Horst kommt an der eisernen Pforte vorbei -- da tritt die Gestalt von
innen an die Kirchhofstür und rüttelt an den eisernen Stangen. Eine
Gefangene der Totenstätte -- --
Er geht hinzu. »Ich hab mich verspätet -- man hat mich hier
eingeschlossen!« sagt die Stimme von drüben, mehr ungehalten als
ängstlich und bittend.
Ein bekannter Klang -- und jetzt sieht er die Züge: die Dame von der
Versammlung ist es.
»Ich werde den Schlüssel besorgen«, sagt Horst mit schneller
Bereitschaft.
Bei ihr ein Zögern. Sie betrachtet sich die Pforte, den Mauerpfeiler.
»Wenn Sie mir helfen wollen, komme ich so hinüber«, erklärt sie kurz
entschlossen.
Er reicht ihr die Hand, sie setzt den Fuß zwischen die Stäbe, dann auch
den anderen -- Horst stützt und streckt den Arm -- sie klettert auf die
Mauer -- beugt sich -- legt die Hände auf seine Schultern und springt zu
Boden. Das alles in einer kühlen Ruhe, ohne betonte Zurückhaltung, ohne
regere Verbindlichkeit.
Einfach spricht sie ihren Dank, verneigt sich und wendet sich nach der
Chaussee, die zur Stadt führt.
»Es wird unheimlich dunkel -- und eine Dame jetzt allein den weiten Weg
--« er ist an ihrer Seite.
»Mir tut niemand etwas.«
»Wenn ich Sie begleiten darf --«
»Das ist sehr freundlich. Aber ich kann wirklich allein gehen.«
Hierin ist nun, bei aller Gelassenheit des Tones, die deutliche
Ablehnung. Horst verbeugt sich und wandert seine Straße. Ein wenig
beschämt -- ein wenig ärgerlich, über sich, über sie. Aber dann schilt
ihn nur noch die Ungehaltenheit über sich selbst.
Aufdringlich -- ja, ja -- er ist es gewesen und ist ihr so erschienen.
Immer dieselben Funken, wo die beiden Geschlechter in Spannungsnähe
geraten. Die Eitelkeit entzündet sich, die Eroberungslust, die Habsucht.
Hatte er es nicht ausnutzen wollen, daß er ihr den Dienst erwiesen?
Gewiß, sie hat etwas, was ihn reizt. Ihre Persönlichkeit, die
schleierhafte Persönlichkeit --? Natürlich das Weib! »Persönlichkeit« --
auch so einer von diesen Zauberapparaten, mit denen wir uns selbst
Kunststücke vorführen!
Sie war auf dem Kirchhof. Es gibt Menschen, die für Kirchhöfe eine
Leidenschaft haben -- heißt, so lange sie selbst munter herumspazieren.
Ist sie von denen?
Daß sie ein Grab hier hätte, sie, die landfremde --?
Und da fährt es ihm durch den Sinn: der junge Mann liegt hier begraben,
den Borkhus erdrosselt hat! Groß geht es in ihm auf, bis zur Gewißheit:
ja, ja -- sie war an seinem Grabe -- hier ist der Zusammenhang!
Er hatte es nicht begriffen, was damals aus ihren Augen brach, als
Borkhus in der Versammlung vor ihr auftrat. Das war mehr gewesen als
politischer Haß. Jetzt verstand er dieses Mehr. Der Rachegeist war es
eines vernichteten Lebens, das Blutgericht einer zerstörten Liebe, die
Tod wollte gegen Tod.
Und wieder ging Horst einen schweren Schritt.
Ein Schicksal -- und so erst mußte ihm dies zu Bewußtsein kommen. Wie
gedankenlos hatte er bisher diesen Todesfall abgetan. Wie leichtherzig
hatte er ihn als was Gleichgültiges, höchstens als ein Unbehagliches von
sich gewiesen.
Erst in den Augen dieser Frau mußte sich das Geschehene spiegeln.
Und es wuchs, über das Grauen der einen Tat, hinein in die große
Tragödie des Volkes.
Herr von Borkhus selbst hatte es gefühlt, vergraben in die Schauer,
hatte es ausgesprochen, nur vor tauben Ohren: »Ein Deutscher erwürgt
einen Deutschen mit eigenen Händen! In unseren Tagen gemeinsamer Not!
Die Zeit der apokalyptischen Greuel kehrt zurück.«
Nicht der einzelne -- und doch wieder der einzelne! Denn aus den
einzelnen wird das Volk, und in dem einzelnen ist das Erleben.
Eines Mannes Ende -- eines Weibes Verlassenheit und Todestrauer. Eine
Nacht nur solcher Verzweiflung -- nur die wenigen, die langen Stunden
einer einzigen, einer langen, langen Nacht!
Nun ist man im Fühlen, und das Herz schlägt mit.
Eine Frau!
Der endlose Zug der Frauen in schwarzen Gewändern wallt vorüber, der
Mütter, der Gattinnen, der Bräute, der Schwestern -- viele, viele wie
die Schatten, denn ihr eigenes Leben gaben sie dahin.
Doch geheiligt sind sie, die Weihe ist über ihnen, die Weihe des Opfers,
das die Liebe brachte, die Liebe zum deutschen Land.
Was aber jetzt im Trauerkleide diesem Todeszug sich anschließt, über
denen leuchtet nicht der Segen der Hingabe, sie tragen den Fluch und den
Haß. Um sie zuckt und schwelt das wahnsinnigste aller Verbrechen, der
Bürgerkrieg -- Land- und Eidgenossen morden sich selbst!
O dieser namenlose Frevel an der deutschen Kraft -- an der Kraft der
deutschen Seele, an der Kraft unserer Wehr.
Jetzt -- jetzt, wo wir so bitter nötig Eisen und wieder Eisen ins Blut
haben müßten, gerade jetzt spritzen wir uns Gift in die Adern!
Eisen! Wo ist er, der Führer! Der Held von Eisen! Der große Rufer im
Streit! Der Lindwurmtöter! Der erst die Drachen im eigenen Lande
erschlägt. Und dann die Höllenhunde da draußen.
Der Feind ist im Land! Das ist der Ruf! Der gellt in die Ohren, er
greift an die deutschen Herzen, und wären sie noch so zag, noch so träge
und weich geworden, noch so dumpf und so niedrig!
Der Feind ist im Land! Wo ist der Heerkönig! Seine Fahne soll wehen! Wir
kommen alle, wir folgen dir alle! Ein Meer brandet auf, ein Flammenmeer
-- eine Sturmflut von Feuer, so brausen wir über die Feinde!
Kreuzfahrer sind wir, geweihte, in Frommheit entbrannte, heilig, heilig
ist unser Kampf für das heilige deutsche Land!
Sie haben Maschinen -- was sind Maschinen -- wir haben den Geist! Und
Gott ist der Geist! In Feuersäulen wandelt er vor uns.
So brennen wir rein -- die deutsche Erde -- von ihren Schändern -- in
prasselnden Flammen -- so brennen wir rein -- in jubelndem Feuer -- den
deutschen Namen -- von seiner Schande.
Der Welt stockt der Atem -- und die uns geschmäht -- sie jauchzen uns
zu!
In hohen Sprüngen war Horst vorwärts gestürmt. Nun stand er keuchend. Wo
ist er, der große Mann! Warum fehlt uns der Führer in der schwersten
Stunde! Warum bin ich selbst ein so armseliger Zwerg!
Wieder krochen die Nebel um ihn zusammen, wieder wollte er schmerzlich
und schwer in den alten Trott sinken. Da tauchte am Rande des Moores der
strohgedeckte Katen des Torfmeisters vor ihm auf, und das Ziel hob
seinen Blick ins Feste, Grade und Helle.