Frei und gut ist dasselbe

Es war nicht weit von Mitternacht, als Herr von Borkhus mit Horst den

Wagen wieder bestieg. Strempel mußte fahren.

Der Mond leuchtete die menschenleere Straße ab. In dem Torweg, dem

Gasthof gegenüber stand eine Frauengestalt.

Ein junges schlankes Weib -- mehr konnte Horst nicht erkennen, zumal der

Verwundete ihn in Anspruch nahm. Dann aber, da sie abfuhren, blitzte es

ihm durch den Sinn: das ist deine Nachbarin, wer sonst! Was will sie

hier! Und wieder: wer ist sie? Wollte sie sehen, wie es mit dem

Verletzten stand? Um den sich sonst, im ganzen Orte niemand mehr

kümmerte? Sie als die einzige -- was trieb sie dazu?

Borkhus hatte sich längst wiedergefunden. Die Schmerzen drückten ihn

nicht nieder, sie hoben ihn. Daß er selber litt, daran wuchs seine

Kraft, sein Trotz, das bannte den Schatten.

»Ich würde es immer wieder tun,« sagte er, »der Würger«, frei und stark.

»Wer mir an die Offiziers- und Mannesehre geht -- wie ich ihn fasse, so

muß er dran glauben! Immer tät ich es wieder!«

Jetzt dachte er an die vielen beschimpften, entehrten Kameraden. »Und

das tat ich für euch alle!«

Horst sann nach und nickte düster und sprach: »Daß wir zum Symbol werden

-- jeder nach seines Wesens Bestimmung -- das ist unseres Lebens Sinn!«

Borkhus nahm seine Hand. »Das ist das Wort! Zum Symbol werden! Wie ein

Ruf erging es an mich! Welt gegen Welt! Und -- ich konnte gar nicht

anders.«

Es war dann, als käme Müdigkeit über ihn. Wieder aber regte er sich

lebhaft, und es klang fröhlich: »War ich nicht heute abend auch ein

Sinnbild: zerschlagen von den Stuhlbeinen der Galerie! Gibt es was

Erhabeneres? Hüten Sie mich Horst, daß ich nicht größenwahnsinnig

werde!«

Doch jetzt brauchte er seine Ruhe und sprach nicht mehr.

Horst aber tauchte zurück in den Abend, mit Trauer, Schmerz, mit Zorn

und mit Scham.

Deutschland -- machst du es deinen treuen Söhnen nicht allzu schwer?

Sind deine Feinde, deine Folterknechte dir nicht blutig, nicht roh,

nicht feige, nicht heimtückisch genug -- mußt du dir selbst der

tückischste, der feigste Feind von allen sein!

Ein deutscher Mann spricht die selbstverständlichen deutschen Worte! Er

sagt, daß du, Deutschland, deutsch bist und deutsch sein mußt. Was

geschieht? Er wird aus dem Hinterhalt gemeuchelt!

In welchem Lande der Welt wäre so etwas denkbar -- dann vor allem

denkbar, wenn die Feinde, schlimmer als es im Kriege geschieht, dieses

Land zerfleischen und zertreten! In Guatemala nicht, bei keinem Stamme

der Maoris!

Soll man sich immer wieder damit trösten, daß du das Land ohne Beispiel

bist, ohnegleichen im Großen wie im Armseligen, im Guten wie im

Verruchten? Und wie lange soll dieser Trost vorhalten?

Ist es zu verwundern, wenn man schließlich da landet, wo diese

rätselhafte Fremde sich angebaut hat? Wie sagte sie doch, höhnend und

hart: »Deutsch ist mir ein zu unwesentlicher Begriff!«

International also -- pazifistisch -- eine Kommunistin offenbar.

Freilich, er hatte sich die »Petrolösen« anders gedacht.

Ob sie in der Stadt ansässig war? In der, wie er wußte, seit geraumer

Zeit ein Agitationsherd brannte, mit lichterlohen roten Flammen.

Ihr Gesicht wurde ihm lebendig. In diesem reizvollen Gegensatz zwischen

seinem Vorn und der Seite. Diese fast derbe, sinnlich grausame

Leidenschaftlichkeit der vollen Züge -- so viel feine spröde Geistigkeit

im Profil. Und in dem Ausdruck des Ganzen ein Schmerzliches -- zu der

flammenden Anklage eine stille Klage.

Jetzt war er dicht daran, sich auszulachen. Faselt dir nicht deine

Fantasie was vor? Deine Weibentwöhntheit treibt mit dir ihren

Schabernack, den sie als »weiberfest« dich rühmen.

Zum Teufel mit dem ganzen Weiberkram! Daß der sich immer wieder

ungerufen melden muß! Und ist doch kein Platz für ihn, jetzt in dem

Siedlungswerk.

Er denkt an die Genossen, die heute auch dabei waren -- die sich wieder

mal einsetzten mit Leib und Leben, wenige gegen viele. Daß man an diesen

deutschen Jungen seine Freude hat, ist das nicht der Inbegriff!

Wäre es nur nicht deutsch gegen deutsch gegangen! Gegen undeutsch, ja!

Aber gegen dieses Undeutsch, das nun einmal so verteufelt deutsch ist!

War so und wird so sein! Ist unser Fluch! Und stammt aus unseres Wesens

Tiefe!

Und wieder schlug ihn der große Schmerz. Und der Schmerz schlug ihn

hart.

So heißt es aus dem Fluch Segen bereiten! Vielleicht, daß wir sonst

einschlafen würden und in Faulheit ersticken! Nun heißt es für uns,

nimmer müde sein! Wachen und schaffen! Und schaffen und wachen! So heißt

es! Und so soll es sein!

Horst fand die Freunde und die ganze Mannschaft noch auf den Beinen.

Fast gleichzeitig mit ihm waren die Fußgänger eingetroffen. Jetzt ging

es an ein Erzählen. Horst ließ mit Bedacht den Genossen das Wort.

Der Balbutz übernimmt freudig den Bericht. Schildert mit einer

Anschaulichkeit, die keine falschen Farben nötig hat, der Handlung

Verlauf. Bemüht sich sachlich zu bleiben, bis der Schluß mit seiner

Klopffechterei ihm Gemüt und Stil bewegt und die Schleusen seines

Wortschatzes zieht.

Die »feigen Halunken« und »elenden Hundeseelen« -- diese Ausrufe seines

Zornes wecken Widerspruch. Mulitz, der Maurer, schüttelt den breiten

Kopf, in den eckigen Augen zuckt etwas auf. »Das mußt nicht sagen,

Balbutz! Ein paar hatten einen Mordsschneid! Und -- Gesinnung ist

schließlich Gesinnung.«

»Gesinnung -- Stuhlbeine -- viele gegen einen -- der ahnungslos und

wehrlos ist -- das ist Gesinnung? Schweinkram ist es!«

Fünf stimmen ihm lebhaft zu. Andere nicken gelassener. Einer ruft: »der

heilige Josef soll reden!« Bei dem geht es ins Höhere und Tiefere, aber

sowas wollen sie jetzt.

Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht · 第 4 / 60 题