Und die Not nimmt überhand

Gisbert, der ihrer aller Liebling war, löste sich immer mehr von ihnen.

Wie ein Nachtwandler war er, den man zu rufen sich scheute.

Der einzige, der immer noch fest zupackte, war Kunz. Aber auch er griff

jetzt immer mehr ins Leere. Und dann, er hatte genug mit eigener

Herzenserschütterung zu tun. Vita war ihm entschwebt. Wie ein Traumbild

war sie ihm zerronnen. Wohin hatte er sie geschreckt?

So trübte sich Kunz der Blick für des Gefährten Schicksal, den die Not

seiner Liebe immer mehr von dem Irdischen trennte. Von der Erde, die,

seit sie ihn verschüttet, begraben, erstickt hatte, seinen entrückten

Sinnen nie mehr die rechte Heimat gewesen war.

In Gisbert selbst tastete noch etwas nach dem Gegenständlichen dieser

Welt, nach Freundeshand, nach Zwiesprache, nach Austausch der

Empfindungen. Und so klammerte sich etwas von ihm an Kunz, gerade heut.

Der Wind trug am Nachmittag den Glockenhall von Moordorf herüber.

»Wollen wir zusammen in die Kirche?« fragte er Kunz, mit knabenhaften

Augen, fromm von kindlichen Gedanken.

Der hatte schon ein »Ja« auf der Zunge. Da fuhr es ihm durch den Sinn:

in Vitas Bereich! Wenn ich mich hineinbegebe, muß ich allein es tun!

Denn für alles, was hier geschehen kann, brauch ich meine Einsamkeit.

Und er schüttelte den Kopf zu dem Vorschlag. So ging Gisbert ohne ihn.

Und es trug ihn wie ein Abschiednehmen -- er wußte nicht wie.

Er wußte auch nicht, was eigentlich in die Kirche ihn zog. Halbe

Wirklichkeit war in allem. Der Raum, die Andächtigen, der Gesang, der

Prediger --

Wirklichkeit -- was ist das? Es gibt etwas über der Wirklichkeit. Das

ist seine Herrin. Das ist dieser Abend, der ihn zu ihr führt.

Schall ohne Sinn war ihm auch erst Pastor Waermanns hell aufstrebende

Predigt. Der wieder der Mittler seines geliebten Ernst Moritz Arndt war,

des deutschen Stimmführers aller Zeiten.

»Du mußt Gott bitten, daß er dir gebe einen stillen freundlichen und

festen Geist, daß du alle deine deutschen Brüder zu dir versammeln

magst.

Denn durch der Herzen Zwietracht ist das Unheil gekommen, und durch die

Torheit der Feigen plagen fremde Henker dich.

Und ihr sollet euch wieder brüderlich gesellen zueinander, alle, die ihr

Deutsche heißet und in deutscher Zunge redet, und den Trug bejammern,

der euch solange entzweit hat.

Und sollet in Einmütigkeit und Friedseligkeit erkennen, daß ihr einen

Gott habet, den alten treuen Gott, und daß ihr ein Vaterland habet, das

alte treue Deutschland.

Und sollet gedenken, wie ihr ein freies Land von euren Vätern empfangen

habet, und wie ihr euren Kindern und Kindeskindern die Freiheit

hinterlassen müßt!«

Das klang denn doch in Gisbert nach, das weckte in ihm schlummernde

Stimmen. Die Stimmen, die sein Dasein begleitet hatten, die seiner

Arbeit Melodie gewesen waren. Sie schlangen das Band zwischen ihm und

den Kameraden, den Freunden. Und er ruhte aus in diesen Harmonien.

Aber sie hielten ihn nicht, sie trugen ihn nicht, und er entschwebte

wieder in seine Welten. Und alles, die Siedlung, das Vaterland, die

Gefährten wie der Kirchgang, der Gottesdienst wurden ihm nur zu einer

alten Weise wehmütiger Erinnerungen.

Ein paar schrille Weckrufe: zwei Mädchenaugen hängten sich an ihn, von

so heller und scharfer fast heftiger Daseinskraft. So viel gesammeltes

Leben -- es brannte und stach. Den Traumfernen erreichte die fragende

Leidenschaft. Bleiben sollst Du und Rede mir stehen! Allein bist Du! Wo

hast Du den andern! Ich will ihn nicht! Aber, wo ist er? Das will ich

wissen! Und warum er Dich allein hat kommen lassen! Ich will ihn nicht!

Will nicht seine packende Hand, seinen dürstenden Mund! Aber, er soll

mich suchen! Suchen soll er mich, daß ich ihn abweisen kann, ihn von mir

stoßen! Was tut er's nicht!

Und Gisbert wußte es, dieses Mädchen, das nichts ist als Augen, nichts

als fordernde, starrende, bannende, naturkindliche Leidenschaft der

Augen, es konnte nur Vita sein, das Mädchen seines Kunz.

Jetzt war der Freund doch ganz nahe bei ihm. Von dem er ahnte, daß er um

das Mädchen litt. Helfen -- ihm, dem lieben, getreuen -- und auch ihr,

in deren Augen der sehnsüchtige Trotz einer Qual Fieber und Bitterkeit

wirkte.

Predigen -- von der Liebe predigen! Hier, wo der Ort dafür war! Von der

Liebe, die mehr ist als ein Gefühl. Von der Liebe, die die Wahrheit ist.

Die Wahrheit und die Freude, aus der jede Kreatur, aus der das All, die

Unendlichkeit ihr Leben hat.

Aber die Worte dafür -- immer ist das Wort mit seiner Erdenschwere

hinter ihm zurückgeblieben. Nun hat es ihn ganz verlassen. Das lichte

Schweigen ist um ihn.

Und mit dem Wort, das er nicht findet, versinkt ihm all das, was ihn

eben noch gerufen und bewegt hat. Ob er es halten möchte, es schwindet

ihm hin. Und wieder wie ein Traumwandler zieht er seine Straße, die zu

seiner Herrin ihn führt.

Das Auto, das ihm auf der Chaussee entgegenrast, der Staub, den es

emporwirbelt, die Hupentöne, die es ausstößt -- all das bleibt weit,

weit unter ihm.

Er weiß nichts von der Erde, er sieht auch den Himmel nicht, nicht seine

grüne Abendflut, die wie brennende, schmelzende Patina ist. Erst wie er

in Tildes Zimmer steht, wird er erlöst aus seiner blutleeren

Wesenlosigkeit.

Und wieder ist es ein Klagendes in ihren Augen, was ihn erdhaft macht.

Keine Wehmut und Weichheit, die nach Mitleid ausblickt. Eine Bitterkeit,

die sich immer mehr verhärtet, und die Härte als Hilfe braucht. Wie ein

Trotz ist es aufgestiegen aus der Tiefe dieser Augen. Die schwere Arbeit

der Tage, das Übermaß der Pflichten schmiedet ihres Wesens Metall.

Hilflos, wie verschüchtert sitzt wieder Gisbert vor ihr. Und wieder die

Frage über ihm: was kann ich Dir sein? Ich, der ich mich verblutet habe

-- ich weiß es selbst -- dem das Beste seiner Jugend, seiner jungen

Kraft zerronnen ist -- »Gedankenblässe«, das ist das Wort! Das ist der

Stempel, den ich trage. Ein Schatten, ein Schemen, schwebe ich vor Dir.

Und je tiefer sein feines Spüren in die Augen der Frau sich einsenkt --

lebt in ihnen nicht eine fast zornige Forderung an das Leben auf?

Über wirtschaftliche Dinge spricht die Herrin mit ihm, trocken,

geschäftlich. Dazwischen müde Pausen des Ausruhens und des Schweigens.

Sie plant noch ein paar Neubauten und hat Budgetsorgen. Er kann sie nur

anhören, kann nicht raten.

So einsam ist diese Frau. Der natürliche Gehilfe und Berater,

wahnbefangen, der Arbeit verloren, hält sich fern.

Zugleich mit ihm kommt ihr -- wie sind sie sich doch nahe -- der Gedanke

an den, der ihr fehlt. »Achim war eben im Auto hier -- nur auf eine

Minute. Er ist gleich zur Bahn gefahren. Er will nach Holland zu einem

internationalen Match.«

Die Worte reihen sich gleichmäßig auf, fast unbewegt von dem Schicksal,

das durch sie hindurchgeht. Und wieder ist das Schweigen um sie beide,

gut, heilend und treu. Dann sagt sie: »Kommen Sie, Gisbert. Ich möchte

noch ein wenig in den Park.«

Sie gehen hinein in den lichten Abend. Es ist die Johanniszeit, die

hellsten, längsten Tage herrschen, die Kraft der Sonne durchwebt die

Dämmerung, webt durch die Nacht hindurch dem Morgen entgegen und nimmt

sich selbst wieder in Empfang.

»Heut ist des Sommers heilige Nacht«, sagt Frau Tilde. Ihre Blicke ruhen

auf dem jungen Freund. Ist er nicht wie der Heilige dieser Helle? Er

selbst so durchsichtig, so unirdisch, so verklärt. Und wehklagend zieht

es durch sie hin: Armer, lieber Junge. So hast Du Dein Leben

hingeströmt! Und ist nicht wie Du ein großer Teil der deutschen Jugend

-- viele, die unter uns hinschweben, kaum etwas anderes als die Schatten

Erschlagener!

Die Johannisnacht beschäftigt ihn. Er spricht von den Sonnwendfeiern,

erzählt von einem sanften Brauch, den Frau Tilde nicht kennt -- sie weiß

nur von den Feuern und Flammentänzen dieser Nacht -- von dem Johannisbad

erzählt er, dem Blumenopfer, das man den Flüssen darbringt. Und gar

nicht bedeutungsschwer, mit einer leisen Fröhlichkeit fügt er hinzu: »In

dieser Nacht werden die Lose der Menschen geworfen.«

Sie haben den Park durchschritten. Da vor dem Tor ragt auf der kleinen

Anhöhe der mächtige Ahorn in den grünglasigen Abendhimmel. Hier auf der

runden Bank haben sie damals gesessen, in die Wolken geblickt und von

ihnen beide dasselbe vernommen. Und wieder lassen sie sich hier nieder.

Über die Felder gleiten die Blicke. In Tilde regt sich die Landfrau.

»Wie gut der Roggen steht!« Bis zu ihren Füßen zittert das grüne Meer in

dem Hauch, den die See landeinwärts sendet. »Was hätte Vater für eine

Freude daran gehabt!« Nun ist sie bei ihren Toten und in großer

Verlassenheit.

»Ach, lieber Junge!« sagt sie dann und streicht ihm übers Haar. Was ist

alles in ihren Augen, so viel Mütterliches, sorgend und schützend, und

wieder ein Frauliches, das zärtlich nach Hilfe ruft. Und er starrt in

diese wogende Tiefe.

Dann nimmt sie seinen Kopf in die Hände und küßt ihn auf die Stirn, und

küßt ihn auf den Mund. Schon hat sie sich erhoben und reicht ihm die

Hand. »Und jetzt Gut Nacht«, sagt sie einfach. Und weiter nichts.

Schreitet zum Park, tritt in das Tor und verschwindet unter den Bäumen.

Gisbert bleibt, bewegungslos. Alle Stimmen seines Lebens klingen

zusammen in dieses letzte Wort. All seine Schmerzen, seine Seligkeit,

seine Hoffnungen und Enttäuschungen, seine Taten und Leiden, sein

Träumen, seine Visionen, seines Wesens Beginn, seines Daseins Ausklang

--

Aber auf den Lippen -- da brennt es -- ein Feuer -- so wie eine

Todeswunde brennt -- schmerzlich und überschmerzlich, bestrahlt schon

von den ewigen Wonnen.

Ein Feuer, das bleibt und brennt. Davon das Blut ihm kocht und braust.

Das wenige Blut, das noch durch seine Adern flutet.

Ich sehne mich, sehne mich nach Dir! Mit allem, was an Kraft und Leben

in mir ist, sehne ich mich nach Dir.

Und Du -- jetzt wird alles, was in ihm Leben hat, Glut und Glanz eines

stolzen Glückes -- singt und schluchzt und jauchzt nicht in Dir dieselbe

Weise? Sind wir nicht wiedergeboren einer in des andern Herzen? Muß ich

nicht bei Dir sein und Du bei mir! Warum bist Du gegangen! Was läßt Du

mich allein!

Fliehst Du mich, daß ich Dich suchen soll? So fiebert es grell in ihm

auf. Und dann: oder lächelt sie über mich? Lächelt sie, daß ich so

weltenfern, so im Übersinnlichen meine Kreise ziehe!

Nun entsetzt er sich, daß er so in die Niederung gerät! Mit den Gedanken

an diese Frau. Und überwindet den Schreck und blickt mutig dem Leben ins

Gesicht, mit seinen Knabenaugen.

Den Wirbel sieht er, der Lachen mit Grauen mischt, den Wirbel um das

Mysterium Weib. Er flieht vor ihm -- und seine Gedanken werden immer

mehr hineingezogen in den Taumel.

Wenn dieser Tanz mich erlöst aus meiner Verlorenheit? Wenn ich gesund

werde -- ein gesundes, junges Blut? Und habe meine Geliebte, habe mein

Weib --

Eines andern Weib -- Untreue, Betrug -- das Grauen fällt über ihn her!

Was wird geschehen? Was wird sein!

Und es peitscht ihn das Entsetzen vor der öden, schalen

Geschlechtlichkeit -- die Verzweiflung, daß er das Bild seiner Herrin in

diesen Wust herabzieht. Das strahlende, heilige, beseligende Bild der

Gnade!

Wie hat er zu ihm gebetet, zu ihm aufgesungen: Du bist die Geliebte

meiner Seele. Nicht treibt es mich, mit den Blicken Dich zu fassen, das

Auge in Dein Auge zu legen, mit Deiner Stimme mein Ohr zu füllen, Deine

Finger mit der Hand zu umspannen. Nur wissen will ich Dich, nur wissen,

daß Du bist, nur das Glück fühlen, daß Du lebst! Rühren Worte an die

Herrlichkeit dieses Besitzes? Nicht einmal Gedanken!

Nun haben die Gedanken doch an sie gerührt -- das Begehren hat nach ihr

gegriffen, das gemeine Begehren.

Er ist fortgestürmt, hinein in die dämmernden Weiten. Der Dünensand

hemmt seinen Lauf. Nun steht er atemlos -- vor ihm schauert das Meer im

Hauch der Nacht.

Und dort im Osten aus dem Dunst über der Flut hebt sich der Mond,

dunkel, glühend, groß und tief. Drohend und schwül. Feindlich, grausam

und böse. Wie ein Schicksalsspruch, wie ein Gericht über Sünde und

Schuld, wie der Henker im Scharlachmantel.

Gesenkten Hauptes steht Gisbert. Er trägt den Leib wie eine Last. Dann

hebt er sich auf, die Sterne sucht er, noch sind sie bleich -- erst

allmählich entzünden sie ihre Kraft, ihre Hilfe, ihren Trost. Jetzt aber

haben sie die Macht ihrer Sprache. Und Gisbert liest die Verse des

Firmaments, die Dichtung des Himmels, die Hymne der Nacht, der Allmutter

Nacht. Und er ist daheim.

Der Nacht antwortet das Meer. Und alles klingt zusammen in dem großen

Sphärengesang: Güte und Freude ist alles -- alles geht aus von der

Freude -- alles geht ein in die Freude -- gut, gut ist das Leben, gut

ist das Ewige, ewig das Leben, ewig die Freude --

Der Mond ist emporgetaucht aus dem dumpfen blutigen Dunst -- alles Böse

hat er abgetan, er hat sein gutes helles Licht gewonnen. Ich bin die

Güte, ich bin ein Freund! Und eine Straße baut er über die andächtig

stille und ergebene Meerflut.

Gisbert ist am Strande. Zu seinem nächtlichen Bade entkleidet er sich.

Vor seine Füße wallt diese leuchtende Straße. Wohin führt sie? Wohin

will sie mich leiten? In das All und seine Freude --

Ja, Du strahlender, Du guter Weg -- Dir vertrau ich mich an. Du kennst

mein Ziel, Du offenbarst mir meine Bestimmung, meine Erfüllung und

Vollendung. Abtun will ich meine Schlacken -- der reinen Freude will ich

ins Antlitz sehen --

Er schwimmt -- schwimmt in der lichtgesättigten Flut -- in alle Poren

dringt der Glanz -- die Lungen leuchten -- das Herz ist voll Schein --

ein verzitterndes Lichtbeben sein Schlag --

Ein Lichtstrahl gleitet sein Leib durch die goldene Flut, hinein in die

Wellen des schimmernden Äthers -- hinein in das All -- in die gute große

freudige Heimat -- -- --

Die Männer standen vor der Baracke -- Horst, Dankwart und Kunz. Wie

Deutschland Deutschland verrät, das geht ihnen durchs Gemüt. Der Gendarm

hat erzählt, Ententeoffiziere wären in der Provinz auf Waffensuche

unterwegs. Sie hätten selbst erklärt, daß sie sich vor deutschen

Denunziationen nicht retten könnten. Der englische Hauptmann hätte

heftig dazu ausgespuckt.

Diese letzten Worte wollen Horst nicht aus dem Ohr. Immer hört er sie in

dem trockenen, schmerzlich heiseren Tonfall des Gendarms. Wo er geht und

steht, krächzen sie ihm nach.

Bei Kunz ist der Grimm schon weitergestürmt. »Wenn die Henker zu uns

kommen -- wenn sie bei uns schnüffeln -- wenn sie frech werden -- was

geschieht dann! Was tun wir dann!« Wild schlägt es in seinen Stirnadern.

Seine Fantasie schwelgt.

Horst ist allein in die Dünen gegangen. Wie soll man das alles ertragen.

Zu der Last, unter der man schon zusammenbricht -- immer mehr wird zu

ihr aufgepackt. Ich kann nicht -- kann nicht mehr! Und will auch nicht

mehr!

Gegen den Schmutz, die niederste Gemeinheit kämpfen, welch ein übler

Irrsinn! Der Schmutz läßt sich nicht besiegen, und man selbst -- nicht

nur, daß man unterliegt, besudelt unterliegt man! Und der Ekel würgt

einen ab.

Nach Norden blickt er. Dort auf der Landzunge steht das Haus, in dem

seine Freunde wohnen. Und blickt man weiter, in derselben Richtung,

hinter dem deutschen Meer liegt Nordland, liegt Schweden.

»Meine Gedanken wandern über die See,

Weiße Schwäne sind sie, leuchtend wie Schnee.«

Heraus aus dem Schmutz, dem Ekel, an dem ich vergehe! Ein anderes Land

öffnet mir die Arme, eine neue Heimat winkt mir -- keine neue, die alte,

die unserer Ahnen. Der klare Norden mit seinem Stolz, seiner Ehre,

seiner Sauberkeit, seiner gesunden Kraft. Aufrecht! Wieder einmal

aufrecht stehen und gehen! Liebe Menschen nehmen ihn dazu an die Hand.

Liebe Menschen -- und hier? Die Kameraden hier? Kunz, Dankwart -- hat

sich zwischen ihnen und ihm nicht eine Kluft befestigt? Längst ist er

ihnen nicht stur genug, nicht der Unbedingte, der Stürmer nicht, den sie

wollen. Mit halbem Herzen nur folgen sie ihm, der ihnen nicht als Ganzer

gilt. Sollte er ihnen nicht die Siedlung überlassen! Daß sie sie neu

bauten in ihrem Geiste! Ein Stoßtrupp hartdeutscher Gesinnung -- warum

nicht! Vielleicht das beste.

Denn der linke Flügel, die Mulitz und Metzling, fangen an, bedenklich zu

werden, weil ihre Macht ganz unverhältnismäßig anwächst. Durch meine

Schuld? Weil ich das Steuer nicht fest genug halte? Nicht mit der

sichern, gläubigen Hand, nicht unter dem klaren, unbeirrten, weiten

Blick?

Unleugbar, die Widersprüche, die Zerwürfnisse mehren sich. Droht dem

Werke der Zerfall -- weil ich ihn nicht hindere? Der ich meiner Arbeit

mich entfremde -- aus Überdruß an meinem Vaterland!

Entfremdet meiner Arbeit -- entfremdet den Kameraden -- und dem einen,

dem Jungen, dem Gisbert untreu, der wenn einer mich braucht! Um den

meine Sorge so viel gewacht, an den sie so oft dachte in diesen letzten

Tagen -- nur daß sie nicht zugriff, wie es sich gehörte.

Wie nötig hat der Junge den treuen, festen Freundesarm, Muskeln und

Knochen -- er, der sich ganz hinausgeistern will aus dieser körperlichen

Welt -- nun noch gesteigert, getragen, erhöht und zugleich gescheucht

und flüchtig von der Schwärmerei für diese Frau, die selbst hier keine

rechte Heimat hat. Bist Du nicht wie entleibt unter uns gewandelt? Wo

gibt es ein solches Sichlösen, Sichentäußern, Sichbefreien und

Sichbeseelen als in deutschen Herzen? Nennt es Kraft, weil es eine

Inbrunst, nennt es Unkraft, weil es ein Zerfließen ist. Und ist nicht

ein Stück Gisbert in uns allen?

Seine Augen schweifen über das Wasser. Jetzt nimmt die leuchtende Straße

seine Blicke an sich. Die Flut, vom Licht gebändigt, sanft und geduldig,

wie hingegeben trägt sie die goldene Brücke zum Mond.

Da hinten aber -- weit, weit dem Himmel nahe -- was ist es, was sich da

bewegt, in Wellen des Glanzes, in blitzenden Strahlen -- ein Dunkles,

das jetzt in dem Schimmern verzittert? Schon hat das Licht die Wasser

wieder geglättet -- war es ein mondtrunkener Delphin? Glatt gefügt

spannt sich wieder die leuchtende Brücke.

Und weiter nach dem nördlichen Vorsprung zieht es seine Blicke. Dort auf

der äußersten Spitze -- ist es ein Zauber dieser hellen Nacht -- eine

weiße Mädchengestalt --? -- Trug! Welches Menschenauge kann so weit

sehen --

Und doch! Was flammt denn zu Häupten dieser Gestalt! Und hebt sie selbst

in den Glanz? Nur eins gibt es auf Erden, was so leuchtet, Ingeborgs

Haar.

Ein Leuchtfeuer -- das nach Norden weist und ruft -- das Leuchtfeuer

seiner Zukunft --

Und doch ein Trugbild? Horst will wissen, ob diese kürzeste der Nächte,

die zauberkräftige, ihn narrt. Er schreitet die Dünen hinunter, am

Strande entlang, der Landzunge entgegen. Da sieht er ein Dunkles auf dem

weißen Sande -- Kleider -- eines Badenden -- im Wasser ist niemand zu

erblicken.

Es fährt ihm durchs Hirn -- das Körperliche, das vorhin da in dem

Mondstreif sich zeigte -- und sein zweiter Gedanke: Gisbert, der

Abendschwimmer --

Prüfend betrachtet er die Kleider -- ja, Gisbert gehören sie. Er späht

über die Flut, die der Nachtglanz ableuchtet -- da hinten ein Segel, ein

einziges Boot, ruhend in der Windstille, gespensterhaft -- sonst nichts,

nichts so weit das Auge greift. Das leidenschaftlich forschende, jetzt

erstarrende Auge. Und eisig schneidet es ihm durchs Hirn: Gisbert ist

von uns gegangen.

Helfen -- Hilfe holen -- wie sollen sie helfen, und wem! Wenn er es war,

der da hinten, am Horizont in dem Mondstreifen trieb, in die Lichtbahn

sich löste --! --

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 49 / 60 题