In Freundschaft aber löste dieser Abend allen Unmut und Unwillen.
Eine Flut von Licht empfing ihn, in dem einfachen hellen Landhaus mit
seinen strahlenden Birkenmöbeln. Alle Lampen brannten, auch die in den
unbenutzten Räumen. Das liebte Herr Thorild so. Wieder bei Horst so
etwas wie Zorn: nun ja, sie haben es und können es, denn sie haben die
Valuta.
Aber auch in diesen Menschen brannte alles Licht ihrer Herzlichkeit. Und
sein Mißtrauen, das dagegen aufflackerte, als ob hier zuviel Güte und
Mitleid wäre, war bald im Erlöschen.
Wie gut sprachen sie von Deutschland, wie gut verstanden sie deutsche
Art, das deutsche Leid, die deutsche Schuld, das bresthafte deutsche
Dasein.
Mehr als einmal schüttelte Oberst Thorild schwer den Kopf. »Daß Ihr aus
der Parteizerrissenheit nicht herauskommt, nicht aus Eurer
Selbstzerfleischung! Die Fremden peitschen Euch in Wut -- und Ihr geht
Euch selber an die Gurgel. Nicht leicht ist es, Euch zu begreifen. Kein
Land hat soviel Herz und Hirn -- kein Land, dank seiner Parteipolitik,
so viel herzlose Rechner und hirnwütige Verbrecher.«
Horst nickte dazu mit düsteren Augen.
»Euer großer Physiker hat mit dem von ihm gefundenen Gesetz das deutsche
Wesen auf die rechte Formel gebracht: innere Wärme entlädt sich in
äußere Bewegung. Vielleicht ist es Euer Fluch, daß Ihr zu viel innere
Wärme habt, daß die sich in zu viel äußere Bewegung umsetzt, die Euch so
heillos in Fetzen zerreißt. Das Stillhalten freilich ist nie unsere, der
Germanen Sache gewesen. Im Draufgehen waren wir groß und im Dulden klein
-- schon Tacitus hat es uns bezeugt.«
In diesem »uns« war ein Bekenntnis.
Und dann schloß er diese Gedankenreihe: »Im Ertragen von Leiden sind
Euch die Serben, die Franzosen und andere Völkerschaften nun schon
überlegen. Die Franzosen zumal, das femininste aller Mischvölker, das in
den Wehen sich schon eher zu Hause fühlt. So feminin sind Eure lieben
Nachbarn, daß sie es nicht einmal fertiggebracht haben, für >Mann< ein
Wort zu besitzen. Wo sie es nicht gut entbehren können, begnügen sie
sich stolz wie immer mit dem nichtssagenden, bedeutungslosen >Mensch<!«
So sprach Ivar Thorild, der Schwede. Und der Deutsche Horst Oldefeld
fühlte sich nicht veranlaßt, ihm zu widersprechen. So wenig, wie das
alte Lied von Hysterie und weibischer Grausamkeit nun noch besonders
anzustimmen.
»Daß Ihr jetzt, in der furchtbarsten Not, nicht zur Einigkeit gelangen
könnt!« hob der schwedische Oberst wieder an. »Wir sind auch hier mitten
in einer Schuldfrage. Denn es gibt auch eine Schuld nach dem Kriege. Und
bürdet sie nicht dem Feindesbund auf, der Euch vergewaltigt! Hättet Ihr
den Bund im eigenen Land, brauchtet Ihr Euch nicht knechten zu lassen.
All die Schändungen und Verbrechen -- »Sanktionen« heißt der erhabene
Name dafür -- ich sage nur Rheinland, Saargebiet, Oberschlesien -- die
große heilige Zornwelle eines gewaltig sich erhebenden einigen Volkes
hätte diesen Frevel hinweggespült! Aber, Ihr habt was Besseres zu tun,
Ihr müßt Euch untereinander begeifern, abwürgen und zu Boden schlagen.«
Wahrheit, alte, immer neue, nicht oft genug zu predigende Wahrheit!
»Und jetzt die andere, die viel berufene Schuldfrage. Die bekannte große
Schuldlüge. Hier beschränke ich mich nun nicht auf völkerpsychologische
Glossen. Hier kann ich mit freundschaftlich praktischer Arbeit
aufwarten. Ich bin nicht ganz unbeteiligt an der neutralen
unparteiischen Kommission zur Untersuchung der Kriegsursachen. Sie hat
demnächst an Herrn Poincaree einige Fragen zu richten, auf deren
Beantwortung oder -- Nichtbeantwortung wir gespannt sind. Daß die
deutsche Regierung nicht blankzieht, daß sie immer nur den Fälschern im
eigenen Lager das Wort läßt, das ist wieder etwas, was wir nun und
nimmer begreifen! Vielleicht ist dies das Unbegreiflichste von allem!
Herrgott« -- und nun spricht der ehrliche Zorn des Blutsverwandten, den
gemeinsame Sache bewegt -- »wollt Ihr denn das gemeinste und verlogenste
Unrecht von der Welt stillschweigend dulden! Die Ihr überhaupt nicht zum
Dulden erschaffen seid. Nicht dulden könnt! Und nicht dulden werdet!
Unrecht am letzten! So bodenlos verlogenes Unrecht am letzten!«
In diesen Worten brauste ein Kampf- und Kriegsruf. Horst stimmte ein mit
schmerzlich, freudig zuckendem Herzen. Von außen muß uns solches
verkündet werden. Nicht bloß Feinde hat Deutschland auf Erden! Und noch
mehr Freunde würden wir haben, wenn wir selbst noch mehr unsere Freunde
wären, unsere starken, gläubigen, wagemutigen Freunde!
Und weiter Herr Thorild: »Was laufen auf unserem Planeten für Geister
zweibeinig herum! Daß sie die hirnverbrannteste aller Faseleien sich
aufbinden lassen! Deutschland hat den Krieg vorbereitet. Nicht die
anderen Großmächte der Erde haben Deutschland eingekreist, nein,
Deutschland hat die Welt eingekreist -- Deutschland hat eingekreist! Ist
es nicht zum Radschlagen! Aber grandios einfach die Genialität der
politischen Scharlatane, die mit diesem beispiellosen schlechthin
blödsinnigen Schwindel Geschichte -- und ihre Geschäfte machen. Derselbe
unsägliche Schwindel, mit dem die edlen Franzosen jetzt nach dem Kriege
vor sich und der Welt als die Sieger, als die Sieger schlechthin
paradieren. Dieselbe Nation, die Ihr in ehrlichem Kampfe Volk gegen Volk
derartig zusammengedroschen hättet, daß nichts von ihr übriggeblieben
wäre -- nachdem sie in diesem schmachvollen Würgekrieg mit all den
andern Mächten als Spießgesellen Euch durch das Massengewicht
naturnotwendig erdrückt hat, o Glorie ohne Ende! -- diese Nation
entblödet sich nicht, als die Siegerin sich in die Brust zu werfen! Da
die andern soviel Schamgefühl besitzen, dieses Sieges sich nicht eben zu
rühmen, darf sie allein das Maul vollnehmen von victoire und gloire! Daß
selbst ihre Verbündeten für solche -- Bescheidenheit nur noch ein
Lächeln haben.«
Auf all die schmerzlichen Erschütterungen, die durch Horst hinbebten,
legte Ingeborg warm den vollen Glanz ihrer jungen lebensinnigen Augen.
Welche Heilkraft strömte von diesem blonden, leuchtenden Mädchentum aus.
Wie Genesung fühlte Horst es durch die wunden Nerven, durch die kranke
Seele rinnen. Was sagt Kunz, der Lebenskundige? Gesundheit steckt an.
Wann war Horst das Blut in so vollen, reichen, kräftigen, frisch
brausenden Wogen durch die Adern geflutet!
Die Männer sprachen dann über ihre kriegsgeschichtlichen Forschungen.
»Mein Material häuft sich bergehoch,« klagte Herr Thorild, »und ich
werde mit meiner Arbeit nicht fertig. Einen Kompagnon brauche ich. Ich
komme nicht einmal dazu, meine Bücherei zu ordnen --«
Hier rutschte Ingeborg auf ihrem Stuhl und machte ein längliches,
wundervoll schelmisch gescholtenes Gesicht.
»Denn mehr als je hat mich, sobald es Frühling wurde, mein Famulus im
Stich gelassen.«
»Vater -- nach dem langen Winter!«
»Dem Winter -- mit seinen Eissegelfahrten und seinem
Schlittschuhlaufen!« lächelnd nahm der Vater ihr Kinn.
Horst sah sie in der farbenjauchzenden dalekarnischen Landestracht mit
fliegenden Zöpfen über das Eis ihre Bogen schlagen! Welch ein Bild.
Er selbst war ein leidenschaftlicher und kunstvoller Eisläufer. Wieviel
blanke blitzende Kindheits- und Jugenderinnerungen zuckten durch ihn
hin. Wie fröhlich jung er wieder war! Was hatte er diesen beiden
Menschen zu danken!
Und jetzt schlug der Oberst schlankweg auf den Tisch. »Wie wär es, Herr
Oldefeld, wenn Sie hier einmal Atem holten. Wenn Sie sich einmal unser
Land ansähen, Ihrer Urväter Heimat. Und mein kleines Landgut, mein Haus,
meine Bücherei. Sie sollen auch kein müßiger Zuschauer sein. Ja, als
Lehrmeister brauche ich Sie! Ich sagte Ihnen, daß wir auch siedeln
wollen. Die Gedanken, die Sie mir entwickelt haben, und an denen Sie
hier arbeiten -- vorzüglich! Ich brauche Sie, Herr Oldefeld! Und wäre
Ihnen herzlich dankbar für Ihre Hilfe. Und Sie würden vielleicht neue
Kraft sammeln für Ihren schweren Dienst -- an ihrem Lande.«
Jetzt fiel auch Ingeborg ein, und wie klang ihrer Worte Melodie! »Sie
fahren mit uns, nicht wahr? Sie kommen in unsere schönste Zeit. Das
Summen unter unseren Sommerlinden sollen Sie erleben. Lindheim heißt
unser Gut. Nirgendwo auf der Welt gibt es solche Linden. Nur noch in der
Heldensage findet man ihresgleichen.«
Horst konnte nur leise, mit hochatmender Brust den Kopf schütteln zu so
herzbetörender Lockung. »Es soll ja noch heute nicht sein«, sagte er
tonlos, gehalten zwischen Wehmut und Sehnsucht, sich selbst zu leisem
Trost.
»In vierzehn Tagen bin ich hier fertig«, erklärte der Oberst.
»Nun inzwischen werden wir uns ja hoffentlich noch öfter sehen!« Horst
bat die beiden, doch einmal die Siedlung zu besuchen. Ob Sie nicht am
Sonntag kommen möchten? Dann wären auch seine jungen Freunde aus der
Stadt da. Kriegsspiele würde es geben. Die Schlacht bei Großgörschen
wäre an der Reihe.
»Ei der Tausend! Da kommen wir natürlich mit doppelter Freude.« --
Am Sonntag, da die Schüler nach Hohenmoor hinauszogen, trug nicht die
alte Freude ihre Schritte. Ihre Mienen und ihre Lieder waren voll Trotz.
Dr. Georg Stumps ehrliche Bulldoggenaugen waren blutunterlaufen, so
hatte er sich gebost. Auf den Stachelspitzen seiner Haare tanzten
Elmsfeuer. Das Provinzialschulkollegium hatte eine Verfügung erlassen
und dem gesinnungstüchtigen Direx des Gymnasiums die entschlossene
Direktive gegeben. Alle militärischen oder »den militärischen ähnlichen«
Übungen der Schüler waren streng verboten. Aber immerhin, Singen und
Turnen durften sie noch -- wie lange freilich, das weiß kein Mensch! Und
so mußte es draußen, am Fuße der Goldberge, vorläufig bei Turnspielen
bleiben.
Auch Horst ballt zu dem Ukas die Fäuste. Welch eine Beschämung vor den
schwedischen Gästen! In diesem Sklavenland -- wie soll man das Leben
weiter und auf die Dauer ertragen!
Mit einigen der Jungen, die technische Neigungen haben, ist Dankwart
angefreundet. Sie besuchen ihn in seiner Werkstatt. Über neue
Flugzeugprobleme belehrt er sie, zukunftsgläubig vor diesen jungen
Augen. Für die nächste Zeit schon verheißt er ihnen den Probeflug seines
neuen kleinen Modells.
Ingeborg kommt, zunächst ohne den Vater, der noch dem Moordorfer
Pfarrarchiv einen Besuch zu machen hat. Wie erfrischend diese nordische
Ungezwungenheit und Unbefangenheit, mit der sie unter all die Männer
tritt.
Kunz, der Wächter von Horstens Seele, gibt sich überwunden und gefangen.
Dankwart verschanzt sich, angstvoller noch und mißtrauischer als vor
Frau Tilde hinter dem Eisenwerk seiner Konstruktionen -- welch eine
Huldigung für die Frau! Und auch in Gisberts weltflüchtigen Augen lehnt
sich etwas an die warme, licht- und farbenprächtige Erdennähe.
Sie tritt Horst zur Seite, als gehöre sie zu ihm. Gleich fühlt sie, daß
eine neue Wunde ihn brennt. »Was ist?« fragt sie leise und vertraut.