In Gisberts und Kunzens Verschlag flatterten diese Nacht flügelschwere
Träume.
Kunz hatte von der Jagdstreife mit seiner Vita ein blutunterlaufenes
Auge nach Hause getragen.
Dies eine war ihm gleich das erstemal aufgegangen: mit seinem Mädchen
als Scharfschütz war es nichts und konnte es nichts werden. Schon auf
dem Scheibenstand hatten Auge und Hand versagt. »Die Pappe ist nichts
für mich!« war ihre Ausrede, und die grünen Augen gleißten, »jagdbares
Wild muß ich vor dem Lauf haben!«
Kunz nickte ihr zu, listig und anfeuernd. »Dann soll es aber auch gleich
einen Massenmord geben! Wir wollen uns die Kaninchen beibiegen, die da
oben in der Kiefernschonung wimmeln. Kommen Sie, Vita. Herrin über den
Tod.«
In ihrem Auge war Zorn. Scherzreden vertrug sie nicht, weil sie unsicher
war.
Durch Hochwald müssen sie, durch Eichen, Buchen, Edeltannen. Still
schmiegt sich das Sonnenlicht um die unbewegten Wipfel. Da, ein
Schaukeln in den Zweigen, ein Rauschen. Sie blicken auf. Vita sieht nur
die geschnellten Äste. »Holen Sie sich den!« ruft Kunz. Sie weiß noch
nicht, was er meint. Endlich, da sie seinem Finger folgt, gewahrt auch
sie das Eichhörnchen.
»Das soll ich schießen?«
»Natürlich.«
Sie nimmt die Büchsflinte an die Backe -- zielt -- schlägt an -- und
fehlt. Schnalzend hüpft das Tier weiter. Hohn sind diese Zungenlaute.
Die Jägerin stampft mit dem Fuß auf.
So neugierig still hat der Nager gesessen. Besser hätte es ihr gar nicht
werden können. Sie weiß es selbst, schielt nach Kunz, der sich nichts
merken läßt, und gerade so reizt er ihre Wut. Und sie spricht
Unbedachtes. »Es war ein Seelisches dabei.«
»So.«
»Ich hab die Eichkätzchen so gern.«
»Versteh ich. Obschon sie die mordgierigsten aller Waldräuber sind.«
»Gleichviel. Ich lieb sie. Und wenn es keine bestimmte Absicht war, daß
ich vorbeischoß -- eine innere Stimme sprach mit.«
»Nun, bei den Kaninchen wird keine innere Stimme mitsprechen.« Er sieht
todernst aus, feierlich. Und Vita haßt ihn.
Sie nähern sich dem Kiefernbestand, den sandigen Anhöhen. Da hoppeln
schon ein paar von den »gottvergessenen Grauen« über die Schneise. Vom
Wege her, der die Schonung umsäumt, leuchten die Goldtupfen der
blühenden Ginstersträuche ihnen zu.
»Da setzen wir uns hin«, sagt Kunz. »Dann haben wir eine ganze Kolonie
dieses fidelen Gesindels vor uns.« Und sie kauern sich unter die
Blütenpracht. Was ist Kunz das Jagen? Vita aber will töten. Und die
Kreatur des Waldes läßt es an sich nicht fehlen.
Eine unterirdische Stadt der wühlenden Kobolde liegt ihnen gegenüber.
Bei dem sonnigen Wetter sind viele vor den Toren, äsen, springen,
spielen, punktieren mit den weißen Schwanzlichtern fröhlich den
Waldesdämmer. Kunz lädt das Gewehr. »Jetzt wollen wir also Verhängnis
sein.«
Diese dummen hohen Worte in der absichtlichen Tonlosigkeit -- weiß er
nicht, wie sehr die sie stören, wie unsicher die sie machen! Ist das
noch Freundschaft!
Trotzig reißt sie die Flinte an sich, schießt -- und macht wieder, mit
all den Schrotkörnern, nur Löcher in die Luft. Die Tiere hat die gute
Mutter Erde eingeschluckt.
Wie ein Lämmerschwanz schlägt ihr das kleine Herz. So heftig böse ist
sie, zerbeißt sich die verschluckten Tränen im Munde und zischt sie von
sich.
Kunz aber, der verkehrt Trostreiche, spricht: »Das war nun erstmal die
Warnung! So sind wir, denn blindes Schicksal sind wir nicht. Nun soll
aber den Ersten, den Frechsten, der sich wieder zeigt, das verdiente Los
treffen.«
Wieder steckt er die Patrone in den Lauf. Sie lehnt in dem Ginstergold.
Was da irisiert in ihren Augen -- ist nicht ein Schmerz dabei, eine
Klage, ein Zagen, ein Bedürftiges, eine Demut? Aber hastig greift sie
nach der geladenen Waffe, wie nach ihrem Recht, ihrer Rechtfertigung,
ihrem Ausweis. Diesmal muß es gelingen!
Sie liegen auf der Lauer. Noch sind die Viecher vergrämt. Hier und da
lugen ein paar scheue runde Augen aus den Erdröhren.
Da -- ein Neugierling hebt den Kopf zum Bau heraus -- dreht ihn und lugt
-- hebt ihn weiter -- die Vorderfüße kommen nach -- nun steht der
Bursche auf vier Beinen -- blickt sich noch einmal um und putzt sich
dann sorglos die Nase.