Gisbert war wieder in der Baracke. Er war noch nicht ganz genesen, aber
wie aus Selbsterhaltungstrieb sehnte sich grade das Zerfließende seiner
Art nach dem Bandeisen harter Arbeit.
Die Aufsicht über die Stallungen war ihm jetzt zuerteilt. Der Erste war
er in der Frühe auf den Beinen, auch heute am Sonntag fand das Morgenrot
ihn wach. Er ließ die Hühner aus dem Stall, sie stammten meistens aus
Mönkhov, ein Geschenk von Frau Tilde. Es war seine Freude, für seine
Gedanken, die längst bei ihr waren, in allem, was um ihn lebte,
Trabanten, Pagen und Schleppenträger zu finden.
Jetzt ging er in die Heide. Auf einen ihrer Hügel stellte er sich. Seine
Blicke beteten zur aufgehenden Sonne. Unwillkürlich breitete er die
Hände aus, die Gnadenspende des Lichtes zu empfangen. Dann setzte er
sich und lehnte sich hin. Und seine Sinne hoben sich in den wachsenden
Schein. Sie gingen den Weg ins Tor der Unendlichkeit.
Ich suche das Ewige. In mir ist es und um mich ist es. Daß sich beides
vereine und durchdringe ist des Lebens, ist meines Lebens Sinn.
Das Bewußtsein des Unendlichen in mir! Das gehört zu mir, wie das Licht
zu der Flamme, die in mir brennt.
Der Unendlichkeit! Der ewigen Freude, ja der Freude, aus der alle Wesen
geboren sind. Durch die sie erhalten werden. In die sie wieder eingehen.
So befreie ich mich aus dem Schmerz, dem Gefühl der Endlichkeit in die
Güte des Alls. So löse ich mich in mein größeres Selbst.
Dahin trug Gisbert die Morgenandacht seiner Seele. Wir sind Nichts, was
wir suchen ist Alles!
Und wie er zurückkehrte in die Welt körperlicher Gedanken, empfing ihn
das Glück: ich suche ja nicht allein diese Straße des Lichts, Deine
Sehnsucht, Du meine Freundin, geht denselben Weg.
In seinem Herzen, auf seinen Lippen formten sich die Worte seines
Hohenliedes.
Die Gesänge meiner Gedanken, solange sie atmen, suchen sie Dich! Ich
grüße den Morgen, mit der Frohheit des Wachens -- mit den selig sachten
Schatten der Müdigkeit grüß ich den Abend, den Vater der Nacht, mit
seinen Enkeln, den Träumen. Meine Träume flüstern Deinen Namen und
lauschen seinem Klange nach, und flüstern ihn wieder und lauschen -- und
flüstern und lauschen. So ist meine Nacht beseelt von Deinem Wesen, wie
mein Tag erfüllt ist von der Gewißheit Deiner Nähe, von der Seligkeit,
daß Du bist --
Aber nun, all seine Sinne schwingen ein in den Rhythmus, und ihre
Stimmen singen leise mit. Das Bild der geheiligten geliebten Frau
zaubern sie herbei. Ihrer Augen tiefe Gewalt leuchtet auf, das weiche
Haar fällt über die mädchenhaft versonnene Stirn, die feine Hand mit den
seltsam festen Linien streicht es zurück. Ihre Hand -- wie oft, wie
lange kann er still liegen und nur an ihre Hand denken -- in der ihre
Seele ist und auch die Kraft ihres Schaffens. Diese Hand, so voll von
Musik und doch für sichere Zügelführung begabt.
Und wie in seinen Träumen flüstern jetzt die wachen bewußten Lippen den
Namen »Tilde« -- »Tilde« --
Ein Schritt pocht auf die Erde. Gisbert fährt zusammen -- wendet sich
um. Kunz steuert auf ihn zu, in müdem Schlendern. Hockt sich dann neben
ihn und gähnt sich erst einmal aus.
»So früh heute und das am Sonntag!« fragt Gisbert.
»Weiß der Frühling, was das mit mir ist! Mich flieht der Schlaf -- mich!
Was liegt da in der Luft? Du mußt es wissen, der Du selbst in der Luft
liegst, Du Ätherbewohner.« Er blickt um sich: »Ist das ein böses, rotes
Licht da auf der Heide! Zeichendeuter wird man -- Geisterseher -- was
hat man bloß!« Dann schlang er den Arm um den Freund und sah ihm
herzlich ins Auge. »Du, lieber Junge, wirst nun allerdings immer
magischer. Darf man Dich denn schon wieder frei herumlaufen lassen?«
»Warum nicht?«
»Man wird nun mal die Sorge um Dich nicht los. Sehr viel Blut hast Du
nicht mehr herzugeben.« Er nahm seine blasse Hand. »Und dann --«
»Was noch?«
»Die Angst -- ich kann mir nicht helfen -- Du könntest Dich nun ganz --
drei Kreuze vor dem Wort und vor der Sache! -- im Pazifismus Dich
verblutet haben.«
»Pazifismus -- ich fürchte mich nicht vor Worten, Kunz.«
Bei dem kam das Unwirsche seiner Morgenfrühe jetzt obenauf. »Ah! Wir
wollen Siedler sein? Arbeiter eines Geistes an einem deutschen Werk?
Eine politische Menagerie sind wir nächstens.« Wegwerfend schmiß er die
Hand nach der Baracke zu. »Alle Gattungen findest Du jetzt in dieser
Arche Noäh beisammen. Wenn ich nicht Schimpfworte vermiede, würde ich
sagen, wir sind ein Parlament!«
Gisbert schwieg. Kunz bürstete weiter seinen Grimm. »Weltanschauungen!
Haha! Was haben wir bloß für Weltanschauungen im deutschen Land! Alle,
die es gibt und nicht gibt. Bloß die deutsche nicht. Seit Horst zum
Universalgenie geworden ist, flattern wir nun alle lieblich im gütigen
All. Leb wohl, deutsche Erde!«
Gisbert schwieg noch immer. Das machte Kunz nicht freundlicher. »Warum
legen wir Siedlungsmönche denn nicht ehrlich und vorbildlich das Gelübde
des Geprügeltwerdens ab! Warum kleben wir nicht das Wappen der
friedfertigen Seligkeit an unser Haus, die geschwollene rechte und auch
linke Backe! Ohrfeigengesichter wir, als Vorkämpfer des deutschen
Pazifismus! Denn wenn es nichts mehr gibt, einen deutschen Pazifismus
gibt es! Und weißt Du, wie der geht? Wir versöhnen uns, versöhnen uns
mit den andern -- und die andern dreschen auf uns los! Das ist deutscher
Pazifismus, nach unserem eigenen und der ganzen Welt Beschluß!«
Der zuckende Zorn lief durch seine Glieder. Gisbert wußte, wie er litt,
er sprach jetzt mit seinen stillen, ein wenig hilflosen Worten: »Wir
wollen ja dasselbe, Kunz. Nur auf anderem Wege wollen wir zu demselben
Ziel. Es ist gut für Deutschland, daß es Euch gibt. Aber auch uns gibt
es nun einmal. Und wir müssen uns ergänzen --«
»Müssen wir, was wir nicht können! Ergänzen heißt ganz machen! Ganz --
mit Euch, durch Euch, die Ihr uns zermürbt! Nihilisten seid Ihr, die
passiven, die schlimmere Sorte! Was habt Ihr Euch in Asien
herumzutreiben! Die wir heute mehr als je -- die wir heute nur und nur
und immer und weiter nichts als zu uns selbst kommen müssen! Was nehmt
Ihr uns die Heimat des Herzens! Was verdünnt Ihr uns bis zur
Erschlaffung mit Euren dreimal vermaledeiten Wassern des Ganges unser
ehrliches eisenhaltiges deutsches Herzblut!« Seine Hände packten ins
Heidekraut, rissen die Büschel aus und warfen sie in die Luft.
Da Gisbert ihn unbeirrt ansah -- »Du verzeihst mir, mit Deinen
Gazellenaugen. Gütig seid Ihr und liebevoll, aber nur aus Schwäche seid
Ihr es. So geschieht's, daß Ihr für alles Verzeihung habt, nur nicht für
Tugenden, für männliche! Nur nicht für Kraft! Und darum -- gefährlich
mögt Ihr sein, aber an den Kern unseres Wesens, nein, an den rührt Ihr
uns nicht!«
Nun hatte Kunz sich vollends wieder. »Ihr haltet unsereinen für dumm. An
unserer Dummheit liegt es dann wohl, daß Eure Klugheit uns nicht
aufgehen will. Herrgott, ist das eine baumwollene Weisheit, die Ihr aus
dem Lande der Baumwolle bezieht! Phrasen! Nichts als Redensarten von
platzend hohler Allgemeinheit! An ihrer Spitze die große Heilslehre:
»Gutsein heißt das Leben aller Leben!« Oder die erlösende Antwort auf
die ewige Frage: welches ist der Weg zur Wahrheit? »Die wechselseitige
Durchdringung unseres Wesens mit allen Dingen!« O verfluchter Tiefsinn
heiliger Abstraktion! Was soll ich damit? Wo ist hier Leben, Wärme,
Licht, wo ist hier Liebe? Und Ihr wollt uns das »verbrauchte«
Christentum ersetzen! Gebt mir, so gebt mir doch aus Eurer Fülle! Habt
Ihr etwas, in dem großen heimatlosen Weltraum Eurer leer leuchtenden
Unendlichkeit, was gegen den kümmerlichsten Lichtstumpf des ärmsten
Tannenbaums in deutscher Hütte nicht hilflos verblaßt und erlischt und
erstirbt!«
»Alles Licht leuchtet dem Einen --«
»Alles -- ja -- wo nichts ist, da sagt man alles! Und fühlt sich
gerettet. Luft -- Luft gebt Ihr statt Brot. Und wär diese Luft nicht
noch mit Getöse erfüllt! Ihr Stillen des ewigen Friedens, gut, Ihr habt
wenigstens Stil. Aber diese Brüller des Pazifismus! Die mit furchtbar
krampfhaften Verrenkungen des Leibes, der Seele und des Worts, Schaum
vorm Munde und in ihren Versen, ihre Flüche und ihr Wehe schreien!
Schnaubende Racheengel, tosende Kriegsfurien der Friedfertigkeit! O Du
Grundgütiger! Wer einen Bauch hat, hält ihn sich!«
Gisbert blickte still in den Freund hinein. »Du nennst mich
überschwenglich, Kunz -- bist Du es nicht auch? Und wenn nun unser
Überschwang aus einer Quelle fließt --«
»Verallgemeinere mich nicht!« stöhnte Kunz zornig.
»Verallgemeinern --? Ist es so schlimm für Dich, wenn ich uns beide
zusammenspanne?«
Gisbert hatte den reinen Herzenston. Kunz war bezwungen. »Kerl -- wenn
Du nicht so ein unwahrscheinlich anständiger Mensch wärst! Hauen möchte
man Dich manchmal -- und haut dann lieber sich selbst. Herrgott -- laß
Dich meinetwegen schaukeln von der Rhythmik der Ewigkeit, aber brauch
auch die Fäuste, die Dir Gott verliehen hat! Du darfst nicht so viel mit
Dir selbst zusammenhocken! Mit Dir und mit Deiner Gesinnungsgenossin!
Dieser herrlichen Frau von Mönkhov! Sie ist herrlich -- aber Eure
Seelennähe schadet Dir.«
»Kunz --« man hörte in Gisbert die feinsten Saiten schwirren.
»Verzeihung -- ich weiß -- _mulier taceat in ecclesia_ -- über die Frau
schweigt man wie in der Kirche. Aber sieh, Freundschaft muß nun einmal
reden. Und nun will ich Dir was sagen. Komm heute nachmittag mit mir ins
Moordorfer Pfarrhaus.«
»Das will ich gern.«
»Du sollst Vita kennen lernen. Ihr werdet erschrecken voreinander. Du
vor der fanatischen Enge ihres geistigen Ziellebens, vor der jungenhaft
trainierten Muskulatur ihres vaterländischen Sinnes. Sie vor Deinem
überweltlichen Sonnenkultus. Aber wenn Ihr beiden feindlichen Mächte --
wenn Ihr Euch gegenseitig einander in die Arme schrecktet --! --«
Er hielt inne, sein Atem setzte aus, seine Augen waren qualvoll. Gisbert
ahnte, daß hier eine Leidenschaft sich grausam gegen sich selbst
entflammte, er nahm wortlos Kunz bei der Hand. Und der Händedruck sagte:
Dein liebes Mädchen ist sie, und ich bin Dein Freund -- und dann --
längst hat mein Geschick sich erfüllt.
Dankwart tauchte auf. Wandelte durch die Morgenluft, erfrischte seine
Erfinderstirn. Er bog auf sie zu. »Wie sieht die Heide aus? Sie dampft
in dem roten Schein. Blutdampf sagt man dazu bei uns zu Hause. Jede
Heide hat Blut gesehen. Raucht sie so rot, gibt es neue Bluttaten.«
Die Heide, die seine Heimat war, machte ihn redselig und phantastisch.
Er hatte seine Ahnungen, wie Kunz. Gisbert aber war mit seinem Geist
über den irdischen Visionen, die aus dem Boden rauchen. Dankwart
erzählte, der Balbutz war gestern in der Stadt. Er hat die feine Nase.
Und hat sowas von Verschwörung gerochen -- Verschwörung gegen uns.
Es war dann an der Morgentafel davon die Rede. Die Anzeichen wurden
geprüft. Horst nahm sie nicht schwer. Was sollte ihnen geschehen? Die
Maschinengewehre bereitgestellt -- stets die nötige Mannschaft in oder
bei der Baracke -- die andern immer in erreichbarer Nähe -- dann müßten
die Angreifer schon zu Hunderten über sie einbrechen. Das aber sei der
große Bürgerkrieg, und der komme nicht über Nacht.
Immerhin -- die Vorsicht wollten sie natürlich nicht außer acht lassen.
Und je mehr heute am Sonntag häuslich blieben, um so besser.