Märzenglanz -- Herzentanz

In die deutsche Not jubelte ein früher Frühling hinein. Ein zärtlicher

Hauch läutete die Schalmeien der Primeln, der Leberblümchen und

Anemonen. Über der Heide in Frohlocken taten die Lerchen ihren

Sonnendienst. Knisternde Seide war die Luft. Wer an sie rührte, dem

gingen prickelnde Schauer durchs Blut.

Ein Sonntag. Die jungen Siedler zogen nachmittags in die Stadt, auf die

Dörfer zum Tanz und suchten sich was zum liebhaben.

Kunz in holdem Ungestüm dunkler Sehnsucht streifte durch die Welt. Ihm

war's, es müßte ihm heut ein Wunder geschehen. Er schritt allein, ohne

Muz -- auch der war heute auf Frühlingsabenteuer aus. Und nun sang er

sich den Knickbusch entlang, der hier zwischen Wiese und Heide lief,

träumte sich in Kinderspiele hinein und in Märchen.

So in gedankenlosem Stammeln und Dammeln geriet er auf die Dorfstraße.

Und kam an dem Pfarrhausgarten vorüber. Wie er über die Rotdornhecke

blickte, sah er etwas, was ihn stillstehen hieß.

Ein kleiner Turnplatz war hier eingerichtet. Eine Mädchengestalt, zum

Entzücken geschmeidig, im Turnanzug, hing am Reck. Jetzt machte sie die

Schwungstemme, leidlich. Sie war selbst nicht zufrieden und wiederholte

die Übung.

Kunz hatte es nicht mehr draußen gelitten. Er war kurzen Fußes durch die

Pforte eingetreten, stand schon im Sand der Arena und riet

sachverständig, als die ihm abgekehrte zur zweiten Wiederholung sich

anschickte: »Das Kreuz mehr durchdrücken. Und den Kopf weiter zurück.«

Sie sah hängend über die Schulter zu ihm hin, gar nicht erschreckt, fast

ungestört. Machte den Aufschwung, um nach oben, auf ihre Stange und in

die richtige Position gegen Eindringlinge und Unberufene zu gelangen.

Setzte sich oben hin, den Arm um den Pfosten, und blickte vernichtend

herab auf den Störenfried.

Er hatte geglaubt, ein Kind vor sich zu haben -- nun brach er zusammen

vor so viel damenhafter Ablehnung und Unnahbarkeit.

Kunz war nur zweimal in seinem immerhin bewegten Leben verlegen gewesen.

Dies war der dritte Fall. Und er fragte etwas, wie ein Schuljunge, wußte

selbst nicht wonach: ob er hier zum Herrn Pastor käme?

Da oben der geschürzte Mund bewegte sich nicht, die Augen blieben

drohend -- nur durch das rechte Bein ging ein kurzer Ruck, und die

Fußspitze wies den Weg nach rechts.

Kunz wurde ratlos. Ratlosigkeit war ihm das Weltenfernste. So wurde er

sinnverwirrt, und seine Haltung zerfiel. Er wollte lachen, aber es wurde

nur so ein geohrfeigtes Lächeln, und eine Heftigkeit stieg ihm in die

Kehle. So kam es denn stoßend heraus: »Sagen Sie mal, sind Sie stumm?

Oder verbergen Sie einen Zungenfehler?«

Nun wurde aus dem eisigen Drohen da oben eine spitze Niederträchtigkeit.

»O nein -- aber ich kann die dicken Menschen nicht leiden.«

Kunz, der Arme! Dieses war nun tödlich. Hier gab es keine Rettung. Jetzt

lag er platt auf der Nase. Ein Kübel Eiswasser war ihm über den Schädel

gegossen. Schauernd lief es ihm die Rückenrille hinunter. Bis in Mark

und Seele fror es ihn aus. Nützten ihm die verzweifelten Hilferufe

seiner Selbstgespräche? Dick -- dick! Ich bin nicht dick! Daß ich diesen

unglückseligen Kartoffelkopp habe --! Aber meine Glieder -- könnt ich

die zeigen! Ja -- geschlemmt hab ich ja wohl ein wenig -- in Wildbraten

-- gewildertes schlägt besonders gut an -- aber dick -- um des Himmels

willen -- dick --! --

Der Mantel ist schuld! Dieser elende Sack, den sein Vetter, der bauchige

Generalstrebler, ihm vererbt hat!

Runter mit den Lumpen! Reißt den Mantel ab -- wirft die Mütze hin --

stürzt sich auf das Reck -- nur die eine Wiedergeburt seiner Ehre gibt

es -- die schnippische Sylphide da oben flattert entsetzt auf und hängt

dann bebend an dem einen eng umarmten Pfosten -- Kunz hat die Stange

ergriffen -- schon fliegen die Beine hoch -- fliegen zurück -- und nun

in tadellosem Riesenschwung schlägt der gestreckte Leib Rad durch die

Luft -- einmal -- zweimal -- dreimal -- viermal --

Da aber, in dem wütenden Eifer, versagen die Hände -- sie gleiten von

der glatten Stange -- in hohem Bogen wird der Körper weit

fortgeschleudert und fällt schwer wie ein Klumpen in dem Gesträuch dumpf

auf die Erde.

Mit geisterhaften Eulenaugen hockt die Turnerin da oben -- wie in eine

Vision geschreckt und gebannt -- dann gleitet sie zu Boden in die

Wirklichkeit -- jetzt weiß sie, was geschehen ist -- ein Unfall -- dem

Gestürzten helfen --! --

Sie läuft in das Gebüsch -- da sitzt er, mitten in einem dornigen

Stachelbeerstrauch -- die eine Backe ist blutig geritzt -- er fühlt mit

den Fingern hin -- dann beschmiert er sich lustig indianermäßig das

Gesicht mit Kringeln und Schleifen -- legt die Arme übereinander wie ein

Götzenbild -- verbeugt sich im Sitzen vor der scheu sich Nahenden und

verkündet hohl: »Mein Name ist Rutenberg.«

Dann lacht er laut und herzhaft mit seinem wunderhübschen Mund.

Da denkt sie, was ist das für ein lieber fröhlich verrückter Junge, und

sie lacht zurück. »Haben Sie sich auch nichts getan?«, fragt sie sorgend

und hilfsbereit.

Er schüttelt höchst munter den Kopf. »Aber den Seismographen in den

Erdbebenwarten habe ich gehörig eins ausgewischt.«

Sein Platz scheint ihm immer noch zu gefallen. Er macht keine Miene,

sich zu erheben, und spricht belehrend weiter: »In unserer Reiterhorde

war ich wegen meines losen Sitzes berühmt. Jetzt weiß ich doch, daß ich

auch im festen Sitz Vorbildliches leiste.« Und damit versucht er

aufzustehen. Es geht langsam, aber dafür tut es weh.

Sie greift zu, ihn zu stützen, da gibt er sich einen gewaltigen Ruck,

der ihm durch alle Knochen fährt. Doch damit hat er sich beisammen und

ist wieder fest auf den Füßen.

Nun der Sorge um ihn ledig, sieht die Kleine die Stelle sich an, wo er

so unsanft den Planeten erschüttert hat. Der Stachelbeerbusch ist

heillos verwüstet. Da zieht sich ihr feines Gesicht in die Länge. »Oh,

das ist einer von Vaters neuesten und besten -- im Jahre 17 gepflanzt,

als er auf Urlaub hier war -- ein blood hound. Nun müssen wir hin zu ihm

und ihm gleich alles sagen. Sonst geht es uns schlecht.«

Wir -- und uns -- so war die Freundschaft geschlossen zwischen Vita

Waermann, dem Pfarrertöchterlein, und Kunz Rutenberg, dem Siedler und

Soldaten, dem Wilderer und Turner, der eher die Erde zertrümmerte, als

daß er dick sein wollte.

Und nun standen sie vor dem Pastor, einem geraden, schlank gewachsenen,

helläugigen Mann, der viel eher soldatisch, als geistlich sich hielt. Er

war zuerst als Feldprediger draußen gewesen, dann hatte er als Offizier

in der Front gestanden. Jetzt ging er nach schwerer Verwundung am Stock.

Erst vor acht Tagen hatte Vita ihn aus dem Genesungsheim abgeholt und

seit heute, Sonntag, versah er wieder sein Amt.

Unter den Gottesgelehrten zählte er nicht zu den Gekrönten. Aber in der

Obstzucht war er Baas und ein Vorkämpfer für die Fruchtweinkultur als

eine fruchtbare Erwerbsquelle auf deutschem Boden. Berühmt war sein

eigener Stachelbeerwein, so daß ein zungenfertiger Amtsbruder ihn also

gefeiert hatte: »Ein Pastor und ein Wehrmann und auch ein

Stachelbeermann.«

Diesen geradezu leidenschaftlich zärtlichen Vater seiner Sträucher mußte

man schonend vorbereiten. Er vernahm alle Einzelheiten, wie das junge

Freundespaar die Bekanntschaft geschlossen hatte -- das Außergewöhnliche

sollte seine Vorstellung auflockern für Ungeahntes, Unsägliches. Aber

die Katastrophe, die seinen Busch zerschlagen hatte, fuhr ihm doch ins

Gekröse.

Spornstreichs stakte er los in den Garten. Die beiden blieben zurück,

zwei gescholtene, zitternde Kinder -- blieben beieinander, miteinander,

als trügen sie beide an der Schuld. Und durch Kunz strömte die

Glückseligkeit der Gemeinschaft, die sie auf sich genommen hatte -- für

ihn.

Der Vater Stachelbeermann kam kopfschüttelnd zurück. »Gerade auf den

blood hound.« Vorwurfsvoll: »Und es ist doch so viel Platz im Garten!

Aber, wenn Sie schon eine Sitzgelegenheit in meinen Ribitzeln suchten,

warum haben Sie sich nicht lieber dem Schoße der Queen Mary oder der

smiling beauty anvertraut?«

Hiermit ging es nun schon schalkhafter zu. Und jetzt flog das letzte des

längst schon lächelnden Unmuts davon, und die Gastfreundschaft öffnete

völlig und warm dem Besucher, der mit einem Riesenschwung in das Leben

des Pfarrhauses sich befördert hatte, die Arme.

Kriegserinnerungen das erste und die leuchtenden Flammen -- und dann das

würgende Grau der Friedensnot. Und jetzt Glaube und Wille und Gelöbnis.

Wir werden sie zerbrechen, unsere Handschellen! Und dann -- ein gutes

Werk werden unsere freien Hände verrichten -- gute deutsche Arbeit

werden sie tun! Ja, ihr lieben Feinde Deutschlands -- die Zeit kommt --

sie kommt, sie kommt, und es fluscht mal wieder!

»Jetzt müssen wir wieder nach einem anderen Katechismus beten«, sagte

Pastor Waermann. »Jetzt hol ich mir wieder meinen alten Ernst Moritz

Arndt hervor.

»Wer Zwingherrn bekämpft, ist ein heiliger Mann! Wer Übermut steuert,

tut Gottes Dienst! Das ist der Krieg, welcher dem Herrn gefällt! Das ist

das Blut, dessen Tropfen Gott im Himmel zählt!« -- So der Alte und so

jetzt wir Neuen. Dies, dies ist unsere Glaubenslehre. Und keine andere

verkündige ich, bis der neue Tag anbricht.«

Kunz hätte ihm um den Hals fallen mögen. Mit großen, glücklichen Augen

sitzt er da. Wir haben ihn, den Seelsorger, den wir brauchen! So Gutes

ist uns Siedlern beschieden! Und ich habe ihn gefunden -- an der Hand

des wonnesamsten Mägdeleins. Ich wußte ja, daß mir ein Frühlingswunder

geschehen würde! O du gebenedeite, verunglückte Riesenwelle am Reck, die

in diesen Lichtkreis mich fliegen ließ. Mich, den Entdecker, mich, den

Boten des Heils für die Kameraden.

Vita, jetzt ganz als das Hausmütterchen angetan, das sie in ihrem

Hauptberufe war, brachte den Kaffee. Was hat sie für wundervolle Augen,

denkt Kunz. Nichts als Augen, Augen das ganze holdselige Gesicht.

Graugrün sind sie, wach, hell, groß und weit, und sehen alles, sehen bis

auf den Grund. Katzenaugen sind es, die schönsten der Welt.

Wie kräuselt sich dieses rotbraun flammende Haar in Löckchen, in

goldigem Flaum um die schmale trotzige Stirn! Wieviel eigenwillige Kraft

spannt sich um diese leicht geschwungenen, ein wenig höhnisch

geschürzten Lippen.

Sehr ernst und verantwortungsvoll ist jetzt ihr Gesicht, ein wenig

altklug wirkt so viel Würde, denn ihre Erscheinung hat immer noch etwas

Kindliches trotz ihrer achtzehn Jahre.

Der Vater fährt ihr über die Stirn, die kraushaarige. »Meine Katz im

Schürzenlatz! Ist das nun so schlimm?«

»Ach ja, Vater.«

»Dieses »ach ja« hat es in sich. Sie verwünscht ihr Geschlecht. Als es

in den Krieg ging, wollte sie absolut mit. Vierzehn Jahre und ein Mädel.

Festbinden mußte man sie.«

»Ich wär da draußen schon was nutz gewesen. Und hätte ich Euch bloß

Kugeln in die ersten Reihen getragen. Wie die Johanna Stegen.«

»Ich trau Dir nicht. Du hättest mitgeschossen.«

»Vielleicht.« Und dann sagte sie: »Nun, das nächste Mal.«

Das nächste Mal. Dieses unheimlich große Wort -- in der kindlichen

Leichtherzigkeit, die es sprach, war doch der Klang aus tiefster Qual.

Die die Mädchenseele schlug, wie die Männerherzen.

Das nächste Mal! Wie ein Denkmal stand vor ihnen dieses Wort. Furchtbar

und erhaben. Gebaut aus schwerster Not und düsterster Notwendigkeit und

gekrönt mit Flammen.

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 17 / 60 题