Vor dem Sturm

Es war ein neuer Befehl der Regierung ergangen, daß alle Heereswaffen

abgeliefert werden sollten. Militärische Kommandos gingen um und

überwachten die Erfüllung.

Die Siedler hielten Rat. Und ähnlich wie früher sprach Horst: »Wer sind

jetzt unsere Landpfleger?«

»Landpläger«, nannte sie Kunz.

»Wer sind sie heute, wer sind sie morgen? Sie selber wissen es nicht.

Und ich kenne sie nicht. Und ehe ich nicht weiß, in wessen Hände ich

meine Waffen liefere -- behalte ich sie lieber selbst.«

Sie stimmten ihm zu. Und -- die Waffensuche ging an ihnen vorüber.

In der Stadt war man sehr strenge gefahren. Aus mehreren Kellern, unter

Fabrikarbeiterwohnungen, wurden Maschinengewehre ans Tageslicht gezogen.

Die Arbeiter wüteten. Man wußte, daß die Siedler ihre Maschinengewehre

behalten hatten. Man zeigte sie an, bei dem Offizier, der das Kommando

befehligte. Der hatte für die Denunzianten nur ein frostiges Schweigen.

Natürlich! Die Bande hält zusammen wie Pech und Schwefel! Das alte

System! Wenn wir's leiden, verdienen wir's nicht besser!

Das Falkenauge ist wieder einmal in der Kreisstadt. Es gärt aufs neue,

jetzt mit dem Frühling, in dem elend wunden und siechen deutschen

Volkskörper. Die »betrogenen Proletarier« wollen endlich ihr Recht.

Wollen Abrechnung mit den sozialreaktionären Verrätern. Im Ruhrgebiet,

in Mitteldeutschland bereitet sich etwas vor. Überall im Lande müssen

die Flammen auflodern! Je mehr Herde, um so besser. Um so sicherer der

große Schlag und der Sieg.

Auch hier müssen wir zupacken! Unter dieser Parole tagten die Führer in

Knubarts Wohnung hinter verschlossenen Türen. Das Falkenauge, Kittel der

Buchbinder, Struk der Koch, ein Werkführer aus der Eisengießerei -- er

war Feldwebelleutnant draußen und ist der Feldherr des Kreises -- und

Lona. Auch sie ganz im Panzer ihrer Parteigesinnung.

Das Falkenauge hat die Gesamtlage umrissen. Einzelaktionen werden

verlangt, überall. Hier mit der Stadt als Operationsbasis läßt sich ein

Vorstoß machen. Hier kann das Heil für die ganze Provinz entzündet

werden.

»Wenn uns die Siedler nicht als Pfahl im Fleisch säßen!« heißt es

dagegen.

Stahlboom, der Werkführer, spricht. Er ist schlank und gut gewachsen,

trägt sich kavaliermäßig, wenn auch mit der Nuance des Fadenscheins, hat

im Blick etwas fraglos Mutiges und Befehlendes, unterstreicht aber

unnötig sein Selbstbewußtsein und zeigt zu oft kriegerisch seine

zementplombierten Zähne.

»Uns hat man die Maschinengewehre genommen. Die Siedler haben sie

behalten. Das erste muß sein, daß wir diese Maschinengewehre uns holen.

Ehe wir die nicht haben, liegen wir im Wurstkessel und bleiben da

liegen! Darum -- die Baracke wird gestürmt! Die nötigen Leute haben wir.

Gewehre und Handgranaten sind noch da. Noch sage ich. Die nächste

Waffensuche kann uns auch die nehmen, und was dann!«

»Sturm auf die Baracke!« fordert Kittel mit dem gellend pfeifenden Brand

seiner Rede. Er war nur noch Feueratem und flammende Augen, sein Leib

zerfallen, sein ganzes Wesen jetzt vollends von lauter Dynamitgängen

ausgehöhlt.

»Machen wir uns das eine klar!« betont das Falkenauge -- er hat den

Weitblick, die Zusammenhänge, das konsequente Denken, »mit diesem Sturm

auf die Baracke ist es nicht getan. Wenn er gelingt, verpflichtet er zu

der größeren Aktion. Mißlingt er aber, ist damit für unbestimmte Zeit

unsere Unternehmungskraft hier zerschlagen.«

Sie berieten. Es wurde beschlossen, daß sie es wagen sollten. Stahlboom

brachte den Plan in der Tasche mit. Am Abend sollte der Handstreich

ausgeführt werden. In der Nacht würden sie dann das städtische Rathaus

besetzen. Die Stadt wäre reif. Gäbe es einen Menschen in ihr, der

zufrieden wäre? Und wäre es einer, wär er feige. Auf den Mut käme es an,

auf die Tat! Nur die Tat zwingt die Herzen.

Vorbereitungen sind natürlich zu treffen. Aber diese Tage, die auch

anderswo die Entscheidung bringen, müssen uns am Werke finden!

Vorbereitungen -- dazu redet Knubart, und er wittert bedachtsam. »Wir

haben es mit einem gefährlichen Feind zu tun. Kerle sind sie alle, die

Siedler. Und ihr Führer, der Hauptmann Oldefeld -- Lona, Sie kennen ihn

ja persönlich.« In seinem Blick ist die lauernde Kälte.

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 30 / 60 题