Lona und die Landarbeiter

Die Roten legten sich kräftig ins Zeug. Zur Gründung eines

Landarbeiterbundes wurde in dem zweiten großen Saale der Stadt eine

Versammlung abgehalten. Horst ließ es sich nicht nehmen, sie zu

besuchen. Der heilige Josef und der Balbutz begleiteten ihn.

Sie kamen spät und fanden in einer Ecke noch notdürftig Platz. Hier

walteten keinerlei Gedanken an ein Rauchverbot. Höllenkräuter waren

entbrannt. Verzweifelt kämpften Nase und Augen und erlagen ehrenvoll.

Es saßen fast nur Männer im Saal. Die wenigen Frauen duckten und

verkrochen sich, als wären sie auf gefährlichen Abwegen. Auch von den

Männern hockten einige Alte da wie ein Haufen Unglück. Ganz unheimlich

war ihnen diese Staatsaktion. Mehr als einer bangte wohl um Kopf und

Kragen.

An einem Tisch hatten sie sich erst Mut trinken müssen, zu so

schauerlicher Verschwörung. Und befreiten sich mit sachten Witzen aus

ihrer Beklemmung. »Korl Du moest betahlen. Ick häw mien Portmonee to

Huus vergeten -- wiel nicks in is!«

Auf einen alten unanfechtbaren Sinnierer redeten Jüngere glaubenseifrig

ein: »Nu sast sehn, Vadder Jahn -- nu wad allens ümrührt, un denn wad 't

anners in de Welt.«

Er schüttelte den Kopf. »Anners? Rührt ji so veel ji willt. Fett

schwemmt ümmer baben!«

Munter lärmend aber gaben sich die Jungen. Sie hatten ihre politische

Weisheit aus dem Schützengraben mit nach Hause gebracht und fühlten

jeder Lage sich gewachsen.

Jetzt erscheinen durch eine Nebentür die Einberufer der Versammlung und

nehmen auf der Empore Platz. Lona ist unter ihnen.

Es sind ihrer fünf. Der Vorsitzende, ein schlanker, aufrechter Mann mit

scharfen wie gemeißelten Zügen, mit eigentümlich grellen und packenden

Raubvogelaugen. Der Führer steht ihm im Gesicht geschrieben. Er ist aus

der Hauptstadt gekommen. Rechts von ihm sitzt Lona, links der Koch. Er

hat nichts Gemästetes, ist trocken und kantig, der Schädel ist oben

kahl, nur in der Mitte, über der Stirn, brennt eine einsame rothaarige

Flocke. Die Augen stechen und sind heiß. Sein Nachbar ist der zierliche

knabenhafte Mann, der auf der Borkhus-Versammlung die kurze Brandrede

hielt, und den der Bierfahrer vom Tisch heruntersetzte. Er hat ein

hektisches und verbittertes Frauengesicht. Alle Glieder sind bei ihm in

fiebernder Bewegung, in den Augen tobt die Unruhe. Lona hat zu ihrer

anderen Seite einen sehr behäbigen, angegrauten, breitstirnigen Herrn,

der offenbar nicht ausgeschlafen hat, und sich ein paarmal die Hand vor

den gähnenden Mund hält. Zwischendurch tiefsinnig vor sich hinblickt und

mit den Elementen der Fingernägelpflege sich befaßt. Aber in den kleinen

lauernden Augen ist etwas, das nur darauf wartet, geweckt zu werden. So

oft er sich regt, stößt er die Nase vor wie ein witterndes Wild.

Lona blickt unter halbgesenkten Lidern über die Versammelten. Dann

starrt sie -- Horst hat sich eben seitwärts zum Balbutz gewandt -- jetzt

wird er in die Bahn ihrer Augen gezwungen, die in seine Ecke, die auf

ihn geheftet sind.

Sie beugt sich ans Ohr des Vorsitzenden, das Falkenauge stößt jetzt auch

auf ihn -- dann erhebt sich der Mann sofort. Klingelt kurz. Stille.

Durch Horst zuckt es hin: wollt Ihr mir zuleibe? Gut, ihr Leute! Kommt

an!

»Arbeiter und Arbeiterinnen,« so spricht der Vorsitzende, »das ist meine

Anrede -- Ehre, wem Ehre gebührt! Die Einladung zu dieser Versammlung

ist lediglich an Euch ergangen. Eure Angelegenheiten sollen hier

besprochen und geordnet werden. Die Anwesenheit von Leuten, die nicht

darauf Anspruch erheben können, Landarbeiter zu sein, ist nicht

erwünscht.«

Ich bin auch Landarbeiter auf meine Art, denkt Horst mit innerem

Schmunzeln. Er soll mir schon deutlicher kommen.

»Ich muß deshalb alle diejenigen, die nicht diesem Stande angehören,

ersuchen, den Versammlungsraum zu verlassen.«

Seine Blicke geben aller Augen die Richtung. Viele sind aufgesprungen,

alle stieren sie in die bezeichnete Ecke. Horst rührt sich nicht. Erst

recht nicht, da jetzt in Lonas Züge ein häßlich Feindseliges sich

einwühlt.

Falkenauge aber läßt nicht locker. »Wie ich höre, ist der Leiter der

Hohenmoorer Siedlung hier anwesend.«

Jetzt erhebt sich Horst.

»Spitzel!« ruft ein Zwanzigjähriger. Mit diesem Wort dünkt der Junge

sich auf der Höhe und blickt stolz um sich her.

»Wollen Sie mir ein paar Worte gestatten«, beginnt Horst.

»Bitte.«

»Wir Mitglieder der Siedlung arbeiten genossenschaftlich gemeinsam an

unserem Werk. Ich selbst bin unter allen Umständen Siedler oder, wie man

sonst sagt, Kolonist. Ich mach ein Stück Land urbar, ich helfe Neuland

schaffen. Wenn einer sich Landarbeiter nennen darf, sind es meine

Genossen und ich.« Kurz und bündig.

In die Gesellschaft ist Bewegung gekommen, es wird dafür und dagegen

gemurmelt. Horst sieht den grauen Schopf des Torfmeisters wackeln und

hört seine gedämpfte Stimme wie schweres unterirdisches Rollen.

Falkenauge holt zum zweiten Schlage aus. »Diese Einwendungen sind doch

sehr anfechtbar. Die Siedlung ist ein Unternehmen. Ihr Leiter ein

Arbeitgeber. Und wenn diese Persönlichkeit nun noch aus dem -- jetzt

glücklicherweise abgeschafften -- Offizierstande herkommt und vor allem

mit dem Besitzer von Moorhof, der uns hier in mehr als einer Hinsicht

beschäftigt, in freundschaftlicher Beziehung steht --! --«

Dies soll das Henkerbeil sein. Horst aber hält mit dem Nacken ganz und

gar nicht still. »Darf ich noch einmal?«

»Bitte.« Doch diese Gewähr sieht schon einer schroffen Ablehnung gleich.

Horst schmunzelt innerlich. Meine Klinge will ich wenigstens schlagen!

»Was einer früher war, kann heute und hier doch unmöglich in Frage

kommen -- ebensowenig wie der Umgang und Verkehr jedes einzelnen der

hier Erschienenen zur Untersuchung steht. Es handelt sich doch ganz

ausschließlich um den jetzigen Beruf. Und wenn ich für meine Person

gefragt werde, welchen Beruf ich heute ausübe, habe ich gar keine

Möglichkeit etwas anderes zu sagen als: ich bin Landarbeiter,

Landarbeiter in einem genossenschaftlichen Arbeiterverbande, der, wenn

Arbeitgeber, doch sein eigener Arbeitgeber und in demselben Maße sein

eigener Arbeitnehmer ist. Der Herr Vorsitzende hat die Erklärung

abgegeben, daß die Anwesenheit von Leuten, die nicht Landarbeiter sind,

nicht erwünscht wäre. Wenn hiernach wirklich verfahren wird, müßten, so

weit ich über den Stand und Beruf der Herrschaften unterrichtet bin, die

da oben am Tisch der Versammlungsleitung sitzen, diese zunächst einmal

samt und sonders ihre Sachen zusammenpacken und den Saal verlassen.«

Ohorufe, erst einzeln, dann anschwellend, werden laut zu diesem

umgedrehten Spieß. Aber viele denken: ein verfluchter Kerl, und manch

einer grient im Stillen. Horst aber hat sein unbändiges Behagen an dem

Flammentanz auf den Gesichtern da oben -- auch die viereckige Stirn des

Phlegmatikers droht -- an dem furioso in den Augen der Musiklehrerin.

Doch die wetterfeste politische Kultur der geschulten Volksmänner ist

gleich an der Arbeit. Zuerst und vor allem nieder mit jeder

Mißtrauensregung! Der Koch bittet ums Wort und spricht: »Ich bin anderer

Meinung als unser verehrter Herr Vorsitzender. Er wünscht einen engen

geschlossenen Kreis. Wir haben hier keine Geheimnisse. Im Gegenteil! Ich

wünschte, es hätten sich hier recht viele von den Unternehmern, den

Arbeitgebern, den Herren Gutsbesitzern eingefunden. Was sie hier zu

hören kriegten -- ja, die Ohren würden ihnen schon davon gellen! Aber

vielleicht würden sie uns dann der Arbeit überheben, einmal mit der

Faust an ihre Tür klopfen zu müssen!«

Bravo! Jetzt ist der Wagen auf dem richtigen Gleis. Der Fall Horst liegt

sacht in der Versenkung. Die Tagesordnung steigt.

Der Vorsitzende spricht über die Notwendigkeit der Arbeiterorganisation.

Die Landarbeiter, die einzigen, die bisher nicht organisiert wären.

Rückständig wären sie. Arbeiter und rückständig, das gäbe es aber nicht!

Das Rückständige wäre bei denen da oben zu Hause, und mit denen räumte

die neue Zeit jetzt gründlich auf. Herren und Knechte -- das wäre deren

Weisheit und Wille, aber das hätte aufgehört! »Menschenwürde!«

Horst fuhr zusammen. Wieder das Wort!

»Und in Eure eigenen Hände ist die Menschenwürde gelegt. Ihr habt jetzt

dafür zu sorgen, daß hier auf dem Lande auch menschenwürdige

Verhältnisse eintreten. Das erste ist höhere Löhne! Und wenn Ihr alle

einig seid -- die, die auf den Kornsäcken und den Geldsäcken sitzen,

können, werden und müssen sie zahlen!«

Dies ist der Faden. Und er hat sie an der Strippe.

Horst hörte helläugig zu. Der Mann ist ein Künstler in seiner Art, er

hat die rechten Finger für das Masseninstrument.

Jetzt wird noch ein Stück in Moll gebraucht. Sie verstehen sich schon

auf Konzertprogramme. Lona nimmt das Wort.

Zagend steht sie auf, aber dann entfaltet sich das, was sie spricht, wie

eine Knospe zum Blühen und Glühen.

Sie sei ein Kind dieses Landes. Als Kind habe sie es verlassen. Nun, da

sie wiedergekommen sei, habe es ihr den Sinn bewegt, wie wenig Menschen

hier den Kopf hoch tragen. Kaum hebt einer den Blick vom Boden. Das ist

es: sie tragen eine eigene Not und sie zieht eine eigene Sehnsucht. Von

der Erde stammt ihre Not, und ihr Sehnen geht zu der Erde. Darum ist auf

sie, ob sie's selber nicht wissen, ihr schwerer Blick gesenkt. Ein

eigenes Stück Land, so brennt es in ihrem Herzen. Mit dem Boden sind sie

verwachsen, durch ihr Schaffen sind sie ihm angetraut. Denn nur die

Arbeit flicht den lebendigen Bund. Und sie arbeiten nicht für sich

selbst. Sie dürfen es ja nicht. Ihnen gehört die Erde -- und sie gehört

ihnen nicht. Das liegt auf ihnen wie ein Fluch. Diesen Fluch gilt es zu

lösen. »Ihr sollt nicht mehr dulden um die Erde, Ihr sollt leben mit

ihr, in ihr -- ja Ihr sollt leben!«

Das greift ihnen mit fester und doch linder Hand an die innersten

Seiten, an ihre heiligen Wünsche. Das ist wie Musik, das ist Seele und

Sieg. Sie sind alle bezwungen.

Auch über Horst geht ein Zauber. Von der Innigkeit eines wahren Fühlens,

die wie ein Stern leuchtet durch den dicken Brodem der Versammlung.

Kaum hat er das in ihr gesucht. Nicht, daß dieser Schein aufsteigen

könnte, dieser stille Schein aus den lohenden Flammen ihres Wesens.

Ein Unrecht bittet er ihr ab, daß er sie bei den wilden Schlagwörtern

gesucht hat, bei den knalligen Feuerwerkern von Beruf mit ihren hohlen

Kanonenschlägen, ihren verpuffenden Raketen und windigen Leuchtkugeln.

Und sie können es nun doch nicht lassen, sie sorgen schon wieder dafür,

daß die Stille und Andacht nicht bleibt. Der Knabenhafte hat das Wort

bekommen. Lange schon hat es in ihm gefressen. An dem Gedämpften, dem

Ruhigen, Sanften erstickt er. Mit den Armen fährt er durch die Luft.

Zwei brandrote Flecken leuchten auf den hageren Backen.

»Ja, Ihr sollt leben! Aber leben heißt kämpfen! Des sollt Ihr eingedenk

sein, Tag und Nacht und zu jeder Stunde! Und Eurer Kampfgenossen sollt

Ihr gedenken, in Treue bis zum Tod -- und in Zuversicht! Nie hat die

Menschheit ein größeres Heer gesehen! Das Heer der Menschheit ist es!

Verbrüdert als Eidgenossen alle Proletarier der Welt! Gibt es was

Gewaltigeres? Wer kann uns widerstehen! So müssen wir fühlen -- und die

Welt ist unser! Wir kennen kein Vaterland, das Deutschland heißt! Unser

Vaterland ist die Erde!«

Seine Stimme schrillt wie eine zersprungene Saite. Junge Kehlen brüllen

ihr Bravo. Durch Horst zuckt der Schmerz. Er kennt den Text und die

Weise -- er will lächeln und es wird eine Grimasse.

In die Versammelten blickt er. Täuscht er sich? Rollt dort nicht ein

Kopfschütteln durch die Reihe -- prägen sich hier nicht Unmutsfalten in

alten ernsten Gesichtern?

Und jetzt -- eine mächtige Stimme rauscht auf in der Mitte des Saales --

langsam hat sich der Torfmeister erhoben -- formelle Einwände des

Vorsitzenden orgelt er nieder -- er spricht, also hat er das Wort.

»Das hätte der kleine Mann da oben nicht sagen müssen, daß wir kein

deutsches Vaterland kennen. Was kennen wir denn, wenn wir Deutschland

nicht kennen? Bloß Deutschland kennen wir, und ein Stück deutsche Erde

ist ja, was wir wollen! Kann man das Land auf den Nacken nehmen und

rausschleppen in die weite Welt? Hier ist das Land, und hier sind wir!

Bloß das geht uns was an, und das ist, wofür wir leben und streben!

Gewiß, die Unterdrückung soll aufhören, die Knechtung und Unbill. Freie

Männer wollen wir sein! Aber, wo können wir das anders sein, als auf

einem eigenen Stück freier deutscher Erde!«

Horst fährt in die Höhe -- er wär am liebsten über all die Köpfe

gesprungen, hätte den alten Moorriesen ans Herz gedrückt und sich alle

Rippen an ihm verbogen.

Beifallsgemurmel in den Reihen. Die Schreier sind verdutzt. Dann aber

neue Kampfrufe aus jungen Kehlen. »Vaterland -- quatsch!« --

»Proletarier aller Länder!« -- »Hoch die Internationale!«

Heißer wird das träge Blut, Feindschaften entbrennen, tiefer ziehen sich

die Risse -- die Leiter sind auf der Wacht. Jetzt ist der Behäbige und

Verschlafene, der Mann mit dem viereckigen Schädel, hell bei der Sache.

Er stößt die Nase vor und spricht.

»Genossen! Wir begehen den alten Fehler, daß wir an Worten uns erhitzen.

Und daß unsere Gedanken uns so weit fortfliegen. Darin hat mein

geschätzter Vorredner recht: Hier, wo wir sind, hat unsere Arbeit

einzusetzen. Das Nächste ist Trumpf. Ich spreche nicht von Deutschland,

ich gehe noch viel weiter. Oder richtiger, ich gehe ins Nähere und

Engere. Von unserer Provinz rede ich. Von unserm Kreis. Über die

Verhältnisse, gegen die wir hier anzukämpfen haben, will ich Euch ein

Licht aufstecken. Mit Hilfe von Zahlen, die beweisen!«

Wozu hat man seine Statistik? Er nimmt ein Blatt aus seiner Mappe, und

läßt seine Ziffern sprechen. Die Leute hören gläubig zu, Unmut und Zorn

finden ihre Weide. Sie rufen »aha« und »pfui Deubel« und »nieder mit den

Ausbeutern!«

»So also, Genossen, sieht die Welt hier aus. Und mit dieser Welt werden

wir aufräumen. Das Frühjahr steht vor der Tür, der Frühling soll alles

neu machen. Mit der Frühjahrsbestellung werden wir unsere eigene Saat

säen, die Saat unserer gerechten Sache. Das soll heißen: werden die

neuen Lohnsätze, über die wir uns noch verständigen müssen, nicht

bewilligt, dann wird gestreikt!«

»Bravo! -- Bravo!«

»Dann sollen die Herren allein ihr Land bestellen! Wollen sehen, wie sie

damit fertig werden! Paßt auf, sie kommen auf den Knieen zu uns

angerutscht. Denn was ist ihr Land ohne uns! Ihr Land? Unser Land!«

»Bravo! -- Bravo! -- Bravo!«

»Dazu ist aber nötig, daß wir einig sind. Dafür ist die Organisation der

Landarbeiter die Lebensbedingung. Sie wird heute geschaffen. Die Listen

liegen hier aus. Ich weiß, daß Ihr Euch alle hier einzeichnet! Alle ohne

Ausnahme! Geschlossen wird unsere Reihe sein. Und unsere Parole für den

bevorstehenden Kampf: Der Frühling macht alles neu!«

Sie können's, das muß Horst sich wieder und wieder bestätigen. Er sieht

den Zug, der zu den Listen sich drängt. Einige stehen gesondert,

zaudern, blicken sich ins Gesicht aus schweren, aus scheuen, aus

widerspenstigen Augen. Dann zieht die Masse sie an, und sie fügen sich

ein. Wenige nur schleichen sich abseits, ein paar gehen frei, hart und

stolz aus dem Saal, ihren eigenen Weg.

Als Horst auf die Straße kam, stand da der Torfmeister mit Lona im

Gespräch. Er schritt grüßend vorüber, da rief der Alte ihn an.

»Gehen Sie nach Hause?«

»Ja.«

»Wollen Sie mich mitnehmen?«

»Gern.« Horst blieb stehen.

»Sie Beide kennen sich ja wohl«, sagte der Torfmeister. Da sprach Horst

zu Lona ein Wort, aus Artigkeit, doch auch von Herzen.

»Von dem, was Sie heute gesagt haben, könnte ich jedes Wort

unterschreiben.«

In ihrem Auge stand ein brüskes: habe ich Sie gefragt! Aber ihr Ton war

farblos, als sie zurückgab: »Und doch werden Sie, wenn es hier zum

Klappen kommt, nicht auf der Seite der Bedrängten stehen.«

»Für mich gibt es nur eine Bedrängnis.«

»Deutschlands.« Der Hohn war müde, und dennoch, vielleicht gerade

deshalb fraß er sich ihm bis ins Mark.

»Gewiß. Mein erster Gedanke ist, das Land vor Schaden zu bewahren.«

»Gut, daß es verschiedene -- Gedankenwelten gibt.« Sie verneigte sich,

reichte dem Alten die Hand und wandte sich heimwärts.

Die drei Siedler waren unterwegs mit dem Moormeister. Er hatte sich

schnell mit dem Balbutz angefreundet. Sie sprachen lebhaft. Horst und

der heilige Josef wanderten still und versunken.

Horst ist bei Lona. Warum läßt diese Frau ihn nicht los? Was ist übler

an ihr, ihre Geistesverfassung, ihre Gesinnung oder diese verstiegene

Selbstüberhebung? Wie hat sie ihre »Gedankenwelt« betont, die hohe und

weite, gegen sein enges, kümmerliches, »monomanes« -- so schilt man es

ja wohl -- gegen sein deutsches Gedenken. Soll er nicht lachen und

lachend sie abtun, ein für allemal? Was muß er immer wieder mit dem

Erschütternden ihres Schicksals sie sich aufdrapieren!

Er will nicht in eigenen Erlebnissen wühlen. Wie viel Entsetzlicheres

hat er selber gesehen. Warum nur läßt er von diesen Greueln sich nicht

bannen, warum muß ihr Los das Bezwingende sein!

Was ist's, das ihn so lockt an dieser Frau! Daß er ihr Leben ergründen

will, wissen und fühlen von ihrem Wesen, dem verborgenen. Ja, dem

verborgenen. Hier sind Tiefen, in die er blicken muß -- er fühlt es, er

weiß es, er wird es.

Daß sie so zur Sphinx ihm wird -- oh, mit dem vollen Grusel, dem

rieselnden vor der tötlichen Rätselhaftigkeit -- sind es nicht bloß die

Sinne, die dieses Bild ihm schaffen und schmücken? Die Sinne, die großen

Lügner dieses Lebens. Ist es in seiner weibverlassenen Einöde dieser

junge schöne Leib, was ihn betört?

Kunz hat ihn den Eisheiligen getauft, weil er kein Schürzenjäger ist.

Was weiß der von seinem Eis, von seiner Heiligkeit.

Ja, ja -- warum sich selbst was erzählen! In seine Sinne sind die Funken

geflogen. Ihr Wesen -- was ist an dem weiter zu enträtseln? Es offenbart

sich ja. Es wirkt, es strömt. Es geht ihm ins Blut.

Was wollen ihre Augen? Was will ihr Mund, mit dem heißen Rot von ihm?

Was will er -- er von ihren schwellenden Lippen?

Er ist ins Laufen geraten. Der heilige Josef, sein Begleiter, trottet

brav neben ihm her. Schweigend wie er.

Der Alte kann nicht mit. Weit bleibt das andere Paar hinter ihnen

zurück. Da rollt ein Wagen des Wegs, er hält, der beinmüde Torfmeister

steigt auf und fährt nun grüßend an ihnen vorüber.

Horst hat jetzt die beiden Kameraden an seiner Seite. Nun ist er in

einer anderen Welt. Der heilige Josef trägt an etwas, seine Hände

schnappen in die Luft, er findet noch nicht die Sprache.

»Nun, Elbenfried?« fragte Horst, ihn zu beflügeln.

»Ich hatte so vieles auf der Seele und hab es nicht gesagt -- immer

diese Trägheit des Geistes -- diese Feigheit des Herzens. Eine Schuld

ist das! Denn wir sollen Zeugnis ablegen -- immer wieder! Bekennen

sollen wir und immer wieder bekennen!«

»Aber wir sollen auch nicht unsere Perlen vor die Säue werfen!« Fritz

Eggert zeigt seine Bibelfestigkeit und möchte sich damit von weiteren

pastoralen Ergüssen loskaufen.

Gustav schüttelt den schweren Apostelkopf. »Mit keinem Wort der Schrift

betrügen wir uns mehr. Über nichts täuschen wir uns so sehr wie über

das, was Perlen, und das, was Säue sind.«

»Ganz gewiß«, ermuntert ihn Horst.

»Ich hätte sprechen müssen. Immer und immer wieder muß man das Licht

entzünden. Schließlich leuchtet es doch durch all den Rauch. Und der

eine und andere brennt sich sein eigenes Licht daran an. Von Brüdern

sprechen sie. Nur in diesem Kreise sprechen sie von Brüdern. Aber

hinwiederum, Brüder sind nur und nur die Proletarier. Und es wird eine

Brüderschaft des Hasses. Warum können sie sich den Blick nicht weiter

machen und nicht das Herz! Warum können sie die Hände nicht

herausreichen über die Hecke, hinter die sie sich einsperren! Und wenn

diese Hände hundertmal leer zurückkommen -- schließlich werden sie doch

einmal ergriffen, und der Bund der Geister nimmt seinen Anfang.«

»Nun ja -- auf den Anfang kommt es an. Aber wer soll anfangen? Immer

sagt der andere, daß es der eine sein muß!«

»Daß der Haß so leicht ist und die Liebe so schwer! Wie soll man

sprechen, was soll man tun, daß die Herzen sich öffnen! Wie soll man die

Augen erheben, die immer nur die Not des Leibes sehen! Nicht die

Seelennot aller gequälten Geschöpfe! Wie sie führen, daß sie in der

großen Liebe die Heilung suchen auch für die kleinen Leiden.«

»Sie verlangen viel, Gustav Elbenfried.«

»Wir sollen viel verlangen«, spricht er in Verzückung. »Wir müssen das

Höchste wollen, nur so werden wir des Niederen Herr!«

Sie schweigen. In diesem Bekenntnis lebt das Beste von ihnen allen.

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 13 / 60 题