Nun donnern Wagen den Hof herauf. Die Feuerwehr aus der Stadt --

Sie ist willkommen. Ablösung ist not. Und der Brand ist noch längst

nicht erloschen.

Auf der Diele des Herrenhauses ist ein Büfett hergerichtet. Hier werden

jetzt Stärkungen ausgeschenkt. Strempel ist der Marketender und besser

hier am Platz als da draußen.

Jetzt, wo die Gefahr bewältigt ist, kann der Baron als Wirt die Ehren

machen. Noch fiebernd von dem Kampf, geschwärzt wie all die

Kampfgenossen, gehoben durch die Gemeinschaft über alle Gedankennot. Er

kippt mit dem Torfmeister einen kräftigen Korn. Und fast fröhlich bebt

ihm der Sinn, als der Alte von selbst erzählt: junge Arbeiter aus der

städtischen Eisengießerei wären hier mit Handgranaten im Gelände

herumgeschlichen -- das wären die Brandstifter, nun und nimmermehr

Moorhofer Leute!

Da drückte er die Flosse des Alten: »Ich wußt es. Und daß Du, Alter, bei

mir bliebst! Und Strempel auch! Mit der Treue ist es wie mit dem

Verstand -- sie ist immer nur bei wenigen gewesen.« Beruhigt blickte er.

Männer kamen und gingen, alle schwarz wie die Teufel. »Ein Negerdorf

sind wir«, sagte Borkhus, und hatte Lust zu lachen.

Eben brachte Kunz einen Negerjungen herein -- der da oben auf dem

Dachfirst des Pferdestalles für drei herumhantiert hatte -- und war doch

ein Mädchen, Vita, das Pfarrertöchterlein im Turnanzug. Ihr Vater

stelzte hinterher. Da gab es ein Erkennen und Lobsprüche, ungemessen,

auf die Heldenjungfrau.

Ihr aber ging das nicht ein. »Ist das Heldentum, was einem Spaß macht?

Heldentum ist, wenn ich Kaffee kochen muß.«

Kunz sprang zu Gisbert hinauf. Er brachte den traurigen Bescheid, daß

die Besinnung immer noch nicht wiedergekehrt sei. Er werde sich mit

Horst, der jetzt bei ihm sitze, in der Wache bei dem Freunde teilen. Und

die Schatten der Todesnähe legten sich mit dunkler Ruhe über die

aufgestörten noch immer nicht gesammelten Gemüter.

Heil dir, du deutsche Jugend!

Horst saß an Gisberts Lager und umfaßte seine Hand. Mit aller Inbrunst,

die das Leben des zu Tode Getroffenen halten wollte. Der Schädel war

angeschlagen und zersplittert, eine schwere Gehirnerschütterung hatte

ihn in Nacht geworfen. Der Arzt gab leise Hoffnung.

Wächsern von dem Blutverlust war das feine Gesicht. Starr gestreckt,

leblos lagen die edlen schlanken Hände. Frauenhände. Und hatten all die

Zeit so schwer und treu gearbeitet an männlichem Werk.

Du darfst mir nicht sterben, Junge, Du lieber -- so grub und dachte

Horst ohn Unterlaß. Sein Wille wühlte und flehte und zwang.

Draußen leuchtende Frühlingsmorgenlust. Durch den geöffneten

Fensterspalt drangen die Lieder aus schmetternden Finkenkehlen.

Vom Hof her gedämpfte Menschenstimmen. Den Rauch und Ruch von der

Brandstätte verwehte der Wind nach anderer Richtung. Das da draußen, der

Ausstand, der Aufruhr -- wie fern lag das alles dem pflegenden Freund.

Bin ich ein Führer? Die Sache will mich -- die Mannschaft wartet meiner.

Versunken die Sache, die Pflicht, der Beruf. Hier muß ich führen -- die

gelöste Seele wieder ins Leben führen, das ist mein Amt.

In meiner Hand, die Dich hält, ist mein Wille -- und mein Wille hat

seine Kraft -- Leben ist mein Wille -- in Deine entseelten Finger ström

ich es ein --

Die Finken schmettern ohn Unterlaß in den aufleuchtenden Morgen -- stark

ist das Leben und froh --

Zuversicht -- des Glaubens Frohheit ist des Willens Odem und Herzschlag

-- ich will, daß Du lebst -- ich glaube, daß Du uns lebst -- Gisbert, Du

geliebter Junge!

Und sieh -- ist da jetzt nicht ein leises Schwingen -- ganz leise unter

der kalten Haut Deiner Finger -- nur meiner hütenden, Dir ganz ergebenen

Hand vernehmbar -- aber es ist -- es ist!

Und da -- Hufschläge vor dem Haus -- ein leichter Wagen fährt auf die

Rampe -- wenn es das ist, wenn eine Nähe mir hilft, Dich zu beleben --

eine Nähe, die Du ahnst, die Du fühlst -- die Dich zurückruft,

zurückschmeichelt in das Diesseits --

Ja, eine neue Kraft ist erschienen -- ist ins Haus gekommen -- eine neue

Hilfe, eine bessere, stärkere --

Steigt nicht ein leichtes Rot in Dein Gesicht? Beben nicht Deine Lippen?

Zuckt es nicht in den gesenkten Lidern?

Jetzt -- die Tür tut sich auf -- Frau Tilde tritt ein -- jetzt weiß ich

es, Du wirst gehalten, Du wirst gewahrt, Du wirst gerettet! In ihre Hand

leg ich Deine Finger. Ihrer Sorge, ihrem Willen, ihrem Glauben

überantworte ich Dich. Jetzt habe ich die Gewißheit, daß Du lebst!

Tilde ist allein mit Gisbert. Schon hat der Schlaf ihn in die Arme

genommen, an das Leben ihn wieder auszuliefern. Der Atem fängt an, ruhig

zu gehen. Der Puls setzt nicht mehr so bedrohlich aus.

Augen wachen über ihm, in die seines eigenen Daseins Licht sich

eingesenkt hat. Seines Schicksals Sternenglanz bestrahlt ihn. Jetzt hebt

und trägt es ihn diesem Schein entgegen.

Seine Lider zittern. Ein dünner Spalt -- scheu, angstvoll, ungläubig

noch lugt der Blick hindurch in die entrückte, unfaßbare Wirklichkeit.

Aber jetzt träufelt und tropft es hinein von dem seligen Glanz -- ein

glückhaftes Erschrecken -- groß im Offenbarungsschauer tut das Auge sich

auf -- und jauchzt in den Schein -- und schließt sich dann wieder, müde

von des Glückes Unendlichkeit.

So gaben Frau Tildes Augen dem todwunden Gisbert das Leben wieder.

Jetzt nach diesem Rettungswerk braucht auch der Vater ihre Hilfe. Von

all den Erregungen und der krampfhaften Anspannung der Kräfte ist er

doch zusammengeklappt. Tapfer gibt er sich. Aber die Tochter sieht

tiefer.

Sie will ein paar Tage hierbleiben. In Mönkhov sei es nicht so schlimm.

Nur ein Teil der Leute habe die Arbeit niedergelegt.

»Und bei mir alle im Ausstand. Und im Aufstand.« Wie viel Schmerz birgt

sich unter dem Lächeln.

»Ihr seid hier bei der Stadt. Und Du bist der große Politiker. Du bist

ein Programm. Du, unser Eckpfeiler, wirst am heftigsten berannt.«

Das gefällt dem alten Kämpen nun wieder. Und er schmunzelt auf: »Gut

denn! Ehre, wem Ehre gebührt.«

Er hielt sich aufrecht, solange Tilde im Hause war. Die wie ein guter

Geist hier wirkte. Nur, daß auch sie mit den Leuten keine Fühlung

gewann. Als ob die sich schämten vor ihr, zogen sie sich trotzig und

verbissen noch mehr zurück.

Weiter halfen die Siedler. Und sie huldigten begeistert ihrer lieben

Frau.

Dann wurde ein Teil von ihnen auf einem Nachbargut begehrt. Auch hier

drohten Gewalttätigkeiten. So ging ein Maschinengewehr dorthin ab.

Für die Feldarbeit aber fand junge Hilfe aus der Stadt sich ein. Doktor

Georg Stump erschien mit seinen Gymnasiasten, seinen Turnern auf dem

Plan. Mit dem Lied der Jugend an die deutsche Erde kamen sie angerückt.

Wir sind die Jungen! In unserm Sinnen

Du bist der Ausgang, Du das Beginnen!

Nicht einen Bissen von deutschem Korn,

nicht einen Tropfen aus deutschem Born,

Deutschland, daß wir nicht dächten Dein!

Frei sollst Du sein!

Horst ging das Herz auf. Er liebte die Jugend. Und diese nun, unsere

Jugend! Was gräbt sich an Nachdenklichkeit, an Bitternis, an heiligem

Zorn um den Frohmut der hellen Augen.

Wir sind die Jungen, in Not gestählt,

In Schmerzen geworden, in Schmerzen erwählt!

Doktor Stump tritt wie zur Meldung vor Horst. Nur zwei seiner Zöglinge

haben sich ausgeschlossen -- der eine aus ehrlicher, verzehrender

Überzeugung, der andere aus ebenso ehrlicher, verfressener

Überzeugungslosigkeit. Der Herr Direktor, Freund der Gesten und Feind

dem Festen, einer von den hochbeinigen Leisetretern habe gewarnt und

abgewinkt. Aber es seien Ferien, und eigene Entschlüsse gelten.

Horst teilt die Jungmannschaft in Trupps und weist diese den einzelnen

Gütern zu, die am nötigsten Arbeitskräfte brauchen. An die Spitze der

kleinen Schar, die für Moorhof bleibt, setzt er sich selbst.

Er nimmt sie gehörig heran. Sie müssen Dung fahren und streuen. Er

selbst ihr Vorarbeiter -- die Knochen werden nicht geschont.

Sie bleiben die Nacht auf dem Hof. Ein Heuboden ihre Ruhestatt. Sie

sehen das Bild der Zerstörung. Die jungen Seelen fühlen, wer im Grunde

die Schuld trägt. Woher die Verzweiflung stammt, die hier gewütet, die

den Bruderkrieg entfesselt hat. Fluch den Zerstörern deutschen Lebens!

Dem altbösen Feind!

Zum Feierabend führt Horst sie auf die Goldberge. Erzählt ihnen, was der

Alte ihm verraten. All die jungen Augen und Ohren lauschen. Und lauschen

jetzt, ob es in dem Berge klingt. Ja, ja ihnen allen tönt es aus dem

Grunde!

Sie alle, alle sind berufen! Jubelnd umschlingen sie sich. Blutbrüder

sind sie. Und singen Schwertlieder.

»Stahl, von Männerfaust gezwungen,

rettet einzig dies Geschlecht!«

Ein Überschwang von Kraft, von Stolz, von Freude steigt himmelan. Mit

keuchender Brust, die Augen voll Tränen, verwünscht einer die

»Dämonenbrut«.

»So lang sie in Germanien trotzt,

ist Haß mein Amt und meine Tugend Rache!«

Und ein anderer, verzückt in die Weihe seines Schwures -- wir wollen

nicht, können nicht als Knechte leben! Und können wir nicht siegen, wir

wollen ihnen zeigen, wie man stirbt!

»Nicht der Sieg ist's, den der Deutsche fodert,

hilflos, wie er schon am Abgrund steht.

Wenn der Krieg nur fackelgleich entlodert,

Wert der Leiche, die zu Grabe geht!«

Heiliger junger Überschwang! Auch Horst werden die Augen feucht. Heil

Dir, Du deutsche Jugend -- so jauchzt und schluchzt es in ihm -- heil

dir, du deutsche Zukunft!

Eine Freundschaft ist geschlossen zwischen den Jungen und Horst, dem

Mann. Gehärtet im Feuer der flammenden Herzen.

Horst bespricht sich mit Dr. Stump. Die Jungen sollten wiederkommen.

Auch wenn der Ausstand vorüber wäre. Wöchentlich einmal zu einer Art

Felddienstübung. Und Kriegsgeschichte wollte er sie lehren im Freien.

Sie selbst sollten die Schlachten der Vergangenheit sich darstellen. Und

sollten sich damit entwickeln für die mächtigen Aufgaben der Zukunft.

Horst, der Doktor, die Jungen -- sie alle waren Feuer und Flamme.

Hier habe ich nun ein neues Feld! Horst atmete tief. Und wenn die alte

Pflicht mir zu schaffen macht, diese neue wird mir helfen, beide zu

tragen. Münden sie nicht beide in mein großes Lebenswerk? Die allgemeine

Arbeitsdienstpflicht mit vorzubereiten! Und aus ihr eine Stamm- und

Lehrtruppe herauszuschulen, als Mittelpunkt der Miliz, die Deutschland

haben muß, wenn es leben soll!

Gegen eigene Ermüdung, gegen Verzagtheit, gegen Fahnenflucht -- diese

junge Mannschaft als eine Art Schutztruppe ziehe ich mir heran.

Eine Schutztruppe auch gegen die schweifenden Gedanken. Die als

Forschungstrieb, als Mitgefühl, als Seelenanalyse hinaussegeln -- und

doch das Weib um seiner Selbst willen suchen.

Hier oben, hier auf den Goldbergen hat er sie zuletzt gesehen. Gestern

in der Brandnacht. Im Schein der Gluten, die ihr Wille, ihr Rachetrieb

geschürt. Die Feindin! Die im Vernichtungskampf steht gegen seine

Freunde, gegen ihn! Eine Priesterin jener Glaubenslehre, die Deutschland

verdirbt, wie sie jede Volksgemeinschaft zerrütten muß.

Zu Euch, Ihr jungen Freunde! Euch und mir und uns gehören diese

Goldberge. Wie ein Spuk, ein Nachtgespenst schwebte sie über diesen

Boden, als ich hier vorbeijagte. In dieser grauenhaften Nacht. Vorüber,

vorüber --! --

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 24 / 60 题