Gisbert war auf dem Wege nach Moorhof zu Frau Tilde. Er hatte heute
wieder schwer gearbeitet, bei dem Neubau des Hauses. Seine Frauenhände
waren voller Schwielen, aber sein Sinn wurde nicht hart, nicht so, wie
Kunz es wollte.
Auf Tildes Schultern lag die ganze Last zweier Gutswirtschaften. Mit dem
Morgengrauen war sie auf den Beinen und des Abends rechtschaffen müde.
Manch stille Stunde saßen die beiden Menschen zusammen und ruhten
ineinander aus. Sie waren sich so nahe und vertraut, daß in ihrem
Schweigen die tiefsten Harmonien klangen.
Heute traf Gisbert eine Gutsnachbarin bei ihr, die umfangreichste Dame
des Umkreises, seelisch angefüllt von Viehpreisen und Fragen der
Milchwirtschaft. Zum Glück war sie im Begriff zu gehen.
Als sie hinausgewuchtet war, sann Frau Tilde der Masse nach, schüttelte
den Kopf und sprach still vor sich hin: »Das Goethewort: Materie nie
ohne Geist!« Das war scherzhaft milde gemeint, und doch horchte Gisbert
auf. Denn zum ersten Mal fand er so etwas wie Bitterkeit und Schärfe in
Wort und Wesen der vergötterten Frau. Und seine Knabenaugen starrten
ratlos auf die leise Unruhe, in der sie bebte.
Immer nur hatte sein eigenes Glück ihm geschienen, immer hatte er in
dessen Widerschein die Herrin gesehen. Immer war das Gefühl der
Gemeinsamkeit über ihm -- was er selbst empfand, ließ er auch sie
empfinden. Wollte der Dienende sein, und ließ nur sein Eigenleben
leuchten. Hatte er je den feinen Schattierungen ihres Fühlens
nachgespürt? Wieviel an Schicksal trug doch diese Frau.
Und nun -- an einer leisen Regung bei ihr -- ward es ihm bewußt, wie
sehr ihr Leben Mangel litt, und er mußte sich fragen: was habe ich, ich
ihr zu geben? Was kann die Blässe meines Gedankentums ihr sein?
Vor dieser Frage aber erschrak er tief. In seine junge Ahnungslosigkeit
griff das Grauen: werde ich sie halten können, muß ich sie nicht
verlieren? Sie halten? Wer war er! Hatte er ein Recht auf sie? Ihr
Knecht war er, ihr treuer Fridolin, in Stücke ließ er sich für sie
zerhauen. Und wenn der Geistesflug in gleiche Bahnen sie führte, blieb
er nicht auch hier nur als Knappe ihr zur Seite?
Unbarmherzig sah er das Leben, strich die Schwärmerei aus Augen und
Sinnen und packte die harte Wirklichkeit an.
Was ist das Los dieser reichsten, herrlichsten, innigsten der Frauen?
Mit einem gemütskranken Mann muß sie das Leben teilen. Und lag nicht das
Unglück auf all ihren Wegen? Sind nicht alle von ihr gegangen? Um die
ihre Liebe sich schlang?
Wo ist die Hand, die in ein neues Dasein sie reißt! Die kraftvolle
Männerhand, die sie erlöst! Ins Glück sie erlöst! Nur so, nur so kann
ihr Leben sich erfüllen! Und schonungslos betrachtete er sich selbst,
wie wenig er selber hatte von kraftvoller Hand, von einem Erfüller und
Vollender.
Dann wieder regte es sich gläubig in seinem jungen Herzen. Bin ich nicht
noch im Werden, im Wachsen! Und wie kann ich wachsen, gerade am Wesen
dieser Frau! Und eben in diesem jungen Herzen sprühten jetzt die Funken:
wie schön ist sie! Und die Flammen erschreckten ihn, er mußte sie
zerdrücken und austilgen mit allen Kräften seiner Seele.
Es war eine Rettung, daß Frau Tilde von ihrer fleischigen Nachbarin zu
reden anfing. Die hätte, über ihre Buttermaschinen hinaus, ihr die
Einladung zu einer spiritistischen Sitzung gebracht. Nun lachte Gisbert
hell auf. Frau Tilde, aus den Höhen und Weihen ihrer spirituellen
Einsamkeit, der allein sich das Übersinnliche auftun konnte,
hineinversetzt in die beklagenswerte Runde tischrückender Sekten!
Beklagenswert -- das war der Grundton in Tildes Betrachtung. Diese armen
Menschen! Und dieser armen Menschen arme Geister! Die auf Tischbeinen
einherspazieren und die übelsten Trivialitäten den verzückten Gläubigen
in die offenen Münder fliegen lassen.
Wer nicht den innersten Trieb hat mit seinen Geistern allein zu sein,
wer ein Gesellschaftsspiel mit ihnen vollführt, wer sie sich erst durch
die Hirne anderer, ob krankhaft ob nicht, hindurchfiltrieren lassen muß,
wie unsagbar traurig sieht es in solchen Seelen aus!
Mir allein gehören meine Geister, zu mir allein sprechen sie, nie werden
sie die anderen vernehmen lassen, was uns verbindet. Nicht nur meine
Träume, die nur meine sind, führen sie zu mir, nicht nur die Andacht
meiner Nächte, auch die dürstende, »an der Sphäre saugende« Sehnsucht
meiner wachen Stunden. Und sie kommen zu mir, im Waldesschatten, im
Quellengemurmel, aus den Sonnenkreisen des Buchengrundes steigen sie
auf, von den lichtumsäumten Wolkenbildern schweben sie zu mir nieder.
Und sie sprechen zu mir, nur zu mir, denn nur ich verstehe ihre Sprache.
Und ich weiß, daß sie sind -- so wahr ich bin und so wahr ich sein werde
wie sie.
Nun aber, nach diesem milden Bedauern, stieg ein ehrlicher Zorn auf.
Mein Mitleid allen dumpfen Gehirnen, die nur im Dunst des Herdentums
ihre Regungen haben! Duldung auch den gutgläubigen Priestern und
Hohenpriestern dieses für mich armseligsten und schwachsinnigsten aller
Kulte. Was aber soll man zu den Ausbeutern sagen, die sich hier eine
Macht und eine Industrie aus geistig Bedürftigen bereiten! Gewiß, trübe
Neurastheniker zum Teil, die sich suggerieren, sie glauben das, was sie
die andern glauben machen wollen. Die vielen aber unsaubere Scharlatane
von Beruf, die mit Bewußtsein die Seelen und Börsen in ihre schmierigen
Erpresserhände nehmen und froh sind, sich ins Unkontrollierbare gerettet
zu haben.
So Frau Tilde. Nie hatte Gisbert solch harte Worte von ihr gehört. Waren
es eigene Erlebnisse, die so steil und spitz sie aufrichteten? Und
wieder, an ihrem Zorn wie vorhin an ihrer Bitterkeit, empfand er etwas
von der Lücke, die durch ihr Leben ging.
Er hatte, wenn er sie nicht bei der Arbeit sah, sie versenkt gefunden in
ihre gläubige Güte, erhoben in ein abgeklärtes Schauen. Jetzt, wo die
Erregung sie durchpulste und in ihren Augen Feuer zuckten, floß es heiß
durch ihn selber hin und seine Sinne loderten. Wieder die singenden
Flammen!
Und wie er heimwärts schritt, sang das Feuer in ihm weiter. Und über ihm
immer die eine Frage. Meine Herrin darbt und ist in Not. Sie friert in
ihrer Höhe. Läutet nicht irdisches Sehnen auch in ihrem jungen Herzen?
Was kann ich ihr sein? Was kann ich ihr geben?
Dann wies er diese Frage, diese rohe Frage von sich. Die alles in das
Elend der werbenden Sinne zog. Und er hob sich empor auf den Schwingen
seiner alten selig reinen Liebesweise.
Ich lebe in dem Gedanken, daß Du bist. Ich atme die Gewißheit Deiner
Nähe. Meine Träume flüstern Deinen Namen -- beseelt ist mein Dasein von
Deinem Wesen -- --
Aber das Lied verklang im Entstehen, seine Melodien starben hin, seine
Macht ging unter in dem Rauschen des Blutes.