Horst blieb noch mit Herrn von Borkhus und Achim zusammen.
»Nun ja,« sagte der alte Herr, »unser Hornburger Schießen müssen wir nun
einmal haben. Aber es ist mir lieb, daß ich Sie mit den Herren bekannt
machen konnte. Vielleicht wird doch der eine oder andere Hilfe nötig
haben. Wenn es ernst wird.«
»Es wird ernst, Vater.«
»Achim --!« Er hob lächelnd die Hand. Das hieß: ein Schwarzseher wie Du.
»Zum Frühjahr haben wir hier den Ausstand. Wir werden von der Tücke der
Bevölkerung was erleben.«
»Sie ist nicht tückisch, mein Junge. Wir haben sie nur nicht immer
richtig behandelt.« Er sprach jetzt sehr schonend und mild mit ihm, wie
mit einem Kranken.
Achim war schon nicht mehr bei der Sache. Er ging, sich nach seiner Frau
umzusehen. Borkhus sprach mit Horst über ihn.
»Das Herz blutet einem. Was haben Krieg und Frieden aus dem Jungen
gemacht. Man spricht manchmal bei mir von Vertrauensseligkeit --«
Horst nickte innerlich dazu.
»Seligkeit -- du lieber Gott --! Bei dem Jungen war es Seligkeit! So was
von einem frohlockenden Zutrauen zu allem und jedem, das Himmel und
Hölle bezwang! Das über jede Enttäuschung hellauf lachte, wie über
Scherz und neue Lebenslust. Seine Augen hätten Sie sehen müssen! Und
jetzt entfärbt, entseelt zu dieser griesen Kälte. Bleifarben. Und wie
sieht es in ihm aus! Zum Heulen!«
Er hielt klagend inne. Horst rüttelte tröstend an ihm. »Ihr Sohn ist
jung, er hat seine Tätigkeit, er hat Sie und hat die wundervolle Frau.«
»Das ist ja das Furchtbare. Man kommt nicht mehr zu ihm. Nichts von dem,
was ihm lieb war, rührt noch an ihn. In uns allen ist ja etwas in
Trümmer gegangen. Aber, daß in ihm nur noch Schutt liegt! Argwohn --
Ablehnung -- Gleichgültigkeit -- eine völlige Gefühlsumnachtung.«
»Ist Herr von Mönkhov schwer verwundet gewesen, schwer verletzt?«
»Seinem Körper ist nichts geschehen. Nicht die Haut ist ihm geritzt. Und
er war vorne von Anfang bis zu Ende. Sein Körper -- er ist gewachsen wie
ein Gott -- als ob die Kugeln den wie ein Heiligtum gescheut hätten.
Dafür ist ihm nun die Seele in Fetzen gegangen. Die letzten Kämpfe haben
ihm den Rest gegeben, da zwischen Aisne und Marne. Wie das Unglück hier
herausbrach aus den Wäldern von Villers-Cotterets, das Verhängnis, das
Verderben. Er wußte, jetzt ging es um Deutschlands Leben, um
Deutschlands Tod. Überladen zum Zerspringen von der ganzen gewaltigen
Inbrunst seines letzten Hoffens und Glaubens und Wollens -- und da
zerriß es in ihm. Das Grauenhafteste hat er erlebt -- den Überlauf
ganzer Scharen -- den Verrat der vielen! Wie ein Irrsinniger hat er vor
sich hingelacht -- stundenlang. Er hat es gesehen mit eigenen
ersterbenden Augen, wie Deutschland erschlagen, wie Deutschland
gemeuchelt ward. Dies ist Achims Schicksal.«
Die Männer schwiegen, versunken, vergraben. Ein gut Teil ihres eigenen
Lebens war so zerbrochen und verdorben.
»Und nun, Horst, müssen Sie auch noch mehr hören. In der Schlacht war es
zum Handgemenge gekommen, mit Amerikanern. Mannschaften zerschossener
Tanks. Gewehr und Pistole waren leer. Mit den Fäusten gehen Achim und
ein amerikanischer Offizier auf einander los. Einen regelrechten
Boxkampf liefern sie sich, in _fair play_. Inmitten der rasenden Hölle,
des Feuerorkans, der tosenden Geiser und Wirbel giftiger Wolken auf der
zerwühlten, zerrissenen, brüllenden, verzweifelt ihre Fetzen um sich
werfenden Erde. Kämpfen wie auf dem Podium. Angestiert von der verblüfft
glotzenden Umgebung. Die Amerikaner haben vielleicht gewettet. Und Achim
schlägt den Gegner nieder. Der Amerikaner ist geworfen -- aber -- es
gibt keine Symbole mehr -- Amerika wirft uns. Und jetzt passen Sie auf,
von diesem sieghaften Zweikampf her hat er einen Lichtschein mitgenommen
in seine Dämmerung. Der einzige, den er hat. Und er hütet ihn mit einer
Leidenschaft. Er hat von jeher mit Hingabe Sport getrieben, am liebsten
den, bei dem es ganz und allein auf die eigenen Glieder ankommt. Im
Boxen war er immer ein Meister. Jetzt gibt es kaum für ihn etwas anderes
auf der Welt. Sein Tagewerk beginnt mit stundenlangem Training. Immer
hat er Besuch von »Professionals« und von »Amateuren«, mit denen er
stundenlang übt. Auch sein Diener -- der ihn ein Vermögen kostet -- ist
ein alter erfahrener Faustkämpfer von Beruf. Seines Geistes Nahrung: die
Sportberichte und Sportzeitungen. Für die Wirtschaft bleibt so gut wie
nichts übrig. Und -- das Leben meiner Tochter können Sie sich
vorstellen.«
Frau Tilde mit ihrer zarten Geistigkeit, ihrer stillen Empfindungskraft
und Tiefe! Wie vieles von der Klage ihrer Augen, von dem wehen Lächeln
um ihren Mund ward Horst verständlich.
»Eine Leidenschaft -- wie die Spielerleidenschaft, die auch auf Trümmern
wuchert. Und auch unausrottbar ist.« So schloß Herr von Borkhus, stark
bewegt.
Das Ehepaar kam ins Zimmer. Sie wollten gleich nach Mönkhov
zurückfahren. Frau Tilde begrüßte Horst in aller Freundschaft. »Es ist
mir ein wahrer Trost, daß Vater Sie alle in der Nähe hat. Ihr seid hier
am dichtesten bei der Stadt und hier wird es zuerst losgehen.«
Und wieder Herr von Borkhus mit seiner überlegenen Zuversicht: »Kinder,
ich rat Euch sehr, an Euch selbst zu denken! Die Ihr mit Eurem Koch eine
Brandfackel in diese Welt geworfen habt. Mir unter meinen Leuten kann
und wird nichts geschehen.« Und in seinen Augen strahlte auf, was noch
an Licht in ihnen war.