Ein dumpfer Aufschrei preßt sich aus all den Herzen, den Kehlen --

Horst -- schon hat er den Burschen am Kragen -- holt ihn sich hintenüber

-- reißt ihm den Stock aus der Hand -- legt ihn sich übers Knie und läßt

seine Hiebe auf ihn hageln.

Blitzschnell das alles. Der Engländer steht regungslos. Die Sergeanten

wollen zuspringen. Die Hand mit der Shagpfeife weist sie zurück. »_Fair

play!_« Um den breiten Mund ist das Lächeln einer ehrlichen kleinen

Teufelei.

Blitzschnell ist es vorüber. Atemlos, im Bann, in verzücktem Schweigen

-- so haben all die Herzen, die Hirne das Bild getrunken. Sie haben es,

sie halten es, verwachsen ist es mit ihnen.

Jetzt, da Horst den Gezüchtigten beiseite geschmissen hat -- da dieser

mit schäumendem Mund und irrem Auge die Pistole aus dem Gürtel reißt --

mit donnerndem Hurra sind all die Siedler den Berg hinaufgestürmt.

Der englische Hauptmann hat den Arm des Verstörten genommen. Sein »_we

shall see!_« kaut er und führt ihn gemessen den Berg hinunter, zu ihrem

Auto.

Ein Jubel hat sich aufgemacht wie eine Windsbraut. Das große Meer des

Zornes eines edlen, mächtigen, geknechteten, geschändeten Volkes -- hier

schlägt es seine Wellen empor, himmelan. Sie klatschen in die Hände, sie

umarmen sich, sie brausen, sie taumeln unter Weinen und Lachen. Muz wie

ein Feuerrad rast um sich selbst -- man sieht nur ein tosendes Rund und

sprühende Funken. Ein donnerndes Rollen steigt zum Firmament. Lud

Uhlenbrook lacht und lacht aus vollem Herzen -- so brüllt das Glück.

Außer Rand und Band ist die ganze sonnenselige Welt. Das blanke hohe

Himmelszelt spannt sich zum Zerspringen -- zerreißt es nicht -- bricht

nicht ein Blitz aus dem Blau -- ein Gottesantlitz?

Horst über ihnen allen, strahlend wie Michael, die Augen geweitet, die

Nüstern gebläht, ein unergründlich glückliches Lächeln um den Mund. Noch

meiden sie ihn, wie ein Höheres, ein Heiliges.

Dann aber stürzen die Jungen zu ihm. Fritz Röder -- will es schreien --

und erstickt an seiner Seligkeit -- und stößt es dann mühsam aus

verschluckten Tränen hervor -- »ich hab es geknipst!« Und zwei andere

stammeln »ich auch!« Und Fritz verkündet es heiser, lallend,

zusammenbrechend -- »ein Bild ist das -- ein Titelbild -- für die

Geschichte -- in alle Lande, in alle Städte, in alle Dörfer soll es

fliegen -- für die Weltgeschichte -- für die deutsche Geschichte -- ein

Titelbild -- ich hab es geknipst --«

Wie ein vom Strick Losgeschnittener steht Kunz. Zu heftig hat sich die

hohle Stelle in seinem Brägen wieder gefüllt. Noch blickt er verblödet.

Da schleicht von hinten etwas zu ihm, springt ihn an, drückt ihm die

Lider zu mit kindlichen Händen -- wer ist es? -- was fragt er, da er es

fühlt?

Und sein Mädchen schenkt ihm der deutsche Jubel! In seinen Armen hängt

Vita und küßt ihn mit fast mänadenhafter Glut. Daß er aufs neue

verblödet. Aber plötzlich ist er so hell und gescheit wie noch nie in

seinem Leben und packt zu und hält fest. Und ist der bedeutendste und

mächtigste aller Menschen.

Und ist wieder der Junge, ganz der Junge -- schreit auf wie ein

Verrückter -- schlägt Purzelbäume, sieben hintereinander und brüllt

zwischendurch zu seiner Vita hinüber: »Bin ich dick?«

Dann bleibt er besinnlich im Grase sitzen. Ist das ein Tag -- eine Tat.

Ich muß sie besingen. Die Welt erwartet es von mir. Ein Heldenepos! Ich

hab auch schon einen Titel: der Büchsenspanner Seiner Majestät des

deutschen Volkes. Nein, ein Volkslied muß es werden. Ein Kutschkelied.

Und soll noch von den Enkeln gesungen werden in allen Gauen.

»Da sprach der Horst, das ist mir Worst,

Und haut ihm, daß die Hose borst.«

Ingeborg ist bei Horst. Sie läßt das Glück ihrer Augen leuchten, wenn es

auch schwer dahinter dämmert. Sie packt seine Hand mit beiden Händen.

Das wiegt alle Worte auf. Dann spricht sie leise: »Aber nun wird Ihnen

hier Schweres bevorstehen.«

»Wer das nicht fröhlich auf sich nimmt --!« Gleichwohl schweifen ihre

Blicke zur See hinunter und etwas in ihnen spricht: da liegt unsere

Jacht segelfertig. Du tust gut, Gras wachsen zu lassen über das, was

hier geschehen ist! Komm jetzt! Fahr mit uns! Mit mir!

Doch, wie sie das Auge wieder voll zu ihm wendet, erschrickt sie vor

diesem eigenen versteckten Denken und Wünschen. Ich würde es selbst

nicht wollen, daß Du Dich von hier entfernst! Daß Du mit uns fährst. Ich

würde Dich selbst so nicht wollen! Und ein harter reiner Schmerz bändigt

ihre Flammen.

Oberst Thorild tritt hinzu. »Ein Wahrzeichen -- ein Wappen -- eine Fahne

sind Sie geworden!« Seine Augen sind voll Feuer.

»So darf man denn das -- Abgedroschene, das Triviale gelten lassen, weil

es die stärkste Anschaulichkeit, die größte Bildkraft hat. Dafür werden

die Abstrakten im Lande Zeter über mich schreien.«

»Die lassen Sie nur.«

»Und die nützlich Ängstlichen noch mehr. Ich hör es schon in ihren

Blättern rauschen. Kostspielig wird die Sache -- schädlich

verbrecherisch ist Deine Tat! Nur ein Volksfeind konnte so handeln!«

»Die lassen Sie erst recht. Ich sag Ihnen, noch ein Dutzend solcher

symbolischen Handlungen, und das Volksgewissen bekommt sein Mousseux,

seinen Aufstieg. Ich glaube es lohnt, in diesem Volksgewissen zu leben!

Dafür aber, mein Freund -- so darf ich Sie nennen -- sind wir, Ingeborg

und ich, jetzt die Leidtragenden. Da Sie jetzt nicht mit uns fahren.«

»Ich denke, wir werden uns damit nicht verlieren.«

»Niemals. So wie wir uns gefunden haben! Aber jetzt müssen wir Sie mit

Ihren Kameraden allein lassen. Leben Sie wohl!«

Mit starkem Händedruck nehmen sie Abschied voneinander. Lange liegt

Ingeborgs Hand in der seinen. Dann bleiben ihre Augen nicht mehr fest,

und sie wendet sich jäh von ihm.

Horst blickt den Schreitenden nach. Oft noch dreht Ingeborg sich um und

winkt mit dem Tuch. Er muß bitter hart die Zähne aufeinander beißen.

Wieder ist eine Kraft von ihm gegangen. Wieder eine Saite in ihm

zersprungen. Aber, was er noch hat, treu muß er es bewahren, denn es

gehört nicht ihm allein.

Und wie er jetzt die Kameraden sucht, da tritt jemand vor ihn hin, ein

Unerwarteter. Stahlboom, der Kommunist. Der Feind, mit dem er gekämpft

auf Leben und Tod. Der Feind -- der Landsmann jetzt, der Deutsche.

Reicht ihm die Hand, schnell, hastig -- aber Hand ruht doch in Hand. Ob

heimlich, wie beiläufig, ärgerlich fast -- die Hände haben sich doch

gefunden! Wahrhaftig und notwendig! Die Hände und die Herzen! In diesem

Zeichen wachsen sie zusammen.

Da leuchtet es nun erst über Horst hin -- der Lichtstrahl der

glückhaften Erfüllung! Die deutsche Einheit -- die Front ihrer Streiter

-- sie ist kein Traum -- sie kann sein -- sie wird sein -- sie ist! Nur

braucht sie ihr Signal! Die rechte Fahne muß wehen! Dafür leben und

sterben!

Horst ist mit den Kameraden zusammen. »Ja,« sagt Horst, »ob Ihr mich bei

Euch behaltet? Ob Ihr nicht die Suppe, die ich auch Euch eingebrockt

habe, mich lieber allein auslöffeln laßt --! --« Da lachen all die

Siedler laut hinweg, was er sonst noch hätte sagen können.

Kunz packt seine Hand und reißt ihn zur Seite. Und mit einem

unbeschreiblichen Blick, in dem ein Bekenntnis liegt voll aller

Düsternis und aller Helle dieser Welt, mit seinem lächelnden Knabenmund:

»Ich dank Dir auch, Horst -- dank Dir, daß ich Dich nicht hab um die

Ecke zu bringen brauchen.«

Horst blickt in diese Tiefen und versteht den Freund, und ihre

Freundschaft ist geheiligt.

»Und jetzt weihen wir unser Haus! Ihr Jungen, singt Deutschland Euer

junges Lied! Wir stimmen mit ein.«

Und zur Sonne empor braust es:

Wir sind die Jungen! Wir sind die Kraft,

jede Faser gestrafft und gerafft,

wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,

siehst du die nächtigen Wolken lohen?

Wir sind des Frührots lachender Schein!

Frei sollst du sein!

Wir sind die Jungen -- die Herzen fliegen!

Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen!

Unter die Füße den tückischen Haß,

seine Ketten zerspringen wie Glas.

Unser Gebet, unser Feldgeschrei:

Frei sollst du sein!

Wir machen dich frei!

Vom gleichen Verfasser erschienen

in demselben Verlag

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 52 / 60 题