Frau Tilde war bei Gisbert. Er hatte schon das Bett verlassen und saß im
Stuhl, so schnell ging es mit ihm nach oben. Dankbar war Gisbert.
Dankbar trank er das Leben in sich auf. Und leuchtend sprach er: »Wie
sagt der große chinesische Weise? Was ist der Inbegriff aller Erkenntnis
und ihrer Freude? Ich atme bewußt. Und wem danke ich es?« Zu ihr hob
sich seine Hand.
Nichts Heimliches, nichts gesucht Vertrauliches -- die ganze große
mutige Selbstverständlichkeit sprach. Sie waren beieinander, als hätten
sie sich von je gekannt.
Tilde sah ihn an, mit der weiten wehen Klarheit ihrer Augen. »Von Vater
hörte ich eben das Gegenteil. Das »but intoxication«. Wie ist er anders
geworden! Man ist hellsehend bei denen, die man liebt. Und ich sehe --
das Schlimmste.«
»Ich fand ihn erfrischt -- durch den Kampf.«
»Das ist der Rausch, von dem er selber spricht. Wie lange kann ein
Rausch dauern? Ich fürchte mich vor dem Erwachen.«
Schwerer wurden ihre Augen. »Ich bin immer -- schon als Kind -- diesem
leidenschaftlichen Hang zur Einsamkeit nachgegangen. Das Leben straft
uns an unseren Leidenschaften. Nun werde ich bald niemanden mehr haben.«
Gisbert bewegte sich zur ihr hin, Ergebenheit bis in den Tod reichten
seine Blicke ihr dar.
»Und ich hab noch keinem Glück gebracht --« fast warnend sprach sie es
aus -- »keinem, der mir etwas war -- der mich befreite von meiner Sucht,
mich in mich selbst zu begraben. Als ob alle es hätten büßen müssen.«
»Gnädige Frau --«
»Ich weiß, das ist wie eine lächerliche Eigenwichtigkeit. Aber, warum
mußte alle, aber auch alle, die mir nahe standen, diese Zeit
verschlingen oder zerbrechen?«
»Sind wir nicht alle zerbrochen?«
»Doch nicht so, bis ins Lebensmark. Die mir geblieben sind -- mein
Vater, mein Mann -- bloße Schatten. Und alles andere ist mir gestorben.
Meine Freundin, die einzige, die ich hatte -- der Gram um ihren
gefallenen Mann hat sie ihm nachgezogen. Meine besten Freunde waren
meine Brüder -- sie sind nicht wiedergekommen. So sieht es um mich aus.«
Du sollst nicht klagen, Du sollst nicht traurig sein -- machtvoll
sehnsüchtig klang es in Gisbert auf. Und ein Glück trug ihn empor. Daß
Du so zu mir sprichst! Dich so mir offenbarst! Ich bin Dir etwas -- Du
fühlst, wie alles, was ich bin, Deinem Wesen zuströmt! Dir dienen will
ich, mit allem, was ich bin! Dir geben, alles, was ich habe! Dir, Dir,
Du Schmerzensreiche, Du Gebenedeite!
Sie spürte die schwärmende Glut. Sie selbst mußte ihr wehren. Ihre
Sehnen strafften sich. »Gut, daß die Arbeit auf einem liegt. Unser alter
Inspektor ist der Sache nicht mehr gewachsen. Und Achim --« ein weher
Zug grub sich ein -- »bereitet sich auf ein großes Match vor. Dennoch
hätte ich Vater gern was von seiner Bedrängnis abgenommen. Wir sind
glimpflich davon gekommen. Obwohl wir uns das Schlimmste vermuteten.
Oder deshalb? Wie ist Vater, der gutgläubige, für seine Einbildungen
gestraft.«
Herr von Borkhus kam jetzt, sich selbst nach Gisbert umzusehen. Er war
aufrecht, in fester Haltung, berichtete von dem Ausstand, daß die
Nothilfe der Gymnasiasten die Wut frisch aufgepeitscht habe, und als
Neuestes -- ein ehernes Lachen klang in seinen Worten -- daß Strempel
sich weigere anzuspannen und den Herrn zu fahren.
»Strempel!« Wie geisterhaft tönte es zurück aus Frau Tildes Mund. Ihre
Augen forschten erschreckt in des Vaters Zügen. Die blieben hart.
»Ja, Kind. Oh, wir brauchen noch viel Belehrung.« Geradezu ausgelassen:
»Sag Mädel, bin ich nicht einfach gereist auf den Mann? Schaubudenhaft?
Habe ich mich nicht mit ihm dem Publikum gezeigt? Hier seht Ihr es,
meine Herrschaften! Es gibt ein Glück des Gehorchendürfens! Sofern der,
der befiehlt, auch selber am rechten Ort zu gehorchen weiß. Es kann ein
freies und stolzes Wort sein: >ich dien<! Ja, Kind, nun ist die
Schaubude umgeweht. Komplett.« Und er lachte ehrlich.
»Vater --«
»Und jetzt -- Herrgott, ganz jung wird man wieder! Was war für mich als
kleinen Bengel die größte Lust? Selber anspannen! So tue ich's also
jetzt wieder und fühl mich als Junge. Ich muß heute noch nach Trent.
Besprechung der Besitzer. Der Korpsgeist hat nun den Stoß, den er
braucht.«
»Ich fahre Dich, Vater.«
»Kannst mitkommen. Du gehörst ja auch dahin. Oder ist Achim da?«
»Nein. Achim -- übt.«
»Nun, dann komm. Auf Wiedersehen, Herr Hegendorf! Und weiter steife
Ohren.« --
Der Ausstand war zusammengebrochen. Die Führer wüteten. Die
Industriearbeiter in der Stadt höhnten. Es fehlte diesen »Landlümmeln«
doch an Schwungkraft und Kampfdisziplin.
Doch aller Haß und Zorn brandete gegen die Siedler. Diese Klopffechter
des Rückschritts, die der dunklen Sache den Sieg verschafft hatten. Aber
wir werden es Euch eintränken! Wenn wir die Führer nur fassen! Und wir
fassen sie. Und dann an die Chausseebäume mit ihnen!
Die Moorhofer Leute fanden sich wieder zur Arbeit ein. Mit einem Lächeln
sah Herr von Borkhus dem allen zu. Aber seine mächtigen Augen froren
darüber hin, wie über ein Schauspiel, das ihm innerlich nichts zu geben
hatte. Und das Lächeln, wie vereist, schwand kaum mehr aus seinem
Gesicht.
Nicht als Strempel sich wieder zum Dienst meldete, hündisch, verbogen
und verkniffen. Sie wären alle »komplett verrückt« gewesen.
Steinern machte Herr von Borkhus noch einmal die Runde über seinen
verwüsteten Hof. Wie er dann abends bei Tisch saß, der Horst, Kunz und
die neuen Helfer von der Siedlermannschaft als Gäste sah, war er der
liebenswürdigste Wirt, dankte »seinen Freunden«, sprach aber sonst kein
Wort von dem, was seinem Moorhof geschehen war. So daß auch die andern
davon schwiegen.
Statt des, mit einer eigenen eisenkalten, eisenharten Ruhe, wie der Wut
zum Trotz, die all die Zeit in ihm gebrannt und gefressen hatte, führt
er selbst die Rede zu dem, was die deutschen Herzen zermalmt. Blickt er
selbst mit großen, freien, klaren Augen, in denen der unzähmbar wilde
Grimm sonst wühlte, dem Erbfeind ins Gesicht. Eine schmerzlich stille
Überlegenheit ist in seinen Worten. Ein fast verklärter Trieb, der
Wahrhaftigkeit ein letztes Opfer zu bringen.
»Man wird gestraft an dem, wofür man seine Schwäche hat. Was sind wir
dem Franzmann immer nachgelaufen! Wer von uns, der nicht -- oft unter
eigenem Widerstreben -- eine Art Zärtlichkeit für Frankreich gehabt
hat!«
»Ich!« rief Kunz frei und hell. »Stets habe ich wie unser Blücher
gefühlt: >dies Volk ist mir zuwider<.«
Borkhus hielt, Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit, fest an seinem Gedanken.
»Und doch frage ich: auf wen haben die geistigen Reize Frankreichs nicht
gewirkt? Nicht nur die Stilkraft seiner Mode -- die ganze heitere
Beweglichkeit seines impulsiven Wesens, das in allen Widersprüchen
schillert!«
Horst stand ihm bei. »Weiß Gott, langweilig war das Volk nie. Dem alles
ins Schrankenlose, ins Absolute sich überspannt. Absolut in seiner
Mathematik, seinem Rationalismus, absolut in seiner Mystik. Das Land des
absoluten Cäsarentums und der absoluten Freiheit. Im Absolutismus
knieend, wie mit Bewußtsein, um sich im Individualismus zu befreien.
Immer taumelnd von Aktion zur Reaktion, aber immer aktiv und immer
radikal. Immer das Umschlagen von der Hingabe zur Auflehnung, von der
Pietät zum Umsturz. Stets im Gegensatz zu sich selber.«
»Und dabei immer auf Wirkung bedacht, und immer der Wirkung sicher«,
ergänzte ihn Borkhus wieder. »Der glänzendste Regisseur seiner selbst.
Denn Theater -- Theater ist ihm nun einmal die Welt, die Geschichte.
Gewiß, das ist kokett, gefallsüchtig --«
»Weibisch«! schmetterte Kunz darein.
»Ohne Frage«, vermittelte Horst. »So wahr die Frau stets im Mittelpunkt
der französischen Kultur, auch der französischen Politik und Geschichte
gestanden hat. Aber auch hier eine Spannweite, wie sie monumentaler
nicht gedacht werden kann -- von einer Jeanne d'Arc über die Heloise zur
Maintenon! Auch hier die klassischen Extreme. Auch hier die Größe der
Antithese. Und in der Bewegung, die sie überwindet, der leichte,
unbekümmerte, heitere, spielende Flug.«
Für Kunz war das Maß zum Überlaufen voll. »So sind wir also einmal
wieder objektiv. Und die deutsche Gerechtigkeit darf sich in die Brust
werfen. Gut. Über das Frankreich von einst mag man so denken. Wer aber
heute bei uns von der >Schwäche für dieses Volk< nicht geheilt ist« --
er sprach mit ungehemmter Leidenschaft -- »der ist vermorscht und
verfault durch die Knochen hindurch bis ins Mark.«
Sie ließen gern sein ehrliches Ungestüm gewähren. Der Baron fragte dann:
»Sie haben in der französischen Gefangenschaft ihre besonderen
Erfahrungen machen können?«
»Das habe ich. Und ich freue mich, daß ich der grande nation so habe an
den Puls fühlen können. Ehre und wiederum Ehre der deutschen Sprache,
daß sie kein Wort hat für das, was Franzosen an deutschen Gefangenen
verübt haben! An wehrlosen, kranken, blutenden, hungernden Gefangenen.
Die Franzosen haben ein Wort dafür. Sie nennen sich >ritterlich<, sie
nennen sich >großmütig<. Gegrüßt seist du, französische Ritterlichkeit!
Die Gefangenen, verdurstet, verwundet, lahm, zerlumpt -- mühselig wanken
sie vorwärts durch die Gassen. Das Volk strömt herbei -- Männer, Weiber,
Pfaffen, Kinder -- mit Steinen, mit Schmutz, mit Spaten, mit Knütteln
werden die Hilflosen bearbeitet. Wer am Boden liegt, wird ausgeraubt.
Ein Triumphgeheul der Sieger in so gloriosem Kampf! Sei gegrüßt,
französische Großmut! In Kellern, die unter Wasser stehen, auf
Mistlagern ist das Nachtquartier. In schmierigen Konservenbüchsen wird
stinkige Brühe gereicht, die der Ekel fortschüttet. Und die
Wachmannschaft -- die Soldaten -- Kämpfer, die Kämpfer geleiten -- nicht
wahr, unter der Waffe ist Ehre -- sie wehren dem Graus? O nein, sie
grinsen dazu -- sie grinsen. Sei gegrüßt, französische Ritterlichkeit!
Ihr müßt sie ja kennen, ihr Franzosen, die ihr sie benennt! Aber hoch
preise ich mich, daß auch ich das Brandmal trage, von französischer
Großmut mir eingepreßt. Immer brennt es, immer flammt es in
Feuerschrift! Bei mir, wie bei Tausenden! Niemals, so lange wir atmen,
werden wir aufhören, Zeugnis abzulegen von französischem Geist! Denen,
die nicht sehen wollen, werden wir in den Augen liegen mit unserem
Flammenmal! All denen, die nicht mit dem zufrieden sind, was sie hier zu
Lande jetzt am eigenen Leibe erleben! Und heil uns, heil Deutschland,
daß wir diesen, diesen Nachbarn haben! Was die deutsche Seele nicht aus
sich selbst vermag, er, er wird es vollbringen! An französischer
Ritterlichkeit wird die deutsche Seele genesen und sich erheben!«
Borkhus -- wo war die Verklärung geblieben, die objektive Erhabenheit?
-- er reichte Kunz mit brennenden Augen stumm über den Tisch seinen
machtvollen Händedruck.
Und weiterhin ließ Kunz seine Munterkeit aufmarschieren.
»Natürlich fehlte es uns nicht an Komödien. In diesem Lande der
Komödianten. Wir kamen als Gefangene nach Südfrankreich, in ein altes
Kastell. Sein Kommandant ein uriger Knochen, giraffenlang, mit ewig
wiederkauenden Kinnladen -- seine Untergebenen nannten ihn denn auch
>camé léopard< -- die blaue Nasenspitze wühlte in dem verbasten grauen
Schnauzbart, nie machten die tranigen Augen die Läden auf -- und immer
in Sprit! Ein doller Don Quichotte. Und kam sich als der Kriegsgott vor.
Hatte denn auch als wahrhaft solcher seine Geistesgegenwart in allen
Schlachten durch Abwesenheit des Körpers dokumentiert. Nun waren außer
mir noch ein paar schwere Jungen da -- Hatz von der Brah, der bekannte
Rennreiter, der Munterste. Und in einer Nacht heckten wir wieder einmal
was aus. Eine klobige Metallsache -- als Zauber im Morgennebel gedacht,
dem Alten zu Ehren. Alle eisernen Öfen wurden mobil gemacht, samt allen
Ofenrohren. Kanonen wurden aufgebaut in dem Hof. Unter den Schlafdecken
machten Kameraden die Gäule, die wir bestiegen, unsere blechernen
Waschschüsseln als Stahlhelme auf den Häuptern, die eisernen Ofenhaken
als Schwerter zu Händen. Die wachthabenden poilus hielten sich den Bauch
ob dem hahnebüchenen Ulk, sie gönnten ihrem Leopardenkamel unseren
Streich. Und jetzt, wie wir uns aufgestellt haben, da brüllen wir los
»Deutschland, Deutschland über alles!« Da oben, der Alte ans Fenster,
visionär klappen die blöden Glotzaugen auf -- Entsetzen -- er schreit:
aux armes! aux armes! -- fährt in die Kleider, verliert das Herz in die
Hosen und die Hosen mit dem Herzen. Erst als seine Soldateska sich
ausgekugelt hat und wir wieder unschädlich gemacht sind, traut er sich
in unser Verließ. Wie es sich gehört, kommen die Übeltäter ins Prison,
wir Rädelsführer in schweres. Und das ist unser Glück -- Hatz und ich
brechen aus. Wie wir uns dann zur Front zurückgefunden haben -- durch
Mittelfrankreich hindurch, das ist ein Kapitel für sich. Und das
Verdienst von Hatz. So was wie den hat die Welt nicht mehr gesehen. Der
häßlichste Kerl, und hatte doch alle Weiber am Bändel. Fröhlich wie ein
Buchfink, sittenlos wie ein Sperling -- und ein Sprachgenie. Sobald er
ein Mädel geküßt hatte, redete er ihre Mundart. Sein Patois war unser
Schutzengel. Nun, von dem allen erzähle ich ein nächstes Mal.«
Es gab noch Dienstliches anzuordnen. Die Siedler verabschiedeten sich
und brachten ihre Maschinengewehre nach Haus. Horst war der Letzte bei
Herrn von Borkhus.
Er hatte das Gefühl, als wollte der Baron ihn noch bei sich behalten und
mit ihm sich aussprechen. Die Hand und auch die Augen ließen ihn nicht
gleich los. In denen war wieder diese stille Gehobenheit, diese geklärte
Ferne. Und dann drängte es in ihnen wie ein Bekennenwollen.
Jetzt aber versank Borkhus ganz in sich hinein und sprach leise zu dem
jungen Freund: »Sie sind müde -- es waren harte Tage. Ich bin es auch --
sehr müde.« Damit sagten sie sich Lebewohl.
Gleich nach Mitternacht war es, da wurde Gisbert durch einen Schuß
geweckt. Im Hause war er gefallen. Träumte etwas nach in seinem Ohr?
Ein stilles Lauschen in allen Räumen -- dann lebt es auf, da und dort --
Türen gehen -- über die Dielen huscht es -- jetzt ein erstickter
Aufschrei -- aus dem Arbeitszimmer des Herrn --
Gisbert soll noch nicht aufstehen. Aber es duldet ihn nicht auf dem
Lager. Er kleidet sich notdürftig an. Geht auf den Korridor. Da kommt
ihm der Diener entgegen mit irrem Blick -- »Herr Baron -- erschossen --«
stammelt er -- fassungslos irrt er um sich selbst --
Gisbert geht in das Zimmer. Hier liegt Herr von Borkhus den Kopf auf dem
Schreibtisch. Aus der Schläfe strömt das Blut. Der Körper ist starr und
tot.
Gisbert kann sich kaum auf den Beinen halten. Aber das Geschehene spannt
ihn ein. Er gibt die Anordnungen. Zu Frau von Mönkhov, zu Horst soll
geschickt werden. Auch zum Arzt, obwohl hier nichts mehr zu helfen ist.
Und nun kauert er nieder, er selbst zum Hinsterben schwach, der Kopf
hohl, das Herz tonlos und flackernd. Selbst ohne Besinnung starrt er auf
den Entseelten und hält, ein Lebloser, die Totenwacht.
So findet ihn Horst. Der nichts eher zu tun hat, als ihn ins Bett zu
schaffen und ins Leben zurückzurufen. Dann, da der Puls wieder Dienst
tut, wenn auch noch unwillig, kehrt Horst in das Totenzimmer zurück.
Das Personal hilft ihm, die Leiche aufs Ruhebett legen. Er drückt die
schweren Lider zu über die machtvollen Augen, die grauenhaft klagenden
und drohenden Augen. Und hält stille Andacht.
Dann geht er an den Schreibtisch, den blutüberströmten. Ein Album liegt
da, schwarzgebunden. Auf die Blätter sind Drucksachen geklebt.
Zeitungsausschnitte zumeist. All die Dokumente der Erniedrigung, der
Beschimpfung, der Entehrung, der Plünderung, Verstümmelung und
Folterung, die dem wehrlosen Deutschland angetan -- tagtäglich -- von
den trunken zuckenden und gierenden Feindeshänden -- sorgsam gebucht
seit Anbeginn.
Ein Blutbach hat sich über das weiße Papier ergossen, das vom Schwarz
des Einbanddeckels gerahmt ist. Von selbst zog es Horst durch den Sinn:
schwarz-weiß-rot -- die schwarz-weiß-rote Not! Sie hat Dich zum Sterben
gebracht.
Neben dem Album liegt eine Zeitung. Eine Stelle ist angestrichen,
bestimmt für die Sammlung, aber nicht mehr hineingelangt. Das letzte --
heut abend hat er es gefunden.
»In Boppard a. Rh. wurde eine Schülerin vor den Augen ihrer in Grauen
erstarrten Mutter von einem der schwarzen Franzosen genotzüchtigt.«
An den Rand hatte in wildem, ehrlichen, gedankenlosem Ungestüm seine
Hand die Worte geworfen: »Hin nach Boppard!« Wie mußte es gezuckt haben
in der Hand, in dem Herzen!
Herrgott ja, und wem gehen dabei nicht die Sinne durch. Und nur eines,
eines nur von endlos vielem! Dies war es, was Hartwig von Borkhus
überwältigte, was ihn in Verzweiflung warf und aus dem Leben.
Das Blutbuch -- der Zeuge Deines Unterganges. Um Deutschland bist Du
gestorben -- und auch für Deutschland! Wir werden Dein gedenken!
Wie einen Fürsten haben sie Hartwig von Borkhus beigesetzt. Die ganze
Landschaft hatte zur Trauerfeier sich eingefunden. Pastor Waermann
sprach die Abschiedsworte. So klangen sie aus: »Dein Tod ist ein Schrei,
ist ein Ruf, der niemals verhallen wird. Deutsches Ohr wird ihn
weitergeben an deutsche Lippen. In deutschen Herzen werden sich die
Feuer sammeln. Bis der Tag kommt, wo die Flammen zum Himmel auflodern.
Die Geister der Entschlafenen werden mit uns sein! Ihr Heerbann wird uns
voranleuchten! Für uns aber, die Lebenden, die wir nichts vergessen, die
wir treu bleiben jedem, der unser war, heißt die Losung, die harte und
gerade: Über Gräber vorwärts!«
Verstehen!
Gisbert, nach der Todesnacht, war immer noch nicht außer Gefahr. Auf dem
Friedhof, während der Grabrede, war es plötzlich wie ein wahnsinniger
Schreck blitzartig durch Frau Tildes verdüstertes Gemüt gefahren: der
Tote zieht den kranken Hausgenossen nach sich. Und durch all ihre
Trauer, ihren Gram immer wieder dieser zuckende Gedanke. Es lag ihr auf
der Seele, dies Furchtbare: alle sterben sie mir hin! Und es hetzte sie
aus dem Schmerz in die Angst.
Wie sie nach Hause kommt, geht sie gleich zu ihm hinauf. Sie findet
ihren Kranken in tiefstem Schlaf. Der Arzt, der im Trauergefolge ist,
und noch einmal vorspricht, erklärt ihr, wenn etwas, gäbe dies die
Aussicht auf Wiederherstellung. Jetzt kann sie gleichsam wieder ausruhen
in ihrem Schmerz um den Vater.
Sie blieb in Moorhof. Achim fuhr noch am selben Abend nach Mönkhov
zurück. Nun saß sie am Arbeitstisch des Vaters, an dem Platz, wo er
»lieber seine Form zerbrochen« hatte. Sie fing an, gedankenlos, mit
leeren Augen und müden Händen die Schriftstücke zu ordnen. Da ließ Horst
sich melden. Er bat um die Erlaubnis, sich noch einmal nach Gisbert
umsehen zu dürfen, kam zurück mit dem Bescheid, daß der immer noch fest
schlafe, und saß nun auf Frau Tildes Geheiß bei ihr nieder.
Immer wieder sprachen sie von dem Toten. Von seinem großen
sozialpolitischen Gedanken: der Ernährung des deutschen Volkes aus
deutscher Scholle. Ein Zweig dieses Baumes war seine Zärtlichkeit für
den Siedlungsgedanken gewesen.
Horst war schwer betäubt. Ihm fehlte der Freund, seinem Werk der Vater
und Berater. Wieder fiel die Schwermut ihn an. Und die alten inneren
Zerwürfnisse kamen. Erst kämpfend erhob er sich zu der Kraft: nun gerade
aushalten! Jetzt doppelten Einsatz des Wollens und Schaffens! Gilt es
nicht auch, ein Vermächtnis hier zu erfüllen?
Und von einem Vermächtnis sprach auch Frau Tilde. Wenn etwas, sei von
der Hinterlassenschaft des Vaters das Siedlungswerk ihr ans Herz
gewachsen. Und so viel an ihr liege, wolle sie an ihm mitarbeiten, nach
ihrem schwachen Vermögen. Dankbar küßte ihr Horst die Hände. --
Er hatte heute noch einen Krankenbesuch zu machen, der alte Torfmeister
hatte sich gelegt.
Ein Grab hatte er diesmal nicht zu schaufeln gehabt, die Borkhus besaßen
ihr gemauertes Erbbegräbnis. Aber gewiß hätte er bei der Bestattung
seines Lehnsherrn nicht gefehlt, wäre ihm nicht das mörderischste
Frühjahrsrheuma in die alten Gelenke gefahren.
Horst fand ihn hilflos hingestreckt. »Das kommt, weil meine Wieselchen,
meine Hermännchen, mir aus den Stiefeln gewutscht sind -- hinaus in den
weiten Frühling. Nun ist der Giftwurm bis in die Scharniere gekrochen. O
Du Grundgütiger -- es ist zum Posaunenblasen schön!«
Der Alte durfte nicht so allein bleiben. Vielleicht, daß Lona der Pflege
sich annehmen konnte. Horst, den geschäftliche Besprechungen in die
Stadt riefen, übernahm es, sie zu benachrichtigen.
Durch den strahlenden Frühlingsnachmittag schreitet er. Wie leuchtet der
Himmel, wie segnet er die Fluren! Wie schön ist das deutsche Land!
Sollen Sklaven es bewohnen?
Immer das eine! Und immer daran denken! Und immer, immer davon reden!
»Eine Nation, die es nicht wagt, kühn zu sprechen, wird es noch viel
weniger wagen, kühn zu handeln.«
Wir haben die Worte, unsere Großen haben sie uns vorgedacht, uns
vorgesprochen -- wir haben die Taten, unsere Helden haben sie uns
vorgelebt. Wir brauchen ihnen nur zu folgen, sie nehmen uns ja an die
Hand.
Welches Volk hat eine Sprache, die so viel sagen kann, so viel singen
wie unsere. Und seine Geschichte -- ist sie nicht seiner Sprache wert!
Wie seine Denker und Sänger sind seine Helden!
Was sind wir reich! Wir brauchen nur die Hände aufzumachen, und sie
quellen über von Schätzen! An die uns die Räuber nicht rühren können!
Was sind wir stark! Unsere Lungen atmen die Kraft unserer Geschichte --
in unserem Blut brausen die Flammen, die in den Augen unserer Helden
brannten!
Dasselbe Feuer, dieselbe Tat! Wie können wir -- wir in der Knechtschaft
bleiben. »Eure Ketten zerbrechen wie Glas!«
An den Goldbergen kommt Horst vorbei. Um den höchsten Gipfel fliegen die
Raubmöven. Noch fliegen sie. Aber die Stunde der Auferstehung naht. Das
deutsche Meer wird wieder deutsch sein. In deutscher Flut werden die
weißen Fittiche sich spiegeln. Deutsch das Meer und deutsch das Land --
Deutschland, mein Deutschland!
In der Stadt traf Horst viele von seinen jungen Freunden. Leuchtende
Augen grüßten sich. Die Siedlungsgeschäfte, die er zu besorgen hatte,
zeigten heute ein weniger unfreundliches Gesicht. Er trat guten Muts,
unbefangen, ohne zu grübeln und zu wühlen den Weg zu Lonas Wohnung an.
Sie hatte zwei Zimmer in einem der alten malerischen Häuser, die von
Kletterrosen besponnen an das alte Tor sich lehnen und mit träumenden
Augen über die verfallene Stadtmauer lugen.
Ihre Wirtin, eine flüsternd beredte Küsterwitwe mit blendend weißem
Scheitel, hatte ungefragt nur Lobsprüche für Lona, obschon deren
politisches Treiben sie mit unsäglichem Entsetzen erfüllte. Daß ihr
ganzes Herz den Armen gehöre. Ohne Entgelt gebe sie begabten
Volksschülern Klavierunterricht. Jetzt sei sie Tag und Nacht als
Pflegerin tätig, da in der Stadt eine Kinderkrankheit herrsche. Sie habe
eben Bescheid geschickt, daß sie auf ein paar Stunden nach Hause kommen
werde.
Als Horst an die Wirtin die Bitte des Alten ausgerichtet hatte und sich
verabschieden wollte, trat Lona auf den Flur. Sie führte den Besuch zu
sich hinein, während die Hausfrau in die Küche ging, das Essen zu
bereiten.
Müde vom Nachtwachen lagen ihre Augen. »Wie geht es Ihren Kranken?«
fragte Horst.
»Zwei Kinder sind mir gestorben.« Dann blickte sie fest gradaus und sie
sagte hart, bewußt, wie gerüstet: »Und auch Sie haben einen Todesfall«.
Sie hielt nun einmal nicht hinter dem Berge.
Nie hat Horst so wechselnde Empfindungen in eines Menschen Antlitz
gesehen. Hier war der blutige Rausch einer Genugtuung -- ein wildes
Hochgefühl, darob, daß die Inbrunst eigenen Wünschens, eigener
Verwünschung das Schicksal gelenkt hatte -- und wieder eine Angst ob
dieser dunklen Macht -- die Müdigkeit einer Sättigung -- ein Zug scheuer
sich versenkender Reue -- und über allem blieb etwas von der Charitas,
ein Priesterliches, das der Umgang mit dem Tode verleiht.
Horst war auf den ersten Blick zurückgefahren und hatte sich verschanzt
in sich selbst. Tot der Freund -- und hier dessen Todfeind, über den Tod
hinaus. Was kann es für ihn geben als zornige Abkehr und ein Schweigen
in Haß!
Aber das, was in ihren Zügen, in ihrem Wesen selbst die Erlösung suchte
aus einer Qual, das blieb nun doch das Mächtige über ihn.
Haß -- Haß gegen Dich -- Du bist eine Deutsche! Ich habe keinen Haß für
Volksgenossen. Ich will sie verstehen, nicht sie verfolgen. Mitleid kann
ich mit ihnen haben, ja ich kann mich ihrer schämen und darum gegen sie
mich auflehnen. Aber hassen -- unsern Haß halten wir fein säuberlich zu
Rate, er gehört den andern!
Und ihr gemeinsamer Freund Lud Uhlenbrook führte sie beide nun gar auf
denselben Weg.
Diese Nacht, so beantwortete sie die Bestellung, müsse sie noch
hierbleiben. Bei einem Kinde, einem Zögling von ihr, gehe es auf Leben
und Tod. Morgen komme sie dann zu dem Alten. Und sie wolle sich so
einrichten, daß sie mehrere Tage bei ihm hausen und ihn gesund pflegen
könne.
Sie sprachen beide zärtlich über den alten Lud. Ihre Gemeinschaft gab
Horst ein Recht, sich in dem Zimmer umzusehen.
Die Wände waren mit Bildern bedeckt -- vom jüngsten Geiste waren sie --
er wußte, von wem sie stammten. Von ihrem Freunde, dem hier getöteten,
dem hier begrabenen.
Sie fing die Blicke des Beschauers auf, sie fand in ihnen das
Befremdete, das unsichere Flackern, das Ratlose -- das Verständnislose,
wie sie es sich nannte. Erst wollte sie mitleidig schweigen. Aber Horst
war ihr nun einmal immer näher gekommen -- galt er ihr nicht eines
Bekehrungsversuches wert? War hier nicht vielleicht das Tor, das am
ehesten sich auftun ließ, ihn hineinzuziehen in ihre Welt? Die
Proselytenmacherin regte sich nun doch.
»Sie wissen mit dieser Kunst nichts anzufangen?« fragte sie, eine
gewisse Hilfsbereitschaft im Ton.
»Da ich meinerseits hier durchaus in den Anfängen bin, muß ich schon um
Nachsicht bitten. Zunächst dringt es wie ein Geschrei von Farben auf
mich ein. Von Farben, die die Form verschlingen. Und -- sie wieder von
sich speien.« Er nahm ganz und gar kein Blatt vor den Mund. Sie aber
konnte das gut vertragen.
»Für den Anfang ist das gar nicht so schlecht«, sagte sie. »Wenn Sie
näher hinsehen, werden Sie erkennen, wie die Farben es sind, die die
Form sich schaffen -- Sie werden die Visionen, die Gesichte der Farben
erleben, und dann fassen Sie den richtigen Grund.«
Horst vertiefte sich mit bereitwilliger Unbefangenheit. »Ich gebe zu,
ich sehe hier eine Energie, die über den Raum hinauswill --«
»Das ist es«, sagte sie lebhaft, beinahe freudig. Und werbend fügte sie
hinzu: »Darauf kommt es ja an, auf die Überwindung der Körperlichkeit,
des empirischen Daseins. Mit Naturerlebnissen, mit Sinnenerlebnissen hat
die wahre, die geistige Kunst nichts zu schaffen. Für sie gilt nur der
Genius innerer Gesichte. Sie hat mehr als das Schöne, Glatte, Abgeklärte
der Natur, als die artikulierten Laute der Sinnenwelt. Sie lebt in der
gewaltigen, noch unentwirrten, rätselvollen, gespensterhaften
Unwirklichkeit. Chaotik ist ihr Wesen. Nur in dieser kosmischen
Vitalität kann spirituelle Kunst atmen!«
Sie war ganz hingenommen von ihrer Lehre und deren beredtem Rüstzeug,
sie stand in der Glut ihrer Worte, der Glut und dem Rauch, halb
Priesterin, halb Dozentin. Und ein Junges, Mädchenhaftes war dabei --
freudig nahm Horst es hin -- etwas vom Fanatismus der höheren
Töchterschule.
Er vergaß erst die großen Worte ob diesem Reiz fast verschämter
Glaubensleidenschaft. Dann aber stiegen ihre Worte wieder empor, in der
unerbittlichen Großartigkeit.
»Chaotik« -- klang es ihm im Ohr. Chaotik -- reimt sich auf Gotik -- und
ist als Schlagwort gewollt und gemünzt. O was für gewaltige Blöcke
werden hier gewälzt, titanenhaft. Nur müssen sie als Trümmer liegen
bleiben -- es wird nicht gebaut. Bauen ist räumlich, ist Form. Die reine
Kunst aber und was mit ihr zusammenhängt, muß formlos sein oder sie ist
nicht!
Schwer schüttelt Horst den Kopf -- auf den er sich stellen müßte, um
hier mitgehen zu können. Formung, Bindung, das ist und bleibt ihm aller
Kunst Wesenheit. Das Stammeln von Urlauten ist ihm keine Sprache.
Aber, da er sich aufs neue in die Bilder versenkt, räumte er ein,
gutwillig und gerecht: »Ganz gewiß spüre ich hier eine machtvolle
Sehnsucht -- einen, sagen wir, stürmenden Überschwang des Fühlens --«
»Nun also!«
»Aber es ist nun mal -- wie sag ich -- die Verzückung einer Qual -- eine
krampfartige, fallsüchtige Verzückung -- wie ein Sichselbstzerreißen und
wie ein Tauchen der Hände ins eigene Blut!«
»Recht so! Nur so, nur so kann man schaffen!«
»Etwas, was uns jagt und verfolgt! Wovor man sich schützt! Was tue ich
mit einer Kunst, wenn ich mich von ihr mit Händen und Füßen befreien
muß! Die Kunst soll mich befreien!«
Sie hob abwehrend die Hand. »Wie alt ist das! Ein Golgatha ist die Kunst
und soll auch unser Golgatha sein. Nur kein irdisches, ein kosmisches
Golgatha. Aber ich geb Sie längst nicht verloren. Hier ist nun der
Scheideweg für alle denkenden Wesen. Nicht bloß in der Kunst, auch im
Leben.« Und mit einem Schlagwort mußte sie schließen. »Jeder hat sich zu
entscheiden, ob er die Kosmik will oder die Kosmetik. Ob das
Nivellieren, das Glatt- und Schönmachen in den hübschen Kompromissen von
Gesellschaft, Staat und Kirche -- ob das Ausschwingen des Geistes in
Weltenweite!«
Kosmik -- Kosmetik -- das nenne ich einen Abgang, dachte Horst. Sie
verließen das Gespräch, da die Wirtin kam.
Es sollte nicht das letzte Wort gesagt sein. Beim Torfmeister wollten
sie sich weiter aussprechen. Mit einem »Auf Wiedersehen« schieden sie.
Horst wanderte heimwärts. Das Gespräch mit dieser Frau, der über alle
Feindschaft hinweg er die Hand gereicht hatte, begleitete ihn. Er fing
an, immer mehr von ihr zu begreifen. Ihr geistiges Gesicht gewann für
ihn Leben. Ihre Gefühls- und Anschauungswelt tat ihm Fernblicke auf, vor
denen er nicht mehr unmutig und zornvoll die Augen schloß.
War es nur, weil sie, eine Frau, die als Weib auf ihn wirkte, das neue
Land ihm zeigte?
Und wie ein Messerschnitt durchzuckte es ihn wieder: heute morgen hab
ich den Freund begraben. Am Nachmittag sitz ich bei ihr, die seinem
Dasein geflucht, deren Rache wie ein Vampir an seinem Mark gezehrt hat.
Ist dies nun ein Verrat? Ist es einer, so weiß ich doch nichts von ihm.
Oder will ich nur nichts von ihm wissen?
Gerecht sein! Um das er von je gerungen hat! Gerechtigkeit!
Daß die Blutrache unter Deutschen umgeht -- Ihr seid es schuld, die Ihr
Deutschland in die sinnlose, selbstmörderische Verzweiflung gestürzt
habt! Aus hysterischer Lustgier, wie aus unsäglicher hosenschlotternder
Angst. Und diese Angst täuscht Euch nicht -- die Abrechnung kommt,
darauf dürft Ihr Euch verlassen!
Was Ihr aber in Deutschland gegeneinander gehetzt habt in dem
wahnsinnigsten aller Bruderkämpfe, es wird sich wieder versöhnen. Wird
sich vereinen und verschmelzen in dem einen großen, dem einzig
lebendigen Gedanken: ein freies Volk auf freiem Grunde!
Nur, daß jeder helfe an dem Sichverstehen! Dies ist das Erste! Verstehen
müssen wir uns -- einander durchdringen! Immer und immer will ich daran
denken, immer und immer daran schaffen! An der deutschen Brüderlichkeit!
Du, Lona, hast mir heute etwas offenbart, was auf den ersten Blick mich
zurückstieß. Aber jetzt frag ich mich, ist nicht auch all dies Neue so
deutsch, so ganz und ursprünglich deutsch? Dieser unaufhaltsame,
machtvolle, aus dem Innersten hervorbrechende Selbstbekenntnistrieb --
die Schöpferkraft unserer jüngsten Kunst, ist sie nicht schlechthin
germanisch? Nur deutschem Geist, nur deutschem Fühlen springen diese
Quellen. Deutsch -- deutsch auch dies -- und auch dies zum Liebhaben!
Und -- was hier auch krank sein mag, in der kranken Zeit, dies Wirre und
Aufgepeitschte, das wild Zusammengeballte, dies Überhitzte und Fiebernde
-- sollte man nicht um so eher eine sachte und sorgende Hand daran legen
und zärtlich hegende Gedanken?
Daß Du, Lona, mir der Dolmetsch warst für diese Sprache, die bisher
nicht an mein Ohr geklungen ist, hab ich es Dir nicht zu danken? Und ist
in dem Dank nicht ein Band, das uns, so lose es sein mag, miteinander
verknüpft?
Nun will ich Dich spielen hören! Nun sollst Du auf der Orgel zu mir
sprechen! Von Deines Wesens Tiefe, seinen Nöten, seinen Lichtern! Ich
werde mehr von Dir lernen, mehr von Dir erfassen, mehr von Dir wissen,
von Dir und den Deinen. Und immer mehr von der Feindschaft wird
abfallen. Deutsch und deutsch soll sich gesellen und einig sein!
Nichts will ich beschönigen. Du hast es mir leicht gemacht, dadurch, daß
Du ein reizvolles junges Weib bist. Gewiß hätte ich zu einem anderen
Lehrer und Erklärer nicht den Weg gefunden -- oder mich ihm gar aus
Leibeskräften widersetzt.
Die Sinne -- nun ja -- warum sie als Helfer verschmähen. Sie sind da,
und so sollen, so müssen sie getrost teilhaben an unserm Werk! So wahr
sie ein Teil von uns selber sind! Sinnlos, sie zu bekämpfen! Wird nicht
von ihnen beflügelt, was wir wollen?
Ihr seid ein Teil der Kraft, darum seid gelobt! Wärt Ihr mir lähmend
über den Kopf gewachsen, hättet Ihr mich verstört und gestört und
verstrickt -- unter die Füße hätte ich Euch genommen. Jetzt aber, als
meine Freunde -- als meine Freunde seid gelobt!
Morgen gehe ich zu Pastor Waermann. Er soll Dir erlauben, daß Du die
Moordorfer Orgel spielst. Der Pastor ist heftig und streng, vielleicht
auch eng. Aber mein Mittleramt, das ins Größere greift, wird er gelten
lassen.