Lud Uhlenbrook hatte ein Grab geschaufelt. Frühling der Mörder -- mit
allem, was nur noch wenig Leben hat, macht er ohn Erbarmen kurzen
Prozeß.
Auf dem Kirchhof war der Alte mit Lona zusammengetroffen. Sie begleitete
ihn nach Hause. Es gab sonst in ihren Gesprächen keine Politik. Aber
hier, wo die Luft und alles, was sie atmete, mit Hochspannung geladen
war, sprach die Politik von selbst.
»Kommt nun der Streik?« fragte der Alte.
»Er kommt.«
»Hier auch?«
»Hier zuerst.«
»Und hier haben die Leute es noch am besten.«
»Eben deshalb zuerst hier.«
Da blickte der alte Lud nun doch in dunkle, ihm unbehagliche Gründe, und
er schüttelte den Kopf. Aber er rührte nie an anderer Leute Glauben und
Tun, und ließ sich selbst nicht daran rühren.
»So viel kann ich Euch sagen, ich mache nicht mit.«
»Lud« -- dies ungleiche Paar nannte sich beim Vornamen und duzte sich --
»hier gibt es nur ein entweder oder!«
»Dann also oder.«
»Und damit stehst Du auf der Seite der andern.«
»Ich steh für mich allein.«
»Das gibt es nicht. Ein Allein gibt es nicht. Denn hier ist Krieg, und
hier ist Feind und Freund. Du aber bist unser Freund -- der Freund der
Unterdrückten -- Du selbst ein Mißhandelter.«
Sie war nun anders, sie rührte schon an den Glauben anderer mit ihrem
Fanatismus, der ganz von selbst Proselyten machen mußte. Und der
Hochschwall der Propaganda brach über den Alten herein.
Er schüttelte Schopf und Fell und sprühte den Wasserfall wieder von
sich. »Ich hab jetzt 'ne Arbeit, die mir Spaß macht. Und darum bleibe
ich bei der Arbeit. Ich zeig den Siedlern, was Torf ist. Und die Jungs
mag ich leiden.«
Sie rannte nicht mehr an gegen diesen eigenwilligen Zyklopen. Er hatte
seine Höhle, die Einsamkeit. Wenn man ihn störte, kroch er in den
Schlund. Aber ihre Wut durfte sie befeuern gegen die Siedler, sie, die
gefährlichsten der Gegner, die festesten, die gewappneten und bewehrten.
In der letzten Zusammenkunft, als der Haß gegen diesen Trupp der
Reaktion die Gemüter aufwühlte, hatte Genosse Knubart, der lauernd
Schläfrige mit der viereckigen Stirn und der sichernden Nase, in seiner
lässigen Art bemerkt: »Ihre Burg ist eine Holzbaracke. Und Holz brennt
so leicht!«
Seit der Zeit fieberte der Gedanke in ihr: den roten Hahn ihnen aufs
Pappdach! Ein paar Handgranaten, geworfen in der Nacht bei
Frühlingssturm --! --
Wie standen diese Männer ihr im Wege bei dem Werk ihrer langsamen,
kalten Rache an dem Zerstörer ihres Lebens -- nicht weniger als bei der
großen Tat der Volkserneuerung.
Lud, der gute, fühlte es, wie die giftige Glut wieder in ihr auflohen
wollte. Er nahm mit seiner vollen zärtlichen Pranke ihren Arm.
»So, Lütt, jetzt kommst Du mit rein, wir kochen uns einen
Sonntagsnachmittagskaffee. Und Du läßt Dir vom Moor etwas
vormusizieren.«
Als sie beisammensaßen, klopfte es, und Horst trat in die Stube. Der
Alte, der ihm zugetan war, hieß ihn herzlich willkommen. So setzte er
sich zu ihnen. Zuerst heizten sie mit Torf die Unterhaltung. Horst
brachte eine gute Nachricht. Die alte Schlickeysensche Torfmaschine, die
lange unbrauchbar gelegen hatte, weil niemand hatte entdecken können,
was ihr eigentlich fehlte, war von einem seiner Leute wieder instand
gesetzt worden. Jetzt konnten sie also kräftig ins Zeug gehen!
Horst war fröhlich und frisch. Mit einer kleinen bewußten Grausamkeit
ließ er diesen Erfolg der Siedlung ausklingen. Er wußte, daß alles, was
mit ihr zusammenhing, Lona zuwider war, die abgekehrt und verschlossen
dasaß. Mit diesem hochmütigen Gesicht und den in sich gekehrten, den
umgekehrten Augen, die er kannte. Sein Frohmut sollte der Abhängigkeit
wehren.
Das Weib in ihr hatte längst gespürt, daß sie auf ihn wirkte. Ebensogut
empfand sie, wie er jetzt dieser Wirkung widerstrebte. Daß er sich
schützen wollte, bestärkte sie im Bewußtsein ihrer Machtmittel. Aber sie
war nicht verschlagen, nicht verschmitzt und tückisch genug, um
erotische Listen in den politischen Kampf zu tragen. Judithregungen
kleineren oder größeren Formats lagen ihrer Natur fern. Ehrlich wie ihr
Schmerz um den getöteten Freund, ehrlich wie ihre kommunistische
Überzeugung war ihre Feindschaft, ihr Haß, ihre Rachsucht. Vielleicht,
daß aus dieser Wahrhaftigkeit die Kraft stammte, der Horst sich nicht
entziehen konnte.
Schon war sein Mitleid wieder obenauf, stärker als der Hang, an ihrem
Hochmut, dem unleidlichen, sich auszulassen. Und wieder lockten ihn die
Geheimnisse ihres Wesens, ihres Lebens, ihres Wirkens.
Heut brech ich den Bann! Ist sie nicht auch ein Mensch, ein Weib, ein
junges Weib -- mehr als Dogma, als Klage, als Anklage und Rache? Atmet
sie nicht den Frühling wie wir? In dieser Breite, die ihre Heimat ist!
Wer kann von der Heimat sich lösen? Niemand, auch sie nicht. Hat etwas
die Macht, diesen einen Klang in uns auszulöschen? Nichts auf der Welt,
kein Unglaube, kein Glaube, kein Fanatismus in Gedanken und Gefühlen,
keine Ekstase, keine Verdumpfung -- selbst in unsern Wahnsinn tönt der
Klang hinein. Und mag sie noch so gefangen sitzen in ihrem starren
System -- was sind Mauern für diesen Klang?
Sie ist in der Heimat, die vom Frühling erschauert. Was bleibt bestehen
von der Welt, die sie sich aufgebaut hat in der künstlichen Mühsal
keuchender Gedanken! Hier ist nun einer, der den Frühling Deiner Heimat
mit Dir atmet -- er pocht an Deine Verschlossenheit. Wird ihm nicht
aufgetan?
Sprichst Du nicht mit deutscher Zunge wie er? Ist nicht in Dir wie in
ihm deutsches Leben -- ob es an ungleich gestimmte Saiten rührt? Sind
nicht beide in Not, er wie Du! Sind beide nicht Suchende, Klimmende,
Steigende -- wenn auch auf verschiedenen Wegen, wenn für den einen der
andere auch in die Irre geht!
Und vor Horst leben die Worte Gisberts auf -- was reden wir immer und
immer von den Unterschieden! Das Gemeinsame sollen wir suchen, des
Gemeinsamen sollen wir uns bewußt sein, immer und immer!
Du sprichst deutsch und ich spreche deutsch -- wir sollten nicht
miteinander sprechen können? Und Horst richtet das Wort an Lona.
»Kennen Sie unsere Goldberge hier?«
»Ja.«
»Haben Sie sich einmal von da oben die Welt angesehen, jetzt im
Frühlingsglanz?«
»Nein.«
»Das sollten Sie tun. Die See -- das Dünengelände -- die gotischen Türme
der Stadt -- all die Dörfer, eingebettet in Gärten -- ein Schimmer von
Grün haucht schon aus dem Grau. Und wie hierher nach Westen das hüglige
Feld in die Moorniederung verrinnt -- man sieht nicht viel so Schönes in
unserm Norden.«
Sie ging artig darauf ein, wenn auch kühl und freudlos. »Damit machen
Sie einem beinahe Lust. Leider aber bin ich so einigermaßen
landschaftsblind.«
»Das glaube ich nicht.«
»Nicht?«
»Nein. Weil Sie doch in der Musik leben.«
Sie stutzte. Was weißt Du und was willst Du von mir? Dann ging sie den
Zusammenhängen in seinen letzten Worten nach.
Horst aber, da er jetzt bei »musikalisch« war: »Uhlenbrook -- Meister --
die Goldberge klingen ja -- deutlich hab ich das gehört!« Jungenaugen
glänzten dazu, wie voll von leuchtendem Märchenschreck.
»Wenn Sie das gehört haben,« sagte der Alte, »dann sind Sie auch einer
von den Erlesenen.«
»Erlesen? Wozu?«
»Jetzt will ich Euch erzählen, was das mit den Goldbergen ist.« Wie die
Sage saß er in seiner Tabakswolke. »Da liegt ein König begraben, ein
Heerkönig, ein Seekönig. Der Mächtigste, den es gegeben hat. Der
Reichste an Taten, an Ehren und an Schätzen. Alle Meere hat er befahren,
von allen Küsten brachte er Gold und Gut nach Hause. Das deutsche Meer
aber war sein Reich, hier durfte niemand fahren ohne seinen Willen. Mehr
Jahre hat er gesehen, als die anderen Menschen und war darum auch weiser
als sie. Und wie es zum Sterben mit ihm ging, da befahl er, daß alle
seine Schätze mit ihm ins Grab gesenkt würden. Schätze darf man
erwerben, aber nicht vererben. Er sah seinen Nachfolger -- und sah den
Verfall seines Reichs. Mit einem Fluch über jede gierige Hand, die an
das begrabene Gold rühren würde, streckte er sich auf sein Sterbelager.
Denen aber, die nichts für sich selber wollen und begehren, die alles,
was sie selber haben und selber sind, dem Volke darbringen, denen
klingen die Stimmen aus dem Grunde. Denen singt das versenkte Gold. Ihre
reinen Hände sollen es heben, ihnen soll es die Macht mehren, daß sie
dem Volke helfen zu alter Herrlichkeit.«
Horst überlief es wie leise zitternde Runen. Lona aber blickte wieder
voll Hohn.
»Und das Reich des alten Königs zerfiel. Und das deutsche Meer war nicht
mehr deutsch. Sein Nachfolger wollte mit habsüchtigen Händen die Schätze
sich heraufholen, da erschlug ihn ein Nebenbuhler. Den aber meuchelte
ein anderer. Die Herrlichkeit kam nicht wieder herauf. Weil die Sinne
gierig waren und die Hände nicht rein. Und wie um den Kyffhäuser die
Raben, fliegen die Raubmöven um diesen Berg. Wenn aber eines Menschen
Fuß seine Höhe betritt, zu altheiligen Zeiten, zu Frühlingsanfang, zur
Tag- und Nachtgleiche, in der Thomasnacht, der längsten des Jahres, der
ersten der wilden Nächte -- und es tönt dann das Klingen zu ihm auf, so
ergeht an ihn der Ruf. Zum Helfer bist Du erkoren! Bleib getreu und
halte Dich bereit!«
Bleib getreu und halte Dich bereit, so klang es nach in Horst. Und ihn
störten ganz und gar nicht Lonas hochgezogene Lippen.
Sie schwiegen eine Weile. Jeder blieb bei seinen Gedanken. Das deutsche
Meer soll wieder deutsch werden! so flammte und lebte es in Horst.
Jetzt nimmt Lona das Wort. »Es spricht ja wohl so mancherlei für den
alten Herrn Deiner Sage. Obwohl sein großartiger Standpunkt: das Gold
ist verflucht, stiehl Du also möglich viel für Dich zusammen, damit es
den andern nicht schadet -- obwohl dieser Standpunkt ein Maß von Edelmut
bekundet, wie ihn nur der Kapitalismus aufbringen kann. Im übrigen --
warum die Deutung seines Vermächtnisses nun gerade in Patriotismus und
in Hurra auslaufen muß? Reine Hände und das Wohl der Gemeinschaft -- was
heißt das anderes, als daß sich niemand mit eigenem Besitz besudeln
soll!«
Über Horst leuchtete eitel Friedfertigkeit. »Ist das nicht das
Wundervolle an unseren Sagen, daß sie mehr sind als ihre Deutungen? Daß
sie alle beschenken, alle beglücken!«
Lona gab nichts darauf. Sie lehnte sich zurück und sagte dann in ihrer
laschen Überlegenheit: »Der eine Gedanke, muß ich ja sagen, macht mir
gerade hierbei ganz besonderen Spaß. Wie Ihr Teutonen immer über die
Juden herzieht mit ihrem goldenen Kalb. Und über ihre Psalter mit dem
Golde aus Reich Arabien. Seht Euch doch einmal Eure eigenen
Überlieferungen an. Um was geht es denn bei Euch? Nur und immer! Da ist
das Rheingold -- da ist der Nibelungenhort. Im Waltarilied -- diese
begeisternden Kämpfe Eurer Urzeithelden, in denen sie sich frohlockend
Arme und Beine glatt mit dem Schwerte abschlagen, um was werden diese
Heldenkämpfe geführt? Um den Hunnenschatz, den der edle Walter dem alten
Etzel ausgespannt hat. Und dann im ganzen Mittelalter, diese König- und
Kaiserkämpfe! Wer den Kronschatz hat, hat auch die Mannentreue. Die
Geschichte dieses Buschkleppertums -- läuft sie nicht weiter durch die
folgenden Jahrhunderte? Und geht es nicht in derselben Tonart fort bis
in unsere Tage? Was sagt Ihr dazu, Ihr Weisen aus dem Abendlande? Wie
heißt doch Euer Sprichwort? Treu wie Gold!«
Verdrossen winkte sie selber sich ab, und Horst hatte keine Neigung nun
groß sein Streitroß aufzuschirren. Wogegen? Gegen eine blendende äußere
Dialektik, die an dem tieferen Wesen der Dinge vorbeijongliert?
Er sagte nur ein bedächtiges Wort, das nicht angriff: »Solange das Gold
konzentriertes Brot ist --! Und solange der Mensch Brot zum Leben nötig
hat --! Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein.«
Sie wollten beide nicht die Klingen kreuzen. Auch in ihr kam eine
Sehnsucht nach Stille auf, eine Lust, sich zu dehnen und die leisen
Schwingungen des Frühlings aufzunehmen wie ein streichelndes Heilmittel
für die wehen Nerven und das müde Blut.
Lud Uhlenbrook hatte die Blicke auf seinem Moor. Dabei stöhnte er
unsäglich. So brüllt nur das Glück. Rehwild zog äsend an dem Waldrande
hin. Durch die leichten Zirruswolken streute die Nachmittagssonne
wehende Lichter wie Blütenflocken auf den grünlichen Dämmer der
erwachenden Gräser. Fröhlich kreisend schwangen sich Kibitze über den
Wiesen.
Der Alte paffte seinen Knasterdampf vor sich. Dadurch sah ihm seine Welt
noch zauberhafter aus. Mit einer fröhlich herben Absage an die beiden:
»Wenn ich dies hier habe -- was geht mich das da draußen an! Ich pfeif
auf Euren Kram! Schlagt Euch die Köpfe ein, daß ich was zu begraben
kriege! Der Moordeubel bin ich, und der Torfdeubel bleib ich und dem
lieben Gott sein Lieblingsdeubel dazu! So -- und wenn einer gegen mein
Moor was sagt --! --«
Lona regte sich. »Ich sag was, Lud Uhlenbrook. Du stehst vor Deinem Moor
wie der Ausrufer vor seiner Schaubude. Aber lauter Freud und Wonne ist
es wirklich nicht mit ihm. Ich bin da vor kurzem ganz gefährlich in den
Sumpf geraten -- ein paar Schritte weiter, und Du hättest mich in Deinem
Raritätenkabinett gehabt.«
»Ja« -- und nun wurde der Alte großäugig angstvoll und warnte schwer,
»wie darfst Du auch weglos auf ihm herumabenteuern!« Die Pfeife wollte
ihm ausgehen.
»Und ganz übel,« fuhr Lona fort, »ist dieser Fluß, der sich da
hindurchwindet, schwarz, träge und drohend. Ein Fluß, der nicht fließt,
der tückisch schleicht -- er plätschert nicht, er rieselt nicht, er
schult nur immer düster nach einem hin. Und seine angefaulten Weiden,
denen alle struppigen Haare sich sträuben -- menschenfreundlicher machen
sie ihn nicht.«
Horst, der ihr mit weiten Wimpern zuhörte: »Und Sie wollen keinen Sinn
für Landschaft haben?«
»Höchstens da, wo die Landschaft -- für mich so lebhaften Sinn hat. Aus
einer Art Notwehr. Ich kann mir nicht helfen, unheimlich ist mir das
Moor geworden.«
Der Torfmeister sah ihr durch und durch. »Du hast die Moorangst, Kind!
Daß Du es nie ohne mich betrittst! Wer vorm Moore bangt, wird von ihm
gelangt!« Er hatte jetzt etwas Gewaltiges in den Augen. Und seine Worte
zwangen.
Halb unwillig sagte Lona: »Wie ein alter Zauberer bist Du.« Aber ein
Nachdenkliches blieb über ihr.