Das Richtfest

Den Feinden der Siedlung war das neue Haus ein Dorn im Auge. Es schwoll

ihr Zorn, je höher es wuchs.

»Steinerne Zwingburgen errichten sie«, so lärmten die Schlagwörter in

dem Konvent. »Und Zwingburgen werden niedergelegt!« forderte die

Nutzanwendung.

Es war ihnen bekannt, das eine hochnotpeinliche Waffensuche unter

Aufsicht von Ententeoffizieren den Kreis bedrohte.

»So wissen wir also, wo wir unsere Handgranaten zu verwenden haben --

ehe sie uns genommen werden!« rief Kittel, der Buchbinder, und gellend

pfiff der Atem aus seiner schmalen keuchenden Brust.

Stahlboom wandte sich dagegen. Er wollte alle Waffen aufgespart haben

für die große Aktion, die bevorstand. Die Suche gälte auch nicht ihnen,

den Proletariern, sondern den monarchistischen, den reaktionären

Banditen. Sie selbst dürften beruhigt sein. Da sprach einer ein Wort

furchtbarer Wahrheit: »Wenn die Verräter nicht wären! Wer ist jetzt in

Deutschland vor Verrat sicher?« Und das Grausige, das hier aufschrie,

verwilderte wiederum die Gemüter.

Die Wüsten waren nicht zu bändigen. Das Richtfest am nächsten Sonntag --

sie wollten ihren Trumpf daraufsetzen, es sollte den Siedlern gesegnet

werden! Und der schwarze, der blutige Sonntag vom Mai würde seine Sühne

finden.

Die Siedler arbeiteten mit verdoppelter Kraft. Zu früh war der Termin

für die Richtung des Hauses angesetzt worden -- es war ihr Ehrgeiz, ihn

inne zu halten. Alles, was die Seelen bewegte und erregte, der Tod

Gisberts, Horst in seiner Verschlossenheit, die zur Abkehr und Abweisung

sich schärfte und anfing böses Blut zu machen, die Reibungen,

Quertreibereien, Scheidungen und Zerwürfnisse innerhalb der Baracke --

alles ward dem einen Gedanken untertan, dem Gedanken an das Haus und

seine Vollendung.

Ein großer Tag sollte es werden. Alle, denen das Siedlungswerk etwas

bedeutete, sollten mit feiern. Was einer an Freundschaft hatte, wollte

er bitten, jeder Biedermann sollte geladen sein. Ein Volksfest! Mit

eifriger Hingabe sie alle bei der Vorbereitung. Kein Wort gab es, das

nicht von der Richtfeier sprach. Wie Kinder vor dem Weihnachtsfest waren

die Männer.

Horst berief Dankwart und Kunz zu einer Unterredung. Er sprach ohne

Umschweif, mutig und frei. Die schweren Worte wurden von einer harten,

hellen Entschlußkraft wie emporgeschnellt. »Ich gebe mit dem Richtfest

das Siedlungswerk in Eure Hände. Ich hab mit der Gründung meine Kraft

aufgebraucht. Ich kann hier nicht mehr wirken, nichts mehr leisten, ich

bin nur noch im Wege. Erst muß ich mich selbst erneuern. Das kann ich

nicht in dieser Luft. Darum will ich eine Zeitlang außer Landes gehen.

Meine neuen schwedischen Freunde haben mich eingeladen. Ich fahre mit

ihnen.«

So weit war er also! Die Kameraden hatten ja sein Wanken gespürt. Daß er

jetzt ganz von ihnen wich, daß er sie und seine Sache verlassen wollte

-- wenn sie es auch in dunklen Stunden gefürchtet hatten, jetzt traf es

sie wie ein jäher Schlag. Keinem von den beiden lag es, zu klagen, zu

jammern, zu bitten, ob sie gleich wußten, was über die Siedlung

hereinbrach. Waren sich auch wohl klar darüber, daß mit Flehen und

Winseln hier nichts zu schaffen sei.

Dankwart, finster, sprach in sich versunken ein klanglos leeres Wort:

»Das ist sehr zu beklagen.« Kunz, beweglicher, weiter greifend,

heftiger: »Dann können wir hier also einpacken!«

»Was heißt das!« Horst lehnte sich dem entgegen. »Das Werk bleibt. Und

wenn ich nicht bleibe -- jeder ist zu ersetzen. Vielleicht ist es meine

Sache, etwas anzuregen, etwas in die Wege zu leiten. Aber es fest an der

Hand zu halten -- das ist mir offenbar nicht gegeben. Ihr seid die

Stetigen, die Beharrlichen, die Harten -- führt Ihr das Werk weiter.«

Kunz war in die Höhe gesprungen. »Ob das wahr ist, ob das falsch ist --

ich habe die eine Frage, die Du immer gestellt hast! Wo bleibt das

Beispiel, frage ich! Bist Du es nicht, auf den alles blickt!«

»Man blickt auf mich, sagst Du -- nun, so wie ich bin, darf ich mich

nicht länger zeigen. Ich muß wieder anders werden -- ehrlich will ich

mich darum mühen. Ich will ja auch nicht für immer fort.« Und nun

schlugen seine Arme wie gehemmte, verschnittene Flügel. »Nur ein Ausflug

soll es sein -- aber ich brauche den Flug!«

Darauf Kunz, seine Stimme pfiff wie eine Klinge: »Horst -- Du kommst

nicht wieder.« Hierin war soviel Klage, soviel Zorn, soviel Schmerz, die

Männer zuckten zusammen, alle drei. Und ein Schweigen schloß sie ein.

Horst riß sich auf. Eine leichtere Haltung gab er sich, einen lächelnden

Ton. »Wenn Du es sagst --! --« Aber es zersprang etwas in ihm. Ein

Schmerz schnitt ihm durchs Mark. Und brüchig ward, was er weiter sprach,

aber er gab nicht nach. »Dies das Hauptsächliche. Meinen Entschluß kennt

Ihr. Das einzelne besprechen wir noch.«

Er hatte Bestimmungen zu treffen, der Tagesdienst holte ihn. Dankwart

und Kunz blieben allein.

Beide starrten sie, dumpf, hohl, düster. Dann stieß Kunz rauh und

krächzend hervor: »Wie die Siedlung erschlagen ward. Kein Heldenlied ist

dies.«

»Gut.« Dankwart hat sich schmerzlich fest wieder beisammen. »Wir stehen

auf verlorenem Posten. Aber Posten ist Posten. Und wir halten ihn. Bis

in uns nichts mehr hält!«

Jetzt ist Kunz an seiner Seite. »Ja, Dankwart, ja. Die Sache will es.

Wir wollen es. Und so geschieht's! Mag denn die alte Siedlung

zusammenbrechen -- eine neue gilt es zu schaffen. Und dann also lustig!

Mit dem Großreinemachen zu Hause fangen wir an.«

Auch Dankwart rief es zu der Arbeit. Sein letztes Wort, heiser und

bitter, war das: »Und auch hier wieder ein Weib!«

Ingeborg -- der Gedanke war bei Kunz gekommen und gegangen. Jetzt saß er

fest bei ihm. Natürlich war sie es, die den Ausschlag gab.

Und seine eigene Liebesnot packte ihn immer grausamer an. Hatte er nicht

sein Mädchen verloren! Verloren, da er nicht gleich den Weg zu ihr

gefunden, da die Stunden, die ungenutzten, immer mehr Hindernisse

aufgebaut, immer mehr an Trotz und Scheu. Konnten sie beide noch hinüber

-- und wollten sie es noch? Das war ja das Schlimmste: wollten sie es

noch? War nicht das Köstliche gestorben?

Und gegen Horst wandte sich seine Wut. Du verstehst es, Dir es besser zu

bereiten. Was habe ich früher gefabelt von Deiner Weiberfestigkeit,

Deinem Weiberstolz -- alles, alles bitt ich Dir ab! Wer so wie Du

Gelegenheiten wahrnimmt! Wer wie Du in allen möglichen Sätteln gerecht

ist!

Wie hast Du um Lona Dich angestellt! Und jetzt, wo das schöne blonde

Schwedenmädchen Dir in den Wurf kommt -- dieses weiße, blonde, und

dieses reiche, dieses reiche, ja!

Er suchte sein Ventil, in seine Reimereien giftete er sich hinein:

Den einen nahm der Brahmaputra --

Den andern langt sich die Valuta.

Und entgiftete sich wieder, denn hier erschrak er nun doch vor sich

selbst, vor des Hasses Häßlichkeit.

Nein, Horst -- das ist es nicht. Soweit ist es nun doch nicht mit Dir.

Aber ist es nicht weit genug? Und kommt nicht eins zum andern!

Ist es nicht genug, daß Du von uns gehen willst! Uns im Stich lassen --

ja, ja, so nenn ich es! Uns untreu werden und Dir selber.

Wie habe ich immer zu Dir aufgeschaut! Und was bist Du mir gewesen!

Wohl, nicht immer war, was Du tatst und ließest, mir nach dem Herzen.

Aber die große Linie Deines Wesens -- wie zwang sie mich immer wieder zu

Dir hin. So gut wie sie alle bezwang, wie sie all unseren Kräften die

Richtung gab, das gemeinsam starke, gemeinsam freudige Ziel.

Nun ist sie verbogen, geknickt, gebrochen. Da Du Dein eigenes Werk

verläßt und verrätst. Ja, und tausendmal ja, verrätst! Ein

Fahnenflüchtiger bist Du! Nichts wird hier beschönigt, verschleiert,

bemäntelt. Ein Verräter bist Du! Und Dein Werk geht an Dir zugrunde.

Dankwart und ich, die wir bleiben -- er hat es richtig bezeichnet, auf

verlorenem Posten stehen wir. Und das Beste unseres Lebens wird hier

zerschellen.

Nicht steht es in unserer beider Macht, was Du vermochtest, als Du noch

bei Dir und auch bei uns warst, das Auseinanderstrebende, das sich

Widerstrebende zu binden! Gewiß, daß dies das Höhere, das Größere war!

Wir beide, wir werden zerklüften, zerreißen -- der Kampf im eigenen

Hause, das ist es, was wir bedeuten! Aber hast Du nicht selbst gesagt,

ein Kleindeutschland soll dies hier sein! Nun, so sei es das auch ganz,

mit der vollen Zerrüttung im Bruderzwist! Der Wahn eines wilden

vernichtenden Hohnes brach aus seinen Augen.

Wir werden unterliegen, gewiß, denn die Masse siegt. Aber besser

untergehen, als Masse sein! Die Mulitz und Metzling werden uns zu Boden

treten -- sollen sie! Aber Dir werden wir es gedenken, denn dies alles

danken wir Dir! Und wieder ruft es in ihm: Verräter! Wilder und wilder

brausen in seinem Schädel die Flammen, der nur noch mühsam in seinen

Nähten festsitzt. Von der Hirnwut, die durch die deutschen Lande rast,

befällt es auch ihn. Und es wühlt sich etwas in ihn ein.

Sichtbar sind wir, wir haben die Pflicht der Höhe! Er hat es immer am

meisten gepredigt, mit Brustton verkündet, er, der uns jetzt im Stich

läßt. Der jetzt sich in Sicherheit bringt, der ins Ausland flüchtet, vor

der wachsenden deutschen Not. Ein Verräter!

Und wir -- wer sind wir, die wir den Verrat in unseren Reihen dulden!

Nein, nicht in unseren Reihen! Den Verrat unseres Führers! Sind wir

damit nicht seiner wert! Sind wir damit nicht schuldig wie er!

Verräter wie er, wenn wir ihn ziehen lassen! Und es frißt sich ihm ins

Blut: er darf nicht fort! Und wenn es auf Tod und Leben geht -- er darf

nicht fort!

Was wär bei den Römern geschehen, was bei den alten Germanen! Sollen wir

der Väter nicht würdig sein -- heut mehr als jemals! Sollen unseren

Jungen nicht Vorbilder leuchten! Und sie blicken auf uns! Auf mich! Ich

habe meine Sendung.

Das Unerbittliche brauchen wir. Das Unerbittliche. Jetzt, wo alles

fließt in Deutschland, fließt und zerrinnt. Wenn nur einer hart ist und

treu! Ein Kern nur -- ein Kern wird gebraucht -- und sei er noch so

klein!

Richtfest ist am Sonntag. Das Wort brennt sich ihm in die Sinne.

Richtfest -- Gerichtstag wird gehalten! Wir werden richten! Ich -- ich!

Wie ein Wächter steht Kunz, ehern, in Gluten gehärtet. Das Herz leer,

dem die Freundschaft starb, dem die Liebe verklang.

Die Siedlermannschaft erfuhr nichts von dem Entschluß des Führers. Nach

der Einweihung sollten sie es hören. Daß etwas in der Luft lag,

verspürten wohl die feineren Nasen. Aber man hing dem nicht nach. Die

Festgedanken fieberten durch die Seelen.

Und jetzt zieht der festliche Sonntag auf. Noch die Nacht hindurch haben

sie gearbeitet, das Morgenrot sieht den Rohbau mit dem Dachgerüst

vollendet, der Tag gehört der Feier.

Laubgewinde wird gebunden, eine mächtige Krone wird geflochten und mit

farbigen Bändern geziert.

Vier von den Männern schleichen geheimnisvoll abseits, verkriechen sich

in das Dickicht und üben hier noch einmal das Quartett, mit dem sie die

Gefährten überraschen wollen. Die tiefste Einsamkeit sucht Mulitz, der

Maurerpolier, der die Kranzrede halten soll. Noch einmal memoriert er,

was er mit Benutzung alter Sprüche für die Weihe des Hauses sich

aufgesetzt hat.

Die Sonne segnet den Tag. Für die Bewirtung der geladenen Gäste werden

noch Tische und Bänke im Freien gezimmert -- große Sprünge können die

Siedler nicht machen, mehr als Bier wird nicht verzapft, und auch das

schon reißt ein übergroßes Loch in die Finanzen. Aber was hilft es,

Vornehmheit verpflichtet. Und heute wollen sie einmal alle Sorgen dem

Wind vor die Füße schmeißen!

Am frühen Nachmittag soll die Feier beginnen. Als die ersten finden die

Jungen aus der Stadt sich ein. Fragen, ob sie noch irgendwie helfen

können. Fritz Röder und zwei andere noch haben ihre Kameras mitgebracht.

Sie wollen alle Einzelheiten des Festes verewigen und viele

Gruppenaufnahmen machen. Damit sind sie besonders willkommen.

Dankwart holt seine jungen Freunde zu sich herein. Sein Modell ist

flugfertig. Es soll über dem Bau kreisen, wenn die Weiherede steigt.

Ganz hingegeben erklärt er ihnen noch einmal das Neue der Konstruktion.

Ebenso hingegeben hörten die jungen Köpfe zu. Wie freuen sich alle auf

diese so hohe Überraschung. Wie sind sie getragen von dem Geheimnis, das

sie feierlich bewahren.

Siedler empfangen ihre Eingeladenen. Im weiteren Umkreise werden

Zuschauer sichtbar. Neugierige machen sich näher heran, andere lagern

sich abseits im Heidekraut.

Von Moorhof her kommt eine Frau, schwarz gekleidet, in Begleitung von

Pastor Waermann. Die Patronin der Siedlung ist es, Frau Tilde. Wie ein

Flor wallt es um sie her. Ernst wird es allen zu Sinn. Verehrungsvoll

verneigen sich die Männer. Einer macht sich gleich auf den Weg, Meldung

an Horst auszurichten, der in seinem Raum immer noch mit der Ordnung von

Schriftstücken beschäftigt ist. Er tritt sofort heraus, den erlesenen

Besuch zu empfangen.

In voller Uniform mit Ordensschmuck ist er, dem Tage die Ehre zu geben,

wie Dankwart und Kunz auch, wie die meisten der Siedler. Horst trägt nur

das kurze Seitengewehr. Dankwart und Kunz haben auch die Pistole im

Gürtel.

Horst reicht Tilde still die Hand, bei Gisbert sind ihrer beider

Gedanken. Seit er ihr die Nachricht vom Tode des Freundes überbracht,

haben sie sich nicht mehr gesehen. Edelsteinhart sind ihre Augen

geworden, nur von Pflicht und Arbeit wissen sie. Um ihren beseelten Mund

hat ein starrer Zug sich gegraben. Sie versteinert von dem Fluch der

Einsamkeit, dem ihr Leben erliegt.

Kunz findet sich zur Begrüßung ein. Horst und er sehen sich heute zum

erstenmal. Sie mustern sich wie zwei Kämpfer, kalt, feindlich. Seit

Tagen ist kein Wort zwischen ihnen geredet.

Horst spricht mit Tilde, der Pastor mit Kunz. »Warum habe ich Sie so

lange nicht gesehen?« fragt Waermann.

Kunz schweigt. Wo hast Du Vita? will es ihm auf die Lippen. Aber dann

denkt er, wie gleichgültig ist dies. Gegen das, was hier geschieht. Und

sein Blick greift zu Horst hinüber. Der Pastor sieht diesen Blick, und

schrickt zusammen. Was ist mit Kunz? Hier ist mehr als Schmerz und Klage

um den toten Freund. Etwas Wildes, grausam Gewaltsames züngelt hier.

Etwas wahnhaft Verbohrtes wühlt hier. Und wieder gewahrt er das in dem

Blick, mit dem Kunz die neuen Gäste, die Schweden aufnimmt. Was geht

hier vor?

Oberst Thorild und seine Tochter sind dem Pastor bekannt, Frau Tilde

werden sie vorgestellt. Kunz löst sich von der Gruppe, um die ein

gemeinsames Gespräch sich schlingt. Er starrt vor sich hin, in seinem

Gehirn ist eine leere tote Stelle.

Dann schweifen seine Augen mechanisch über die Versammelten ringsum. Er

sieht ein paar Gesichter, die ihm nicht gefallen -- Bekannte, von dem

Barackensturm her? Wie ein Schleier liegt es über allem.

Und dann doch die Frage: Was wollen die hier? Wie wach und hell hätte

ihn früher dieser Gedanke gemacht. Wie hätte der all seine Kräfte

angespannt. Jetzt schleichen sie träge. Nur, daß durch ihn das eine

hinblitzt: führten sie doch etwas im Schilde! Käme es doch wieder zu

blutigem Kampf! Nur Blut könnte hier heilen! Und würde hier alles

zerstört und dem Boden gleich gemacht -- vielleicht das beste! Besser

ein ganzes Nichts als dies halbe Dasein des kümmernden Werks! Und er

selbst wird in dem Untergang begraben und ist frei und erlöst, ist ledig

aller Pflichten -- aller Taten --

Ein Schleier liegt ihm über der Welt, ein rötlicher Dunst ist über den

Dingen.

Der alte Torfmeister wuchtet zu ihm her -- spricht gewaltig auf ihn ein

-- seine Ohren dröhnen, die leere Stelle in seinem Hirn füllt sich mit

tosenden Schmerzen -- er nickt benommen zu allem, was er hört, und weiß

von nichts und starrt in die verschleierte Welt. Den Schleier zu

zerreißen -- mir liegt es ob!

Jetzt tritt Mulitz, der Polier, zum Bericht vor Horst. Es sei alles für

die Feier vorbereitet. Wenn es recht sei, könne sie beginnen.

»Dann wollen wir also!« bestimmt Horst. Wie matte Bronze ist sein

Gesicht, verbissen sein Mund, um seine Augen sind Schatten, aber er ist

fest und bereit.

Und bereit ist auch Kunz.

Zwischen Ingeborg und Oberst Thorild geht Horst, da sie nun alle zum

Neubau wandern. Die beiden wissen, wie Schweres er trägt. Es ist

abgemacht, daß sie gleich nach der Feier abfahren. Die Segeljacht ist

bereit. Ihre Koffer haben sie gepackt. Aber sie wollen nicht daran

erinnern, nicht davon sprechen.

Doch Horst bringt selbst die Rede darauf. »Darf ich fragen, Herr Oberst,

ob es bei dem Reisetermin bleibt?«

»Wenn Sie einen Aufschub wünschen --«

»Aber ich bitte. Meine Sachen sind geordnet. Ich bin freudig dabei.«

Ingeborgs Augen strahlen zu ihm empor.

Sein Führerblick übersieht den Kreis. Ganz dahinten -- eine besondere

Gruppe fällt ihm auf. In ihr ist lebhafte Bewegung. Einer redet jetzt

eben -- gestikuliert verzweifelt -- ein anderer beschwichtigt -- hält

zurück -- bändigt -- beschwört. Die Köpfe sind nicht zu erkennen. Doch

nach der Haltung, der Bewegung, der Gestalt -- der Bändiger, der Lange,

ist das nicht Stahlboom? Die Kommunisten -- was wollen sie hier?

Bereiten sie sowas wie einen Anschlag vor? Er behält sie im Auge.

Hat die schwarz-weiß-rote Fahne sie erregt, die eben über dem First des

Neubaus an dem Flaggenmast in die Höhe steigt, von Sonne und Wind mit

Jubel gegrüßt?

Von der Baracke her ist Dankwart mit den Jungen erschienen. Sie tragen

sein Flugzeugmodell. Auf die Goldberge steigt er mit ihnen und bringt

den Apparat in Stellung.

Vor dem Hause machen Mulitz und der heilige Josef die Ehren. Die

Versammelten -- eine große Schar ist es geworden -- stellen im Halbkreis

sich auf. Der Polier will ins Haus, will das Gerüst unter der Krone

besteigen und die Kranzrede halten. Da, wie jetzt das Schweigen sich

über sie breitet, knattert ein Automobil in der Nähe. Sie horchen auf.

Kommt noch hoher Besuch?

Jetzt hört es sich an, als wolle es auf der Straße, die man von hier aus

nicht sehen kann, vorüberfahren. Dann hält es. Dann nimmt es eine neue

Richtung. Jetzt kommt es querfeldein über die Heide. Wen bringt es?

Uniformen blitzen darin.

Das Gelände wird sandig und hüglig. Der Wagen stockt und steht. Die

Insassen steigen aus. Ententeoffiziere. Ein französischer, ein

englischer Hauptmann. Sie schreiten auf die Versammelten zu. Zwei

französische Sergeanten hinter ihnen.

Ein Todesschweigen über all den Menschen. Eine Stille ringsum, als halte

die Welt den Atem an. Als drehe die Erde sich nicht mehr. Nur die

schwarz-weiß-rote Fahne rauscht im Winde.

Der französische Kapitän, geschniegelt, kokett, bewußt, der Rangälteste

und Wortführer, greift sich mit den Blicken Horst heraus, den er gleich

als die leitende Persönlichkeit erkennt. Mustert ihn, in seiner

deutschen Offiziersuniform, mit unverschämten Blick, von Kopf zu Füßen.

Erklärt dann in einer Art leutseligen Gesprächigkeit: sie hätten heute

am Sonntag eigentlich nur einen Vergnügungsausflug vorgehabt -- _à votre

océan_ -- und die Frechheit ist wieder obenauf. »_Mais maintenant votre

noir-blanc-rouge nous a attiré. On revient toujours -- vous savez -- à

ses premières amours!_« Horst steht kühl, aufrecht, in voller Höhe vor

ihm und würdigt ihn keiner Antwort. Sein Blick ist dem Franzmann

unangenehm. Er weicht ihm aus und spricht jetzt herrisch und giftig: da

sie nun einmal hier wären, wollten sie »das Nützliche mit dem

Angenehmen« verbinden -- er schlägt mit dem Handstock seine

Ledergamasche -- und hier an Ort und Stelle gleich die Waffensuche

vornehmen. »_S'il vous plaît_« -- wendet er sich an den Engländer, der

schläfrig dasteht und aus seiner kurzen Shagpfeife pafft. Kaum hält er

es für nötig, mit dem Kopf zu nicken oder ein »_yes_« zu kauen.

Der Franzose sieht sich im Kreise um, er mustert das Publikum bei diesem

Schauspiel, dessen Hauptheld er ist, da trifft von den Goldbergen her

ein Flimmern sein Auge. Das Flugzeugmodell blitzt in der Sonne.

Er setzt den Feldstecher an. »_Ah -- un modèle d'aéroplane! voilà des

essais, qu'il faut surveiller avant tout!_« Er wendet sich an den

englischen Hauptmann -- »_vous arrange -- t-il?_« -- und schreitet auf

die Höhe zu. Der Englischmann grunzt und bleibt an seiner Seite. Die

Sergeanten folgen.

Horst auf anderem Wege überholt sie. Dies alles geht ihn natürlich

zuerst an. Kunz ist an seinen Fersen. Der eiserne Ring, der ihm um die

Brust saß, ist gesprengt. Eine neue Tonart spielt das Leben. Er kann

wieder Luft holen. Er trinkt sie tief in sich ein. Bis in den Hals

schlägt ihm das Herz.

Mit Dankwart zusammen nehmen Horst und Kunz die Feinde in Empfang.

Die Menge ist an den Fuß der Goldberge geströmt. All die Köpfe sind

gehoben, all die Gesichter, die Augen glänzen auf zu der Höhe. In allen

Herzen klopft es: was wird geschehen? Daß hier etwas geschehen wird, sie

fühlen, sie wissen, sie fordern es alle. Und so sind sie einig,

geschlossen, eine große Gemeinschaft in diesem einen Gefühl. Von Pastor

Waermann, dem Freiheitshelden, bis zu Stahlboom, dem Kommunisten -- in

Frau Tilde, in Oberst Thorild, Ingeborg, dem Torfmeister, in allen

Siedlern, allen Geladenen und Ungeladenen -- in allen, allen pulsen die

Nerven denselben Takt.

Auch in den frommen Wallern, die heute wieder erschienen sind -- zuerst

haben sie sich gesondert gehalten und ferne -- in scheuer Andacht -- wie

eifersüchtig auf ihre Sehnsucht -- jetzt rücken sie näher -- und bald

werden sie sich ganz dem großen Chore einverleibt haben. Ist nicht in

allen dieselbe Not, dasselbe Gebet? Werden nicht die vielen vereinten

Hände, geeinten Herzen am ersten das Wunder beschwören? Am ersten ein

Zeichen erwirken? Ein Zeichen des Trostes, und wenn nur ein kleines, das

Hoffnung gibt auf die Erlösung!

Da oben, eingespannt in den hellen, vollen, harten, wahrhaftigen Glanz

der Sonne, stehen sie -- deutsche Offiziere -- feindliche Offiziere. Im

Schmuck ihres Kleides, im Glanz ihrer Waffen, ihrer Ehren. Stehen sich

gegenüber -- Welt gegen Welt. Was wird geschehen?

Was entspinnt sich da? Der Kapitän besichtigt das Modell. »_Instrument

de guerre_«, erklärt er. »_Vous le briserez sur le champ moi présent!_«

Dankwart hat dafür kein Wort. Er wendet dem Heischenden den Rücken und

legt beide Arme auf die Maschine.

Der Franzose zischt wie eine Natter -- packt Dankwarts Schulter -- der

schüttelt ihn ab, daß er taumelt.

Da, in maßloser Wut hebt der Franzose den Stock und schlägt Dankwart

über den Kopf! Dankwart, den Krüppel!

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 51 / 60 题