Feier

Und jetzt kam für die Siedler ein großer, freudenvoller Tag. Der

Grundstein zum ersten Siedlungshaus wurde gelegt. Findlingsblöcke sein

Fundament.

Es gab eine stille Feier, zu der Frau Tilde, Pastor Waermann und Vita

sich einfanden. Horst sprach: »Auf Steinen wirst Du errichtet, Du unser

erstes Haus, die der Norden uns zugeführt hat. Der Norden, die große

Heimat der deutschen Stämme. Der harte, helle Norden, der noch heut die

deutsche Art am treuesten hegt. Wo die Männer von je frei, stolz und

ungebeugt den Nacken hielten. Keine Knechtschaft duldet der

Nordlandschein. Reden sollt ihr, ihr Steine! Zeugen sollt ihr uns sein,

Eidhelfer! Ein deutsches Haus sollt ihr tragen! Deutsche freie Männer

sollen in ihm wohnen!«

Pastor Waermann sagte seinen Spruch: »Auf diesem Fels wollen wir eine

Kirche bauen! Eine deutsche Kirche! Jede Andacht, jedes Gebet in ihr,

jeder Gedanke, jeder Wille in ihr: die deutsche Freiheit!«

Und Frau Tilde weihte das Haus: Ȇber dem Altar der Spruch der

Gemeinsamen: Ich lebe in Dir -- Du lebst in mir!«

Vita aber flammte empor: »Der Altar dieser Kirche soll ein Amboß sein!

Schwerter zu schmieden!« Ihre Katzenaugen sprühten von funkelndem

Phosphor, die Worte sprangen und splitterten in ihrer mutierenden

Knabenstimme. Alle freuten sich ihres Überschwanges, der so kindlich war

und doch aus schmerzlicher Tiefe loderte.

Die Maiensonne meinte es gut. Sie saßen zu einem kleinen Imbiß vor der

Baracke im Freien nieder. Von dem Kampf sprachen sie, von Lonas Tod. Ein

Schweigen ehrte die Heimgerufene. Keine Frage rührte an Horstens

Versunkenheit. Jetzt gab Pastor Waermann zu bedenken: dieser Waffengang

werde weithin alle Geister beschäftigen. Wollte die Siedlung ihre

Maschinengewehre retten, müßte sie sie verstecken.

Kunz stimmte lebhaft zu. Er wußte die Plätze dafür -- zwischen den

Steinplatten der Hünengräber, die wieder zugeschüttet würden -- in der

Gruft bei Herrn von Borkhus, unter seinem Sarge.

Horst lehnte ab. »Wir verstecken die Waffen nicht.« Die Linie zwischen

den Brauen gab Zeugnis.

Dankwart und Kunz schüttelten den Kopf. War Lonas Tod ein Gewinn?

Dann ließ es Frau Tilde sich nicht nehmen, in die Stallungen einen Blick

zu tun. Gisbert, der hier Zuständige, übernahm die Führung.

Ein braunweißes Kalb hatten sie, das war ihr Stolz. Ihre beiden

Milchschafe, erlesener friesischer Rasse, hatten je zwei Lämmer

geworfen. Zehn Küken purzeln und trippeln und schießen herbei nach den

Lockrufen der Mutter Henne. Zwei andere Hennen noch brüten in den

Körben, feierlich in der gewölbten Ruhe ihres heißen, breit gefalteten

Gefieders, heizend und erhitzt, böse die Augen gegen die Welt, von

Halbschlaf benommen, versunken in das eigene geheimnisvolle Werk,

scharlachrot von der Inbrunst des Schaffens der Kopf, der klein geworden

ist gegen den machtvollen, lebenspendenden Leib.

Frau Tilde sieht alles, prüft alles und ist zufrieden. Glücklich macht

Gisbert die Anerkennung. »Bienenstände müssen Sie noch haben, die

gehören zu Ihrem Heideland.«

Und dann begleitet Gisbert die Freundin nach Hause. Die Herrin -- er

fühlt sich ganz als ihr Wirtschaftseleve. Immer wird er Landmann

bleiben, nie mehr wird die Stadt ihn sehen, in der die Menschen

versteinern. Die Naturandacht sein Leben. Seines Daseins Licht diese

Frau, die nicht müde wird, ihn zu beschenken. Nie mehr kann er von ihrer

Seite gehen.

Sie blicken von der Höhe über das Land. Obstbäume blühen an dem Wege,

der zum Moorhofer Herrenhause führt. Wie große weiße Blumensträuße

stehen sie da, der Königin dieses Reiches ein Fest zu bereiten. Auf dem

Hügel außerhalb der Parkmauer, der weite Ausschau gewährt, steht ein

mächtiger Ahorn mit runder Bank. Da setzen sie sich nieder. Leuchtende

Wolken, erhaben und schöpferisch bildhaft, ziehen ostwärts, von der

sinkenden Sonne beleuchtet.

Sie schauen hinauf, plötzlich fragt Tilde: »Sind Sie sehr

shakespearefest?«

»O nein, ganz und gar nicht.«

»Dann kann ich es wagen«, sagt sie und streicht sich ein mädchenhaftes

Zagen aus der Stirn. »Ich denke an die Szene, wie Hamlet den Höflingen

Rosenkranz und Güldenstern die Wolke zeigt -- sie nach dem Bilde fragt

-- ihnen die Antwort in den Mund legt. Sieht sie nicht aus wie ein

Kamel, wie ein Walfisch, wie ein Wiesel -- für die bestialische

Reihenfolge wird keine Gewähr übernommen. Ich muß sagen, daß ich mit

dieser Szene nie das Rechte habe anfangen können.«

»Weil die Wolken so vieldeutig sind --«

»Ja. Ganz gewiß für Menschen, die nichts miteinander gemein haben. Da

die Wolkenumrisse so schnell zerfließen -- eine ganze wandernde

Menagerie kann man einem Fremden suggerieren. Der darum noch gar nicht

liebedienerisch ja zu sagen braucht. Menschen aber, die sich nahe sind

und miteinander leben -- es ist überraschend, wie sie in den Wolken ganz

zu gleicher Zeit dieselben Gesichte haben.«

Gisbert blickt in die Wolken, die sollen ein Bild ihm zeigen.

»Wie oft,« spricht Frau Tilde weiter, »haben wir als Kinder, mein Bruder

Volker und ich, so den Himmel abgesucht. Dann fanden wir etwas --

gemeinsam -- faßten unsere Hände -- sagten es uns. Und immer war es

dasselbe. Eine Walküre mit Flügelhelm und wallendem Haar -- ein alter

Rabbi mit langem Bart -- ein Indianer auf der Büffeljagd -- ein

buckeliger Pierrot -- eine knieende Beterin. So eng hingen wir beide

zusammen.«

Durch Gisbert zieht ein stilles Leuchten. Und wir beide? Wie nahe bist

Du mir -- und mir, ich weiß es, mir gibst auch Du Deine Nähe. »Ich fühle

wie Sie« -- immer, immer fährt unter dieser Flagge mein Lebensschiff.

Und was reichst Du täglich meinem Dasein an Geschenken!

Eine Zuversicht hebt ihn, bis in den Himmel. Was die Wolken mir jetzt

zeigen, ich weiß es, Du siehst es mit mir. Und wie er jetzt suchend

wieder den Kopf aufrichtet, tut sie es auch. Leicht hebt er die Hand --

nun zittert er doch in allen Fasern, da die Gewißheit droht -- und leise

ist sein Wort: »Ein Schwan --«

»Er fliegt. In die Sonne fliegt er.« Ihre Stimme hat den stillen Glanz

des Selbstverständlichen. Sie sieht, was er sieht.

»Und auf dem Kopf --«

»Eine Krone.«

»Eine Krone von Gold.«

Sie sehen dasselbe, sie fühlen dasselbe, ein und dasselbe sind sie. In

Gisbert braust es und jauchzt es. Mein gekröntes Glück! -- -- --

Vita und Kunz gingen über die Heide. Der Wind trug ihnen den herben Duft

der Wacholderbüsche zu. Auf die Dünen zog es sie. Hartblau war die Flut.

Sie spähten über die See.

»Wieder kein Schiff«, rief Vita klagend schrill.

»Und wär eins da, es wär kein deutsches.«

»Kommen Sie. Wenn man einmal nicht traurig oder zornig genug ist, geht

man hierher. Aber meist ist man es ja.«

Zurück in die Heide. In Wolkenhöhe kreiste ein Raubvogel. »Kann man den

schießen?« fragte Vita.

»Mit einer gewöhnlichen Jagdbüchse kaum.«

»Aber mit dem Armeegewehr?«

»Ja.«

»Würden Sie ihn treffen?«

»Schwerlich, ich bin kein Scharfschütze.«

»Aber ich möchte es werden. Ich will schießen lernen. Sie sollen mich

mit auf die Jagd nehmen.«

»Es gibt jetzt bloß nichts zu jagen. Höchstens Raubzeug.«

»Um so besser.« Und die Augen sprühten ihre grünen Funken.

Kunz lächelte dazu. Was bist Du für ein Kind, dachte er. Wie lange muß

ich noch auf Dich warten?

Dann aber gab es einen Riß, einen bedrohlichen fast. »Ihren Hund aber

müssen Sie zu Hause lassen!« erklärte sie.

»Meinen Muz?«

»Hunde kann ich nicht leiden.«

Er starrte in ihre graugrünen Lichter. Bist Du es nun doch, eine Katze

auf der Seelenwanderung! Dann sprach er beruhigt, mit siegender

Gelassenheit: »Sie haben noch nie in ein Hundeauge gesehen.«

»Ich mag die Köter nun einmal nicht. Nicht ihren Geruch. Nicht ihr

Schweifgewedel, nicht ihre geprügelte Treue.«

Kunz lehnte sich zurück, heftig, über das Gleichgewicht und taumelte

ratlos benommen. Eine Rede der Verteidigung? Was nützt hier -- und

anderswo -- alles reden. Erleben soll sie Dich, Muz. Und sich zu Dir

bekehren. Aber seinen Stoß hatte er weg. Und seine Zärtlichkeit trug

eine Wunde.

Die mußte erst ausheilen. Heute würde es nun doch nicht mehr das Rechte

mit ihm und seinem Mädchen. Er war nicht trostlos, als der Pastor und

Horst ihnen in den Wurf kamen, die nach Moordorf zuschritten. Lieferte

das Kind an den Vater ab und zog allein seine Straße. Er sehnte sich

nach Muz, nach seinem Auge. --

Allein wanderte dann auch Horst weiter. Zum Torfmeister und zu Lona ging

sein Weg. Sein Schritt war langsam und schwer.

Mit Feldblumen hatte der Alte die Tote bedacht und besteckt. »Blumen aus

dem Moor«, sagte er. »Im Tode haben die beiden sich gefunden.«

Er wirkte und wallte umher wie ein Priester. Von der Leiche trennte er

sich nicht, er gab sie nicht her für Horst zu einsamer Andacht. Manchmal

schoß auf den, wie auf einen Fremden, einen Eindringling, einen Feind,

ein fast böser drohender Blick aus den roten Lidern.

Horst stand vor der Toten. Nicht erlöst sind Deine Züge. Um Deinen Mund

das Lächeln -- es hat nichts Verklärtes -- leidenschaftlich und leidend.

Dein Los hat sich Dir nicht erfüllt. Sehr viel Sehnsucht trägst Du mit

hinaus. Auf den dunklen Fittichen quälender Fragen bist Du

emporgerauscht. Jetzt -- jetzt wandelst Du im Lichte der Antwort.

Der Alte zog herum und ließ ihm nicht die Stille. »Der Pastor soll sie

nicht zum Begräbnis haben!« murmelte er drohend. »Eine Kriegstrompete

ist er geworden. Was soll die hier? Hier bläst sie vorbei. Und er stört

sie bloß. Und sie sollen Dich nicht stören! Alle haben sie Dich gequält.

Deine Freunde, durch ihr Wüten, Deutsche gegen Deutsche! Und Deine

Feinde -- dieselbe sinnlose Wut! In diese Brandung bist Du geraten, so

bist Du verdorben!«

»Schuld seid Ihr ja« -- gegen Westen hob er jetzt in jähem Ruck die

mächtige haarige Faust -- »Ihr Höllenhunde da drüben! Ihr mit all Euren

Bundesgenossen, all Euresgleichen -- nur in Rudeln jagt das feige

Gesindel -- Ihr habt heimtückisch Deutschland zur Strecke und in das

Elend gebracht! Und in unserm Grauen kehrt unsere Wut sich gegen uns

selbst. Auch mein Kind habt Ihr feige und tückisch gemordet. Es wird

Euch heimgezahlt!«

Wie ein Seher und Rächer steht er da mit überweltlichen Augen! Horst

zwingt es zu ihm hin. Er nimmt die furchtbar bebende Hand. Er grüßt den

deutschen Herzschlag, der ihm selber die Adern sprengt.

Dann erlischt in den alten Augen die Flamme. Und ein Mißtrauen wehrt dem

jungen Freund. »Du willst teilhaben an meinem Totenfest. Du hast sie

lieb gehabt, meinst Du. Hast Du sie lieb gehabt, ohne etwas von ihr zu

wollen? Ich aber liebte sie und wollte nichts von ihr, und darum ist

meine Liebe größer als Deine. Darum bin ich mehr als Du und hab mehr

Rechte als Du. Ich allein begrab sie mir.«

Und da Horst eine Bewegung macht -- »bist Du nicht als Feind im Kampf

mit ihr gewesen! Hat eine von Euren Kugeln sie nicht getroffen! Hast Du

-- Du sie nicht getötet! So gut wie mit eigener Hand! Da Du Feuer

befohlen hast! Und Du willst sie mir streitig machen!«

Die Augen kreisen, Flammenräder einer eifersüchtigen Angst, eines

eifersüchtigen Zornes. Die beschwichtigende Hand des Nebenbuhlers wird

mit einem Kopfschütteln abgetan. Aber damit kehrt schon seine Ruhe

wieder. Doch die Ruhe schärft und härtet sich.

Hoch richtet er sich auf. Die verkrampften Hände packen die Brust: »Ich,

der Totengräber Lud Uhlenbrook -- der einzige, der diese Tote lieb

gehabt hat -- und der einzige auch, den die Tote lieb gehabt hat -- nur

mir gehört sie -- nur mir gehört ihr Begräbnis -- nur mir gehört ihr

Grab. Allein bestatte ich sie. Niemand soll dabei sein. Mein Moor soll

sie bewahren. Und die Stätte zeige ich keinem. Mein Moor balsamiert

Deinen Körper ein und rettet Deine Schönheit. Das Moor läßt keine Würmer

an Dich hinan. So gut wie lebendig bleibst Du mir. Mir -- die Du mir

gehörst!«

Es wirft ihn nieder -- er kniet zu ihr hin, er legt die alten,

blutroten, tränenblinden Augen auf ihre kalte Hand.

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 39 / 60 题