Er bleibt sitzen, ganz erstaunte Frage. Macht seine Männchen zu Ende --
Vita hört die Bestie kichern -- und flitzt dann erst wieder in sein
Erdloch.
Nun ist es mit der Jägerin aus und vorbei. Sie hat sich ins Gras
geworfen, drückt das Gesicht in die Halme, und nur die trommelnden Beine
führen eine beredte Sprache ihrer Herzensnot.
Hier ist jetzt der redliche Trost am Platz. Kunz redet ihr zu. »Liebe
kleine Vita -- das Schießen fordert nun einmal eine gewisse plumpe
Begabung -- wie das Bauchreden und das Mitdenohrenwackeln. Wer dies
nicht kann oder das nicht kann -- braucht der sich der Verzweiflung zu
ergeben?«
Und nun erzählt er und lügt er ihr vor aus dem Schatz seiner Unbildung.
»Wissen Sie, daß Lykurgos, der große spartanische Kriegsheld, dem Titus
Livius zufolge im Bogenschießen als Junge das Mitleid aller seiner
Mitschüler in der Arena erregte? Karl der Große war auf der Jagd ein
höchst mäßiger Speerwerfer, während Karl der Dicke nie ein Wild fehlte.
Wenn Prinz Eugen eine Reiterpistole zur Hand nahm, duckte sich nicht
bloß seine Umgebung, meilenweit in der Runde alle österreichischen
Regimenter duckten sich. Und der alte Zieten kniff beim Zielen immer das
verkehrte Auge zu.« Aber viel hilft das alles nicht, Vita bleibt
verstockt in ihrem Schmerz, fühlt sich immer mehr gekränkt, je mehr er
sie tröstet, und schließlich durch ihn gekränkt, den Tröster, der auch
ihr Lehrmeister gewesen. Ein schöner Lehrmeister! An ihm liegt die
Schuld!
Und alles, was so in dem Köpfchen herumtanzt an Wirbel und Wolken, das
schlägt sich dann nieder. Sie starrt in die Weite, sucht irgendeine
Zuflucht, sehnsüchtig vertieft sich das Grün der Augen zu tiefstem
Smaragd, und Perlen leuchten auf seinem Grunde, richtige Tränen.
Dies ist die Stunde, von Schönheit gesegnet, die letzte ihrer lieben
lächerlichen Kinderschmerzen -- jetzt wird in ihr das Magedin geboren!
Von jetzt an wird sie mein Mädchen sein.
Und Kunz zieht sich näher zu ihr hinan. Seine Hand nimmt innig ihre
spitze Knabenschulter. Steil setzt sie sich hin, zur Abwehr und Gewähr.
Kunz aber fackelt jetzt nicht lange. Ihren Nacken umschlingt er, ihren
Kopf, ihre Lippen beugt er sich zu.
Da aber -- ein Schreck, glückhaft und furchtbar in seiner Seligkeit --
und dann ist alles phosphoreszierende Wildheit und fauchendes Ungestüm.
Sie greift das Gewehr mit beiden Händen, hält es breit ihm entgegen,
Schlagbaum, trennende Grenze soll es sein -- er achtet den
Trennungsstrich nicht und dringt siegreich lachend auf sie ein -- da
stößt sie blindlings den schweren Stab zwischen den beiden Fäusten ihm
entgegen, hart trifft das Schloß das Stirnbein über dem Auge -- die
Funken sprühen ihm -- unwillkürlich zuckt er zurück -- da springt sie
auf und rennt von ihm -- kehrt halbwegs wieder um, zu sehen, was sie ihm
getan -- und will ihm helfen und kann es nicht -- und stürzt in hohen
Sprüngen waldeinwärts.
Und Kunz -- Kunz ist vor den Kopf geschlagen. Dann verfällt er in
schweres Sinnen. Ich dachte, es wäre soweit. Und nun war es zu früh. Und
was ich jetzt angerichtet habe! War ich ein Unhold gegen pastorale
Sitten? Er faßt sich an den Kopf.
O du Penthesilea
Mein Aug tut immer weha.
Wie hab ich von holdseligem Liebesleben geträumt! Aber für ein
Liebesleben mit Dir muß man erst einen Kursus bei Achim, dem
Knochenkrachim, nehmen.
Was wird nun werden? »Mädchenseelen sind von Kristall!« Er hört es in
der Trompetenstimme seiner nunmehr antiker Form sich nähernden
jungfräulichen Tante Olga, die es ganz gewiß wissen mußte. Hat er hier
etwas zerschlagen und zersplittert?
Was wird nun werden? Und der nackenfeste Kunz schleicht doch jetzt etwas
geduckt nach Hause.
O Kater Kunz, was hat Dein Kätzchen Dich gestriegelt! Und seine Träume
sind voll Krallen.