Es ging auf den März zu. Nach Erde roch es und zerfließendem Schnee. Vom
Frühling schwirrte und klirrte schon dies zitternde Ahnen durch die
Luft, dieses Surren, in dem die Nerven schwingen und das Blut singt.
Jetzt wurde der Siedlerbaracke ein sonderlicher Festtag beschieden, Frau
Tilde machte ihr den versprochenen Besuch. Es war gegen Mittag, da kam
sie mit dem Vater die Höhe herabgeschritten.
Die Siedler marschierten von den Räumungsarbeiten auf der Ziegelei die
Chaussee daher -- Gisbert in dem Arbeitstrott wandelte plötzlich mit
gestreckten Armen wie auf eine Erscheinung zu, er hatte sie zuerst
gesehen. Kunz spürte, wie er ihnen entrückt wurde, und ging seinen
Blicken nach. Und jetzt lief es durch die Reihen: »Damenbesuch«. Alles
war befeuert, hob sich und spannte sich.
Viel Staat war ja nicht mit ihnen zu machen. Wie die Müllkutscher sahen
sie alle aus, und den eitlen unter ihnen war das peinlich. Gisbert
dachte nicht an sein Kleid, Kunz schon eher, er zog und ordnete und
bürstete unwillkürlich mit den Händen. Als aber die Augen dieser Frau
vor ihnen aufleuchteten, da flog jedwedes Äußerliche über alle Berge,
und sie atmeten wie in einer Lichtflut.
Es geschah von selbst, daß Gisbert gleich an ihrer Seite war. Und sie
nahm ihn auf, ganz so, als gehöre er zu ihr. Er mußte ihr all die
Herrlichkeiten zeigen -- denn Herrlichkeiten waren es, da ihre Augen
darauf fielen. Er und sie -- Mitläufer die anderen.
Die Stallungen kamen zuerst an die Reihe. Sie waren ein Teil der
Baracke, alles lag unter einem Dach, wie bei einem niederdeutschen
Bauernhaus. Die Ställe hatten längst noch nicht die ihnen zugedachten
Bewohner. Sie besaßen bisher ein Pferd, ein alter Fliegenschimmel war
es, wehmütig aber treu. Dann zwei Kühe und sieben ganz kleine Ferkel.
Diese sieben die junge Fröhlichkeit des Baues, mit denen Muz seine
ausgelassenen Spiele trieb, von dem Quieken und den frohlockenden
Ringelschwänzchen zu immer neuen Tollheiten begeistert.
Nebenan aber thronte etwas erschütternd Einsames. Hier in dem
Hühnerstall saß nichts als ein großer schwarzer Hahn in der tragischen
Erhabenheit seines verlorenen Schicksals.
Gibt es was Jammervolleres als einen Hahn ohne Hühner?
Muz konnte keinen Blick in diesen Stall tun, ohne mit gesenkten Ohren
trostlos winselnd zu verzagen.
Kunz, der als »Conferencier« sich in erreichbarer Nähe hielt, mußte nun
doch sein Sprüchlein hersagen. »Dies ist nun unser heiliges Tier.« Den
Zusatz aber, der ihm auf die Zunge wollte: das Wappentier unserer
Barackenaskese -- den tat er angesichts der Besucherin doch lieber in
seine Sparbüchse.
Frau Tilde aber war auch ohne irgendwelche Erörterungen reichlich
bewegt. »Der arme Kerl -- in Einzelhaft -- was hat denn der nur
verbrochen! Er soll Gesellschaft haben.« Und sie versprach als Stiftung
sieben Hennen von der Mönkhover Zucht, die im Lande berühmt war.
»Zum Lohn dafür aber müssen Sie mich heute zu Mittag einladen«, sagte
sie munter.
»Das paßt großartig!« rief Kunz. »Es gibt Kartoffelsuppe.«
Die verleugnete nun ihre »Blutsverwandtschaft mit der Wasserleitung«
auch heute nicht. Aber wer achtete darauf? Die Wirte nicht und nicht die
Gäste.
Es war die strahlende Kraft dieser Frauenseele, was sie alle emportrug
über die Dinge. Sie hatte ihren Platz zwischen dem heiligen Josef und
dem Balbutz, und Weltkind wie Prophet sahen zu ihr auf als wie zu
unserer lieben Frau. Sie hatte so viel Freude an all diesen braven
Jungen. Sie meinte, daß in dieser harten, ernsten und stillen
Arbeitsgemeinschaft so etwas wie das Herz Deutschlands schlage. Und leid
tat es ihr, daß sie wie die Sträflinge hausten, in dieser lieblosen
Kahlheit, dieser Farblosigkeit und dürftigen Enge.
Hier wollten ihre Hände schmücken und beseelen. Wohnlicher sollt Ihr es
haben, Ihr armen Verwaisten und Heimatlosen! Diese traurigleeren
Fenster, die wie tote Augen starrten -- sie hatte Stoff zu Vorhängen,
mit denen wollte sie anfangen, das tote Bretterhaus zu beleben.
»Und Blumen sollen Sie jetzt im Frühling haben. Einen kleinen Vorgarten
legen wir uns an. Mit Tausendschönchen, Priemeln, Stiefmütterchen. Daß
etwas Leuchtendes Sie in Empfang nimmt, wenn Sie von Ihrer schweren
Arbeit nach Hause kommen.«
Und all die Blicke der Männer und ihre Herzen erbauten sich an einer
Lichtgestalt. Um den feinen zarten Kopf mit diesen tiefen, versunkenen
Augen, die aus ihrer Versunkenheit ihre Schätze hoben, stand es wie ein
Schein, dieses wunderbar Festliche und Frauliche zugleich -- ein Schein,
vor dem man andächtig ward.
Herr von Borkhus indessen ließ sich von Horst über die
Arbeiterversammlung berichten. »Natürlich, sie wetzen die Messer. Wir
sollen das Schleifen hören, und wir hören es. Vielleicht, daß es mehr
ist als Drohung. Haben auch die meisten von uns ein gutes Gewissen --
manch einer hier im Kreise rutscht doch mit der Hose ganz gehörig auf
Grundeis. Hier wird die Rechnung präsentiert werden und -- wie die Sache
nun einmal liegt -- nicht hier allein. Da nun schon -- wer hat es gesagt
-- Frauen, Dummköpfe und politische Bewegungen zu verallgemeinern
lieben.«
»Den Organisierten wird ja auch nichts anderes übrig bleiben«, bemerkte
Horst.
Die müden Züge des Herrn von Borkhus -- sie erschienen Horst noch nie so
schmerzlich abgespannt -- erhellte jetzt die junge gläubige Phantastik
seiner Augen. »Ich weiß, auch von meinen Leuten hat der größere Teil
sich eingeschrieben. Überzeugungen glauben nun einmal erst dann an sich
selber, wenn sie abgestempelt sind. Jeder muß nun mal seinen Schein
haben -- wie könnte er sonst auf ihm bestehen! Aber, wenn es ernst wird,
dann sind solche Scheine Papier. Der Herzschlag ist dann der Ton, der
die Musik macht. Und -- ich kenne meine Leute, so gut wie sie mich
kennen!«
Er warf den Kopf zurück, nun ganz ein froher, sieghafter Führer. Sein
Gesicht belebte sich frisch, dunkler und heißer leuchteten die Augen.
Hier frohlockte eine Zuversicht, die aus der Tiefe seines Wesens quoll,
aus der glückhaft frohen Treue seines eigenen Fühlens.
Zagend, mit leiser Sorge blickte Horst in diesen Überschwang feuriger
Gewißheit. Er hatte seinen Argwohn, und er fühlte, daß Enttäuschungen
hier ins Leben greifen müßten. In dieses Leben, getragen von dem
Selbstvertrauen des Häuptlings, das durch Geschlechter angezüchtet war.
Selbstgewißheit! Und kommt es nicht darauf an? Ist das nicht der Kern
alles Wesens, alles Werdens, alles Schaffens! Ist das nicht die
lebendige Urkraft, die schließlich ins Ewige uns finden läßt und zu Gott
-- die Gewißheit, das Gewissen! Beides dasselbe! Des Glaubens Inbegriff!
Des Menschen Seele!
War ihm, Horst, genug von dieser Urkraft gegeben, genug zur
Führerschaft? Immer wieder die Zweifel. Und die Gefahr des Zerbröckelns.
Ja, wir sind mürbe geworden. Verwittert haben uns die Zeitenstürme. Hab
ich selbst noch so viel innern Halt, den anderen ein Halt zu sein?
Wie hat es mich geworfen, als die erste Regung zur Fahnenflucht in
unsere Reihen brach. War es ein Gefühl eigener Schuld? Hatte ich die
Fahne nicht tapfer, nicht stark und treu genug getragen? Waren nicht
meine eigenen Gedanken auf der Flucht gewesen? Wie oft hatte ich mich
gesehnt -- ja gesehnt nach meinen Büchern, nach Forschung, nach
Wissenschaft, nach geistigen Fernsichten. Nach Einsamkeit auch, nach den
Freuden stiller Entdeckungen, nach den Verzückungen und Verzauberungen
in ungestörten Träumen.
Ja -- wie an Ketten trug ich oft an meiner Pflicht. Und nur, weil ich
selber schwankte und treulos werden konnte, kam dieses Wanken in die
Reihe.
Ist es nicht eine erlesene Schar, die auf mich blickt? Ein Vorbild für
mich, die ich ihr Vorbild sein soll. Und so ist es recht. Nur so ist die
starke Gemeinschaft da. Wir haben sie. Hat Herr von Borkhus sie mit
seinen Leuten? Ich fürchte, er träumt zu leicht. Hat er nicht ein
reichliches Maß dieser lieben Leichtgläubigkeit, die so kindlich ist und
ach, so deutsch!
Wie hat er sich selbst die Mannestreue des alten Strempel herausgeputzt,
bei dem aus jeder Pore seines gelben Felles der kalte listige
Gelegenheitsmacher schielt. Und richtig, jetzt ist der auch schon als
Kronzeuge da.
»Lieber Horst, Sie kennen eigentlich von meinen Leuten nur den alten
Strempel. Können Sie sich denken, daß der übermorgen zu mir sagt: >Sie
müssen sich allein anspannen, ich fahre Sie nicht!< Können Sie sich das
vorstellen?« In seinen Blicken war eine unauslöschliche Heiterkeit.
Horst mußte wenigstens soviel sagen: »Meine Vorstellungswelt ist nun mal
ein wenig aus dem Gelenk wie die ganze Welt überhaupt --«
»Hier dürfen Sie sie getrost wieder einrenken.« Er winkte fast mitleidig
mit der Hand. »Und nun habe ich eine Bitte an Sie. Mich persönlich
berührt ja der angeblich drohende Streik am wenigsten. Aus politischen
Gründen aber habe ich die Herren aus dem Umkreis für heute nachmittag zu
einer Besprechung gebeten. Sie waren auf der konstitutionellen
Versammlung des Arbeiterverbandes -- Ihre Eindrücke sind uns von Wert.«