Der Vormittag gehörte jedem für seine Briefe und eigenen Geschäfte. Nach
Tisch gingen Horst und Kunz auf den Pferdekauf.
Es war ein erfolgloser Weg. Zuerst war ein Bauernhof an der Reihe. Von
den Pferden kam hier eins in Frage. Das andere, ein Blender, hatte
schlechte Beine. Der Bauer wollte nur beide zusammen verkaufen. So
konnte aus dem Geschäft nichts werden.
Auf dem Rittergute Buchhof, wohin sie dann gepilgert waren, gedachte
ihnen der Administrator -- der Herr war nicht zu Hause -- ein Paar
tiefsinnige uralte Kracken zu versetzen. Horst dankte kühl. Kunz aber
konnte sich den Zusatz nicht versagen: »Wir wollen nämlich Pferde kaufen
und keine Philosophen. Wir wollen mit den Tieren pflügen und Mist fahren
und uns nicht Memoiren von ihnen erzählen lassen.«
Blieb noch Claus von Tangentien, der aber nur der Form wegen auf der
Liste stand. Denn zum Pferdehandel mit diesem alten Ammoniakiter -- wie
Kunz ihn getauft hatte -- zogen sie keine zehn Pferde.
Die Dämmerung fiel schon ein, als die beiden weidlich verdrossen, den
Fuß auf Moorhofer Gebiet setzten. Die Abendsonne hatte sich in den
Nebeln überm Moor verblutet. Von den schneeigen Feldern zogen hungrige
Krähen müden Fluges nach dem Kiefernwald, bäumten dort auf und richteten
sich klagend und frierend ein für die Nacht. Da hinten die See hauchte
eisigen Daak über Dünen und Heide.
Horst war ungehalten über den verlorenen Nachmittag. Er mußte noch etwas
ausrichten, so konnte er nicht nach Hause. Das Moor da unten
beschäftigte ihn.
»Ich will jetzt doch endlich mal den alten Torfmeister aufsuchen. Kommst
Du mit, Kunz?«
»Alte Torfmeister sind mir zu wenig Sonntagsvergnügen. Ich werd mich
aufs Stroh werfen und lesen.«
Sie trennten sich. Kunz ging geradeaus weiter nach der Baracke zu, Horst
bog links ab die Straße, die am Dorf vorüberführte.
Aus dem Boden stiegen die Nebel, vom Himmel fielen sie, das Wasser, das
Moor sandte sie her -- so schlugen sie über dem Schreitenden zusammen.
Voll Klage und Schauer war die Welt. Unbändiger als je zwang die
Schwermut ihn nieder. Er fiel in seine dunkle Stunde. Das wozu? und
wofür? saß ihm an der Kehle. War nicht doch alles umsonst und alles
verloren?
Was hockt er hier -- in diesem kümmerlichen Tun! Was wird damit
geschafft? Was helfen all diese armen Kleinigkeiten, wo selbst das Große
uns nicht retten könnte! Das Große! Wenn wir es hätten! Wenn es
aufstünde unter uns, das Gewaltige, Allbezwingende, das im Sturm uns
fortreißt, in dem einen machtvollen Fühlen und Glühen! Uns alle, alle --
das Befreiende, die heilige Flamme, das heilige Licht --!
Was würde geschehen mit diesem Großen? Würden wir selber es dulden?
Würden wir selber es uns nicht in Stücke zerschlagen!
Wir Deutsche -- wir Deutsche! Wir die ewigen Vandalen an uns selbst!
Wir, die geborenen Zertrümmerer unserer eigenen Größe.
Deutschland, das ewige Trümmerfeld -- nach unserem eigenen
fluchbeladenen Willen.
Wozu bauen, was wir selbst doch wieder einreißen!
Und was ich hier bauen will -- ist es nicht Kinderkram, wie aus der
Spielzeugschachtel! Was soll der Tand! Was soll der nützen! Ein Beispiel
sollte es sein, ein Gleichnis, ein Symbol -- ja --
Aber ein Symbol der Arbeit? Wer will das! Wer leistet dem Gefolge! Nehmt
das goldene Kalb und setzt die Dirne drauf oder den Magier, den
Geisterbeschwörer von Geschäft, und ihr habt die Leidenschaften der Zeit
mit ihrem Heerbann.
Was kaure ich hier unter dem Schutt! Ein Fremder in meinem Vaterland.
Warum dann nicht lieber hinaus in die Fremde! Nach dem Süden, dem
purpurnen! In die Klarheit des Nordens! Nur, daß man sein Brandmal
trägt, den Galeerenstempel! Die Peitschenstriemen auf dem Rücken! Ein
Deutscher -- wehrlos, ehrlos. Wer will ihn! Welches Land öffnet ihm
seine Grenze!
Vom Leuchtturm auf der Halbinsel ruft das Nebelhorn -- Töne fernher, wie
aus anderer Zeit, aus anderen Welten. Stöhnende Stimmen von
Urzeitriesen, Flüche, Verwünschungen, Todesschreie. Vor mir, um mich das
Niflheim! O ging es hinein in das eisige Vorweltchaos!
Wie ein Ertrinkender erlebt er noch einmal sein Leben.
Die jubelnde Jugend unter den strahlenden Augen, der fröhlichen Klugheit
der Mutter, die gesammelte Kraft des Soldatentums, trotz all dem
Kleinlichen und Lachhaften die ganze Größe des »ich dien«. Die Jahre auf
der Kriegsakademie in Berlin, wo Kunst und Liebe ihn so reich
beschenkten, und reich auch die stille Lampe bei seiner Wissenschaft.
Oft haben ihn die Kameraden »Schuster« gescholten, wenn er des Wüsten
und der Ausgelassenheit satt in seiner Werkstätte sich einschloß. Und
gerne saß er bei seinem Leisten, der Kriegsgeschichte. Eine Monographie
von ihm über die Schlacht von Saalfeld wurde gedruckt und trug ihm
brieflichen Verkehr mit Universitätsprofessoren ein. Dann hatte die
Strategie des Großen Kurfürsten es ihm angetan -- da kam der Krieg.
Der Krieg! Der Krieg! Und nun riß das Grandiose, das Glorreiche, das
Ruhm- und Weihevolle -- ja, ja, das ist es bei allem, das bleibt es bei
allem, und dafür leben und sterben wir! -- wie riß es ihn plötzlich aus
seiner Verlorenheit in Nebel und Not!
Und jetzt kroch er nicht mehr, er ächzte nicht mehr -- er hatte den Kopf
wieder hoch und schalt sich aus. Schäm dich, Horst Oldefeld --
Neurastheniker mit Nebelhornbegleitung! Nun faßt du wieder Schritt und
tust, was du sollst und mußt -- und glaubst an dein Müssen -- und läßt
die Ausflüge ins Niflheim und in das eisige Urweltchaos. Du bleibst
hübsch säuberlich auf deutschem Grund in deinem Arbeitsschritt, du
bleibst in deiner Pflicht. Und wenn du das Kleine schaffst, denkst du,
daß aus Kleinem Großes wird, daß darum das Kleine mehr ist als das
Große! Siehst du! Und das denkst du, lachend und zufrieden! Und bist
einer und dünkst dir was! So, mein Junge, und jetzt ist es Abend, du
darfst ausruhen und müde sein. Die Tagesfahrt hat dich enttäuscht --
sind nicht Enttäuschungen die Schwungfedern des Erfolges?
Und ist dir für heute nicht noch etwas Sonderliches beschieden? Ein
Sonderling steht dir bevor, der Erdgeist dieses Landes, der
Schatzgräber, der die alten Geheimnisse des Moores ans Licht bringt,
zugleich der Totengräber des Kirchspieles, der neue Geheimnisse in die
Erde senkt. Lud Uhlenbrook, Torfmeister und Friedhofswärter seines
Zeichens. Ein besonderer Mann.
Wohl muß man sich traumhaft feierlich stimmen, ihm zu begegnen. Und die
Brille zur Hand haben für Geister und Gespenster.
Sind wir nicht hier an der Kirchhofsmauer? Jetzt steigt die Straße,
jetzt kann man hinüberblicken.
Schwer hängen Dämmer und Nebel in den Sträuchern, den kahlen Ulmen, den
bereiften Edeltannen und ersticken das matte Schneelicht, das noch von
den Gräbern und Wegen aufsteigen will.
Was huscht da und flattert zwischen den Grabhügeln? Ein Körperliches?
Ein Schatten? Verschwindet hinter den Bäumen -- schwebt wieder aus dem
Nebel -- eine irrende Seele --? --