Und schon tritt ein Gendarm auf den Plan, Bitterkeit in dem hellen Auge,
Schwermut in dem hängenden Schnauzbart. Sein Auftrag kommt ihm selbst
hart genug an. Sein eigener Schmerz ist mehr als all die subalterne
Wichtigkeit.
Er macht vor Horst militärische Ehrenbezeugung. Befehl der Regierung.
Soll Herrn Hauptmann Oldefeld darauf hinweisen, daß die militärischen
Übungen mit den Gymnasiasten der Kreisstadt unliebsames Aufsehen erregt
haben und nicht zulässig seien. Soll darüber wachen, daß der heutige
Sonntag nicht wieder zu solchen »unerlaubten Veranstaltungen« benutzt
werde.
Jetzt also unter Polizeiaufsicht. Auf wessen Geheiß? Horst hat eine
Ahnung. »Wollen und können Sie mir sagen, wem wir hier »unliebsam«
geworden sind?«
Der Beamte besinnt sich eine Weile. Dann spricht er offen, ein
Gleichgesinnter, und seine Brauen ziehen sich zusammen. »Die
Ententekommission hat sich an die Regierung gewandt.« Jetzt stockt er,
und mühselig kommt es über die zusammengezogenen Lippen. »Bei den
Feinden ist von unserer eigenen Bevölkerung hier Anzeige eingelaufen.«
Die Männer sehen sich an, schmerzlich bohren sich ihre Augen ineinander.
Sie schweigen tief und lange. Dann sagt Horst gehalten: »Ihr Dienst ist
wahrhaftig nicht leicht. Ich will ihn Ihnen ganz gewiß nicht erschweren.
Es wird hier heute nichts Verbotenes geschehen. Darf ich Sie bitten, in
der Baracke unser Gast zu sein.«
Nun, da er mit Ingeborg allein ist, rüttelt der ganze Schmerz an ihm.
Dazu die tiefe Demütigung, daß sie, die Ausländerin, von diesem
unsäglichen deutschen Schandwerk hören mußte! Daß Deutsche bei den
Landesfeinden Deutsche denunzieren! Der Denunziant -- an sich schon der
größte Schuft im ganzen Land! Aber auf die eigenen Volksgenossen die
Fronvögte hetzen! Die eigenen Brüder den Folterknechten ans Messer
liefern!
Und gerade in dieser Stunde wird sie ihm erst recht wie ein Freund, und
in der Vertraulichkeit kommen ihm die schmerzensreichsten aller Worte:
»O Deutschland! Deutschland!«
Sie sieht, wie er leidet, sie greift mit der Hand nach seinem Arm. »Ich
kann Ihnen nicht sagen, wie nah mir das alles geht.«
»Ja -- manchmal ist es einem wirklich, als müßte man den Verstand
verlieren!«
Die Verzweiflung gräbt sich in seine zerspannten Züge, die Augen starren
leer und verlassen. Sie aber, von ihrem Mitgefühl durchflutet und
hilfreich beseelt, gewinnt ihn lieber und lieber. Und zärtlicher neigt
sie sich zu ihm hin.
Da gibt es ein Blühen in seinem Blut und ein Frohlocken in seinem
Herzen. Warum reiß ich sie nicht an mich, dieses liebreizendste aller
Geschöpfe -- als meinen Halt, meine Rettung, meine Genesung, meine
Kraft, meine Seligkeit!
Er fühlt es: wenn ich Dich nehme, gehörst Du mir! Und Du willst, daß ich
Dich nehmen soll.
Aber dann klingt in ihm der Ruf aus der dunklen Tiefe -- Deutschland, o
Deutschland! Und wie gegen eine Verführerin wendet er sich gegen das
junge, das herrliche Weib, die Fremde, mit der lockenden Ferne, die ihn
heimatlos, die ihn untreu machen will.
Ein weher Schreck durchfährt ihre Hand, von der er sich löst, und es
klagt auf in ihren Blicken. Da gibt er ihr ein liebes Wort. »Ich denke
so viel an den Platz unter Ihren Linden.«
»Er wartet auf Sie. Und nicht wahr -- Sie lassen ihn nicht warten!«
Der Vater tauchte in der Ferne auf. Die Jungen hatten sich inzwischen
zum Abmarsch aufgestellt. Sie wollten sich an einer langen
Strandwanderung, so gut es ging, schadlos halten.
Sie haben die Jungen mir und mich den Jungen verboten. Aber den Geist
bütteln sie doch nicht tot! Er raffte sich hoch, aber mühsam trug er den
Kopf auf gesteiftem Nacken.
Über die Goldberge zogen die Jungen. Sie sangen, dann auf der Höhe
verstummte das Marschlied. Dem Klang aus dem Grunde lauschten sie. Wohl
hatten sie ihn vernommen, denn machtvoller, sieghafter, zuversichtlicher
und stolzer rauschte jetzt ihr Gesang, da sie den jenseitigen Hang zur
See hinunterschritten.
Wir sind die Jungen -- die Herzen fliegen!
Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen!
Unter die Füße den tückischen Haß,
seine Ketten zerspringen wie Glas.
Unser Gebet, unser Feldgeschrei:
Frei sollst du sein!
Wir machen dich frei!
Ihr werdet den Zauber lösen, der in den Bergen schläft. Ihr werdet
Deutschlands Freiheit wiedersehen! Ob wir noch, die wir heute Männer
sind? Es ist so schwer, so bitter schwer von dem Gedanken sich zu
scheiden!
Ihr aber werdet sie nicht mehr sehen, ihr Grauen und Müden! Was ist das
für eine kleine mühselige Schar von Alten, Gebückten und Beladenen, die
da im Staub des Heidewegs zu den heiligen Höhen herangepilgert kommen?
Öfter schon haben einzelne Wallfahrer hier gekniet und gebetet, das
Wunder wach zu flehen, das hier unter den Hügeln ruht. Das Wunder der
Erlösung des armseligen deutschen Volkes. Heute finden sich wohl ein
Dutzend der Gläubigen ein. Männlein und Weiblein, alle so elend
verwittert, alle so gramvoll sehnsüchtig. Hilf uns doch, Du Retter, Du
Ritter, Du Schlafender! So bitter nötig haben wir Dein Erwachen!
Zum Liebhaben sie alle. Aber man darf sie nicht stören. Still müssen sie
mit mummelndem Munde ihre Formeln sprechen. Horst wendet sich ab und
zwingt an seinen Tränen. Deutschland -- mein Deutschland --!
Und jetzt war auch Herr Thorild bei Ingeborg und Horst. Der mußte sich
begnügen, den Gästen und Freunden die Siedlung zu zeigen. Er verschwieg
nicht die schwere wirtschaftliche Not, gegen die sie rangen. Aber sie
wollten und mußten durch! Und hier setzten seine willenshellen Augen
wieder die alten Lichter auf.
Eine Fülle von Anregungen gewann der Oberst aus seinen Eindrücken. Und
alles klang wieder aus in dem Wunsch und der Bitte: Sie müssen zu uns
kommen!
Wie eine Rührung wogte es durch Horst. Was haben diese Menschen an Dir?
Und wieder der Gedanke: So sind wir Deutschen doch nicht schlechthin im
Ausland die Verachteten, die Verfehmten. Nur unsere Würde sollen wir
wahren. Und Treue ist Würde! Treue auch zum Unglück! Ja, sein Unglück
lieben -- nur so wird man seiner Herr!
In solchem Selbstgefühl durfte er den Freunden frei die Hand reichen.
Ich empfange nicht bloß, ich gebe so gut wie Ihr.
Aber die Schatten blieben. Und schwerer und dunkler zogen sie. Es kam
für die Siedlung ein schwarzer Tag.