Die Gutsherren

Als Horst nach vollbrachtem Tagwerk in das Beratungszimmer trat, waren

die Herren in voller Tätigkeit.

Junkerliches Ungestüm hatte zuerst die Erörterungen verwirrt. Nun war

ein parlamentarisches System errichtet. Herr von Trent führte den

Vorsitz.

Sein gelbes kränkliches Marquisgesicht blickte mit kummervoll wartenden

Augen in die Weite. Aber er hielt die Zügel in kundigen Händen.

Zuerst hatten die Besorgnisse das Wort geführt. Allerdings in halben

Tönen. Angstmeierei war gerade in diesem Kreise nicht eben daheim. Bald

hatten Eigenwille und eine betonte Sprödigkeit gegen neue soziale

Operationen gewonnenes Feld. Vergeblich bemühten sich die Nüchternen und

Sachlichen um eine Gegenorganisation der Besitzer. Umsonst brach der

Kabelsdorfer als Befürworter eines Landbundes seine letzte Lanze.

Formlos, ungepflegt, ein bärtiger Mann mit klugen und warmen braunen

Augen. Ein Bürgerlicher und manchem der Junker nicht nach der Mütze.

Aber sicher einer von denen mit dem reinsten Gewissen.

»Nehmen Sie es mir nicht übel, meine Herren -- von all den Dummheiten,

die die Deutschen stammesmäßig begehen -- und wir Landleute fühlen uns

ja als besonders gute Deutsche -- ist die größte die, daß wir von

unseren Gegnern nichts lernen. Tun wir nicht und wollen wir nicht. Was

erleben wir jetzt hier? Von denen, die sich in unseren Betrieben zum

Kampfe gegen uns rüsten? Sie machen das, was das einzig Verständige ist.

Müssen wir -- wir darum das einzig Unverständige machen? Nur geschlossen

können wir der Geschlossenheit begegnen. Aber nein! Wir laufen ihnen

zuliebe einzeln im Gelände herum, damit sie uns einzeln zur Strecke

bringen und ihr fröhliches Halali haben!«

Der dicke Poggenhagener mit den schiefen Kalmückenaugen, der sticken

mußte, wenn er seine Witze nicht loswurde, beugte sich zu seinem

Nachbarn, dem Tangentiner. »Es heißt nicht lali, es heißt le lit, das

fröhliche«, und er meckerte wie eine Bekassine.

Bei dem überlebenslangen, himmelan vertrockneten Ammoniakiter fand er

indessen keine Gegenliebe. Der lachte nicht, denn Lachen war eine

Ausgabe. Aber in solchen Unterhaltungen zeigte sich immerhin, wie wenig

noch von einer gemeinsamen Aktion die Gemüter band.

Was hier noch an Ängstlichkeit herumkroch, nahm die Maske vor,

versteckte sich hinter großen Worten und größeren Gesten. Und gerade die

Schlotterhosen, die ganz wenigen, plusterten sich auf zu prunkender

Forschheit.

Dies war die Stimmung, in die nun Horst hineingeriet. Lebhaft begrüßte

man ihn. Ein Teil von den Herren hatte für das Siedlungswerk auf

Betreiben des Herrn von Borkhus opferwillig Beiträge gezeichnet. Alle

aber schenkten sie der Siedlung ihr Wohlwollen. In diesem Artikel kannte

hier wie anderswo die Freigebigkeit keine Grenzen -- nur der Tangentiner

hielt auch seine kostenlosen Regungen zu Rate.

Herr von Güldenbek, der Mann der Saatkartoffeln, strich durch seinen

grauen, in konservativer Unbeschnittenheit wallenden Vollbart, legte die

väterliche Hand auf Horstens Schulter und sprach gewinnend: »Solche

Männer wie Sie braucht das Vaterland.« Und der Nebengedanke war bei ihm

wie bei manchem andern: auch wir brauchen Dich, Deine Mannschaft und

Eure Maschinengewehre, wenn es hier zum Ausstand und zu Unruhen kommen

sollte.

Gleich wurde denn auch wie auf Stichwort der eben ergangene

Regierungserlaß über die Waffenablieferung besprochen.

Horst erklärte: »Ich muß die Hände kennen, in die ich meine Waffen

liefern soll. Ich kenne diese Hände nicht.« Da nickten ihm alle lebhaft

zu, freudig und beruhigt.

Und dann wurde der sogenannten Regierung aufgespielt. Dies war die

Weise, auf die man sich hier verstand. Wie oft hatte man auch dem alten

geheiligten Regiment frondiert. Und nun dieses _régime de canaille_!

»Den schiefen Absätzen dieser Usurpatoren den Nacken hinhalten --!« So

sagte Herr von Seddewitz, und es funkelte sein scharfes, abgewetztes

Gesicht.

Hoch gingen die Wellen. Teilnahmlos wie all die Stunden schon blieb Herr

von Borkhus. Immer wieder waren durch seine tiefen Augen die Schatten

gezogen. Dann sprach er leise: »Wie gleichgültig im Grunde, wer da oben

sitzt -- wer die Satrapen sind über unserem Sklavenvolk.«

Damit ist die große Fuge der deutschen Passion angeschlagen. Und sie

zittert durch die Seelen. All diese Männer -- ihrem Eigenwillen fehlt es

gewiß nicht an Eigennutz. Von größter Unbefangenheit sie alle in der

Bejahung ihres Besitzes, ihres Herrentums. Sie können gar nicht aus

ihrer Haut. In der sie so grad gewachsen sitzen. Nicht alle haben sie

die Hände reingehalten. Aber jeder von ihnen hat dem Vaterlande mit Leib

und Leben gedient. Jeder von ihnen ist im Felde gewesen. Kaum einer, der

nicht für Deutschland geblutet hat. Der deutsche Klang bebt in jedem

Herzen. Selbst in dem, was von dem Tangentiner noch nicht ganz verdorrt

ist, brennt es wund und tödlich schmerzhaft von Schande und Ingrimm.

Unerschöpflich Neues trugen sie zusammen von den unaufhörlichen, täglich

sich mehrenden Erpressungen, Blutsaugereien, Schändungen und Folterungen

an dem wehrlosen deutschen Volk. Wie durch einen Wald rauschte der

mächtige Zorn durch die versammelten Männer.

Einer saß stumm, wohl der Jüngste von ihnen. Horst hatte den Namen nicht

verstanden. Aufgefallen waren ihm gleich die geradezu klassisch

geprägten kraftvollen und edlen Züge des bartlosen Gesichts. Ebenso das

wunderbare Ebenmaß des mittelgroßen Wuchses. Wie von Bronze die ganze

Gestalt. Aber in den Augen, so fest und hart sie greifen konnten, war

doch ein Verlorenes, Zerstörtes. Auch ein Gezeichneter der Zeit. Jetzt,

wo ein Nachbar sich laut an ihn wandte, erfuhr Horst, wer er war --

Achim von Mönkhov, Frau Tildes Mann. Prüfend gingen die Gedanken von ihm

zu ihr.

Nun sprach er. Etwas seltsam Graues, Trockenes, unwillig Starres hatte

die Stimme. Wie Asche lag es auf all seinen Worten.

»Größer ist Deutschland niemals gewesen -- im Reden. Wie sieht dagegen

unser Leben aus. In lauter armselige kleine egozentrische Kreise ist es

zerfallen. Von großen Ideen ist nur eine geblieben: das große

Einmaleins.«

Die Widersprüche stürzten nur so über ihn. Er blieb unbewegt. »Wollen

uns doch nichts vormachen. Es gibt bei uns drei Sorten Menschen. Solche,

die sich selbst betrügen, solche, die die anderen betrügen, und solche,

die beides tun. Zu welch letzteren neunundneunzigdreiviertel Prozent

gehören. Nun wollen wir uns jeder seinen Platz suchen und uns begraben

lassen.«

Das alles in dem unerbittlich grauen Ton. War es der Nihilismus einer

düsteren Stunde? War es das Weltbild eines erloschenen Lebens?

Herr von Trent, der wie ein müder Marquis aussah, hatte sich erhoben.

Behutsam machte er ein paar Schritte -- er hatte Beine wie ein

Rokokomöbel. Wandernd suchte er nach Worten, die Entrüstung zu

beschwören, und er fand sie. »Wir wissen, daß unsere Moral

reparaturbedürftig ist. Was die Moral übrigens zu allen Zeiten war --

was vielleicht recht eigentlich zum Wesen aller Moral gehört. Gewiß,

unser Niveau ist gesunken. Aber die Anständigeren unter uns oder« -- mit

einem Zucken des Lids zu Achim hinüber -- »die weniger Unanständigen

unter uns werden dies Niveau wieder heben. Trotz Ihrer Verneinung, die

absolut ist, wenn sie sich auch in der Abstufung hellschwarz, schwarz,

dunkelschwarz gefällt. Um des Himmels willen nur hier die Loslösung von

dem Losgelösten, dem Absoluten! In der Ethik hat schon immer die

Relativitätstheorie gegolten. Und die Besseren unter uns -- so sage ich

nach wie vor -- werden heute mehr als je an einer großen sittlichen Idee

ihren Halt und ihren Mittelpunkt haben. An der Idee des Vaterlandes.«

»Und worauf läuft Ihre große sittliche Idee des Vaterlandes hinaus?«

fragte Achim, und die Asche seiner Stimme beizte. »Auf die größte

Unsittlichkeit, die Rache.«

Oho, dachte Horst. So ruft sich nun der Nihilismus den höchsten

Positivismus zur Hilfe.

Jetzt ließ Herr von Borkhus sich vernehmen. »Die Rache ist mein, spricht

der Herr. Gut, ihm wollen wir sie anvertrauen. Er unser Führer! Das

Werkzeug seiner Rache sein, mehr wollen wir nicht. Aber Rache -- der

Herr spricht ja selbst davon. Und wenn wir sie brauchen für unser Leben!

Wenn sie unsere Rettung ist! Wenn wir elend verrecken -- im Dreck und in

Schande -- ohne diese befreiende Hilfe! Ein Teil unseres Gottesglaubens

ist diese Rache!«

Er hob sich wie ein Priester. Seine Brust keuchte, seine Augen kreisten

in Flammen. Dann sank er zurück und blickte wieder dumpf vor sich hin,

leidend und matt.

Horst wollte nicht länger schweigen. Doch hielt er sich mit Bedacht in

niederer Flugbahn. »Wir haben ein Wort: >die Scharte auswetzen<. Gibt es

ein Mannesleben ohne den treibenden Pulsschlag, Erfolg auf einen

Mißerfolg zu setzen? Schimpf mit Ehre auszulöschen, Verachtung mit Ruhm?

Und wie der Mann, so das Volk. Was ist die Schwungkraft, die die

Geschichte der Völker bewegt? Vergeltung! Und immer wieder Vergeltung!

Sofern wir überhaupt ein Volk sind, sofern wir nicht außerhalb der

Geschichte stehen, wir uns selbst nicht außerhalb der Geschichte stellen

-- so lange noch der leiseste Hauch eines lebendigen Atemzuges durch

dieses Volk geht und noch ein Mannesherz aufzucken läßt, Vergeltung ist

der Odem des Lebens! Vergeltung sein Wert und seine Höhe!«

Jetzt brausten die Geister und brausten ihm zu. Nur Achim blickte

teilnahmlos und gefroren. Selbst der Tangentiner, der ein wenig abseits

mit dem Saatkartoffelbaron der deutschen Seele auf dem Felde der

Kartoffelpreisbildung nachzuspüren gedachte, ging steil empor. Wäre

Alarm geblasen gegen den Landesfeind, der erste wäre er auf dem Gaul

gewesen. Man mochte sagen gegen ihn, was man wollte -- aber jeder Zoll

seines langen Leibes war Kurage.

Mit diesem Akkord klang die Besprechung aus. Mitteilungen von Horst über

die Landarbeiterversammlung wurden nicht mehr verlangt. Zu politischen

Entschlüssen war man nicht gekommen und würde man vorerst nicht kommen.

Der Entwicklung der Dinge sah man mit geziemendem Männermut entgegen.

Abwarten, Teetrinken! -- mit diesem deutschen Worte des Heils ging man

auseinander.

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 15 / 60 题