Die Ziegelei war im Betrieb. Der erste Ziegelstein war gebrannt. Wie
eine Erstgeburt wurde er betrachtet und gefeiert, wie ein Täufling ging
er von Hand zu Hand. Eine helle Freude gab das und ein strammes Hurra --
Muz kreiste singend um sich selbst und biß sich in den Schwanz, daß die
Haare stoben.
Bauen, bauen -- war jetzt Losung und Feldgeschrei. In diesem Sommer noch
sollte das erste Haus unter Dach kommen. Für das Fundament galt es,
Findlingsblöcke zu sprengen, die reichlich im Gelände lagen. So
erfrischte und befeuerte eine Tätigkeit die andere. Im Siedlerhaus war
frohmütiges Wesen.
Dankwart hatte das Modell einer Mühle konstruiert, die die Kraft des
Windes in Akkumulatoren aufspeichern sollte. Er hoffte auf ein Patent,
das die Finanzen der Siedlung stärken würde. Mit denen stand es nicht
zum besten. Aber auch die Sorgenfalten Mündners, ihres Rechnungsrats,
bügelte die Frühlingssonne aus.
Die Sprengschüsse in der Felshalde lockten ein paar scheue Gestalten auf
die Höhen -- Müßiggänger, Beobachter? Das Knallen war ihnen nicht
behaglich, Ursache und Zweck schienen sie nicht völlig zu beruhigen.
»Was sind das da oben für lauernde Vögel?« fragte Kunz. »Was bedeutet
ihr Erscheinen! Ich schließe auf Sturm.«
Und es ballten sich die Wolken. Die Provinzhauptstadt entsandte ihre
»Agitatoren« und »Organisatoren«. Jetzt, wo es mit allen Händen an die
Frühjahrsbestellung gehen sollte, ward gebohrt und gewühlt. Der
Landarbeiterstreik kam ins Rollen.
Immer noch hatte Herr von Borkhus sein überlegen gläubiges Lächeln.
Seine Leute waren wie immer. Still, gehorsam -- gehalten, zugeriegelt
und ducknackig. Wär das nicht ihre Art gewesen, hätte es Verdacht wecken
können. Aber so --! --
Da tritt eines Morgens sein langer, straffsehniger Inspektor bei ihm
ein. Ein Herr sei unten. Einer von den Roten offenbar. Er wolle mit
Herrn von Borkhus über die Lohnverhältnisse in Moorhof sprechen.
»Was? Der Hetzer mit mir -- über die Lohnverhältnisse meiner Leute?
Sagen Sie dem Herrn, daß ich mit meinen Leuten über meine und ihre
Angelegenheiten selber zu sprechen pflegte. Daß ich mir seine
Vermittlung verbäte. Daß ich ihn ersuchte, meinen Hof -- nein, meinen
Gutsbezirk sofort zu verlassen! Aber sofort!«
Schnaubend geht der Baron im Zimmer auf und ab. Der Inspektor setzt noch
seinen eigenen Trumpf auf die Bestellung. Herr Knubart -- dies ist der
abgewiesene Besucher -- zieht sich wohl ingrimmig vom Hofe zurück, auf
dem die Leute gerade zur Mittagspause sich befinden. Aber von ihnen
begleitet, macht er auf der Dorfstraße vor dem Hoftor halt, lehnt sich
an die Mauer und spricht zu den Umstehenden mit einer Ruhe, in der es
höhnisch und boshaft brodelt: »Euer Herr und Gebieter hat mich des
Landes verwiesen. Wie es bei Herrn und Gebietern so Mode ist, wird er
jetzt, wo ich hierbleibe, wohl die Hunde auf mich hetzen.«
Er kennt das Volk. Er kennt die springenden Funken. In den Jungen flammt
es wild: »dat sall he maken!« Die Alten blicken düster und dumpf, auch
in ihnen schwelt es.
»Vielleicht zeigt der Herr Baron mir aber,« so fährt der Sprecher fort,
»wie ich Euch besuchen kann, ohne den Grund und Boden, den er sein Eigen
nennt, zu betreten. Oder darf keiner zu Euch kommen, ohne seinen Willen?
Seid Ihr Eingesperrte! Seid Ihr Sträflinge!«
»Dat wier noch beder!« Hier schreit etwas auf.
»Sein Grund und Boden. Auf dem stehen wir ja allerdings. Und daran ist
nichts zu ändern. Wenn Ihr nichts daran ändert.«
Da ist er wieder, der große, berauschende Fernblick. Die Sinne taumeln.
Und das Feld ist wohl bereitet, als der Baron jetzt mit dem Inspektor
hier draußen erscheint.
»Ich dulde es nicht,« so tritt er dem Führer entgegen, der ihn blaß,
aber in eiskalter Gelassenheit erwartet, »ich dulde es nicht, daß Sie
hier auf meinem Gutsboden mir meine Leute aufputschen! Sie werden sich
auf der Stelle entfernen.«
»Ich werde es, sobald die Leute sich nicht mehr mit mir zu unterhalten
wünschen. Wir befinden uns hier auf einer öffentlichen Straße --«
Ȇber die ich aber die Polizeigewalt habe! Und die ich zu politischen
Hetzereien und zu politischen Ansammlungen nicht mißbrauchen lasse!«
»Von politischer Versammlung ist mir nichts bekannt.« Und jetzt gab er
der Sache die gehörige Wendung. »Wollt Ihr Leute, daß ich, der ich Euer
Gast bin und Euch meinen Rat erteilen möchte, noch mit Euch
zusammenbleibe --?« --
»Ja! Ja! Hierbleiben! Wi sünd noch nich farig!«
Herr von Borkhus hatte das Spiel verloren. Alles krampfte sich in ihm
zusammen -- er konnte nicht auf die Leute einreden, konnte die alten
Bande nicht schürzen, konnte nicht um ihre Seelen werben -- auch wenn
sein Stolz es nicht verschmäht hätte, die Sprache hätte ihm versagt.
Aber, daß es um ihre Seelen zu werben galt -- gegen den Fremden, den
Volksverführer -- daß seine Mannen von ihm abfallen wollten -- wie hatte
er auf ihre Treue gepocht vor sich und den andern -- wie hatte er eine
Welt aufgebaut auf dieser Treue -- nun lag diese Welt in Trümmern.
Der Inspektor aber -- ihm dankte der Herr einen großen Teil der
Abtrünnigkeit seiner Leute -- wollte die Karre nicht im Dreck stehen
lassen. Hier konnte nur ein Lachen helfen. Und er rief grinsend:
»Volksbelustigung! Wanderprediger! Kurpfuscher! Anreißer und Hausierer
gehören auf die Landstraße! Unsere Leute wissen schon, was sie von dem
Schwindel zu halten haben.«
Er führte mit heldenhafter Miene den Baron, der mühsam sich aufstützte,
nach dem Herrenhaus zurück. Die anderen fühlten den Sieg. Das erhitzte
ihnen das Blut. Knubart aber wußte, daß er das Eisen zu schmieden hatte.
Und er schwang den Hammer.
Nach einer Viertelstunde hatte er sie soweit. Sie faßten den Beschluß --
die paar Alten, die Scheuen oder Hartnäckigen wurden verängstigt oder
überrannt -- zwei sollten als Abordnung zu dem Gutsherrn gehen und
verlangen, daß er Knubart als ihren Vertrauensmann empfinge und mit ihm
die Verhandlung führte. Weigerte er sich: Ausstand mit dem
Glockenschlag!
Und so geschah es. Die Abordnung, zwei von den jüngsten Schreiern, flog
hinaus, am Nachmittag ging niemand mehr zur Arbeit.
Herr von Borkhus saß allein und grübelte dumpf vor sich hin. Die
wirtschaftlichen Gedanken, mit denen der Inspektor ihn überschüttete,
hatte er von sich getan. Seinem Leben hing er nach.
Was war ihm noch geblieben? Das Vaterland in Schutt gelegt, und jetzt
sein eigenes Haus, das Reich seines eigenen Schaffens unterhöhlt und im
Verfall. Ein Krüppel war er! Die Arme, die ach so müden und doch immer
noch hoffnungsvollen -- waren sie ihm nicht glatt vom Leibe gehauen! Ein
Stumpf war er, nutzlos -- nur daß das Herz noch in ihm schlug, und in
dem Herz schlug der tödliche Gram.
Und wenn er nicht so ein Tor gewesen wäre! Ein Narr! Ein Kinderspott!
»Meine Leute! Wie verwachsen sind sie mit mir!« Und nun dieser
hergelaufene Fremde, dieser kaltäugige, kaltschnäuzige Gesell, lehnt
sich an die Hofmauer, und von oben hin zieht er all die Männer an der
Nase zu sich her. Läßt sie tanzen, wie er pfeift. Alle, all die Getreuen
ihres Herrn!
Nach Horst, dem jungen Freunde, ruft seine Seele. Vor dem hat er am
meisten sich gerühmt. Aber der ist ihm gut gesonnen, vor dem braucht er
sich nicht zu schämen.
Horst findet Strempel, den schrägäugigen, bei dem Baron. Mit seinem
»komplett« hat er aufs neue der Meinung und dem Willen des Herrn sich
zugeschworen. Eine kleine Genugtuung ist das. Und die Dumpfheit ist
wenigstens im weichen. Horst aber findet, daß in den schiefen Lidern und
all den Falten des verkniffenen Gesichtes etwas lauert. Darf er es
sagen?
Die Herren sitzen beisammen. »Ja, Horst, ich gehöre nicht mehr in die
Zeit. Abgetan -- spurlos. Mitleidlos. Nun selbst zum Schutt, zu den
Scherben geworfen.«
Horst kam von der Zyklopenarbeit des Felsenrückens. Seine Muskeln
zitterten. Sie wußten von Männerkraft und Männerglauben.
»Ein glatter Überfall ist dies. Krieg um des Krieges willen. Die
Verständigung planmäßig hintertrieben. Sie wollen den Bruderkampf. Wir
müssen ihnen das Handwerk legen.«
Auch hier gelte es, ein Beispiel zu liefern! Und den Arbeiterführern,
die die Welt unter sich zu verteilen anfingen, sollte denn doch um ihre
Gottähnlichkeit bange werden.
Horst stellte dem Baron seine Siedler als Nothelfer zur Verfügung. Alle
würden sie Hand anlegen, die meisten von ihnen wären mit der
Landwirtschaft vertraut. Die Frühjahrsarbeit sollte weitergehen -- und
lange Gesichter würden ihr zuschauen!
Und in die großen schweren Augen des Barons kehrte ein Leuchten zurück,
abendlich und weh, aber sie hatten doch wieder lebendigen Schein. Die
alte Kampfnatur reckte sich in die Höhe. Er gab als Herr seine
Anordnungen für den folgenden Tag.
Horst brachte in seiner Körperschaft die Angelegenheit zur Sprache.
Helle Hilfsbereitschaft leuchtete auf. Nur in Mulitz, dem Maurer, und in
Metzling regten sich genossenschaftliche Widerstände. Aber die
Einmütigkeit verschlang sie. Schon in der Nacht fanden die ersten
Siedler auf dem Hof sich ein, das Vieh zu besorgen. Mit dem Morgengrauen
war die Mannschaft auf den Kartoffeläckern. Die Pflanzmaschinen waren in
Betrieb gesetzt, fröhlich ging die Arbeit von statten. Am Wegrand
zeigten sich verdrossene und drohende Gesichter. Streikende
Landarbeiter, denen ihre Macht aus den Händen geschlagen war.
Kunz sang ihnen lustige Kartoffellieder vor. Wie Knollen flogen die
knolligen Reime ihnen um die Ohren. Wütend schlichen sie beiseite.
Dann rotteten sie sich zu Hauf. Den Siedlern, diesen »gottverdammten
Hunden« sollte es ans Leder gehen. Die Hitzigsten wollten auf der Stelle
gegen sie losbrechen. Den Bedächtigen gelang es, den Sturm zu
beschwören. Aber am Abend, in der Dunkelheit, sollte es den
Heimkehrenden eingetränkt werden! Daß sie das Wiederkommen vergäßen!
Horst hatte die Augen und Ohren überall. Er ahnte nichts Gutes. Wilde
Drohworte flogen ihnen zu. Er mußte auch um die Baracke sorgen. Ein
»giftiges Geschwür« hatte sie einer genannt, tobend mit geiferndem Mund
-- ein Geschwür, das »ausgebrannt« werden müßte!
Die wachsende Wut verhieß auch dem Hof übles für die Nacht. Da bestimmte
Horst, daß die Maschinengewehre hervorgeholt würden. Zwei kamen nach dem
Gut, zwei wurden vor der Baracke aufgestellt. Die Arbeiter schäumten.
Die Siedler waren bewaffnet, als sie abends heimzogen. In der Dämmerung,
aus dem Knickbusch wurden sie beschossen. Kunz, der den Zug führte, ließ
sofort das Feuer erwidern, dann den Busch stürmen. Die Meuchler hatten
sich in dem Dunkel zerstreut. Von ein paar Streifschüssen war Blut
geflossen. Das Blut gab jetzt dem Groll die Überhand und der
Kampfbegier.