Orgelklänge

Lona machte sich zum Heimweg fertig. Auch Horst wollte gehen. Heute

widerstrebte sie seiner Begleitung nicht.

Erst sprachen sie von dem Alten. Sie hatten Scheu, den neutralen Boden

zu verlassen, den einzigen wohl, den es für sie gab. Dann aber wurde

Horst mutiger. Er wollte von ihrem Leben wissen. Er fragte.

Sie hatte erst die großen Augen, erstaunt, unwillig. Dann aber -- er war

ihr nun doch schon in größere Nähe gerückt -- dann hörte er von ihr. Daß

sie als Schwester im Felde gewesen war, all die Jahre. Hinausgegangen

mit dem flammenden deutschen Herzen -- heimgekehrt in der Seele den Haß

und den Fluch auf den Krieg, auf das nationale Wüten, den nationalen

Frevel, daran die Menschheit sich zerreißt und zerfleischt und

verblutet.

In wieviel brechende Augen hab ich gesehen, wieviel letzte Worte hab ich

gehört! Unwahr ist, was in Euern Büchern steht! Von der Verklärung in

Opferwilligkeit! Von dem letzten Licht, dem letzten Gedanken: fürs

Vaterland! Nichts hab ich gefunden als Klage, Groll, als Verzweiflung

und Verwünschung!

Sie rief es in Ekstase.

Wie hast Du Dich selbst betrogen, dachte Horst. Nur, was Du sehen

wolltest, hast Du gesehen! Ich weiß auch von brechenden Augen! Ich weiß

auch, wie deutsche Männer gestorben sind! Daß der Tod vorm Feinde ihnen

des Lebens Erfüllung war!

Das große Sterben -- es war zuviel für Deine Frauenseele. So bist Du

verstört, so ist sie irre geworden. Und in Horst schwang das alte

Mitleid.

Sie selbst wollte auch jetzt keinen Kampf der Meinungen. Von ihrer

eigenen inneren Wandlung sprach sie nun, offen und mitteilsam. Daß

alles, was sie an Gottesglauben mit herausgetragen habe, ihr im Felde

zertrümmert worden.

Ich konnte einmal beten -- ich hatte meine Zweifel und kehrte zur

Andacht zurück -- dann aber hatte ich nur noch ein Lachen für mein

Gebet.

Es war an der Aisne, in der Osterzeit. Unser Feldlazarett war überfüllt

-- wir betteten eine große Anzahl weniger schwer Verwundeter in der

Dorfkirche. Ein paar Operationen waren gemacht. Alle schienen gerettet,

alle, die hier lagen, hofften und träumten sich ins volle Leben hinein.

Der Ostersonntag. Draußen ein geradezu jubelnder Frühling. Da baten sie

mich, ich möchte ihnen doch die Orgel spielen. Ich tat es freudig, ich

selbst war dankbar und fromm. Das Auferstehen war in meinen Klängen. Und

voll Dankbarkeit und Frömmigkeit war das Gotteshaus. Nie ist reinere

Andacht gen Himmel gestiegen. Und plötzlich -- in die innigste Feier der

Seelen hinein -- das Grausigste, das Grausamste an wilder Vernichtung.

Ein Volltreffer aus schwerstem Geschütz. Die Decke stürzt ein. Die

Hilflosen, Schmerzensreichen, ans Kreuz Geschlagenen werden

zerschmettert, verschüttet, zermalmt. Hosianna in der Höhe! Ich mit der

Orgel hänge in dem Gebälk. Ich kann mich nicht rühren, kann nicht

hinunter. Kann nicht helfen. Und niemand kommt. Die Zeit erstarrt in

Grauen. Abenddunkel. Die letzten Schreie sterben, das letzte Röcheln der

Gemarterten erlischt. Ich -- allein. Und -- eine andere geworden --

Sie schwiegen. Worte hatten hier nichts zu sagen.

Verstehen! Das war es, um was Horst im Innersten rang. Und die Frau, die

zerwühlte, zerquälte, wurde ihm vertrauter. Ihrer Welt, der fremden,

feindlichen, verschloß er sich nicht mehr in eigenem Glauben, eigenem

Willen, eigenem Werk.

Sie aber fühlte, daß hier Schranken fielen. Daß es für sie beide, über

ihre Gegnerschaft und ihre Gegensätze hinaus, ein Schwingen gab, dem sie

nicht mehr widerstrebte. Einen Klang, auf den etwas in ihr lauschen

mußte. Also doch etwas Gemeinsames?

Und wohl blinkte es in ihr auf: sind hier nicht die Keime einer Macht?

Einer Macht über den Feind? Ihn immer mehr lösen aus dem Selbstgefühl,

der Sicherheit seiner feindlichen Überzeugung! Ihn herüber ziehen -- ihn

gewinnen -- ihn bezwingen --

Ein fernes Licht, am fernen Horizont. Aber doch ein Ausblick, ein Ziel

-- ein Träumen noch -- und doch ein ahnungsvolles Hintasten nach der

Wirklichkeit, der Erfüllung --

Und wieder ein trotziges Sichzurückziehen. Nichts gibt es zwischen uns!

Nichts als den Kampf auf Leben und Tod. Der Du auf der Seite meines

Todfeindes stehst. Sein Schützling -- und sein Beschützer. Und darum

gehaßt von mir, Du wie er!

Und doch wieder das Hinneigen. Und das hingegebene Horchen auf das, was

schwang.

Wieder schwieg alles, was streitbar gegen ihn sich regen wollte. Sie

vergrub sich wieder in sich selbst, in die eigene Wandlung. Sprach mit

einer wehen Offenheit von ihren Kindertagen. Daß sie mit der Orgel groß

geworden sei. Wie sie mit der Orgel Gott gefunden habe -- den sie mit

der Orgel verloren.

Sie wollte heraus, aber sie sank zurück. Und das Entsetzen wühlte sich

wieder durch sie hin. »Orgelklänge -- des Ewigen Ehre zu loben hat man

sie beflügelt -- ich hab ihm so meinen Fluch ins Gesicht geschrien! Den

Fluch und die Vernichtung! Die Gottesflucherin! Die Gottesmörderin! Nur,

wenn ich Dich glaube, lebst Du! Ich glaube Dich nicht, ich glaube Dich

nicht! Und damit töte ich Dich! Langsam -- quälend -- und mit Bedacht

--«

Über ihrem Auge lag es wie eine blinde Haut, es flogen ihre Glieder, so

fror ihr das Grauen im Gebein. So schüttelte sie der Wahnsinn. So sank

sie in die tiefe kalte Nacht.

Horst nahm ihre eisigen Hände. Da wachte sie auf. Und ihn traf ein fast

dankbarer Blick. Als wollte ihr einer Hilfe bringen in ihrer furchtbaren

Erstorbenheit -- als gäbe es für sie Hilfe.

Dann strich sie das Haar so straff aus der Stirn, daß sie schmerzhaft

zuckte. Klopfte die beiden Schläfen mit beiden Zeigefingern und blickte

jetzt klarer und sprach jetzt still. Mit dämpfender Ironie. »Warum

soviel stilistische Erregung! Wenn man innerlich mit sich im reinen

ist!«

»Wer ist das! Wann sind wir das! Dies im reinen halte ich meinerseits

nun -- Verzeihung -- für reine Stilistik.«

Sie sieht ihn fest an. »Und doch, der große Gotteskünder, auf den Ihre

Welt eingeschworen ist, fordert nicht gerade er das Unbedingte? Immer

hat mich dieses »Ja, ja -- nein, nein« erschreckt. Das Grausamste, was

es gibt. Haben wir nicht im Grunde ein Recht auf Zweifel, auf Abwege,

auf Umwege, auf Irrtümer und Kämpfe?«

»Wir habens! Und darum gibt es, solange Sie leben, auch für Sie keine

religiöse Totenstarre.«

Zu dem Wort hob sie die Lippen wie zu einem Heiltrank. Aber dann

verschloß sie sich wieder, lehnte Horst ab, ging zu ihrer Musik und fand

eine müde Ruhe. »Wer hat die Musik die Kunst der Erinnerung genannt? Und

soll die Erinnerung selbst nicht Kunst sein? Erhaben ob dem Geschehenen?

Jenseits der Erschütterungen? So hab ich doch auch längst wieder die

Orgel spielen können. Es war zuletzt ganz Spiel um des Spieles willen.

Und die Töne waren über dem Leben.«

Horst mußte denken, ob Du nicht so wieder heimfindest?

Er sprach dann von sich selbst, was ihm das Orgelspiel immer gewesen

war. Im Schatten der mächtigsten Kirche einer alten Hansestadt steht das

Wohnhaus seiner Kindheit. Gedämpfte Orgelklänge begleiteten seine ersten

Träume. Was seine Jugend ersehnte, was durch seine junge Seele stürmte

und brauste, jeder Brand, jede Inbrunst seines Herzens -- alles zitterte

und lebte von dem Orgelklang, alles war von ihm durchwebt, von ihm

gehalten und geweiht von ihm.

»Für mich ist das Orgelspiel Heimat. Und Heimweh.« Da sah sie ihn groß

an, und ihre Augen verstanden ihn.

Und es bebte in Horst, als er sie bat: »Darf ich Sie nicht einmal Orgel

spielen hören?«

Sie zuckte zusammen, von der persönlichen Berührung in diesem Wunsche.

Er und sie -- zu meiden hatten sie sich, sich zu bekämpfen, sich zu

vernichten.

Ein Waffenstillstand? Mit Orgelmusik?

War nicht die Fremdheit, die Feindschaft von ihnen abgefallen? Wo sie so

miteinander sprachen, hatte sich nicht fast ein Vertrautes eingestellt?

Und sie gab die Antwort auf seine Bitte. »Ja, wenn sie mich hier noch in

die Kirche ließen!« Dann erzählte sie: mit dem alten weißhaarigen

Organisten von Sankt Nikolai wäre sie gut Freund. Er hätte ihr mehrmals

die Schlüssel zur Kirche gegeben. Die Orgel wäre ein vorzügliches Werk

von dem alten Zacharias Hildebrand.

»Und jetzt?«

»Jetzt hat die Geistlichkeit Einspruch erhoben. Sie verteidigt, der Zeit

zum Trotz, mit achtbarem Mut ihre Gotteshäuser. Ich darf mit meinen

umstürzlerischen Händen das heilige Instrument nicht mehr berühren.«

»Sie sollen diese Ihre hohen Stunden wiederhaben. Ich werde mich dafür

einsetzen, daß Sie wieder Orgel spielen können. Und zur Belohnung darf

ich Ihnen zuhören, nicht wahr?«

Er hielt ihr die Hand hin, sie schlug ein. Und so trennten sie sich.

Was war geschehen? Zwei Menschen, die das Leben zum Kampfe aufgeboten

hatte, die ein Vernichtungskrieg gegeneinander entflammte, die beiden

hatten eine Stunde des Friedens, der Gemeinschaft gefunden. Sie hatten

ausgeruht ineinander. Sie hatten sich beide beschenken können. Und

jetzt?

Jeder ging wieder zurück in seine Schlachtreihe. Jeder nahm wieder den

Platz ein in seiner Front. Nur, daß sie beide das stille Übereinkommen

geleitete, dieses Beisammensein würde sich wiederholen. Wieder würden

sie denselben stillen Weg gehen und aufsteigen zu derselben sanft

belichteten Anhöhe, die über den Wolken des Tages lag.

Den Feind verstehen, heißt die Welt begreifen.

Wie lange aber, wie lange war ihnen die Nähe beschieden? Würde der Krieg

ihnen nicht bald genug diesen friedlichen Hang verwüsten?

Oder -- gab es hier etwas zu retten für sie beide? Etwas, was mehr war

als die Zwietracht ihrer Gedanken, was über ihrer Feindschaft war und

ihrem Kampf?

Sie trugen beide an dem Druck ihrer Hände, mit dem sie voneinander

geschieden waren. --

Zwei Einsame saßen in der Baracke und hüteten das Haus. Dankwart

Hamerslag arbeitete an seinen Modellen, Gust Elbenfried forschte in der

Schrift. Auch hier war im Schaffen, im Suchen, im Sehnen ein

Auferstehen.

Einsam auch, ein Schwebender, zog Gisbert durch die Frühlingsheiligkeit.

Gen Osten pilgerte er -- da lag Mönkhov. Die Rhythmen der schönen,

tönenden See begleiteten seine Schritte. In den Dünen machte er Rast,

auf dem höchsten Gipfel schlug er seinen Thron auf, den Thron seiner

Sehnsucht.

Unverwandt schauten seine Blicke nach Osten. Ganz unkörperlich seine

Sehnsucht, nicht einmal das Bild der Ersehnten nahm Gestalt an. Jenseits

von der Form blieb alles. Ein Lichtnebel die Welt, ein webender Glanz.

Und in ihm atmete das Glück.

Daß Du lebst! Und daß ich weiß von Deinem Leben! Was will ich mehr? Was

brauche ich mehr? Ich fühle Deine Nähe, durchleuchtet bin ich von der

seligen Sicherheit meiner Habe. Wer kann mir von ihr etwas rauben? Wie

reich bin ich und wie stark!

Du bist die Geliebte meiner Seele. Nicht treibt es mich, mit den Blicken

Dich zu fassen, das Auge in Dein Auge zu legen, mit Deiner Stimme mein

Ohr zu füllen, Deine Finger mit der Hand zu umspannen. Nur wissen will

ich Dich, nur wissen, daß Du bist, nur das Glück fühlen, daß Du lebst!

Rühren Worte an die Herrlichkeit dieses Besitzes? Nicht einmal Gedanken.

Über allem Sagen und Fragen, wortlos, gedankenlos ein sinnenfreies

Schwimmen im Himmelsraum, ein Ertrinken in Licht --

So saß Gisbert in starrer Entrücktheit ein göttlich Entschlafener auf

der Dünenhöhe, dieweil über die Meerflut hin der junge Frühling

schauerte.

Erst die flüsternde Dämmerung weckte ihn aus seinem seligen Schlaf. Und

nun schlich es doch von Frühlingsangst in seine Jugend, seine junge

Jugend. Was fing so an zu singen in seinem Blut -- leise, leise und sang

doch immerfort.

Und ein Taumeln, da er sich erhoben hatte, ward sein Schreiten, das nach

Osten ging -- wo er doch westwärts wollte, nach seiner Arbeitsstatt, der

Baracke. Wie er sich umwandte, keuchte er, beladen auch er von der Süße

und Schwere des Frühlings.

Die Arbeit! Die Arbeit auch seine Zuflucht. Ihr mußte alles zum besten

dienen, alles Fühlen, alle Andacht, aller Kult, auch von Frühling und

Frau -- alles mußte einmünden und aufgehen in den Gottesdienst der

deutschen Arbeit.

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 19 / 60 题