Und nicht mehr rollten die Bilder an ihm vorüber, wie Szenen eines
Schauspiels, das ihm als Zuschauer den Atem versetzte -- die
Wirklichkeit riß ihn aus dem Rausch der Todesnähe, das Leben, sein Leben
packte ihn an -- ein Teil von seinem Leben war ihr Tod. Ein Teil von ihm
war mit ihr gestorben.
»Lona« -- er umspannte ihre kalten, welken Finger. Vor ein paar Stunden
hatte er sie noch gehalten -- wie pulsten sie in seiner Hand, wie pochte
ihr Blut an das seine! Jetzt ist der große Abgrund zwischen uns, über
den nur die Todesfittiche tragen. Und Du bist auf der geistigen Seite.
Du blasse Lona -- nicht mehr das schöne, böse Raubtier -- o nein -- ein
schöner, guter, verklärter Geist -- nicht mehr ans Irdische gefesselt,
nicht mehr dem Körper verhaftet, jetzt hast Du Dir das Jenseits erobert,
das Dich so quälte. Jetzt sind die Schleier gefallen, die Geheimnisse
enthüllt -- jetzt siehst Du den Sinn der Welt. Des Lebens! Des Lebens
vor dem Leben. Des Lebens nach dem Sterben.
Und hat das alles seinen Sinn -- was ist sinnvoll anders als gut? Der
gute Sinn, der große gute Sinn des Lebens, der große gute Sinn der Welt.
Kann der Tod ihn uns verdunkeln? Führt er nicht gerade, was in uns, den
Überlebenden, stark und echt und treu ist an Liebe und Kraft, an Fühlen,
Denken und Wollen, empor zu der Höhe eines Gelöbnisses!
Sich treu bleiben! Seinem Fühlen und Willen treu bleiben! In seinem
Fühlen und Willen sich klären! In seinem Fühlen und Willen sich
vollenden!
Wieviele Kameraden hat Horst begraben! Vor jedem Toten hat er so
gestanden, gehoben, gesteigert, beflügelt in seinem Wesen, gefestigt in
einem Schwur. So strömt uns neue Kraft zu von unseren Toten. So sind die
für uns gestorben, die uns lieb waren.
So bist auch Du für mich gestorben, Lona. Die Du mir feind warst, die
ich Dich lieb gewonnen. Tränen schauerten durch ihn hin. Da machte er
sich hart.
Sich treu bleiben, seinem Fühlen, seinem Willen treu bleiben. Und so in
die Höhe wachsen, aus sich, in sich, zu sich selbst empor! Er stand
aufrecht und frei, von seiner Andacht geweiht.
Kunz kam herein. Er berichtete, der Verletzte wäre zu sich gekommen,
finge an zu toben, wollte nicht länger bleiben.
Horst ging zu ihm. Er lag, den Oberkörper aufgerichtet, die Hände
krampfhaft aufgestemmt -- das wirre Haar hing ihm in irre Augen -- »ich
laß mich nicht einsperren -- schlagt mich tot -- ich laß mich nicht
quälen --!«
Jeder sah, daß an ein Fortschaffen nicht zu denken war. Auch der Mulatte
schüttelte den kugelrunden Kopf.
Horst sprach ruhig auf ihn ein. »Sie sind krank und hilfsbedürftig --
wer wird Ihnen was zuleide tun! Sie werden hier gesund gepflegt. Wenn
Sie sich ruhig verhalten, können Sie vielleicht morgen schon nach
Hause.«
Ruhiger wurde er, von den Worten, von dem Stimmklang. Aber in den Augen
ging es noch weiter um. Dann sah und erkannte er den Genossen. »Was tust
Du hier? Bist Du auch gefangen -- schämst Dich nicht -- kannst rumlaufen
-- ich -- den schweren Kopf -- den -- schweren -- Kopf --«
Jetzt sank er zurück, zuckte noch, und dann kam der Schlaf über ihn.
In der Baracke ging man zur Ruhe. Ein guter Teil der Nacht war vorüber.
Horst mit zwei Kameraden hatte die Wache bis zur Frühe übernommen. Die
beiden machten es sich im Eingang bequem. Er, im Mantel, setzte sich auf
die Bank vor der Tür und wartete den Morgen entgegen.
Müde gingen seine Gedanken ein in die große Sternenstille. Müde und
demütig. Ihr Sterne, ich kann Euch nicht einmal zählen. Wie soll ich
Euch begreifen? Funken der Ewigkeit ihr --! --
Mein Erdenschicksal -- ein Staubkorn nur dieser kleinen Erde und mir so
wichtig und schwer --
Und doch -- ich bin nicht verloren -- ich bin in der Unendlichkeit --
und darum die Unendlichkeit ist in mir -- in mir das Ewige -- den Stolz
des Lebens, ich darf ihn fühlen. So darf ich in die unermessene Höhe
sehen, ohne zu verzagen. Darf an ihr wachsen, in sie wachsen, denn sie
ist mein.
Im Osten zog sich ein fahler Streif, an dem die Sterne verblaßten. Der
Morgen rieb sich die Augen. Vom Westen her, wo das nächtige Dunkel noch
fest lag, schob sich langsam eine mächtige Gestalt. Ein dumpfes Murmeln,
gebändigt und doch ein Donnerrollen, verkündete ihr Nahen. Nur einer
konnte so brummen -- und jetzt kam er in Sicht -- Horst stand auf, ihn
zu empfangen. Lud Uhlenbrook war es.
Konnte er wissen, was geschehen war? Zog ihn nur dunkle Ahnung her? Es
war Ungewißheit, was ihn quälte. Froh packte er Horstens Hand. »Was hab
ich bloß zurecht geträumt -- von Schlacht und Schießerei. Hin und her
hat es mich gewälzt. Gut, daß ich Sie finde!«
Nun stutzte er über des Freundes Haltung. Der sagte dann still: »Sie
haben nicht geträumt.«
»Und ist was passiert?«
»Ja.« Dies eine Wort, so schwer von dem Geschehenen, öffnete ihm den
Blick.
»Was mit Lona?«
»Wir haben sie hier.«
Der alte Mann sank vornüber -- seine gewaltigen Hände jappten hilflos
wie zwei Riesenfischköpfe auf Land. Dann trottete er ächzend ins Haus.
Horst ihm nach führte ihn in die Halle. Der Morgendämmer zeigte ihm die
Tote.
Lud Uhlenbrook stöhnte auf, einmal -- dann summte es in ihm, so wie der
Wind in hohen Drahtleitungen summt -- dann ward er selbst totenstill.
Und jetzt, mit einer urlangsamen Selbstverständlichkeit nahm er die Tote
wie eine Puppe auf den Arm. Nichts Wildes war dabei, nichts Wirres. Nur
die große Sicherheit seines Tuns.
Wortlos trug er sie hinaus. Trug sie über die Heide. Fahl und wie
klagend zog der Morgenschein hinter ihm her -- den übermenschlichen,
gespenstigen Leichenträger.
In Horst lehnte es sich auf. Mein Eigen -- ich laß es mir nicht nehmen!
Ihm nachstürzen will er -- und erschrickt vor seiner Jachheit. Soll ich
ihn niederwerfen -- ihn mit der Toten! Soll ich um sie mich balgen mit
dem alten Mann!
Wallt er nicht dahin, so wie die Notwendigkeit schreitet! An die sich
nicht rühren läßt --! Und ist hier nicht Liebe am Werk? So wollen wir in
der Gemeinschaft bleiben, wir drei.
Recht ist ja, was Du fühlst und tust! Nicht in die Baracke gehört sie,
die ihr verhaßt und die ihr feindlich gesinnt war -- in Dein stilles
Haus, das ihr eine Heimat gewesen. Da soll sie aufgebahrt werden. Da
wollen wir ihr die Totenfeier rüsten. --
An diesem Tage erholte sich der Betäubte so weit, daß er das Siedlerhaus
verlassen konnte. Es war der Leiter des Überfalles selbst, der
Werkführer Stahlboom.
Die Siedler hatten den ganzen Tag hart gearbeitet, auf dem Felde, in der
Ziegelei, auf dem Moor. Gedenkreden auf den gestrigen Tag hatte das
Schaffen befeuert. Man erzählte sich, daß die Angreifer mehrere
Verwundete heimgeschleppt hätten. Das eine Maschinengewehr gegen den
Abhang hatte nun doch nicht hoch genug gehalten. Wer hat auch in solchen
Augenblicken Nerv und Hand so in der Gewalt? Der Tod hatte nur das eine
Opfer sich geholt -- die Frau -- Lona.
Mehr als ein Auge suchte Horst wieder auf. Der war am Werk wie nur je,
selbst der Fleißigste und Härteste. Daß sein Gesicht blaß war, daß die
gerade Falte zwischen den Brauen sich tiefer prägte -- wer von ihnen
trug nicht an dieser Nacht! Und enger waren sie aneinander gerückt,
dichter war die Reihe geschlossen, Kameradschaft war Trumpf.
Wie sie Feierabend gemacht hatten, trafen sie den Pflegling bei
Gehversuchen vor der Tür. Als der Anführer wußte er, was er sich
schuldig war. Er wartete auf Horst, trat ihm in guter Haltung festen
Auges entgegen und sagte klar: »Ich danke für Pflege und Quartier. Mein
Wunsch ist, einmal -- Gleiches mit Gleichem zu vergelten.«
Es war nichts Verstecktes darin, kein lauernder Hohn, es hatte seine
offene Bedeutung. Und Horst gefiel diese Art. Saubere, ehrliche
Feindschaft! Damit ließ sich etwas anfangen. Darauf ließ sich sogar
aufbauen. Nur das Heimtückische zerrüttet.