sie schwankten hin und her, wenn ein Luftzug

sie traf.

Hier und dort waren die Stümpfe frisch abgesägter Bäume, und das glatte

Holz leuchtete mit seinem dunklen Gelb weithin durch den Wald. Bald

schlossen sich die Stämme dichter zusammen und jegliches Geräusch

verstummte. Es schien auch, als ob die Bäume höher würden und die

Dämmerung breitete sich aus gleich einem Schleier. Müde schlich Peter

vorwärts. Spinnfäden, die sich von Stamm zu Stamm spannten, legten sich

um seine Wangen, und das Unterholz breitete sich aus wie eine kleine

Wildnis und erschwerte das Gehen. Erschöpft legte sich der Knabe unter

einigen Tannen zur Rast nieder. Wie schlank und stolz erhoben sich die

starken Bäume! Wie weich war dieses Lager trockener Nadeln, wie süß und

still war die Luft und wie voll von Frühlingsträumen war sie! Wie schwer

wurden die Gedanken und wie heimlich zugleich! Wie fern war die Welt,

wie fern der Lehrer mit seinen Schulaufgaben und die dummen Buben alle

mit ihren Neckereien! Wie müd konnte man sein und wie froh zugleich!

Peter wollte sich bald wieder erheben, aber auf seinen Gliedern lastete

es wie Blei. Er sagte sich: ich muß ja nach Hause; ich werde sonst zu

spät zum Abendessen kommen. Doch er hatte nicht einmal die Kraft, den

Kopf zu heben. Es war schön, mit ausgestreckten Gliedern daliegen zu

können wie ein Kaiser und ins dunkelgrüne Nadelwerk zu blicken. Immer zu

phantasieren, so, als ob es keine Menschen gäbe. Wenn er Kaiser wäre,

wie schön würde es auf der Welt sein! Nur dreimal in der Woche würde

Schule abgehalten und dann würde er Stolbergs Wilhelm, der ihn immer

während der Rechenstunde am Nacken kitzelte, von seinen Leibwächtern

durchprügeln lassen. Aber mitten in die herrlichen Gedanken trat wieder

die Sorge um die Heimkehr. Er fühlte es wie einen Druck auf dem Herzen,

ja, es wurde ihm sehr angst, aber dennoch fesselte es ihn wie mit Ketten

an diese weiche, kühle Walderde. Die Mutter glaubte ihn bei Haushammers

Fritz oder bei Tante Lina, und er lag da, fern von der Stadt und ihm war

so gut! Er hatte nun die Empfindung, als sei er aufgesprungen und

wandere heimwärts, aber in Wirklichkeit waren ihm die Lider zugefallen

und er schlief.

Er träumte, daß er ein Pferd sei und man ihm Hufeisen an die Füße

nagelte. Aber siehe, er empfand gar keinen Schmerz und er war sogar

stolz auf diesen neuen glänzenden Schmuck.

Dann träumte er, er sei gestorben. Er wurde in einen Sarg gelegt und

wurde begraben. Aber als er drunten lag im Grab, da fand er, daß er noch

nicht ganz gestorben sei, und er wachte wieder auf. Er krabbelte aus dem

Loch heraus und, angethan mit einem großen weißen Totenlaken, machte er

sich auf den Heimweg. Die Stadt lag noch im Morgengrauen und war ganz,

ganz öde. Da begegnete ihm am Bahnhof Haushammers Fritz.

»Ich hab' gedacht, du bist tot,« sagte der.

»Ich war schon tot,« erwiderte Peter, »aber jetzt bin ich wieder

aufgewacht.«

»Jetzt gehst gewiß heim?«

Peter nickte.

»Was wird denn da dein Vater sagen, wennst jetzt schon wieder kommst?

Der wird schimpfen!«

Am Brunnendenkmal blieb Peter stehen und dachte nach. Und er bekam

solche Furcht davor, was der Vater sagen würde, daß er schnell wieder

umkehrte und sich ins Grab legte.

[Illustration]

[Illustration]

III.

Als er erwachte, war es Nacht. Große Angst erfaßte ihn, und die kühle

Luft drang ihm bis auf die Haut. Das Weinen war ihm nah, als er sich so

allein sah, mitten im Wald, Gott weiß zu welcher Stunde der Nacht. Wenn

jetzt Räuber kämen oder Mörder, oder Kobolde oder Riesen ... Hastig ging

er vorwärts, am ganzen Körper zitternd.

Schneller, als er gedacht, lichtete sich der Wald. Und dann ging er die

Landstraße hinab und weithin dehnten sich Äcker und Wiesen und das

grüne Mondlicht lag auf allem Land. Schierlingskraut und Löwenzahn

standen am Weg und der Tau breitete sich aus, daß es schien, als ob der

Boden dampfe.

Peter schritt rasch und mit angstvollem Herzen weiter. Kein Mensch

begegnete ihm; kein Haus, keine Wirtschaft war in der Nähe. So still war

es und so voll Frieden wie in einer Kirche. Wenn er innehielt, um Atem

zu schöpfen, konnte er weit in der Ferne den Schrei des Käuzchens

vernehmen und er fürchtete sich davor. Einmal biß er sich auf die

Unterlippe, um nicht laut aufzuweinen. Was wird die Mutter sagen,

murmelte er beständig vor sich hin. Da entsann er sich dunkel, daß ein

schwerer Traum seinen Schlaf beunruhigt hatte. Aber er wußte nicht mehr,

was er geträumt hatte. Er zermarterte sich förmlich, dachte tief und

andächtig nach, aber es war, als necke ihn der Traum noch jetzt, -- je

mehr er sich quälte, je ferner fühlte er sich seiner Spur. Doch hatte

er die Empfindung, als sei dadurch eine Lücke in seinem Innern

entstanden; die Vorstellung des bösen Traums beunruhigte sein Gemüt, und

die Furcht vor dem Unbekannten ließ das nur Geträumte zu einer

lebendigen Gefahr anwachsen.

Schon betrat er die Straßen der Stadt, da hörte er elf Uhr vom

Rathausturm schlagen. Er seufzte erleichtert auf, denn er hatte

geglaubt, es sei schon drei Uhr oder gar vier Uhr. Allerdings, wie

einsam war es auch auf all den Gassen! Kaum daß man in den Stockwerken

der Häuser noch hie und da ein Licht gewahrte. Keine Laterne brannte.

Zauberhaft nahm es sich aus, wenn so die Straße in Licht und Finsternis

geteilt schien, auf der einen Seite der Mondschein, der die nüchternen

Bauten verschönte und alles Häßliche an ihnen versteckte. Die

scharfgeschnittenen Schatten, die es überall gab und dann der tiefgrüne

Nachthimmel mit ein paar schüchternen Sternen, die nur wie hingehaucht

erschienen ... Über all dem schwebte dieser leise, leichte, duftige

Frühlingsnebel, unbeweglich und traumhaft.

Bald stand Peter am Wohnhaus in der Theaterstraße. Das Thor war

versperrt und er mußte läuten. Niemand kam. Sein Herz klopfte zum

Zerspringen, als er zum zweitenmal den verrosteten Glockenknopf zog. Ein

schriller, zirpender Laut drang bis auf die Straße heraus.

Endlich wurde oben ein Fenster aufgerissen, und der Kopf der alten Magd

wurde sichtbar. Ihre große, weiße Haube ragte weit vornüber. Sie

grunzte, rief etwas ins Zimmer zurück, schlug das Fenster wieder zu, und

gleich darauf polterte sie die Stiege herab und empfing den Knaben mit

jener Flut wohlgemeinter Schmähungen, die oft größere Freudenbezeugungen

sind als Küsse. Der Vater sei fort, um ihn zu suchen, und die Mutter

weine sich die Augen aus dem Kopf.

Als er furchtsam die Thür des Wohnzimmers öffnete, sah er die Mutter am

Tisch sitzen. Aber sie weinte nicht. Sie blickte den Knaben traurig an,

doch so, als ob sie ganz vergessen hätte, daß sie seinetwegen Sorgen

gehabt, und als ob ganz andere Bekümmernisse sie jetzt erfüllten, -- wie

eine Frau, welche die Zukunft ihrer Kinder in dunklen Farben sieht. Sie

sagte kein Wort zu Peter.

Der Knabe stand an der andern Seite des Tisches und wagte nicht, die

Augen aufzuschlagen. Er heftete seine Blicke auf die Zeitung und

immerfort las er die Kapitelüberschrift des Romans. Immerfort las er

das: »Achtzehntes Kapitel. Alma wird gerächt.« Dabei aber schlug das

Ticktack der großen Wanduhr unaufhörlich an sein Ohr, und sogar das

schnelle Ticken der kleinen Taschenuhr vernahm er, die der Mutter

gehörte, und die an der Wand über der Kommode hing. Bald darauf begann

Barbara in der Küche geräuschvoll mit den Tellern zu hantieren, und

diesen Lärm empfand er im Innern wie einen Trost.

Als sein Blick nach einiger Zeit die Mutter traf, hatte sie sich blaß

und abgespannt in den Stuhl zurückgelehnt. Und seltsam, in diesem Moment

kam es wie eine Erleuchtung über ihn, und der Traum im Wald stand

lebhaft und in aufdringlichen Farben vor seiner Seele. Aber noch immer

redete er nicht. Das war ihm unmöglich, hinzugehn zur Mutter, ihre Hand

zu nehmen und zu sagen: verzeih mir.

»Wo warst du?« fragte endlich die Mutter mit einem Stirnrunzeln, das so

klang, als wäre sie von einer Last schwerer Träume erlöst worden. Dann

erst wiederholte sie, gleichsam sich selbst findend, in strengerem Ton

und mit drohendem Stirnrunzeln: »Wo warst du?«

Peters Finger spielten mit den Fransen des Tischtuchs, und seine Blicke

suchten am Boden umher. Und so oft auch die Mutter fragen mochte, der

Knabe schwieg beharrlich. Nicht aus Trotz, nicht aus Verstocktheit,

nicht aus Furcht, sondern nur deshalb, weil er nicht reden konnte. Er

vermochte nicht ein einziges Wort zu finden. Er kam sich in diesem

Augenblick so schuldbeladen vor und zugleich so arm und weltverloren,

daß er sich völlig in diese Vorstellungen voll Schmerz und Trauer

vertiefte.

Da hörte man Schritte auf der Treppe, und die Mutter nahm ihn rasch bei

der Hand. »Der Vater kommt,« sagte sie, »er wird dich schlagen. Schnell,

geh hinein und schlüpf ins Bett. Ich will ihm sagen, daß du schläfst.

Und jetzt mußt du brav sein, und wenn du brav bist, sag' ich es Lizzi.

Lizzi kommt nämlich morgen. Freust du dich? Du hast sie doch schon lange

nicht mehr gesehn --? Das ist jetzt ein großes, schönes Mädchen geworden

und du mußt recht nett mit ihr sein.«

Dann stand er in dem finstern Zimmer, wo sich sein Bett befand. Aber er

entkleidete sich nicht, sondern setzte sich auf den Bettrand und versank

in tiefes Sinnen. Was die Mutter eben gethan, erschütterte ihn bis ins

Innerste. Sie wollte also nicht, daß der Vater ihn schlug --? Ja, und

warum war sie so traurig gewesen? Sonst, wenn er sich verspätet oder

wenn er irgend ein Unheil angerichtet, hatte sie ihn ermahnt oder hatte

gescholten, und heute war sie so still und nachsichtig gewesen ... Hätte

sie ihn doch lieber gescholten! Hätte sie ihn doch an den Ohren

gepackt!... Aber sie schien so traurig zu sein und er fragte sich: warum

ist die Mutter nicht glücklich? Sie hat doch immer so viel Geld, und sie

kocht doch immer so gute Sachen, und so schöne Kleider hat sie, und

Schmucksachen, und den Vater hat sie auch --? Und Lizzi sollte kommen --?

Die freche kleine Cousine Lizzi --? Er wollte ihr schon zeigen, daß er

jetzt ein Mann geworden sei, und wenn sie frech war, so würde er sie

einfach mit Verachtung strafen ... Aber im tiefsten Grund seines Herzens

wurde es gleichsam ein bischen warm und gemütlich, wenn er an Lizzi

dachte.

Die regelmäßigen Atemzüge der beiden kleineren Geschwister drangen an

sein Ohr und vom Wohnzimmer her kam jetzt die sonore Stimme des Vaters

in beständigem Gemurmel herüber. Das Mondlicht fiel durchs Fenster und

zeichnete vier Parallelogramme auf den Boden, über denen der Schatten

des Gardinenmusters wie ein Nebel gebreitet war.

Da hörte er des Vaters Stimme hart und hastig: »Es muß sein, Agnes. Das

Geld muß ich haben. Ich bedaure, daß ich so viel Liebe an dich

verschwendet habe, wenn du mir nicht einmal dies kleine Opfer bringen

kannst.«

Darauf erwiderte die Mutter eindringlich und entschieden: »Niemals,

Rudolf! Das Geld ist für unsere Kinder deponiert worden und kein Pfennig

soll davon genommen werden. Du hast es damals selbst gewollt. Ich

erinnere mich noch genau, wie du kamst. Oder soll das auch nur eine von

deinen großen Redensarten gewesen sein?«

»Ich mache keine Redensarten. Du machst Redensarten. Und wenn du eine

vernünftige Frau wärst, würdest du wissen, was du jetzt zu thun hast. Du

siehst doch, daß ich zu Grunde gehe ...«

»Du bist ein Egoist,« erwiderte die Mutter so leise und so traurig, daß

von diesem Tage an das Wort Egoist in Peters Vorstellungen als etwas

Ungeheures und Furchteinflößendes sich entpuppte. »Du hast nie für

andere Leute ein Gefühl gehabt. Nur für dich. Man braucht dich ja nur

reden zu hören. Selbst wenn du von andern sprichst, sprichst du nur von

dir selbst; heut abend, wie Peter nicht kam, hast du nur immer über die

Sorge gejammert, die dir der Bub macht, aber --«

»Schweig, schweig, du bist lächerlich,« flüsterte der Vater heftig und

sehr erregt.

»Schweigen? Ich hab elf Jahre lang geschwiegen. Ich gebe mein Herzblut

für euch hin, sagst du immer. Aber ich, ich für meinen Teil finde gar

nichts Besonderes in dem, was du thust. Erstens sitzest du jeden Abend

im Wirtshaus und spielst und bist vergnügt und ich bin dir gleichgültig.

Es ist dir gleichgültig, was ich treibe. Wir waren eine gute Partie, nun

ja, das ist eigentlich alles. Du hast nie gewußt, was eine Frau ist und

was sie sonst noch für Sehnsucht haben könnte außer ihrem Wochengeld und

-- -- Ich darf zu Grunde gehen in Langeweile und Einsamkeit, du hast ja

deine Gesellschaft beim Kartenspiel, und die ist dir lieber als Frau und

Kinder .... nein, nein, denke nur nicht, daß ich was von dir begehre.

Ich habe nie was gewollt, aber was du jetzt von mir willst, -- o ich

durchschaue dich. Dich kenn ich!«

Noch viele Worte hörte Peter, aber es waren nur Worte für ihn. Langsam

kleidete er sich aus und kroch ins Bett. Seine Bewegungen waren alle

schwer, fast getragen vom Nachdenken. Ja, er kam sich so feierlich vor,

so viel würdevoller als sonst und viel männlicher. Und er glaubte alles

zu verstehen, was er gehört hatte. Zum erstenmal schaute er in das

Leben, das vor ihm lag, hinein wie in ein dunkles Loch. Ein leichter

Schreck ergriff seine Seele, und er fühlte etwas wie Schwäche gegenüber

den künftigen Tagen. Diese Welt erschien ihm vollgepfropft mit

unheimlichen Schicksalen und häßlichen Leiden. Sein Geist flüchtete

ängstlich in die alten Zeiten der Sagen und der Heldenthaten und das

Übernatürliche und Traumhafte war ihm das allein Begreifliche und

Berechtigte. Und er schloß die Augen und Bild auf Bild, blaß und blasser

schwebte ihm vorbei, und Märchen und Wunder erfüllten sein Herz und

seine Träume waren leicht und golden.

[Illustration]

[Illustration]

IV.

Ganz ohne Übergang, ganz plötzlich und stürmisch waren Ende April diese

warmen Tage gekommen. In allen Gassen roch es nach Frühling und die

jungen Blüten wiegten sich bedächtig hin und her und wußten ihr junges

Leben noch nicht so recht zu genießen. Der Frühling hat uns überfallen,

sagte Frau Agnes Vogelsang und sie lächelte dabei so, als ob von einem

guten Freunde gesprochen würde.

Peter, der seit drei Tagen Ferien hatte, fühlte sich froh im Bewußtsein

der freien Herrschaft über all die Stunden des Tages. Des Morgens saß

er still im Zimmer und las. Er vertiefte sich in die Historien des alten

babylonischen Reiches. Ja, diese asiatischen Völker in all ihrem satten

Prunk, mit dem Geheimnisvollen und Düstern, das sie umgiebt, lockten ihn

sehr. Wenn er die seltsame Geschichte des Sardanapal las, so ergriff ihn

jedesmal eine fast dichterische Glut, und er sah die Feuer an den Wänden

des Palastes lodern, und er hörte die schmerzlichen Schreie der Frauen,

und er sah den König selbst, wie er inmitten seiner Getreuen stand und

die Lanze gepackt hielt wie ein echter Held und wie er bleich wurde und

wie dann die Flammen kamen und wie der Rauch kam und wie er lächelte und

immer lächelte, wenn die andern sich vor Schmerz wanden. So sah er den

Sardanapal. Und er erzählte das alles Haushammers Fritz, und sie

unternahmen Heldenthaten von ähnlicher Bedeutung, zogen mit

Holzschwertern in den Wald hinaus und suchten einsame Burgen und stille

Höhlen und wilde Tiere und die Fußstapfen böswilliger Feinde. Und er

träumte des Nachts von seltsamen Ländern, wo Blumen waren so groß wie

bei uns die Bäume und wo ein ewiger Sonnenbrand herrscht oder eine ewige

Dämmerung oder der süße Frieden des Waldes und wo die Menschen gute

Augen haben und wo fromme und starke Könige die schönsten Knaben als

Pagen in ihren Palast rufen lassen. So ging sein Tag in Träumen hin, und

sein Auge suchte in dieser Welt der Zahlen nach Wundern. Und er las auch

die Bibel (heimlich las er sie), und ein kühler Schreck erfaßte sein

empfindliches Herz vor jenen blutigen Greueln und vor jenen

übermenschlichen Gestalten der grauen Vorzeit. Und erst des Abends, wenn

er oft mit Barbara am Herdfeuer der Küche saß, wenn die Sphinxe und die

Nixen und die Nymphen sich erhoben aus düsteren Verstecken, wenn der

Wald in seiner süßen und ziehenden Dunkelheit wie ein lebendiger Mensch

erschien, wenn die flackernden Flammen des Herdfeuers als kleine,

boshafte Kobolde ein spukhaftes Wesen trieben, wenn Drachen und

Lindwürmer mit feurigen Glotzaugen vor dem Sims saßen und durch die

Scheiben starrten, wenn jeder Kochtopf sich als ein Zauberwerkzeug und

jeder Schemel sich als feige schleichendes Tier entpuppte, dann war das

Leben eitel Abenteuer und Furchtbarkeit für Peter und es lockte und rief

ihn hinaus auf Haide und Moor und Wald und Thal mit tausend

wohlverständlichen Stimmen.

Frau Agnes liebte das alles nicht. Sie liebte die Träumereien nicht und

sie liebte die Märchenbücher nicht für den Knaben. In dem

melancholischen Ausdruck seiner Augen lagen ohnehin schmerzliche

Garantieen die Fülle für sie. Sie wußte, daß er nur mit älteren Knaben

verkehrte und daß er gegen jüngere einen gewissen Hochmut zur Schau trug

oder eine fast väterliche Nachsicht. Es war ihr ja kein Rätsel, wie

dies Düstre, gleichsam Schwerflüssige in das Kind gekommen war. Ihr

selbst hatte das Leben nie viel Munterkeit und Glück gegeben, und trüb

und finster und plump war diese Stadt. Streng und ernst und geradlinig

war das Land. Wenn man draußen stand auf dem Feld und man sah die

bleiernen Wolken des Himmels über sich, so mußte man träumen. Man verlor

die Energie des Gedankens und mußte träumen. Das Haus da war nicht alt,

sonst hätte gewiß nicht jene heimliche Poesie der alten fränkischen

Häuser gefehlt, -- nein, es war so neu und kahl wie die Fabrikschlöte,

die gegen den Anger hinaus lagen. Und viel Werkthätigkeit und Hastigkeit

war in allen Straßen der Nähe und spielende, schlecht gekleidete Kinder

schrieen und lärmten in allen Höfen.

Doch den Zimmern der Etage hatte Frau Agnes die Züge ihres Wesens

aufgedrückt, und jene unauffällige, wohlthuende Harmonie lag darüber,

von der Tante Regina meinte, daß man dabei an seine Kindheit denken

müsse. Wie fremd und geheiligt erschien Peter stets der halbdunkle Salon

mit seinen grünlichen Lichtern, mit dem scheuen Glanz seiner hohen

Spiegel! Und wenn seine Mutter mit ihrem ein wenig schleppenden Gang

durch die Flucht der Räume schritt und nachdenklich hier eine Decke

glättete und dort den Staub von einer Platte wischte, so fühlte selbst

der Knabe, wie vieler Enttäuschungen es bedurft hatte, um all ihre

Wünsche auf dies winzige Königreich zu beschränken, und ein schmerzlich

unbewußtes Begreifenwollen regte sich in ihm.

Heut soll Lizzi kommen, dachte Peter, der am Ofen saß, den Kopf in die

Hand und den Ellbogen auf das Knie gestützt. Und er dachte darüber nach,

welch ein ernstes und gemessenes Gesicht er machen wollte, wenn er ihr

die Hand gab; er wollte sich verbeugen und wollte sagen: Ach, das ist

schön, daß du gekommen bist. Nach dem Ach wollte er eine kleine Pause

machen.

Von der Küche drangen Bratengerüche herein, und überdies roch es nach

Kastaniengemüse. Peter lächelte begehrlich und dann runzelte er die

Stirn, in Sorge, daß die Mutter zu wenig davon kochen würde wie neulich.

Diese Sorge beunruhigte ihn so sehr, daß er beschloß, in die Küche zu

gehen.

Aber als er den Fuß über die Schwelle der Küchenthür setzte, blieb er

erschrocken stehen. Frau Agnes saß auf dem Kehrichtfaß, in der einen

Hand den langen, hölzernen Kochlöffel, mit dem sie das Mus gerührt

hatte, in der andern einen Brief. Sie sah über den Knaben hinweg,

geradeaus ins Leere. Ihr Gesicht war fahl und ihre Lippen waren blau.

Peter wagte nicht, sich zu rühren, während er lange Zeit mit zuckenden

Mundwinkeln dastand und zuschaute, wie langsam stille Thränen über die

Wangen seiner Mutter rannen und wie ihr Oberkörper sich vorbeugte und

auf das Anricht zu fallen schien. Und dann erhob sie sich rasch und sie

schämte sich, vor dem Kind so schwach gewesen zu sein; daher drückte sie

das Taschentuch fest gegen die Augen, als sie hinausging.

Peter sann und sann. Doch inmitten der Erregung sah er das

Kastaniengemüse schmoren und brodeln und damit das leckere Gericht nicht

zu Grunde gehe, nahm er zaghaft den großen Löffel und rührte und rührte,

während seine schwärmerischen Blicke gleichsam die Finsternis des Lebens

zu durchdringen suchten und ein großes Mitleiden ihn erfaßte gegen ein

Unbestimmtes, gegen ein leidendes und trauriges Geschöpf. Doch in seine

männlichen Entschlüsse und altklugen Betrachtungen fuhr die fette Stimme

der alten Barbara, die ihm den Löffel aus der Hand riß und mit

entrüsteten Naturlauten den unbequemen Koch vor die Thüre setzte.

Aber dann lief sie ihm plötzlich nach, nahm ihn auf den Arm und setzte

sich auf die Stufen im Flur. Auch sie hatte verweinte Augen, doch sah

sie nichtsdestoweniger sehr grimmig aus. Und sie sagte zu Peter, daß

sein Vater fort sei und daß sein Vater ein Taugenichts sei und daß sie

ihm, Peter, die Rippen entzweischlagen werde, wenn er nicht dazuthue,

ein ordentlicher und braver Mensch zu werden, der seiner Mutter eitel

Freude bereitet. Und sie schien Lust zu haben, die angedrohte Strafe

sogleich zu vollziehen.

Peter begriff nichts von alledem. Was sollte das heißen: der Vater ist

fort? Wenn man einmal verheiratet ist, gehört man auch zusammen und dann

hat man sich auch lieb. Was konnte der Vater ohne die Mutter anfangen?

Wer würde ihm sein Essen kochen? Wer würde ihm die Strümpfe stricken?

Peter schüttelte den Kopf und lächelte still und froh in sich hinein.

Dann ging er mit übergroßen Schritten im Wohnzimmer auf und ab und

dachte an Lizzi, die von all dem keine Ahnung hatte, und er freute sich

darauf, sie unterrichten zu können, wie bitter und ernst das Leben ist,

und daß die kleinen Kinder ganz wo anders herkommen als vom Storch, und

daß es für ihn eine beschlossene Sache sei, Feldmarschall zu werden.

Und sein Blick glitt etwas trotzig zur Mutter hinüber, die am Fenster

stand und die Stirn an den eisernen Quer-Riegel gedrückt hatte. Ihre

Frisur hatte sich gelöst und das reiche, dunkelblonde Haar fiel wie eine

Flut, wie ein Wasserfall bis hernieder auf die Erde und oben in den

zitternden Löckchen spielten die Sonnenstrahlen. Und als der Knabe den

bitteren und gequälten Ausdruck ihres Gesichts sah, wachte auf einmal

eine heiße Begierde in ihm auf, recht schnell groß zu werden, und er

fühlte es wie eine Schmach und es demütigte ihn förmlich, daß er noch so

klein war und erst neun Jahre alt.

Gleich nach Tisch schlich er davon. Im Korridor hatten die beiden

Geschwister aus einer Stiege und drei Stühlen ein Art Karosse erbaut und

davor stand ein richtiges Holzpferd. Peter sollte den Kutscher machen

wie sonst, doch Peter lächelte verächtlich und sagte: Ich bin überhaupt

schon viel zu groß für das Zeugs da. Und er achtete den Protest der

Bittsteller für nichts und schritt erhobenen Hauptes weiter. Doch er

konnte es nicht unterlassen, trotz des fast männlichen Stolzes, der ihn

jetzt erfüllte, rittlings am Stiegengeländer herabzugleiten, so daß er

blitzschnell im Hausflur anlangte.

Hinaus gegen den Fronmüllerssteg und unter die Riesenbögen der

Eisenbahnbrücke! Dort legte er sich ins warme Gras und blickte hinauf an

die Wölbung und träumte von einem Zusammenstoß, wobei viele Menschen

umkamen und wo er sich als ein hilfreicher und tapferer Mann zeigen

könne. Und dann ging es quer durch die Wiesen zum Waldmannsweiher, wo

braun und schwer und düster das Wasser lag. Und das Wasser war tief wie

ein Meer und in seinem Grund gab es ungeheure Fische und böse Geister,

die der König Salomon in Flaschen eingesperrt hatte. Und ringsherum gab

es keinen Vogel und kein Mensch ging vorbei. Und die Bäume hatten

dunkelrote Blätter, die ganz unbeweglich an den Zweigen hingen. Drüben

rauschte der Fluß und hinauf und hinunter streckte sich die Ebene schier

endlos. Die Stille war groß und der Frieden war eindringlich, und es

kamen wieder die alten Träume der Macht über Peter, und er sah sich in

samtenem Gewand vor dem Lehrer stehen und der zitterte vor Ehrfurcht und

fragte: Was begehrt mein hoher Gebieter? Und dann zerfloß diese Fülle

von Schönheit und Ruhm und eine weiche zerfließende Wehmut beherrschte

dies Kind, und seine Augen blickten verlangend nach der Lösung eines

Rätsels, obwohl es doch noch weit von jener Periode entfernt war, wo

der jugendliche Geist sich mit schemenhaften Bildern zerquält und

befleckt. Aber das Leben selbst erschien ihm als etwas ganz

Erstaunliches und Fremdartiges: in seiner Seele schrie es förmlich nach

Licht, wenn seine kindliche Phantasie vor jener Schranke Halt machen

mußte, an welcher der Storch stand, ein Gegenstand der Verachtung und

ehrfurchtgebietend zugleich. Es war auch etwas in ihm, das gleichsam

nach Hilfe rief, nach Freundschaft. Es dürstete ihn danach, in die Arme

genommen zu werden, in weiche, gute Arme, und daß man ihn dann küßte,

auf die Stirn vielleicht oder auf den Mund, und daß man ihm sagte. Du

bist brav, Peter, und ich hab' dich gern und du hast so nette Augen und

dein Haar ist so weich. So träumte Peter und seine Frische und die

natürliche Kraft seines Wesens waren es, die ihn erschauern ließen, wenn

eine schöne Frau seinen Weg kreuzte und wenn sie ihn anlächelte, daß er

hätte vergehen mögen, oder daß er hätte weinen mögen in irgend einem

süßen Schmerz.

Und als er gegen fünf Uhr des Nachmittags am Thor des Geschäfts in der

Blumenstraße ankam, zitterte immer noch sein Herz unter der Stärke und

dem Reichtum seiner Sehnsucht. Im Gewölbe herrschte eine große Unordnung

und die lichtlosen, kellerartigen Magazine waren noch unheimlicher als

sonst. Aus den morschen, zerfaserten Dielen stieg bei jedem Schritt der

Staub auf und alle Spinngewebe waren schwer davon. Peter wagte es nicht,

die Mutter anzureden, die in einem Verschlag nebenan über Büchern und

Rechnungen gebeugt saß. Niemand beachtete ihn und er hatte den innigen

Wunsch, daß ihm jetzt etwas recht Schlimmes und Bitteres passieren möge,

nur damit man sich ein wenig um ihn kümmere.

Er ging hinaus auf den Hof, setzte sich auf den Brunnentrog und

gedachte, über all das Unerklärliche, das sich hier abspielte, tief und

eindringlich nachzudenken. Doch er dachte statt dessen nur an

Haushammers Fritz und an die Schlacht, die er heute mit ihm gewinnen

müsse. Wenn ich doch so gut wiehern könnte wie Fritz, dachte er; er

sitzt auf seinem Pfahl und wiehert wie ein richtiges Pferd.

Da berührte plötzlich eine leichte, kleine Hand seine Schulter, und als

er aufschaute, war es Lizzi. Er vermochte nicht zu sprechen. Er wurde

purpurrot im Gesicht und es ward ihm so heiß, daß er kühle Tropfen auf

seiner Stirn verspürte. »Grüß Gott, du,« begann das Mädchen. »Kannst du

nicht einmal grüß Gott sagen?« -- »Grüß Gott,« flüsterte der Knabe

folgsam. »Hübsch bist du übrigens«, erklärte Lizzi anerkennend und warf

den Kopf in den Nacken. »Weißt, ich bin schon seit drei Uhr da. Um drei

Uhr bin ich mit der Bahn gekommen.« -- »Allein?« fragte Peter mit

schüchterner Bewunderung. -- »Ach nein, Vetter Höfting hat mich

begleitet. Der ist Soldat.« -- »Hm«, machte Peter, »ich werde auch

Soldat, ich werde Marschall.«

»Eigentlich hättest du mich doch küssen sollen,« meinte Lizzi

stirnrunzelnd. »Ich bin ja von der Reise gekommen.«

»Thu's doch!« erwiderte Peter, über und über erglühend.

»Nein, -- du _mich_! eine Dame darf einem Herrn keinen Kuß geben,« sagte

Lizzi laut und nachdrücklich.

»Du bist doch keine Dame,« brummte Peter verächtlich und er freute sich,

daß er diesen wegwerfenden Ton gefunden hatte. »Du prahlst ja.«

Aber Lizzi lachte ausgelassen und schob trotzig das Kinn zurück. »Gerade

bin ich's! Und doch! Überhaupt du! Deine Mutter hat gesagt, du bist ein

Träumer.« Und sie tanzte um ihn herum und klatschte in die Hände.

Peter antwortete nichts. Er machte ein schwermütiges Gesicht und hieb

mit seinem Weichselrohr emsig auf den Brunnenschwengel los. Da trat das

Mädchen zu ihm heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Du, Peter, was ist denn

eigentlich bei euch los? Sag doch nur? Tante Agnes hat geweint, wie ich

gekommen bin. Sag doch! Ich bin so neugierig!«

»Das verstehst du ja doch nicht!« Peter machte sich würdevoll daran,

seinen Rock zuzuknöpfen.

»Bist du mir bös?« fragte die kleine Lizzi und zog verlegen an Peters

Haaren. »Komm, sei lustig! Du mußt nicht immer so den Kopf hängen. Wenn

du lustig bist, will ich dich auch küssen, -- wahrhaftig!«

Und sie näherte ihre Wangen dem Gesicht des Knaben. Und sie sah ihn an

mit jener seltsamen Koketterie kleiner Mädchen. Peter preßte die Lippen

zusammen und sein Kopf ward ihm wahrlich schwer. Und mit zwei Fingern

zog er an der Unterlippe und riß ein Stückchen Haut davon weg. Das alles

begriff Lizzi nicht. Nicht, warum er so rot geworden, und auch sein

Schweigen nicht. Doch plötzlich, während sie sinnend zum Himmel

emporblickte, ergoß sich über ihre Wangen eine Flut von Scham. Sie

wandte sich und lief ins Haus. Und Peter schüttelte betrübt den Kopf. Er

fühlte sich erbittert und erregt und unzufrieden und wußte nicht warum.

Gehässig und feindselig blickte er zu Boden.

[Illustration]

[Illustration]

V.

Und gegen Abend gingen sie zusammen nach Hause, Hand in Hand.

Schon war die Sonne untergegangen und am westlichen Himmel lag die Röte

wie ein großer, gleichmäßiger Farbenklex. Der Himmel war wolkenlos; er

sah in seiner Klarheit wie poliert aus und die Bäume in den Gärten, die

Sträucher und die Hecken waren mit ihrem blauvioletten Kolorit gleichsam

hineingraviert in das stählerne Blau des Firmaments. Man sah gar keine

eilfertigen Menschen; jeder schien müde zu sein wie nach einem Bad. Man

vermochte an gar nichts anderes zu denken als nur daran, wie schön

dieser Abend sei.

Und die zwei Kinder trotteten an den Häusermauern entlang. Sie blickten

in die Abendröte und ihnen war, als müßten sie immer weitergehen, bis

hinein in das Sonnenfeuer, um dort, wer weiß, vielleicht nur zu

schlafen. Die Häuser, die mit der Front nach Westen standen, waren unten

an der Straße ganz grau, ganz in Dämmerung begraben und nach oben hin

wurde es immer heller, so daß der First in fahlem Licht erglänzte. Und

den Kindern war es, als stünden da lauter Riesen, Leib an Leib, die mit

bleichen Stirnen hinausguckten ins abendliche Land.

Dann standen sie daheim am Flurfenster, das gegen die Höfe hinausführte.

Hier war es so ruhig wie zur Mitternachtszeit. Über den Mauern, über den

Häusern war der Mond heraufgestiegen, rund und glühend wie eine

Riesen-Orange. Man mußte ihn doch greifen können, den Mond. Ob man sich

wohl die Hand verbrennen würde, wenn man seine guten Wangen streichelte?

Ach sie wollten auf die Straße und auf das Feld hinaus und wollten

wandern und wandern, bis sie den Mond erhascht hatten. Und wenn sie müde

wurden, kam vielleicht eine Fee und trug sie hin bis zum Mond und die

Fee würde ihnen Flügel geben, daß sie immer umherfliegen könnten auf der

ganzen Welt.

Um acht Uhr fuhr eine Kutsche am Haus vor. Da brachten sie Frau Agnes.

Der Buchhalter und der Reisende führten sie die Treppen herauf und

legten sie im Wohnzimmer aufs Sofa. Sie war im Gewölbe ohnmächtig

geworden.

Die Dunkelheit, die Nacht war schon hereingebrochen und die Sterne

flimmerten am Himmel. Peter saß am Fenster, während Lizzi mit den beiden

Kleinen spielte und scherzte. Er lauschte auf die Klänge eines Klaviers,

das irgendwo in der Nachbarschaft gespielt wurde. Es war wohl eine

klägliche Art Musik das, aber des Knaben Seele zitterte in andächtiger

Sehnsucht den Tönen nach. Jede Musik, auch die ärmste, griff gleichsam

mit Krallen in sein Gemüt, so daß er es im Innern wie eine Wunde

empfand, die man ihm geschlagen. Er dachte dabei an die Mutter, die er

liebte und der er niemals zeigen konnte, daß er sie liebte. Ja, weil er

sie liebte, mußte er trotzig gegen sie sein und schweigsam und er konnte

nur dann das ganze Herz in den Blick legen, mit dem er sie anschaute,

wenn sie ihn nicht bemerkte. Es war, als ob ihm jetzt manches Zukünftige

sichtbar würde, und seine Brust ward von einer lastenden Bitterkeit

erfüllt. Furchtsam, mit weiten Augen sah er ins Ungemessene.

Am andern Tag kam Tante Regina. Mürrisch, mit fast drohendem Gesicht

ging sie im Haus umher. Sie war groß und hager. Ihr Gesicht war

gänzlich verknöchert, und ihr Mund war eingekniffen, und wenn sie mit

Jemandem sprach, so schaute sie ihn ununterbrochen, fast ohne mit den

Lidern zu zucken an, so daß es Vielen völlig unmöglich war, zu lügen,

wenn sie mit ihr redeten. Wenn der Abend kam, setzte sie sich ans Bett

der Schwester und legte ihre Hand auf die Stirn der Kranken, und es lag

etwas so Beruhigendes und Liebevolles in dieser Berührung, daß Frau

Agnes oft mit einem Lächeln im Gesicht, langsam einschlummerte. Es war

beständig dasselbe Lächeln bei ihr; ein Lächeln mit diesen Worten: o ich

habe meine Ideale schon lange begraben.

Peter saß lesend im Wohnzimmer, und das Licht der Lampe war durch einen

Crepeschirm so sehr gedämpft, daß rings alles in einer warmen, roten

Dämmerung lag. Und wenn er die Augen vom Buch erhob, konnte er die

Mutter sehen, wie sie in der weißen Nachtjacke auf den weißen Kissen

lag. Auch das Gesicht erschien ihm wie ein weißer Fleck, und die

blonden Haare erschienen fast schwarz und umrahmten ihren Körper, der

bewegungslos hingestreckt war in der Dunkelheit drinnen.

Und dann kam Lizzi hergeschlichen und legte ihren Arm um des Knaben Hals

und sie sahen zusammen auf ein Buch nieder, und Peter that so, als ob er

weiterläse, während sein Herz in ungestümer Bangnis klopfte. Sie gingen

auch wohl an den Nachmittagen zusammen spazieren und spielten Vater und

Mutter, wobei Peter gar zu sehr mit Kenntnissen prahlte, während Lizzi

das Kleid raffte, als ob die Schleppe den Boden streife und schmutzig

würde. Das ärgerte dann den Knaben, und er nannte sie eine Prahlerin und

klopfte mit seinem Stock auf die Pflastersteine los. Darauf hielt sich

Lizzi die Ohren zu und rief, das könne sie nicht aushalten, der Lärm

mache sie »nervös«. »Das hast du von deiner Mutter gehört«, meinte Peter

triumphierend wie ein Ethymologe, der einen Wortstamm entdeckt hat;

dann begann Lizzi zu heulen, und dies erschütterte nun Peter gar sehr,

so daß er um Verzeihung bat und wie ein Hündchen zu Kreuze kroch.

Sie hatten bald keine Geheimnisse mehr, und das Leben war ihnen wie ein

großer Blütengarten und die Sonne schien hell, bis sie ahnten, was im

Hause vorging und der schwüle Hauch des Unglücks ihre unschuldige Stirn

streifte.

Von Tag zu Tag wurde Frau Agnes kränker. Erst war der Doktor jeden

zweiten und dritten Tag gekommen, nach einer Woche schon kam er täglich.

Und Tag und Nacht saß Tante Regina an ihrem Bett, oder sie sah in der

Küche nach, schaffte Ruhe und Ordnung im Haus, und dabei wurde sie immer

wortkarger und mürrischer. Zu Ende des Mai wurde nach einem Professor

von der Universität telegraphiert. Als Peter dies hörte, berichtete er

es atemlos, jedoch ohne Arg, seiner kleinen Kameradin und die beiden

freuten sich, einmal einen Professor mit eigenen Augen sehen zu können.

Kein Laut durfte im Haus hörbar werden. Jetzt begann es auch zu regnen,

und es regnete unaufhörlich, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Da

gingen Peter und Lizzi in den Flur, setzten sich ans Fenster und lasen

Märchen. Und es war sehr still. Die beiden kleineren Geschwister waren

schon gestern zu einer entfernten Verwandten geschafft worden, da sie

immer großen Lärm verübten.

»Du, ich möchte eigentlich wissen, wie das ist, wenn man tot ist,«

unterbrach plötzlich die kleine Lizzi die Lektüre.

»Da hat man kein Herz und kein Gehirn mehr«, erwiderte Peter. »Ja,

eigentlich möcht ich auch wissen, wie das ist,« fügte er nach einer

Weile träumerisch hinzu. »Tot .... tot .... was für ein dummes Wort:

t, o, t ...«

»Was ist mehr: tot oder maustot?« fragte Lizzi. »Du, -- glaubst du das

vom Himmel und von der Hölle?«

»Von der Hölle, -- nein! aber einen Himmel muß es doch geben.«

»Ja, aber die Räuber und die, --?«

Lizzi nagte beklommen an ihrer Unterlippe.

»Ich habe schon einmal geträumt, ich wäre tot,« erzählte Peter, der

seiner Kameradin imponieren wollte. »Aber da bin ich wieder aufgewacht.

Möchtest du sterben?«

Das Mädchen schüttelte langsam den Kopf, und sie flüsterte

geheimnisvoll: »Weißt du, wo der liebe Gott wohnt? Ich weiß es. Neben

dem Leichenhaus wohnt er, auf dem alten Kirchhof .... Ja, das ist wahr,

das hat meine Freundin gesagt und der hat's ihr Bruder gesagt.«

»Das ist blöd«, erklärte Peter. »Der liebe Gott hat gar nicht Platz im

Leichenhaus und dann kann er ja auch viel schönere Häuser haben, wenn

er will.«

»Er will aber nicht.«

»Ach und überhaupt, der liebe Gott wohnt gar nicht auf der Welt. Er

wohnt im Firmament, weit, weit, weit draußen überm Meer, wo schon die

Mauer ist. Die ist so hoch wie der Himmel. Das hat Barbara gesagt. Die

muß es doch wissen, die ist doch schon groß.«

Lizzi zuckte die Achseln und sprang davon. Sie wollte in den Hof, aber

sie erinnerte sich des Regens, und so blieb sie auf der Treppe sitzen

und legte das Köpfchen zwischen ihre Hände; die Ellbogen auf die Kniee

gestützt, sah sie gedankenvoll vor sich nieder. Peter kam und setzte

sich zu ihr. Wie mechanisch ergriffen sich beide an den Händen und sie

redeten kein Wort zu einander. Es war so dunkel da und so heimlich und

man konnte hinabsehen in den Hausflur, und sogar ein Stückchen Straße

konnte man sehen. Der Regen plätscherte und plätscherte und rann die

Rinnen herab und es war wie ein Traum, daß sie da saßen, dicht eins ans

andere geschmiegt, so daß Jedes des Andern Herz klopfen hörte. Und es

schien das Haus voll Todesahnungen zu sein und Peter dachte daran, daß

Barbara ihm gestern gesagt, wenn in einem Haus jemand sterben muß, dann

fliegt drei Tage vorher der Totenvogel um das Dach. Dreimal fliegt er um

den First und stößt einen Schrei aus und dann ist er verschwunden. Ihm

war, als sehe er die schwarzen Fittige, als fühle er das Rauschen dieser

Fittige und sein Gesicht wurde gar bleich bei solcher Vorstellung. Den

ganzen Tag über waren schon die Verwandten gekommen und hatten die

Mutter besucht und hatten so trübselig dreingeschaut. Kaum daß sie zu

sprechen gewagt hatten. Was sollte das alles bedeuten? Er fürchtete sich

vor etwas Unbestimmtem und Namenlosem, vor etwas Schrecklichem. Stets

sah er den finstern Herrn Professor von der Universität vor sich, den

Alle so ehrfürchtig behandelten, und der so vornehm war, daß er gar

nicht einmal reden mochte. O, er hätte groß sein mögen, er hätte dies

alles durchschauen mögen ..... Ein Hahn krähte und Lizzi lachte und

versuchte, das grelle Kikeriki nachzuahmen. Aber Peter legte ihr

erschrocken die Hand auf den Mund. Ihm war, als seien sie jetzt in einem

Heiligtum und die Stille und der Frieden dürften nicht gestört werden,

um keinen Preis. Der Regen und sein Geplätscher, die Dämmerung

ringsumher und das alles machte ihn unbeschreiblich traurig. Er hätte

gar gern weinen mögen, wenn er sich nicht geschämt hätte vor dem

Mädchen. Daher zuckten nur seine Lippen, und er schaute am

Stiegengeländer hinab, als ob er da in die Ewigkeit schaute. Und er

nickte immer recht ernst, wenn in kurzen Pausen ein großer Tropfen vor

dem Hofthor klatschte. Dort hat die Dachrinne ein Loch, dachte er.

Dann sagte Lizzi, sie habe Hunger, und Peter, als sei dies eine

Bevorzugung, versicherte eilig, auch er habe Hunger. So gingen sie

hinauf in die Küche und verlangten von Barbara ein Butterbrot. Die aber

zog ihr Taschentuch rasch vom Gesicht und herrschte die Kinder grimmig

an. Herzlose Rangen seien sie; jetzt sei keine Zeit, um zu essen; sie

sollten sich zum Teufel scheren und wenn noch einmal eins komme, werde

sie den Besen nehmen.

Nun wurde auch Lizzi traurig. Müd und gottverlassen wanderten sie im

Haus herum, vom Zimmer in den Flur, in den Hof. Niemand kümmerte sich um

sie und das Herz ward ihnen plötzlich schwer wie Blei. Peter schlug vor,

sie wollten in den Speicher gehen, und das Mädchen folgte willenlos. Es

war, wie wenn sie sich ihm jetzt unterwürfe und sich bereit erkläre,

ihm in allen Stücken zu gehorchen. So ängstlich war ihr zu Mut.

Schläfst du Mutter?; Ruth. Novellen · 第 1 / 3 段