Die Männer berieten. »Wir müssen uns fügen.«

»Ja, das müssen Sie.« So blieb einer zurück, ein Krauskopf mit

Mulattengesicht. Die andern gingen wortlos von dannen. Kunz aber, der

Abschiedsworte liebte: »Wir bedanken uns auch bei Euch! Daß Ihr uns

nicht in Pflege zu nehmen braucht!«

Horst war mit Sellmann, ihrem tüchtigen Sanitäter um den Liegenden

beschäftigt. »Schwere Gehirnerschütterung«, sagte der Medizinmann. »Der

Schädel ist offenbar ganz geblieben.« Sie trugen ihn hinein.

»Wir werden das Feld jetzt noch absuchen, zur Sicherung«, beorderte

Horst. »Und dann -- hoch genug haben wir ja gehalten -- aber vielleicht

ist doch noch diesem oder jenem etwas geschehen.«

Kunz führte die Streife. Horst ging in seinen Raum. Er warf sich lang

auf sein Bett. Ein paar Minuten Ruhe! Seine Nerven flogen.

Der rasende Lauf durch das Gelände -- dann der Kampf -- und nicht

weniger als dies der jähe Sturz aus der Traumwelt, in der er gewandelt

-- Lona -- von Deiner Seite in den blutigen Kampf mit Deinen Brüdern,

Mann gegen Mann!

Und Du warst es, die mich warnte. Mich, der ich wie blind neben Dir

herlief. Der ich mit Dir weiterwandern wollte, hinein in die Stadt. Um

bei Dir zu sein, die Du mir lieb geworden bist!

Und wie lieb muß ich Dir sein, daß Du mich wecktest aus meiner

Gedankenlosigkeit und auf den Weg meiner Pflicht mich führtest. Meine

Pflicht -- die gegen Deine Sache streiten, die ihr die Wunde schlagen

mußte! Meine Pflicht, gegen die Deine eigene Pflicht sich erhob.

So hast Du mir Dich aufgeopfert! Und hast Du so Deine Welt nicht hinter

Dir gelassen? Keine Heimat gibt sie Dir mehr. Die Fäden sind zerrissen.

Du gehörst uns. In mein Leben gehörst Du. Eigenes Heimweh hat in meine

Welt, hat zu mir Dich gezogen -- nun halt ich Dich fest! Nun bist Du

mein!

Hohl klingt ein Murmeln an die Wand des Schuppens. Wälzt sich dumpf,

düster und schwer. Legt sich ihm auf die Brust wie ein Mar. Was friert

ihm so ins Blut? Was schauert ihm so durch die Seele?

Er springt auf und tritt hinaus in den Gang, tritt vor die Tür. Die

Streife kehrt zurück. Sie tragen jemanden. Kunz geht voran. Horst ist

bei ihm. »Eine Frau«, sagt Kunz, weiter nichts. Seine Augen sagen mehr.

Horst aber weiß es längst, was er jetzt sieht. Lona. Und sie ist ohne

Leben.

Er weiß es, er sieht es -- und glaubt es wieder nicht. Seine Hände irren

über ihr eisiges Gesicht -- sie wollen sich irren -- sie rühren, sie

fassen den Tod.

»Lo-na.« Seine Zähne klappern. »Lo-na.« Zerrissen ihr Name. Ihr Wesen

zerfallen. Zerbrochen ihre Form. Ihre Seele entflogen.

Ein Schuß mitten durchs Herz.

Und jetzt die Fragen der andern: War sie selbst unter den Stürmenden

gewesen? Dann am alleräußersten Flügel. Oder hatte sie als Zuschauerin

abseits gestanden? Kugeln irren sich so gern.

Horst hatte seine Antwort. Hergeworfen -- hergewirbelt hat es Dich --

nicht ein Gefühl allein -- Du mußtest dabei sein -- nicht bloß sehen, es

mit erleben -- ein Schuldbewußtsein flocht Dich in die Reihen der

Genossen -- und doch Deine Gedanken flogen ihnen voraus. Sie waren bei

mir -- sie suchten mich -- in schmerzlichem Verlangen --

So war es. Steht es nicht so in Deinem Gesicht geschrieben? Ist all das

Zerwühlte nicht zur Ruhe gebracht? Schwebt darüber nicht etwas wie die

weiche, bebende, sorgende Zärtlichkeit des Weibes?

In der Halle war die Leiche niedergelegt. Horst hielt bei ihr die

Totenwacht.

Unwirklich war ihm noch alles. Wie trunken machte ihn der Schmerz. Seine

Fieber taumelten wie in den Visionen einer Dichtung.

So umgeisterte ihn alles, was er mit Lona erlebt hatte -- seit der

ersten Stunde, da sie sich fanden. Wie er sie das schöne, böse Raubtier

sich nannte, in der Versammlung -- als sie zum Sprunge gegen Herrn

Borkhus sich duckte, den Zerbrecher ihres jungen Glücks. Wie sie ihre

überhitzte Schulmeinung ihm ins Gesicht sprühte: deutsch ist mir ein zu

unwesentlicher Begriff! Blieb sie in der Öde solcher Verstiegenheit?

Fing sie nicht an, auf ihre heimatlichen Wurzeln sich zu besinnen?

Langsam -- Geduld mußte man mit ihr haben --

Als er aus der Kirchhofshaft sie befreite, da starrte sie noch in Waffen

gegen ihn. Aber wie der alte Lud dann ihr Wesen ihm gedeutet hatte -- je

mehr er sie begriff, um so näher rückte sie ihm, um so näher rückte er

ihr. Was sie auf der Landarbeiterversammlung sprach, Klänge aus der

Tiefe, die in ihm widerhallten. Und wie sie beide bei Lud sich fanden,

sich etwas zu sagen und zu geben hatten -- bis sie in der großen

Offenbarung ihres Orgelspiels mit allem, was in ihrer Seele flutete und

brauste und kämpfte, verzweifelte und zum Licht sich aufbäumte, mit den

schmerzvoll heiligen Feuern ihrer Seele ihn überwältigte.

Du suchtest den Weg, der Dir verschüttet war -- Du fandest ihn über

Trümmer, einen schmalen Pfad -- ich durfte die Hand Dir

entgegenstrecken, Du wolltest sie ergreifen --

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 37 / 60 题