Die Siedler arbeiteten im Felde. Über ihnen die klingende
Frühlingsweite. Kunz pflügte mit seinen Schecken. Er war zufrieden und
sang. Die Morgenluft hatte alles aus seinem Schädel geweht, was da noch
dumpf von Krisenstimmung und Palastrevolution herumrumorte.
Und Horst war von der Verantwortung getragen. Jetzt, wo alle Betriebe
lebten, die Landarbeit, die Ziegelei, der Torfstich, wo alle Fäden in
seiner Hand zusammenliefen, war er mehr als je der Führer. Er selbst
betonte sich die Führerschaft, geflissentlich und hart.
Es war da etwas gegen ihn aufgestanden -- in sein Empfindungsleben
hatten sie greifen wollen -- was im Grunde um so plumper ist, je
rücksichtsvoller es sich gebärdet! Und wenn nun gar die Freundschaft ihr
Lied hineinsingt --! Solches lehne ich ab! Ich bin, wer ich bin! Wollt
Ihr mich nicht so -- ich will mich so! Und es gilt den Kampf.
Er fühlte sich allein. So ist die Höhe. Und stark ist die Einsamkeit.
Nach dem Torfstich wandte er sich, zum Moor. Er würde Lona sehen. Durfte
er? Mußte er dafür nicht einen Genossenschaftsbeschluß in der Tasche
haben? Ein Lächeln. Und er dachte an sie mit einer Art trotziger
Innerlichkeit.
Beim kranken Torfmeister fand er sie. Ihre Pflege hatte Wunder getan,
der Alte war fast ohne Schmerzen. Die zwei saßen nebeneinander beim
Fenster. Sie schauten und horchten aufs Moor. Er hatte seine Pranke auf
ihren Unterarm gelegt, der eine Schönheit war. So zogen seine alten
Glieder sich die Heilkraft aus ihrem jungen Leib.
»Mein Lütt ist mein Segen«, sagte er. »Und wenn sie sich nun noch aufs
Moor verstünde -- und das Moor sich auf sie --! --« Dies war sein
Kummer. »Denken Sie,« sagte er zu Horst, »sie kann hier nicht schlafen.
Wie kann man hier nicht schlafen, wenn das Moor neben einem atmet.«
»Aber es stöhnt im Schlaf«, rief sie. »Wie ein Riese, der sich den Magen
verdorben hat.«
Der alte Lud schüttelte den vermoosten Schädel. »So kommt Ihr Euch nicht
bei.«
Lona trotz ihrer Schlaflosigkeit blickte aus klareren Augen in die Welt.
Von der Güte der Pflegschaft lag es weich um ihren herben Mund. Etwas
wie friedliche Versonnenheit war über sie gebreitet.
In Horst ging es auf: ist sie nicht wie befreit, von einer inneren Not,
einem Druck, einem Zwang? Da die furchtbare Pflicht von ihr genommen ist
-- die Pflicht ihrer Rache!
Er mußte an sich halten. Gräber wälzten sich gegen ihn, deutsche Gräber.
Aber das Goethewort hallte in ihm nach: »Über Gräber vorwärts!«
Pastor Waermann hatte es gesprochen. Und hier war eine -- auch ein
darbendes Kind der deutschen Erde -- die auch vorwärts schritt, auch
hinaus strebte aus dem Fluch, aus den Fesseln des Vergangenen und enger
Gelöbnisse. Der sie jetzt die Orgel nicht gönnen wollten, die ihre
Erhebung war, die auf den Weg zum Ewigen ihr leuchtete.
Morgen am Sonntag rede ich darüber mit Pastor Waermann.
Und er sagte es ihr. Sie hatte dafür einen dankbaren Blick. »Ob ich aber
gerade bei Pastor Waermann Gegenliebe finde?«
»Bei ihm am ersten.«
»_Pax vobiscum_ beten die Christen -- _bellum aeternum_ den Pazifisten!«
»Darin ist er nun wie ich: um --isten und sowas kümmert er sich nicht,
auf Endungen gibt er nicht viel. Und der Kern der Sache --«
»Ist, daß Lütt Orgel spielt!« rollte Lud Uhlenbrook dazwischen.
»Bedanken sollen sie sich, der Pastor und der Herrgott und die Kirche
und jedeiner, der mit seinen langen Ohren einen Ton davon aufzuschnappen
kriegt!«
»Lud, was weißt Du von meinem Spiel!« Ganz mädchenhaft war ihre Abwehr.
»Ich hab Deinen Vater spielen hören. Und in meiner besten Stube« -- er
schlug sich an die Brust -- »ist seit der Zeit Festesfreude. Wenn sie
Dich nicht spielen lassen -- wir stürmen die Kirche -- was, Herr
Oldefeld?«
Seine Pranke hob sich zu mächtigem Schlag und ruhte dann wieder aus auf
der köstlichen Armrundung seines Lieblings.
Dann lud er Horst ein, morgen den Sonntagnachmittag bei ihnen zu
verbringen. Freudig sagte der zu, ganz glückhaft vergessen. Plötzlich
fiel es ihm ein: ich kann ja nicht. Und er ließ sie es wissen. Seine
Jungen kämen morgen aus der Stadt heraus zu ihm.
»Was wollen die?« fragte der Alte.
»Soldat spielen.« Horst hielt nicht hinterm Berge. Er sah, daß es um
Lonas Mund zuckte. Jugendverführer! mochte das heißen. Er konnte es
nicht ändern -- o nein und wollte es auch ganz gewiß nicht.
»Natürlich«, knurrte der Alte in zustimmendem Behagen. »Was wollen
Jungen sonst! Wir haben es so gemacht, und solange die Welt steht, wird
sie's so machen. Jungs sind Soldaten und wollen Soldaten sein. Und warum
ist es so?« Hier faßt er dem großen Weltgeheimnis an den Puls. »Weil die
kleinen Mädchen es so wollen!«
»Lud, das ist nun mäßig.« Lona lehnte sich auf, aber sie ließ ihm ihren
Arm. »Frauen kennen Besseres als rasselnde Säbel.«
Das war ganz gewiß auch auf Horst gemünzt. Der aber schwieg.
»Lütt, Ihr Aufgeregten guckt so oft an der Welt vorbei -- und glaubt
dann, sie ist anders. Aber sie bleibt wie sie ist, und Soldat ist und
bleibt Trumpf für die Frau. Und ich kann Dir auch verraten, wovon das
ist. Guck, alles könnt Ihr Frauen meinetwegen werden -- Doktor und
Apotheker und Advokat und Priester und Küster. Bloß nicht Soldat. Und
weil das das richtig Männliche ist, darum ist das auch das Richtige für
die Weiber.«
»Denn das Höchste, Höchste ist für mich ein Reiter,
und das Leben labt und lebt und liebt sich weiter!«
Horst brauchte keine Reiterlieder anzustimmen. Von dem blanken
Mannesmut, dem die Frauenhuld gehört. Die totsichere -- die
lebenssichere Gewähr dafür, daß dieser Geist sich auch fortpflanzt und
nun und nimmermehr ausstirbt. Er freute sich daran, wie der Alte die
Klinge schlug. Und war es zufrieden, daß er selbst im Hintergrund
bleiben konnte -- jetzt, wo Lona, die Gebändigte, selber in der
Beschaulichkeit sich hielt.
So sagten sie sich still und friedfertigen Sinnes Lebewohl. Horst
verhieß, er würde Sonntag abend nach dem Manöver noch herüberkommen und
den Kirchenschlüssel bringen. --
Die Jungen strömten heraus mit singenden Lungen und hochschlagenden
Herzen.
Sie lagern am Fuße der Goldberge. Horst, in der Mitte des Kreises, hält
ihnen Vortrag. Mag das ganze eine Kinderei sein, ein Stammeln im Geiste.
Aber gleichviel -- auf den Geist kommt es an.
Wir haben hier -- so spricht Horst -- ein ausgezeichnetes
Katzbach-Gelände. Da, die beiden Rinnsale, die von dem Südhang sich
abzweigen und ins Moor fließen: Katzbach und Neiße. Drüber die
Hochebene. Also heute: die Schlacht an der Katzbach!
Begeisterte Zustimmung leuchtet aus all den jungen Augen.
Wie Horst nun begann die Kriegslage zu erläutern, fand auch Kunz sich
ein. Aber er blickte nicht auf das Schlachtgelände, drehte der Strategie
den Rücken und hielt mit den Augen die Moordorfer Straße.
Horst erklärte: Napoleon hat versucht, mit großer Übermacht Blücher in
Schlesien zu stellen. So dumm ist der Alte nicht -- er weicht aus, geht
vom Bober hinter die Katzbach zurück und wartet, bis der Kaiser mit
einem Teil seiner Armee nach Sachsen zurück muß, da das böhmische Heer
anmarschiert. Macdonald erhält den Befehl über die achzigtausend Mann,
die den -- natürlich! -- >in Auflösung begriffenen Feind< weiter
verfolgen und vernichten sollen. Bei Blücher haben Russen den rechten
und linken Flügel, unter Sacken und Langeron. Das Zentrum befehligt
York. Er hält sich hinter Anhöhen versteckt -- ahnungslos steigen die
Franzosen zu dem Plateau empor. Blücher befiehlt: laßt so viel Feinde
herauf, wie Ihr wieder hinunterschmeißen könnt! So geschieht's. Dann
beginnt die preußische Brigade Hühnerbein den Tanz, mit Bajonett und
Kolben fegt und schmettert sie die Franzosen den Abhängen zu. Aber
Macdonald treibt immer neue Massen auf die Höhe. Ein preußischer
Kavallerieangriff unter Jürgaß verpufft. Da stürmt der Alte selbst und
sein Liebling Katzeler mit preußischen und russischen Reiterscharen
gegen den Feind. Kräftig hilft die Infanterie Yorks und Sackens nach --
während Ehren-Langeron es vorzieht, Gewehr bei Fuß zu bleiben. Der
Franzose wird ins Neißetal geworfen, in den brausenden Strom. Der Sieg
ist errungen.
So die kurze Erläuterung. Nun wandern sie durch das Schlachtgebiet.
Fröhlich schmunzelt die Fantasie zu den »reißenden Gebirgswassern«. Die
einzelnen Stellungen werden bezeichnet. Dann geht es an das Einteilen
der Heerkörper, an die Ernennung der Führer.
Natürlich will niemand Franzose sein. Erst wie Horst die Rolle
Macdonalds übernimmt, bekommt er sein Heer zusammen. Auch die Russen
sind nicht begehrt. Kunz muß sich erst zu dem Jammerkerl, dem Langeron,
entäußern. Allerdings hat er dafür den Vorzug, auch sein eigener
Heerkörper zu sein -- zum Nichtstun bedarf es keiner weiteren Kräfte --
und in träumerischer Einsamkeit die Spitze des Moordorfer Kirchturms und
die Straße vom Dorf, die so freundlich verheißende, zu betrachten.
Auch hat der Posten, der ihm zugewiesen ist, alle Anwartschaft darauf,
nicht mit rührender Treue gehalten zu werden. Vielleicht, daß dieser
Frühlingssonntag doch noch etwas anderes mit ihm im Sinne hat, als daß
er hier den traurigsten aller Wutkigenerale an den Pranger der
Unsterblichkeit stellen muß.
Die Moordorfer Straße -- eine Straße wie die andern auch. Vom grauen
Staub bedeckt, von grauen Bäumen mürrisch bewacht, die der Frühling noch
nicht hat entzünden wollen. Und heute ein grauer Himmel über allen
Dingen.
Wie aber wird dieser graue tote Weg, auf dem heute niemand geht und
niemand fährt, wie wird er zu leuchten anfangen, ein goldener Streif,
eine Sonnenbahn, wenn zwei Mädchenfüße ihn betreten!
Wartest Du, Straße, nicht auf diese Füße? Ja, ja -- Du bist nichts als
ein Warten, als ein Dichdarbieten, als ein Sietragenwollen! Was gibt es
auch Herrlicheres für einen Weg, als von dieser unsagbaren Anmut zu
federn und zu schwingen!
Nicht wahr, Du, Straße, sehnsüchtig wie ich, Du führst sie mir her, sie
weiß ja, daß hier heute Kriegsspiel ist. Was gibt es Lockenderes für
sie? Und sie ist mein Kamerad. Wenn ich dabei bin, muß sie doch auch
dabei sein! Straße, gedenke Deines Berufes! Trag ihre Schritte! Bring
sie mir her!
Der Ehrgeiz der Jungen warb um die Führerstellen. Blücher war natürlich
Dr. Georg Stump -- an den greisen Marschall hätte auch ihre Bewunderung
kaum zu rühren gewagt. Eher schon trauten sie an York sich hinan -- der
primus omnium, ein ernster, kantiger und steifnackiger Junge ward
auserlesen.
Am meisten umworben war Blüchers Verzug, Katzeler, der kühnste und
verschlagenste aller Reiterobersten. Als solcher durfte Fritz Röder vor
seinen Schwadronen bergan traben, ein Junge, rosig, leichtsinnig,
sorglos und liebenswürdig verschmitzt -- seine Besonderheit war, listig
sich mit der Kamera lustig verfängliche Situationen zu greifen.
Und nun ist Krieg. Die feindlichen Heere haben sich aufgestellt.
Horst-Macdonald klimmt mit seinen Scharen die Höhe hinan, die Aufklärung
versagt plangemäß, in breiter Linie fluten sie auf den Gipfel.
Wie ein unbändiges Meer wogt die versteckte Brigade Hühnerbein. Schwer
ist sie zu halten. Jetzt! Das Kommando! Sie brechen vor auf die Feinde
--
Ein erbittertes Handgemenge. In Paaren kugeln sie auf den Boden. Die
Franzosen müssen zurück. Aber Macdonald -- zu spaßen ist nicht mit dem
schlachtenerprobten Marschall, dem Helden von Wagram -- er führt neue
Truppen ins Feuer -- der Kampf steht --
Jetzt ist die Stunde der Reiterei gekommen. Wie das Donnerwetter
preschen Blücher und Katzeler mit den Regimentern gegen die
Anstürmenden. Und Yorks Infanterie gibt ihren Senf dazu.
Aber -- aber die gerufenen Geister -- so leicht sind sie nicht los zu
werden. Ist es die Schwärmerei für Horst, ihren Führer, ist es der Zorn,
daß sie die Franzosen sein müssen -- Macdonalds Soldaten stehen und
verbeißen sich. In Einzelkämpfen. Sie sind die gewandteren Ringer und
bleiben oben. Der große Kavallerie-Angriff und mit ihm das ganze
Programm droht in die Brüche zu gehen. Kommandos und Signale werden in
der Kampfeswut nicht mehr gehört, die Franzosen dringen erbittert weiter
vor, das Bild der Katzbacher Schlacht beginnt, sich heillos zu
verschieben und zu verzerren --
Da -- was begibt sich? Man weiß, wie oft in die Entscheidungsschlachten
der Völker überirdische Mächte, himmlische Erscheinungen eingegriffen
haben -- Erzengel mit dem Flammenschwert, die Geister sagenhafter Helden
oder heilige Frauen im Glorienschein.
Und hier -- eine Elfengestalt -- ein Wesen aus einer anderen Welt -- an
die Spitze der wankenden Preußen tritt sie -- eine Begeisterung,
übermächtig, braust durch die Herzen. Die Reihen schließen sich, sie
stürmen vor, unaufhaltsam, sie siegen, sie siegen. Und der Feind liegt
am Boden.
Kunz, wo hast Du Deine Augen gehabt? Hast Du so lange auf die
Straßenlinie gestarrt, wie das Huhn auf den Kreidestrich, daß Du davon
eingeschlafen bist?
Vita, Deine Vita ist ja längst zur Stelle. Mit ihrem Vater ist sie
gekommen, der heute hier auch nicht fehlen darf. Jetzt steht Horst bei
ihr und drückt ihr die Hand, daß sie die geschichtliche Wahrheit
gerettet hat. In scheuer Verehrung umkreisen sie die Jungen.
Kunz findet sich schnell hinzu -- es zwickt ihn wie die bittere Wehmut
einer leichten Eifersucht, es liegt ihm ganz und gar nicht, überflüssig
zu sein. Sie begrüßt ihn mit ihren hellen eifrigen Augen. Wie
durchrieselt ihn die Freude an ihrer Kindlichkeit. Die ihm, ihm einmal
erwachen soll!
Eine Pause gibt es. Wieder lagern sie alle. Die Kritik ist mühelos
erledigt. Jeder bekommt seinen Wischer. Nur die Vision wird gefeiert,
der Geist und des »Geistes Tochter«, die Begeisterung.
Die drei Männer, Horst, Pastor Waermann, Dr. Georg Stump unterhalten
sich über das Leben in Blüchers schlesischem Hauptquartier -- der eine
weiß dies, der andere das. Die Jungen hören zu mit dürstender Hingabe.
Hier ist Trank aus deutschen Quellen.
Wie um den Alten, den sie den »rohen Husaren«, den »Landsknecht«
schalten, das regste geistige Leben blühte. Nichts mehr von dem alten
bildungsfeindlichen, plumpen Hohn des Kasernentons. Die Helden dieses
Kreises, Gneisenau voran, Rühle von Lilienstern, mit Heinrich von Kleist
innig befreundet, Schack, Brandenburg, Oppen, -- Offiziere von weitestem
Horizont. Und auch die Haudegen Horn, der preußische Bayard, Jürgaß,
Sohr, Katzeler, der tolle Platen, dem nie die Pfeife ausging -- sie alle
beileibe keine bloßen Plempenschwinger. Weiß man, daß die Offiziere in
Blüchers Hauptquartier Shakespeares Dramen mit verteilten Rollen lasen?
Und wieviel Leuchtkraft strahlte von den »Schriftgelehrten« Karl von
Raumer, Friedrich Steffens, Friedrich Eichhorn aus! Keine Dumpfheit gab
es hier, keine Enge, keine Verketzerung! Freimut die Losung! Alles
Ehrliche galt, alles Faule wurde ausgebrannt, bei Fürsten wie bei
Untertänigen!
O Du, unser Vater Blücher, auch heute noch -- heute mehr noch als je
unser Vater! Wie sang Pastor Waermann sein Lied!
»Bewußt und groß!« Erfüllt war sein Bewußtsein von der Sklavennot seines
Volkes, seiner eigenen unerträglichen Not! Bewußt war er sich seiner
Führerschaft, seiner Kraft, die Fesseln zu brechen -- bewußt der Liebe
seines Volkes, der Liebe seines Heeres, der Bereitschaft seiner
Getreuen, mit ihm in den Tod zu gehen. Keiner ist so klaräugig wie er,
mit so unverwüstlichem Vertrauen wie er, der Frische, der Kraft, der
Freiheit deutscher Art sich innegewesen -- groß war er im Glauben! Und
so -- bewußt und groß hat er die Volksseele gelöst, gehoben, beflügelt
zum Freiheitsflug. Jeder Blutstropfen in ihm war Freiheit, jeder Hauch
seines Atems rief nach Freiheit. Der große bewußte Freiheitsheld seines
Volkes ist er gewesen. Und ist er uns geblieben, unser Schirmherr, unser
Bannerherr, uns, seinen Urenkeln, auf die wiederum die Knechtschaft fiel
-- und die wiederum die Knechtschaft zerbrechen werden! In unserer Seele
brennen und leuchten seine Worte: »Trage Fesseln wer will, -- ich nicht.
Ich bin frei geboren und muß auch so sterben!«
Es bebten die jungen Herzen, es zuckten die Augen.
Turnspiele folgten. Militärische Übungen. Horst sprach noch einiges über
Technik in der neuesten Kriegsführung. Dann trennte man sich. Die Jungen
waren vollgesogen bis ins Mark von stählenden Erlebnissen. Sie hatten
Eisen ins Blut bekommen. Am nächsten Sonntag wollten sie mit tausend
Freuden sich wieder einfinden.
Singend zogen sie der Stadt zu, singend das Trostlied ihrem Deutschland:
Wir sind die Jungen, wir sind die Kraft,
jede Faser gestrafft und gerafft.
Wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,
siehst Du die nächtigen Wolken lohen?
Wir sind des Frührots lachender Schein!
Frei sollst Du sein!
Horst, der Pastor, der Doktor, Vita und Kunz gingen eine Strecke im
Takte mit. Der Doktor sprach mit Horst. Er war stolz darauf, daß von
seinen Jungen wieder nur die beiden räudigen Schafe fehlten.
Übrigens der eine von diesen, der Kommunist, ein unheimlich begabter
Mensch. Ein musikalisches Genie. Lebte als reiche Waise im Hause einer
halb verrückten Tante, die ihn frei gewähren ließe. Jetzt hätte er
Klavierstunde genommen bei der Nihilistin, die die Stadt unsicher
machte.
Lona also. Diese letzte Wendung gefiel Horst nicht. Aber Doktor Stump
sagte noch mehr von ihr. Natürlich sei der Junge rasend verliebt in sie.
Eine Gefahr nicht bloß für ihn. Eine Gefahr, die weitere Kreise ziehen
könne. Höchstwahrscheinlich lasse sie alle Minen springen, um Bresche zu
legen in die Reihe der Primaner. Für die sie natürlich etwas lockend
Geheimnisvolles und Verbotenes sei.
Horst trug an einem Unbehagen. Aber die Vertraulichkeit einer
Entgegnung, einer Auseinandersetzung widerstrebte ihm. Und der Doktor,
so ehrlich wie befangen, ging weiter im Text. Von all den Aufwieglern in
der Stadt sei sie ohne Frage die Bedrohlichste, schon als die geistig
Bedeutendste. Und ihr Zauber, um den die männliche Jugend zu kreisen
geneigt ist --! --
»Wer weiß,« rief der Lehrer erbost, »ob ich Ihnen das nächste Mal noch
all diese Jungen wieder hinausbringe!«
»Sie meinen --! --«
»Nicht unmöglich, daß sie ein pazifistisch-musikalisches Jugendkränzchen
mobil macht, gegen unsere vaterländische Jungmannschaft! Die Erregung
gegen sie ist im Wachsen. Vielleicht steht ihr so mancherlei bevor!«