Leer ist die Mondstraße, leer ist die Flut ringsum --

Aber, da man nichts tun kann, nicht weiß, was man tun soll, da man

hilflos ist -- wie furchtbar dieses Alleinsein mit dem Geschehenen! Die

Kameraden -- Kunz muß es wissen, er muß es hören, muß was sagen, muß

dabei sein!

Schon ist Horst nach der Baracke unterwegs. Er holt sich Kunz aus dem

Verschlag. Nun stehen sie beide an den Kleidern und forschen über die

See.

Dann stehen beide schweigend, und halten eine eigene Totenwacht.

Ruckweis befreit sich Horst von dem Schmerz, der ihn lähmen will. »Er

hat es geschafft. Auch einer, der zu schade war -- für das was uns

beschieden ist.«

»Sollen wir so sprechen?« Kunz macht der erste Schmerz nur noch härter,

wehrhaft, wahrhaft, unerbittlich. »Zu schade?« Er spielt wie grausam mit

dem Wort. »Zu sehr beschädigt. Zu wund und zu weich.« Und noch rauher

gegen den eigenen, zuckenden Gram: »Was welk ist in Deutschland, geht

ein.«

Dann ist es fast, als kehrt er sich, wie zur Ablenkung, gegen Horst, den

selbst nicht mehr Wurzelfesten. So daß etwas in ihrem Schmerz die beiden

Männer gegeneinander entflammt.

Schon aber führt in Horst der Leitende das Wort, der seine Anordnungen

trifft, bis zum Äußersten. Er hat keine Hoffnung mehr, aber das letzte

muß getan werden. »Ins Boot. Das Wasser absuchen. Nicht unmöglich, daß

er müde geworden ist, und der Segler da hinten hat ihn an Bord.«

Sie gehen nach dem Vorsprung zu. Da liegen Boote am Strand. Sie schieben

eins ins Wasser und rudern hinaus, schweigend, mit gleichmäßig mächtigem

Schlag. Und suchen, suchen -- hoffnungslos und doch treu.

Jetzt sind sie schon weit draußen. Auf das Segelboot halten sie zu.

Immer mit der Umschau, immer in der Erwartung, der Entseelte müsse

auftauchen.

Ein Fischerboot, das mit klatschenden Segeln daliegt. Hat es den

Ermüdeten aufgenommen? Ein letzter Schimmer --

Die Insassen, verschlafen, drusen dem Morgenwind entgegen. Von einem

Schwimmer haben sie nichts bemerkt. Einen treibenden Körper haben sie

nicht gesichtet.

Die Suchenden wenden und fahren zurück an Land. Jetzt ist es gewiß, die

See hat ihn genommen. Wird sie seinen Leib wieder hergeben?

Gisbert ist tot! So pulst es in ihrem Herzen. Das ist der Takt ihres

Ruderschlages. Gisbert ist tot. Sie starren in eine Leere. Jetzt ist die

große Klage um sie und fügt sie zusammen. Und nichts kehrt sie gegen

einander. Geschlossen, versöhnt der Unterschied, der Zwiespalt ihres

Fühlens. Nur der Schmerz um den Freund bewegt ihre Seele. Gisbert ist

tot. Wie klein sind alle Worte, die seiner gedenken wollen -- sie

scheuen sich und schweigen.

Die Männer landeten wieder. Und da sie die harte Erde betraten, kamen

Forderungen an sie. Gemeinsame, so dachte Kunz. Er mit seiner

lebensfesten Hand nahm die Kleider auf, packte sie zu einem Bündel und

wandte sich heim. Das »über Gräber vorwärts« lag ihm im Blut.

Er meinte nicht anders, als daß Horst mit ihm gehen würde. Der aber

blieb, versonnen, versponnen. Kunz wartete -- dann ein fragender Blick,

aber kein Wort -- dann etwas wie ein leichtes Achselzucken, in dem der

alte Schmerz bebte: man lasse die Träumer den Träumen -- und er ging

allein. Da war es wieder, was in ihm nagte: auch von Horst geht immer

mehr verloren. Die Sorge um die Siedlung ließ ihn von jetzt ab nicht

mehr los.

Wieder war der Mißklang zwischen den beiden, das Mißtrauen, das nun

einmal gerufen war -- tiefer griff es in die Gemüter, die der Schmerz

zart und feinfühlig gestimmt hatte. In der Empfindsamkeit des Grames

fand es neue Nahrung.

Horst spürte es, er wußte, was in Kunz sich von ihm abwandte. Das riß an

den gespannten Saiten, und wieder gab es den Zorn, die Bitterkeit, die

eigene trotzige Abkehr und Selbstverschanzung.

Ich bin Euer Führer, ich hab Euch etwas geschaffen, etwas gegeben -- zum

Lohn dafür haltet Ihr Gericht über mich, beobachtet mich, nehmt mich

unter Aufsicht. So war es schon, und es mehrt sich zur Unleidlichkeit.

Ihr solltet wissen, daß ich das nicht ertrage. Ihr solltet mir meine

Arbeit, die mir wahrlich nicht leicht fällt, nicht noch erschweren. Sie

mir nicht verbittern! Kein besseres Mittel könnt Ihr dafür finden.

Wen hab ich nun noch in der Siedlung? Da Gisbert mir fehlt. Er, mit dem

zarten, zerschlagenen, blutleeren Leib, der Wärmste, der Innigste von

Euch allen. Und darum auch allen unentbehrlich, da er zwischen allen die

seelischen Fäden wob. Allein steh ich jetzt. Er war es, der mich verband

mit den Schwärmern, den blinden Heißspornen, den kühlen Rechnern, den

Gleichmütigen, den Matten und Trägen. In ihm fanden sie sich alle, denn

alle hatten ihn lieb. Ist mit ihm nicht das Licht der Siedlung

erloschen? Ein blasses Licht, ja -- aber vielleicht, daß gerade die

unirdische Blässe die Herzensandacht schuf!

Gewiß, es war allzuwenig von dem landläufig Gesunden in Dir, gar nichts

Lebensstarkes und Robustes. Ein Kind noch warst Du, als Du ins Feld

zogst. Die Pubertätsjahre verschlang der Krieg, nun kam, krankhaft

verspätet, verfeinert und gesteigert die ganze Empfindsamkeit der

Jünglingschaft über Dich -- und zerbrach an Weibesliebe. So fein und

edel zart, wie es nur deutscher Jugend, die deutsches Leid versehrt,

geschehen kann.

Und jetzt steh ich allein. Die Kameradschaft durchlöchert und im

Verfall. Argwohn -- Übelwollen. Jetzt, wo alles sich ergeben sein müßte

auf Leben und Tod! Und die Jungen haben sie mir verwehrt! Neue Ketten

schmieden sie. Die Luft im Bagno -- wie soll ich sie länger atmen! Und

wär nicht die ganze deutsche Luft verpestet -- verpestet von Verrat!

Rein muß ich atmen können! Ich ersticke hier, ich verderbe in dem Dunst

-- ich will nicht verderben!

Und wieder suchen seine Blicke die Landzunge. Da steht sie noch immer

die weiße Gestalt und schaut auf die See. Jetzt haben die Augen das

sichere Bild. Kein Trug -- Ingeborg ist es. Zu ihr will ich! In ihrem

Schein gesund mich atmen.

Er wandert mit eiligen, mit festlichen Schritten. Sein Leuchtfeuer zieht

ihn, ruft ihn, grüßt ihn. Er steigt die Dünen hinan, klimmt dann den

Abhang empor.

Da oben steht sie. Und sie sieht ihm entgegen, als habe sie ihn

erwartet. Sie streckt ihm die Hand zu. Die Freude ihres Blickes trübt

sich, da sie von seinen Zügen das Unheil abliest. Und er sagt ihr, was

geschehen ist. Dann, da er seinen Trost findet in dem treuen Druck ihrer

Finger, in dem feuchten Glanz ihrer Augen, schüttet er sein Herz ihr

aus.

Immer mehr löst sich von mir, eins nach dem andern fällt von mir ab,

vereinsamt bin ich in meinem Heimatland, kraftlos -- was bin ich ihm

nutz? Kann ich so dem Vaterlande dienen?

Und immer klarer spricht er so zu sich selbst. Ich brauche meine Kraft!

Wo kann ich sie wiederfinden -- wo als in der nordischen

Gastfreundschaft! Da werd ich gesund und stark, von da werd ich

zurückkehren mit ungetrübtem Wikingermut. Frei von allem, was mich hier

lähmt -- selbst frei und ein Befreier!

Sie sitzen beieinander, Ingeborg und Horst. Die helle Zaubernacht ist um

sie. Er birgt sich in den Glanz ihrer Flechten, wie in einen Goldpanzer

hüllt er sich, allem Trüben, allem Düstern, allem Üblen und Niedern eine

Wehr. Er nimmt ihre Hand. »Wenn Sie wollen, höre ich nun doch noch in

diesem Sommer das Summen unter Ihren Linden.« Da sind ihre Augen voll

Seligkeit.

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 50 / 60 题