»Sie kommen öfter mit ihm zusammen --«
Nun widerstrebt sie doch, wie einem Verhör. All die Augen, die sich auf
sie wenden, gebärden die sich nicht wie Richter über sie?
Und ist in ihrem eigenen Gewissen nicht eine Stelle, darin etwas sich
regt -- wie ein Argwohn gegen sich selber? Darf sie sich wundern, wenn
in den andern, den Freunden, den Schwurgenossen ein Mißtrauen aufzieht?
Mißtrauen! Ich bin unserer Sache treu! Was mit mir verwachsen ist, durch
mein Denken, mein Fühlen, mein Leben -- nichts von meinem heiligen
Glauben habe ich verloren, nichts von ihm habe ich preisgegeben! Wie
kann ich das, ohne mich selbst zu verlieren! Ich bin bei der Fahne, ich
bin bei dem Schwert -- bei dem Schwert unserer Fehme, wie nur je ich es
war! Ich kämpfe mit Euch, mein Leib und Leben für unseren Kampf!
Nur Schleichwege dürft Ihr mich nicht schicken wollen!
Aber in Knubarts trägem, laschem Auge ist die Tücke.
Man wartet auf ihre Antwort. Sie zwingt ihren Unmut nieder. Ohne Frage
haben die Genossen Anspruch auf ihre Ehrlichkeit. Und wieder schließt
sich etwas in ihr, wie um ein stilles Besitztum, das von allem Lauten
entwertet wird. Das an jeder Berührung sterben muß -- das sie jetzt
selbst berühren und zerstören soll!
Ein Heiligtum also! Zum Lachen! Es gibt für mich kein Heiligtum, außer
meiner heiligen Sache! Deren Feind Du bist, Horst Oldefeld! Todfeinde
wir! Todfeind -- man hat das Wort so oft gesprochen, wie eine
abgegriffene Münze ist es, deren Schrift man kaum mehr kennt. Hier ist
aber das Wort ehern ins Leben gegossen.
Eure Baracke wird von uns gestürmt! Hier hat nun jeder zu zeigen, wer er
ist. Hier gibt es keine Empfindungsflausen, keine Gefühlskunststücke,
keine Gedankenspreizungen im Rahmen unserer gutgespielten
Friedenskomödie -- hier gelten jetzt die echten Sakramente: Leib und
Blut!
So hart macht sie sich selbst, so bitter hart -- und sie spricht hastig,
sich überstürzend die Antwort auf Knubarts trächtige Frage: »Herr
Oldefeld hat bewirkt, daß ich in Moordorf die Orgel spielen darf -- er
hat auch schon einmal zugehört. Wir haben einen gemeinsamen Freund, den
alten Torfmeister. Bei dem auch er Sonntags nachmittags sich einzufinden
pflegt --«
»Sonntag nachmittag«, wiederholt Knubart schwer. Und alle begreifen
gleich.
Der Werkführer erklärt: »Dieser Sonntag -- um Neumond herum sind wir,
dunkel ist es -- der Abend ist für den Sturm die gegebene Zeit. Der
liebe Sonntag ist ja den lieben deutschen Seelen als Ruhetag in Fleisch
und Blut übergegangen -- den Tag zum Biertrinken und Spazierengehen, den
suchen wir uns aus. Und wenn der Führer dann auch bis zum späten Abend
aus dem Hause ist --«
Weiter kein Wort. Ein Blick auf Lona, und sein Instinkt warnt ihn, mehr
zu sagen. Sie alle fühlen es: kein Wort mehr. Sie kennen Lona -- ihre
klare Härte -- die so spröde ist, wie das zarteste Kristall. Nichts von
ihr, als was ihr Wesen selber ihr befiehlt, im Augenblick der klaren,
harten Entscheidung. Blank und ehrlich ist nur die Tat.
Militärische Besprechungen schlossen die Tagung. Nachrichten aus den
andern Lagern sollten abgewartet werden. In zwei Tagen mußte es sich
endgültig entscheiden, ob der angesetzte Schlag Sonntag geführt werden
sollte.