Getragen schritt Horst durch den Frühlingsabend. Es war so viel
Hoffnung, so viel Gläubiges in der Natur. Im Westen der letzte
Feuerstrich, eine freudige Verkündigung neuer Sonnentage. Darüber der
breite, topasfarbige Streif, irisierend, wie zitternd von dem Zauber der
Frühlingsnächte, der auf die Erde tropfen will. Und wann wölbt der
Himmel, der sich bestirnende, so wie jetzt in diesen Tagen des jungen
Lichtes sich auf zu der Höhe trostreicher Unendlichkeit?
Mit reiner Freude gedachte Horst seiner Arbeit und der Kameraden. Neue
organisatorische Gedanken gingen ihm auf. Neue geschäftliche Pläne.
Schichten eines erlesenen Töpfertones waren in dem Ziegeleigelände
gefunden. Unter den Kameraden war ein gelernter Scheibentöpfer, ein
geschickter und geschmackvoller Keramiker. Kacheln und Geschirr wollten
sie herstellen. Eine aussichtsreiche Industrie, die ihre Finanzen, die
immer bedürftigen, stärken würde.
Vor ihm liegt die Baracke, die gelobte, die geschmähte, im Dunkel. Nur
spärlicher Lichtschein aus einzelnen Fenstern.
Da -- wie ein Schatten schleicht eine Gestalt den Weg entlang. In Mantel
und städtischem Hut, einen Reisekoffer in der Hand. Scheu wie ein
Flüchtling --
Es fährt Horst durch den Kopf: ist das nicht Radatz, der unsichere?
Natürlich ist er's! Und heimlich reißt er jetzt aus -- da der Führer
nicht im Bau ist. Soll er laufen, so weit die Beine ihn tragen! Mit
solchen Brüdern hab ich nichts zu schaffen! Schade um jedes Wort, das
man an euch verliert!
Aber, daß meine Mannschaft sich nun so zersetzt! Und verstecke ich mich
nicht selbst, wenn ich den Mann so an mir vorüberschleichen lasse? Keine
vornehme Bequemlichkeit! Ihn stellen! Bin ich der Führer oder nicht? Er
soll wenigstens Hals geben! Ich verkriech mich nicht mit ihm zusammen in
Heimlichtuerei!
»Radatz, sind Sie das?«
»Jawohl, Herr Hauptmann.« Die Stimme knickte ein.
»Wollen Sie verreisen?«
»Ja.«
»Haben Sie Urlaub?«
»Ich -- ich habe eine traurige Nachricht von zu Hause. Mein Onkel ist
gestorben --« Der Mann log.
»Beruhigen Sie sich. Er ist nur scheintot«, sagte Horst mit
überwältigender Kühle.
Der Ausreißer stand, eingekeilt zwischen Beschämung und Unmut. Horst
ließ ihn stehen. Eine kurze Wendung. »Reisen Sie glücklich!« Er hatte
ihm den Rücken gedreht.
Gleich berief Horst eine Versammlung der Siedlerschaft.
»Kameraden. Der frühere Siedler Radatz hat sich heimlich entfernt. Daß
er sich entfernt hat, ist seine Sache. Daß er es heimlich tat, seine und
unsere. Nichts schlägt so wie dies dem Geiste unserer Gemeinschaft ins
Gesicht. In der vollen Freiheit, vollen Ehrlichkeit ist sie aufgebaut.
Und so frei und ehrlich soll sie bleiben. Wir glauben an unser Werk. Zum
Glauben gehören Opfer -- wir bringen sie freudig. Dies unsere Gesinnung
-- oder ist sie es nicht mehr? Leicht ist unsere Arbeit, unser Leben
nicht. Lockende Rufe von draußen kommen zu manchem von uns. Und nun will
ich Euch fragen, ist noch einer oder der andere hier, der nicht mit
ganzem Herzen weiterschafft an unserer Arbeit -- offen soll er es sagen.
Wir wollen ihn gewiß nicht hindern, daß er geht -- fördern wollen wir
ihn auf seinem neuen Weg. Aber Offenheit wollen wir! Lassen wir den
Betrug sich bei uns einnisten, dann stürzt unser Bau zusammen!«
Die Worte wirkten, der Ton zwang. Alle gelobten sich aufs neue dem
Siedlungswerke zu.
»Wir sind seit langem wieder einmal in größerem Kreise beisammen. Hat
einer sonst noch was auf dem Herzen?«
Maurer Mulitz meldete sich. »Ich kann mir nicht helfen -- daß wir damals
nach Mehrheitsbeschluß allesamt gegen den Streik uns einsetzen mußten --
das halte ich nicht für richtig.«
Gegenrufe: »Wieso?« -- »Allesamt! Bei uns gibt es nur ein Allesamt!« --
»Kameraden sind wir!«
»Ich hab da etwas gegen mein Gewissen tun müssen -- als Streikbrecher
bin ich mir vorgekommen --«
»Lächerlich!« -- »Was war das für ein Streik!« -- »Ein wilder
allerhöchstens.« -- »Mit Brandstiftung!« -- »Mit Überfall aus dem
Hinterhalt.«
Mulitz ließ sich nicht beirren. »Ich bin der Meinung, daß wir andere
Aufgaben haben. Auch zum Polizeidienst sind wir nicht da. Sollte sich so
etwas wiederholen, muß ich mir ausbitten, daß ich hier in der Siedlung
bei meiner Arbeit bleiben darf.«
Kunz wurde erregt. »Lieber Mulitz, wir haben uns stets als geschlossenen
Verband betrachtet! Einer für alle, alle für einen! Wollen wir den
Mordbrennern zuliebe uns in unsere Bestandteile auflösen? Und einpacken
mit unserem gemeinsamen Siedlungswerk? Und was haben Sie, gerade Sie
gegen Mehrheitsbeschlüsse? Damit müßte sich doch Ihr gewerkschaftliches
Gewissen am ersten beruhigen.«
»Wir sind hier keine Gewerkschaft. Eine Arbeitsgemeinschaft sind wir, in
der jeder persönlichen Überzeugung Freistatt gewährt ist.«
»Die sich aber doch jederzeit einheitlich zur Nothilfe organisieren
kann.«
»Um Nothilfe ging es hier doch gar nicht. Handelte es sich hier
vielleicht um lebenswichtige Betriebe --?«
»Wenn wir schon den neuen Staatskatechismus gelten lassen -- erst recht
handelt es sich hier darum! Was ist jetzt lebenswichtiger, als daß die
deutsche Erde bestellt wird? Und dann die Brandstiftung -- ist das nicht
unmittelbare Lebensbedrohung!«
Es gab parlamentarische Erregung. Die meisten waren für Kunz, wenige für
Mulitz. Immerhin bildeten sich Parteien. Die Augen hingen an Horst. Er
nahm das Wort.
»Ich kann den Standpunkt vom Kameraden Mulitz nicht ablehnen.« Kunz hebt
die Schultern, das Lid von Dankwardt zuckt. »Gewissensnöte müssen wir
unter allen Umständen ehren. Natürlich liegt mir an nichts so viel, wie
an unserer Einheit. Und tatsächlich -- wie es auch diesmal geschehen ist
-- wird ein großer Zug die Bedenken der einzelnen mit sich reißen. Auch
die Kameradschaftlichkeit von Mulitz hat sich noch immer bewährt. Aber
wir müssen grundsätzlich anerkennen, daß in solchen und ähnlichen Fällen
jemand seiner Überzeugung treubleiben darf, ohne sich damit außer dem
Rahmen unseres Verbandes zu bewegen. Über die sogenannten inneren Feinde
sind verschiedene Auffassungen möglich. Nur über den äußeren nicht!«
Kleister! schalt Kunz in seinem Gemüt. Er war böse auf Horst. Aber seine
Disziplin hieß ihn hier schweigen. Unter vier Augen würde das Weitere
sich finden.
»Noch eins darf ich zur Sprache bringen«, bemerkte Mulitz, der jetzt
Oberwasser hatte. »Es scheint sich hier so etwas wie Schnüffelei
ausbilden zu wollen. Man hat mir meinen Verkehr aufgemuzt -- daß ich
manchmal in der Stadt mit einem alten Freund zusammenkomme. Der ist
allerdings eingefleischter Kommunist. Aber wenn man darin nicht mehr
freie Hand haben soll --!«
»Natürlich hat man die«, erklärte Horst. »Wir sind hier doch nicht in
einer Kleinkinderbewahranstalt.« Und dann fügte er mit Bedacht hinzu,
und es grub sich die gerade Falte zwischen seinen Brauen: Ȇbrigens bin
ich in ähnlicher Lage wie Sie. Auch ich -- suche sogar den
Gedankenaustausch mit kommunistischen Kreisen. Ich meine, wir sollen und
müssen ergründen, was in deutschen Geistern vorgeht. Nur so können wir
deutsche Arbeit leisten.« --
Die drei Offiziere saßen in Dankwarts Zimmer. Kunz würgte an seiner
Erregung. »Nun sind wir so weit. Der Zersetzungsprozeß beginnt! Wenn
erst dieses Phrasengespenst, die Gewissensfreiheit bei uns herumspukt!
Mit dem jeder seinen Privatunfug treibt! Dienstpflicht, verdammte, haben
wir und Kameradschaft. Und Kameradschaft und Dienstpflicht. Vorbildlich!
Und weiter nichts auf der Welt -- es ist wahrlich genug. Und vor allem
keine Gespenster!«
»Du gehst durch die Wand, Kunz!«
»Dann ist die Wand danach! Ich bleib dabei, so lange wir immer und immer
wieder den sozialen Knüppel unserer vaterländischen Empfindung zwischen
die Beine werfen lassen, so lange, kann ich nur sagen, verdienen wir
wahrlich den Knüppel!«
Dankwart nickte mit der starren Asketenmiene. »Alles in allem -- da es
nun mal ohne Politik nicht geht -- können sich eben nur Glaubensgenossen
in einer Gemeinschaft wie unserer zusammenfinden. Die meisten stehen ja
glücklicherweise auf unserem Boden. Die paar andern -- hinaus! Und
geeigneten Ersatz! Es gibt brave Kerle genug ohne Dach -- die gerne
kommen!«
Horst warf heftig den Kopf. »Nein -- nein. Das ist ja das
Allerverkehrteste! Damit werden wir ja bloß ein Klüngel mehr! Ein
Häufchen Partei und weiter nichts! Wir haben doch wahrlich was Größeres
im Sinn gehabt! Alles, was deutsch ist im Denken und Wollen -- ist nicht
Gust Elbenfried mit seinem kommunistischen Christentum, mit diesem
rührend innerlichen Kommunismus der Herzen, einfach eine Notwendigkeit
in unserm Kreis? Etwas wie ein klein Deutschland wollen wir sein! Und
nun verschont mich gefälligst mit Ketzergerichten!«
Kunz lachte höhnend. »Ein Deutschland -- ohne Ketzergerichte? Wie
unvollständig bleibt Dein Abbild!«
Dankwart aber, und die Bronze seines Gesichtes dunkelt unmutig: »Du
wirst immer mehr zum Schwärmer, Horst. Und das macht mir Sorge. Mir und
uns.«
»So sägt mich ab.«
Dankwart weiter -- und das schwere Lid hob sich auf zu besonderem
Vorstoß. »Du hast selbst davon gesprochen, von Deinem Verkehr mit der
Kommunistendame. Darf ich Dir meine Ansicht sagen?«
»Bitte.«
»Als Führer tätest Du besser, diesen Verkehr einzustellen.«
»Lieber Dankwart --«
»Man wird Dich nicht verstehen. Und ein Führer -- soll verständlich
sein.«
»Wohl. Aber vor allem soll er doch selbst verstehen, mein ich. Und
möglichst viel. Meine Methoden müßt Ihr mir schon lassen.« Er hielt die
Ruhe, aber ein wehrhafter Ton meldete sich.
Dankwart, den bitteren Mund verzogen, mit seinem gelinden Zynismus:
»Lieber Horst -- hättest Du gesagt: meine weibliche Privatsache, Hände
davon -- gut! Oder: wenn ich einen Gegner so oder so unschädlich mache,
seid mir doch dankbar -- besser! Aber ein >geistiger Austausch< -- geht
dabei etwas verloren, trifft das auch uns. Und darum --«
Horst wurde es der Erörterung zuviel. Sprödigkeit, Stolz, ritterlicher
Sinn wehrten sich gegen die ganze Art dieser Betrachtung. »Wir geraten
da nach meinem Geschmack zu sehr ins Persönliche. Meinen Standpunkt in
der Sache hab ich Euch bezeichnet.«
In den festen Worten war ein metallenes Klingen. Das bedeutete Schluß
der Vorstellung, die Freunde wußten es.
Kunz, der am ersten sich umstimmte, suchte erfreuliche Mitteilungen in
das Schweigen zu bringen.
»Ein Paar Pferde habe ich gestohlen.«
»Was? Gestohlen -- wo?«
»Dem Roggendorfer habe ich sie abgeknöpft. Zwei zähe ostpreußische
Schecken. Kosten so gut wie nichts.«
»Kunz --«
»Horst -- sei Du der Organisator des Sieges. Ich sei der Organisator des
Geschäfts. Zwei Schälpflüge hab ich uns auch gelangt. In Süldemitz. Auf
Abzahlung. Ohne Termin. Na -- und da wir keine hastigen Orientalen sind
--«
»Natürlich dürfen wir nicht --«
»In allem Ernst, Horst -- die lieben Leute haben von uns so unendlichen
Nutzen gehabt -- da erlauben wir ihnen eben gütigst, sich ein klein
bißchen erkenntlich zu zeigen. Manus manum. Und weil ich auf diese
Manikür mich verstehe --«
»Was uns aber nicht an ordnungsmäßiger Abrechnung hindern wird.« Horst
erhob sich. »Und morgen also zuerst ins Ödland. Gut Nacht!« Er reichte
den Freunden die Hand und ging.
Die beiden blieben noch eine Weile zusammen.
»Die Höhe hat er,« sagte Kunz, und was ihn ihm zürnte, wurde von der
Anerkennung verschlungen. »Weshalb wir jetzt auch gegen ihn Stimmung
machen. Und an ihm stürzen werden.«
»Das tut er ja leider allein.« Dankwarts Auge war wie Nacht.
»Knochenerweichung geht weiter.«
Kunz schrak auf. »Und was soll werden? Wer soll uns führen? Kannst Du
es?«
»Nein.«
»Kann ich es? Strammheit allein -- lächerlich. Dazu gehört dies gewisse
Etwas. Was er hat -- und keiner von uns.«
Dann rückte er sich kräftig zurecht. »Unsinn! Wir übertreiben. Und
machen Verschwörung. Verschwörer übertreiben immer. Es renkt sich alles
wieder bei ihm ein. Gesunder Kern -- also!«
»Wenn nicht ein Weib dahinter steckte.« Heiser die Worte, vor
Bitterkeit, höchstem Mißtrauen und tiefster Verachtung.
»Das bißchen Weib.« Kunz lächelte, er war noch leidlich unbeschwert.
Dann schlug er lebhaft mit den Flügeln. »Wenn man ihm das Weib auf
irgendeine Art vom Halse schaffte!«
Sehr abenteuerliche Gedanken brausten ihm durchs Hirn.