Nun richtete Horst sich steil auf. »Sie ist eine Frau, eine Dame --!«

»Sie macht Politik. Und Politik ist geschlechtslos --«

Die anderen traten hinzu, sie wollten umkehren. So verabschiedete man

sich.

Horst ging versunken den Weg zurück. Die drei Andern sprachen lebhaft,

er blieb mit sich allein.

Lona -- sie laufen Sturm gegen Dich. Wären wir im Mittelalter, machten

sie Dir als Hexe den Prozeß. Denn Du trägst Dein Mal. Dein

unglückseliges zerrissenes Leben, Dein zerwühltes Gemüt, Deine flammende

Sehnsucht, die der Zeit voran fliegen will, hat Dir das Hexenzeichen

aufgeprägt.

Ich versteh es, ich seh es, wie die Primanernacken nach Dir sich wenden.

Wieviel Reiz ist in der blühenden Schlankheit Deines Wuchses, in dem

Doppelleben Deiner Züge, in der Auferstehung Deiner Augen aus

vergrabener Tiefe. Wer begreift es nicht, daß gerade junge Fantasie an

Dir sich entzücken muß!

Dazu Deine Kunst und -- abenteuernden Sinnen ein Zauber -- Deine wilde

fanatische Kampfstellung, auf geistiger Höhe.

Und nun -- einen Wettstreit soll es zwischen uns geben, um die Seelen

der Jungen? Ist es das, was mir am nächsten geht? Oder ist es der

Wettstreit, den ich um Dich auszufechten habe -- mit allen, deren Blicke

und Gedanken um Dich streichen und werben, ob es die Jungen sind, ob die

andern alle! Ob der Alte seine haarige Flosse auf Deinen leuchtenden

Unterarm legt -- was hat sie da zu liegen! Ob Deine Parteigenossen

Deiner begehren und Dich umgirren!

Er kämpfte schon wie um ein eigenes Besitztum, zornig und heiß.

Was hatte der Schulmeister vorhin gesagt? Daß sie sich nicht scheuen

werde, ihre Reize spielen zu lassen, um so die Jungen zu sich herüber zu

ziehen!

War das nicht wie eine Beschimpfung? Wie hatte er das hinnehmen können!

Und heftig fast wandte er sich jetzt an Pastor Waermann. Er habe eine

Bitte. Eine ihm bekannte Dame, Künstlerin, Meisterin auf der Orgel,

möchte dann und wann in der Moordorfer Kirche spielen dürfen. Kunz

spitzte die Ohren.

»Das soll sie!« Der Pastor gab gern seine Einwilligung.

»In der Stadt macht man ihr Schwierigkeiten,« erklärte Horst ehrlich.

»Weil sie Kommunistin ist.«

Pastor Waermann wußte von ihr. »Ich muß offen gestehen -- unbehaglich

ist sie mir ja -- aber darum --!«

Horst, der empfindlich gewordene, wollte gegen das »unbehaglich« sich

ins Zeug werfen. Dann aber griff er es willig auf. »Sie ist sich selbst

nicht behaglich -- zerquält, vom Leben zerschlagen. Nur in ihrer Kunst

kann sie sich wiederfinden. Und gerade die Orgel trägt sie auf andere

Bahn. Es dämmern Bekehrungsmöglichkeiten --«

Dann brach er jäh und unwirsch ab. So was wie gemeinsames Rettungswerk

widerstrebte ihm aufs tiefste. Und da er von Wandlungsmöglichkeiten

sprach, verriet er hier nicht heimliche Hoffnungen?

Kunz mit Vita ließ seinem Unmut die Zügel frei. Längst hatte er vor ihr

keine Geheimnisse mehr. Eine selbstverständliche Vertraulichkeit band

die jungen Herzen. »Horst orgelt sich da selbst in etwas hinein. Solche

innere Mission färbt immer ab. Er soll die Finger davon lassen. Er

braucht -- wir brauchen seine reinen Hände!«

Schwer ging seine Brust. Vita sah, wie er litt, an quälender Sorge. Sie

nahm seinen Arm. Da durchrann ihn das Glück. Und er hob sich fröhlicher.

»Das Siedlungswerk soll nicht untergehen! Deutsche Augen -- deutscher

Glaube sind auf uns gewandt. Wenn Horst uns versagt -- er darf es nicht,

denn alles hängt an ihm -- aber wenn, wenn -- Dankwart ist zu sonnenlos

und Gisbert, der jetzt kaum noch was Irdisches hat, schwimmt in seinen

Unendlichkeiten. Dann muß ich -- ich wachsen an meinen Pflichten!«

Sie blickte zu ihm empor. Alles Kindliche, Spielerische fiel von den

beiden ab. Eine Weihe der Kraft schloß die jungen Menschen zusammen.

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 28 / 60 题