Mit dem Morgengrauen waren sie wieder alle Mann beim Bäumefällen. Auch
Gisbert tat heute hier Arbeit, und er tat fast des Guten zu viel. Was
seine feinen Glieder hergeben wollten, holte er heraus. So
leidenschaftlich war er am Werk, mehr als einmal mußte Elbenfried, der
Arbeitsführer, ihm Ruhepause auferlegen. Sie wußten alle -- und alle
waren ihm herzlich zugetan -- wie sehr er noch immer seine Kräfte zu
schonen hatte.
Kunz war schlecht gelaunt. Er war heute beim Mundausspülen zu kurz
gekommen. Denn mühsamer als je war das Weckeramt von Gisbert und Muz
verlaufen. Unruhige Träume hatten ihn allzu schwer heimgesucht.
»Dir verdanke ich das,« so klagte er Gisbert an, »Dir und Deinem
Hindutum. Die ganze Nacht habe ich es mit der Seelenwanderung gehabt.
Und Muz, der auf nächtiger Insektenjagd mit den Schenkeln die Diele
klopfte, gab den Takt dazu. Wisse es: meine Seele fuhr in einen Floh.«
»Oh!« echote Gisbert munter.
»Auf Muzens Fell trieb ich mich um, und in was für einer Gesellschaft --
was für schwarze Seelen waren da beisammen! Weibliche zumeist. Da war
die Frau Potiphar und Herodias und Messalina und die Maintenon und Ninon
de Lenclos, Lola Montez und die Pepita. Die faßten sich an und tanzten
um mich herum im Ringelreihn. Und die dicke Messalina zog mich beiseite.
>Was bist Du für ein nüdlicher kleiner Flohhengst<, sagte sie, >aber so
schüchtern! So schüchtern!< Und weiß Gott, ich wurde verlegen. Floh sein
ist schon nicht so leicht. Aber ich sag euch, ein Floh in Verlegenheit
--! --«
Die zuhörten, mußten lachen. Auch Muz freute sich. Und tat, was er dann
immer tat. Er drehte sich um sich selbst im Wirbel und spielte Greif mit
seinem Schwanz.
Gisbert aber hatte genug. Er spähte, wo er sonst Hand anlegen konnte,
und brachte sich auf Hörweite in Sicherheit.
»Du -- Gisbert -- das Wahre kommt ja erst!« rief Kunz ihm nach. Aber
Gisbert schlug schon mit der Axt, und die Späne sprangen.
Kunz sägte mit dem Balbutz. Da waren die richtigen Kumpane beisammen,
doch die Arbeit flog.
»So sind sie nun, die Bramaputraleute.« Kunz schnob vor sich hin. »Jedes
Lebewesen ist heilig! hat er mir eingeprägt. Und wiederum hat er mir
eingeprägt: in jedem unserer Träume ist eine Wahrheit. Nun also! Und
jetzt nimmt er Reißaus vor seiner eigenen Glaubenslehre.«
Gisbert ließ im Arbeitseifer nicht nach. Eben weil sie ihn für einen
Träumer hielten -- wie gern nannte Kunz ihn die Lotosblume -- eben
deshalb wollte er hier seinen Mann stehen.
Horst nahm sich den heiligen Josef vor. »Wir müssen uns nach dem
Befinden unseres Patrons erkundigen. Wollen wir nicht unseren Gisbert
dazu bestimmen! Er ist ja wie im Fieber und schuftet sich hier glatt
zuschanden.«
Gisbert zuckte mit den Brauen bei dem Auftrag -- er fühlte eine
Bevorzugung und Entlastung. Aber die Disziplin saß ihm im Blut. Das Wort
des Werkführers galt. Nun war er auf dem Weg nach dem Gutshaus. Bald,
nach einer kleinen Stunde schon, kam er zurück. Wie schreitet er bloß,
dachte Kunz. Als ob er auf Wolken wandele. Und weiter forschte Kunz, der
ihn so gut kannte: Was hat er in den Augen? Ist das nicht wie ein großer
seliger Schreck?
Und dann bestellte Gisbert, dem Herrn von Borkhus ginge es gut, seine
Tochter, Frau von Mönkhov wäre gekommen. Beide bäten Horst, Dankwart,
Kunz und ihn selber, abends eine Tasse Tee im Gutshaus zu trinken.
Die Tochter des Herrn von Borkhus -- nun wußte Kunz, wovon sein Gisbert
so selig, bis in die Seele erschrocken war. --
Sie machten sich fein zu dem Abend, Horst, Gisbert und Kunz. Dankwart
konnte von seinen Modellen und Tabellen nicht fort.
Borkhus war auf den Beinen und empfing sie. Seine schweren Augen
leuchteten gesund unter dem weißen Turban des Verbandes.
»Der Aderlaß hat mir gut getan«, sagte er. »Meine Ischias hat sich
verblutet. Ich kann laufen wie ein besserer Faßbinder.«
Und dann hatte er seine Tilde bei sich, seine Tochter.
Sie hatte etwas still Verhaltenes, fast mädchenhaft Scheues, diese
schlanke, zarte, großäugige Frau, als sie den Herren gegenübertrat. Mit
kindlich verlegener Bewegung strich sie die Strähne zurück, die aus
ihrem reichen hellbraunen Haar sich löste.
»Was sagt die Welt,« so erklärte der alte Herr die Sachlage, »die
wildesten Gerüchte über mich verheeren das Land! Setzt sich dieses
Mädchen nicht -- und sie soll Haus und Hof hüten, denn ihr Mann ist
nicht daheim -- setzt sie sich nicht vor Morgengrauen in den Schlitten
und läßt die Traber glattweg die fünfzig Kilometer fressen!«
»Es ist eine glänzende Bahn«, entschuldigte sich Frau Tilde. »Und auch,
wenn wir die nicht hätten --« sie faßte still ihres Vaters Hand.
Die drei jungen Männer musterten sich. Wie verändert sie waren! Welch
ein Glanz auf ihnen lag, welche Farben sie trugen -- von dem Wesen der
Frau. Sie, die das harte, graue, lichtlose, lustlose Barackenleben
einschloß. Nun rieselte es über sie von der hellen Wonne.
Und listig lauerte auch wohl jeder, wie die anderen ihre eigenen Farben
spielen ließen, zum Werben. Nur daß Gisbert sich schnell und ganz begrub
in die Märchenferne dieser Frauenaugen.
Worüber sprachen sie bei Tisch? Über Deutschlands Wunden, in der Andacht
ihres Schmerzes. Von ihrer Unfreiheit, ihrer Knechtschaft, ihrer
Schmach. Frau von Mönkhov sagte: »Nun haben wir es nicht mehr, das
stolze Wort: mein Haus ist meine Burg. Jetzt müssen wir uns schon an
Meister Ekkart halten, der uns lehrt, daß unsere Seele unser Bürglein
sei.«
Wie schwang und klang es in Gisbert auf. Welch ein Lichtband schlang
sich um ihn und diese innige Frau.
Horst aber gab seine harte Zweckmäßigkeit darein: »Nur sollen in diesem
Bürglein nicht zu viel der frommen Träume umgehen.«
»Ihnen ist es ums Schaffen. Mir auch. Aber das bleibt nun die Wahrheit:
produktiv sind wir nur solange als wir religiös sind.«
Kunz aber kaute schon wieder an seinem Zorn. Daß wir uns vor lauter
Geistigkeit nicht zu lassen wissen, das ist unser Verderb!
Und der alte Herr, in einer Art mitleidiger Angst, meinte: »Gut, daß
Achim, Dein Mann, Dich nicht hört!« -- Für den war Religion das rote
Tuch. »Religion, so nennen die Menschen ihre Alterserscheinung --!«
Mit Achim von Mönkhov kamen sie zu den Tagesereignissen. Er hatte seinen
Koch auf den Schub gebracht, und der spielte jetzt in der Kreisstadt
unter den Radikalsten eine Hauptrolle.
Der Vater wollte Einzelheiten hören. Hier griff die Politik in die
Familie. Zögernd und ungern erzählte Frau Tilde. Der Mann sei von Tag zu
Tag aufsässiger geworden, bedrohlich zuletzt. Da habe ihn Achim
kurzerhand hinten am Rockkragen genommen, ihn vor sich her immer mit
steifem Arm, zum Hause hinaus über den Hof bis zum Tor geschoben. Und
ihm unterwegs in seiner eiskalten Ruhe gesagt: »Zum Lohn für Ihre
unvergessenen Wildpasteten besorge ich dieses eigenhändig.«
Die Zuhörer wollten dies als ein sehr sauberes Stücklein gelten lassen.
Tilde aber schüttelte ablehnend den Kopf. »Nichts auf der Welt macht so
böses Blut wie diese üblen Handgreiflichkeiten. Und wollen wir uns
untereinander denn immer mehr erbittern!«
Ihre Augen möchten der Märtyrerkrone ihres Vaters liebes erweisen. Aber
dann erschrak sie vor dem Schatten in seinem Blick. Und der Gedanke an
seine eigene schwere Tat trübte ihr den Sinn. War es nicht die wildeste
aller Handgreiflichkeiten, was auf ihm selber lastete?
Aber schon war Kunz zur Stelle. »Gnädige Frau, es gibt einen alten
niedersächsischen Spruch:
»Wur all dat anner beden nich düest,
dor beden am besten de beiden Füest.«
Diese betenden beiden Fäuste -- sie gehören nun einmal zum Inventar der
deutschen Welt. Und für mich gibt es keine Religion ohne die. Mir soll
nun einmal keiner den Christus nehmen, der das Schwert gebracht hat und
dem seine Mannen Heeresfolge leisteten! So wenig wie den Gott, der Eisen
wachsen ließ.«
Sie sah den Sprechenden an mit ihren weiten Augen, nicht verweisend,
nicht zustimmend, gütig und doch fern. »Vielleicht bin ich zu müde
geworden für das alles.« Sie mußte wohl diesem lohenden Kreise die
Blässe erklären, die sie selber fühlte. »Vielleicht habe ich mich erst
zu erholen von den vier langen Jahren der Angst. Um die vier, die ich im
Felde hatte. Von denen zwei nicht wiedergekommen sind.«
Die zwei waren ihre Brüder. Der Vater legte die Hand auf ihren Arm. Sie
strich sich das Haar aus der Stirn. Ihre Augen blieben tapfer.
Dann suchten und fanden sie alle festen und gesunden Boden in dem
Nächstliegenden, dem Siedlungswerk.
Frau von Mönkhov begann sich fast freudig zu beleben. Jeder Winkel des
Geländes war ihr vertraut. Sie machte Horst noch besonders auf eine
Mergelgrube aufmerksam, die längst nicht richtig ausgenutzt sei. Wobei
ihr Vater das komisch lange Gesicht eines Getadelten aufsetzte.
Diese großen Augen der stillen Frau, sie waren jetzt heimgekehrt aus
ihren Fernen, sie hatten einen nahen vertrauten Glanz gewonnen.
Gisbert saß wie ein Betender.
Und jetzt fragte sie fraulich, mütterlich nach dem Wohngelaß der
Siedler.
»Wir haben es sehr gut«, sagte Horst.
»Wunderbar haben wir's!« erklärte Gisbert. Ihm hatte schon ihre bloße
Frage aus dem Holzstall ein Feenschloß bereitet.
Nur Kunz machte ein beschauliches Gesicht. »Ich weiß nicht,« bemerkte
er, »ob es fantastisch ist, bei einer Bettstatt an gehobelte Bretter zu
denken. Ein so rühriger Schläfer, wie ich es nun einmal bin, darf
getrost sein Fell nächstens einem Holzhändler zur Ausbeute überlassen.«
Frau Tilde, lächelnd, erkundigte sich jetzt nach der Beköstigung, nach
der Küche.
»Unser Essen ist gut«, bestimmte Horst.
»Herrlich!« sang Gisbert aus seiner Höhe.
Kunz aber starrte wie entseelt vor sich hin.
Borkhus, dem er Spaß machte, weckte ihn und forderte genußsüchtig: »Sie
müssen auch Ihr Sprüchlein sagen.«
»Soll ich? O Du mein! Unser Koch ist Installateur von Beruf. Die
Wasserleitung ist sein Leben. Teekesselfett ist sein Element. An seiner
unsterblichen Kartoffelsuppe hat er unverzagt solange gearbeitet, daß er
jetzt imstande ist, sie sogar ohne Kartoffeln herzustellen.«
»Danach sehen Sie eigentlich nicht aus«, meinte Frau Tilde.
»Oh, wenn ich mir nicht dann und wann ein paar Gabelbissen
zusammenwilderte --«
»Lassen Sie sich nicht dabei kriegen!« drohte Borkhus. »Und wer bereitet
Ihnen wo diese Leckereien zu?«
»Das sag ich nicht.« Ein Schlingel verkroch sich in seinen Augenwinkeln.
»Aber erschrecklich unsozial ist das doch!« gab Frau Tilde darein, mit
scherzendem Ernst.
Kunz schmunzelte: »Eine Krickente -- dreiundzwanzig Kostgänger -- und
die soziale Frage! Da ess' ich den Vogel todesmutig allein. Aber ich
werd mir jetzt alle Mühe geben, genossenschaftlicher zu schießen, und
mir einen Hirsch langen.«
»Das wird Ihnen leid,« knurrte Borkhus, dem es jetzt doch über die Leber
lief.
Seine Tochter aber wollte noch mehr von dem Barackenleben wissen, zumal
von seinem geistigen Bau. Und Horst berichtete kurz von ihrem kleinen
Staat. Ein Wahlkönig steht an der Spitze. Von den Mannen erkoren -- und
absetzbar, sobald er versagt. Bei den einzelnen Arbeiten sachverständige
Leiter. Im übrigen keine Rangunterschiede. Jeder hat den Wert seiner
Kraft.
»Womit die Rangunterschiede gegeben sind!« knurrte der politische alte
Herr.
Dazu Horst: »Wer kann die Unterschiede aus der Welt schaffen? Die
Unterschiede sind die Welt. Dafür wandeln sich ihre Grenzen und
Übergänge. Gerade in ihrer Beweglichkeit sind sie das Lebendige und das
Ewige. Und darum auch der Inbegriff aller Freiheit. Deren Tod ganz
einfach die Gleichheit wäre.«
In Gisbert drängten seine Empfindungen zum Worte. Er wußte, wie schwer
er die Rede meisterte. Die natürliche Scheu des Mannes, vor einer Frau
-- und nun gar vor dieser Frau! -- seine Mängel zu zeigen, lag schwer
genug auf ihm. Aber, was er fühlte, wollte ans Licht.
»Unterschiede -- warum sprechen wir so gerne von den Unterschieden?
Warum nicht lieber von dem Gemeinsamen! Von der großen Sehnsucht, die in
allen lebt. Und in der sich alle zusammenfinden. Wie alle Wasser zum
Strome, wie alle Ströme zum Meere fließen. Derselbe Zug in uns allen.
Suchende, Wandernde wir alle, die der Schmerz unserer Endlichkeit
treibt. Warum uns stören, uns hindern und bekämpfen mit den armseligen
Gegensätzen, statt die große Gemeinschaft uns tragen zu lassen! Zu
unserer aller Ziel -- dem Gemeinsamen! Hinein in das Bewußtsein und den
Besitz der Unendlichkeit!«
Er rang an den Worten, mit den Worten, in denen mehr war als das karge
ihrer Allgemeinheit. Der Reichtum war in ihrem Klang, und dieser Klang
war Seele von seiner Seele und war wie der Glanz seiner inbrünstigen
Augen. Heilig war ihm, was er bekannte -- aber dann erschrak er, daß er
bekannte. Und die kleinen Fragen kamen: wollten sie das hören -- und
gehörte das hierher?
Und verlegen fühlte er sich zu Kunz zurück, dem Freunde, dem so anders
beflügelten, aber dem Freunde doch. Der ihn liebevoll aufnahm mit
offenen Augen, wenn auch der lächelnde Unmut nicht schwieg. Die
Lotosblume! Kann das Leuchten nicht lassen!
Frau Tilde horchte in sich hinein. Da in der Tiefe läuteten dieselben
Glocken. Sie hatte es bisher vermieden, in der Scheu vor dem
Gleichgearteten, dessen sie auf den ersten Blick sich bewußt war,
Gisbert die Arme aufzutun. Jetzt aber, wo der Gleichgestimmte Zeugnis
ablegte, umfaßte sie ihn mit einer Art wehen Zärtlichkeit und blieb an
seiner Seite.
»Ich fühle wie Sie«, sagte sie einfach und fest. »Und was die Zeit auch
von uns fordert, es ist etwas da, was über der Zeit ist. Dahin schauen
wir, dahin ziehen wir --«
Horst sprach: »Wir wollen uns die Sterne nicht nehmen lassen. Auch sie
gehören zu der Erde. Aber der Festtag sind sie. Und heute, wenn wir
unser Leben leben wollen -- auch den Festtag müssen wir zum Alltag
machen! Es gibt keine Feste!« Hart, eng, unerbittlich und rauh wurde Ton
und Gedanke. Er stockte und schwieg.
Kunz aber packte unter dem Tisch seine Hand. »Es gibt keine Sterne!
Solange es kein Deutschland gibt, gibt es keine Sterne!«
Und das Zeugnis dieser Schwurgenossen, lauter, näher, trotziger als jene
Seelenrufe und voll Bitternis, es blieb Herr über die Geister. Sie alle
bannte es, denn in ihnen allen war das zitternde Schwingen der einen
Not.
Herr von Borkhus brauchte Ruhe. Die Gäste brachen auf.
»Müßte ich nicht morgen wieder nach Hause,« so wandte sich Frau Tilde an
Horst, »würde ich mir Ihren Bau einmal ansehen. Und Ihre Kartoffelsuppe
probieren. Und Ihnen« -- jetzt kam Kunz an die Reihe -- »würde ich aus
unserem Handwerkskasten einen Hobel mitbringen.«
»Für mein Fell oder für meine Seele?« gab der zurück und verbeugte sich
lächelnd.
Gisbert bekam keine Munterkeit zu hören, ihm gab sie nur still die Hand.
Und nun schritten die drei Männer durch die Winternacht heimwärts.
Heimwärts? Das Wesen der Frau geleitete sie wie ein Glanz. Ihre
Zartheit, das Gepflegte des Körpers wie des Geistes, die Kultur Leibes
und der Seele -- von ihrer Stimme der Klang, dies Aufleuchten ihrer
großen Augen aus wehmütiger Tiefe zu strahlender Sicherheit, der
Pulsschlag ihres lebendigen Wortes, der gütige gebende Druck ihrer
feinen sorgenden Hand -- alles das war mit ihnen. Das Frauliche war um
sie. Von der Mutter her, von der Geliebten her, das Gehegtsein, das
Umfangenwerden, das geborgene Hausen -- diese Klänge begleiteten den
Takt ihrer Schritte.
Was winkte ihnen? Der kalte, düstre, niedere Stall. Wo jeder
eingepfercht war in der lieblosen Verlassenheit seiner Schlafbucht.
Die Weichheit war bei ihnen allen, das Heimweh.
Horst machte sich traumfest. Er zog, wie immer dann, den Buckel krumm
gleich einem Tier zum Sprunge und warf sich nun schonungslos in die
Wirklichkeit der Pflichten.
Kunz aber beschwor mit Bedacht einen weniger holden Geist gegen die
Lichtgestalt, die mit ihnen schwebte: »Wer mag dieser Achim sein, dieser
Ehegatte? Was weiß man sonst von ihm, als daß Religion ihm
Gehirnverkalkung ist? Und er einen Koch im steifen Arm verhungern läßt?«
Gisbert machte keinen Buckel und beschwor keine Geister -- er zog seine
Lichtbahn.
Wie die Baracke vor ihnen aufdrohte und die beiden -- hinein ins
Verderben! -- ihre Schritte beschleunigten, blieb er zurück und im Takt
seiner Musik. Als Kunz sich nach ihm umdrehte, erklärte er: »Ich gehe
noch einmal an die See.«
Sie ließen ihn und sprachen von der Arbeit, von morgen.
»Wir müssen Pferde kaufen, Kunz. Die Preise steigen ins Schwindelhafte.«
Kunz, der von der Kavallerie her kam, war ein gewiegter Roßtäuscher und
jedem Pferdeschmeißer und Viehhändler gewachsen.
Gisbert ging an die See. Der abnehmende Mond, schwer in dunklem Gold,
stieg aus der Flut. Langsam, wie lastend, rollte der rote Schein über
die gebändigten Wellen. Wie in Trunkenheit wiegte sich die leise
Brandung, erschrak, wenn sie rauschte, und gewann das Schweigen.
Die helle Nacht trank alles in sich auf, was noch sprach und flüsterte.
Alle Stimmen, alle Schwingungen der Welt mündeten in die große
Sternenstille.
Und Gisbert, was er mit sich trug, was ihn erfüllte und quälte und
bewegte, was in ihm klagte und jubelte -- es löste sich ihm alles in die
lichte Unendlichkeit dieser hohen Ruhe.
Was die letzten Stunden ihm geschenkt hatten, das Wissen von dieser
Frau, ihre Nähe, die Gemeinschaft mit ihr -- »ich fühle wie Sie,« so
hatte sie gesprochen -- das alles blieb nicht in der Verzückung und in
der Begehrlichkeit des Rausches. Es stieg auf aus der Tiefe, befreite
sich von der Blutwärme, von dem Zittern der Sinne, verklärte sich in
diesem reinen kalten Licht über dem Leben und ging ein in das All.
Und unter Schauern wird es ihm gewiß, ich habe den Weg, die Bahn steht
mir offen -- ich kenn' es und kann es, das »Stirb und Werde«!
So stand er, verzaubert.
Dann aber, als wäre es ihm um diese Sicherheit gewesen, zerbrach er die
Starrheit, reckte die Arme, und da er zurückschritt über die Heide, sang
seine Jugend ihr Lied.
Sang das Lied dieser Frau.
Hier meine Hand -- ihre Finger haben sie umschlossen. Meine Hand --
sieh, Mond, du lieber, dummer, du gescheidter, meine Hand ist dies!
Meine glückselige Hand ist dies! Siehst du, wie sie leuchtet! Und so
leuchte ich selbst! Ganz und gar leuchte ich so.
Auf Flügelschuhen schritt er, den Kopf gehoben, die Brust geschwellt.
Jauchzend die Seele.
»Ich fühle wie Sie! Ich fühle wie Sie!«
Und dann stürmte er jungenhaft über die Halde -- sprang über einen
erratischen Block -- fiel in den Schnee -- wälzte sich wie ein Füllen,
alle Viere gestreckt, und lachte wie ein Narr, wie ein Kind.
Lebhaft trat er in sein Gelaß. Kunz war im Einschlafen. Ward ungehalten
und lallte ihn an: »Was fällt Dir ein -- Du trampelnder Mondstrahl -- Du
brüllende Ätherwelle -- Du -- Du tobsüchtig gewordener Blütenhauch --
--«
Von dem Blütenhauch durfte er sich betäuben lassen zu ruhigem Schlaf.
Der konnte etwas ergiebiger sein, denn morgen war Sonntag.