Sie waren zum Teil Regimentskameraden vom Kriege her, alle aber hatten
sie dann einem Freikorps angehört, das gegen die spartakistischen
Umtriebe sich einsetzte.
Gerade dieser Küstenstrich hatte schwere Erschütterungen gesehen. Mehr
noch als anderswo hatten sich hier Verbrecherhorden mit den
Schwarmgeistern gemischt. Auf den Gütern vornehmlich gab es Raub, Brand
und Mord.
Da wurde ein Kommando hierhergelegt, Horst Oldefeld der Führer, Dankwart
Hamerslag als Offizier ihm zur Seite, Gisbert und Kunz standen als
Gemeine mit im Glied. Es waren dreißig Mann. Ihr Hauptquartier hatten
sie in Moorhof, dessen Herr, Baron von Borkhus war es, der ihnen dann
das Hauptgelände für die Siedelung zuwies.
Das war ein alter Recke und Haudegen, der geborene Häuptling -- hätten
die Raubgesellen ihn nicht angeschossen bei ihrem Überfall, er würde
ganz allein mit seinen Leuten die Landschaft von dem Gesindel reingefegt
haben.
So war das geschehen, das mit dem Überfall, dem schwere Tat entsprang.
Zwei Autos rattern auf den Hof, bespickt mit Matrosen und Abenteurern in
Marineuniform. Vorne flattert die rote Fahne. Sie springen aus dem
Wagen, an die fünfzehn Mann, schwingen ihre Handgranaten, besetzen die
Türen von Haus und Stallungen.
Der Führer ein junger, schlanker Mensch mit geistigem Gesicht,
schwarzen, kaltfanatischen Augen und schmalem höhnischen Mund. Er und
zwei Begleiter, die Pistole in der Hand, die Granaten im Gürtel, begeben
sich ins Herrenhaus.
Die Mädchen halten sich versteckt, der alte Diener erscheint zaghaft im
Treppenhaus.
»Wollen den Besitzer sprechen.«
»Wen darf ich melden?«
Die drei lachen. »Der sogenannte Besitzer hat sich bei uns zu melden.
Aber plötzlich. Warten tun wir nicht lange.« Der Führer klopft mit dem
Pistolengriff auf den Tisch.
Schon kommt Baron von Borkhus die Treppe herunter, mit schwerem
wuchtigen Schritt, der gewaltige Mann. Er geht mühsam, sein rechtes Bein
ist von Ischias gekrümmt, die er in den Karpathen sich geholt hat. Er
knöpft sich den Uniformrock zu. Mit Bedacht hat er sich den angelegt,
als er von seinem Zimmer aus diesen Besuch erblickt.
Seine mächtigen Augen über den Tränensäcken sehen mit einer unheimlich
großen Gelassenheit auf die Gäste.
Der Führer geht ihm entgegen, die beiden anderen sind im Anschlag.
»Sie wünschen?« fragt der Herr.
Der Sprecher redet etwas von einem fantastischen Furagekommando, dann
tritt er nahe an den Baron hinan, der unbewaffnet und ungefährlich vor
ihm steht.
»Sie erlauben wohl! Wir sind hier doch nicht aufm Maskenball!« Und die
frechen Finger greifen nach den Achselstücken.
»Hund!« brüllt es ihm entgegen wie ein Orkan, in den glotzenden Augen
ist Wut und Blut, die mächtigen Pranken schlagen sich um die Kehle des
Angreifers und würgen ihn -- würgen ihn --
Die anderen -- erst wie betäubt -- wollen zuspringen -- wollen wieder
die Waffen nicht aus den Händen geben -- trauen sich nicht zu schießen,
weil der Gefährte da in den Händen des Berserkers hin und her baumelt --
inzwischen sind durch die Hintertür bewaffnete Gutsleute vom Inspektor
hereingeführt -- Hände hoch! schreien sie von beiden Seiten -- dann wird
geschossen -- die zwei Matrosen stürzen hinaus -- der Baron ist
zusammengezuckt -- aber seine Hände wie verkrampft in dem einen Willen
und gezwungen, sie lassen nicht los und würgen -- würgen --
Draußen haben die beiden Wirtschaftseleven mit ein paar mutigen Leuten
die eingedrungenen unter Feuer genommen.
Zwei, drei werden getroffen -- nun gibt es kein Halten mehr -- sie
stürzen in die Wagen -- kurbeln an -- lassen Führer Führer sein -- und
rasen davon.
Wie der Inspektor zurückkommt ins Gutshaus, kauert der Herr in einem
Stuhl des Vestibüls. Um ihn wogt das Grauen.
Auf dem Teppich liegt die Leiche des erwürgten Führers -- wie sie
hingesunken ist.
»Sie sind fort«, berichtet der Inspektor kurz. Er ist ein langer,
sehniger Mann mit harten Zügen und kalten Augen. Die blicken nicht
leidig zurück.
Jetzt sieht er Blut über den rechten Stiefel des Herrn sickern. Er
steigt über die Leiche, die ihm ein Hindernis ist und weiter nichts.
»Herr Baron, Sie sind verwundet.«
»Bin ich?« und als sei dieses unwesentlich, rührt er sich nicht, starrt
und versinkt in die Worte: »erwürgt hab' ich ihn.«
Nun ja -- ein Toter -- es ist Aufruhr, es ist Krieg. Empfindeleien kennt
der Inspektor nicht. Er bleibt bei der Sache. Beordert ein Fuhrwerk in
die Stadt, den Arzt zu holen -- führt den Herrn in das nächste Zimmer --
entkleidet ihn -- verbindet die Wunde.
»Grad in das infame Bein«, stöhnt jetzt der Baron. »Nun es geht in einem
hin.« Aber er bleibt nicht lange bei sich selber und starrt dann wieder.
Drei Tage später kam Horst mit seinem Trupp.
Der Arzt hatte den Baron ins Bett gesteckt. Die Wunde, an sich nicht
schlimm, verlangte Schonung. Horst saß an seinem Lager.
Sie sprachen vom Krieg. Aus der unsäglichen Schmach dieser Zeit
flüchteten sie in die blanken Tage der Ehren.
Der Baron hatte als Major an der Somme gefochten, durch alle Grauen war
er gewatet, durch die Schlammbäche in ihrer Hochflut von Blut, die mit
Tornistern und Kochgeschirr Leichenfetzen und zerrissene Glieder
mischte.
Welch ein Gefühl der Weihe hatte sie doch getragen, daß all dies
Entsetzen sie nicht mit Wahnsinn schlug!
Und zwischendurch hielt er inne und sprach schwer: »Haben Sie schon mal
einen Menschen erwürgt -- erwürgt mit eigenen Händen?«
»Nein, Herr Major --«
»Einen Deutschen! Ein Deutscher einen Deutschen! Eine Zeit
apokalyptischer Greuel!«
Dann steuerten sie hart und schnell einen anderen Kurs. Zwangen sich zur
Nüchternheit. Sprachen von wirtschaftlichen Dingen.
Was wird aus all den entlassenen Offizieren und Unteroffizieren, aus all
den Kämpfern, die der Krieg erwerbslos gemacht hat?
Land wird gebraucht. Ein eigenes Stück Erde -- ist das nicht der
Inbegriff des sozialen Heils, weil hier ein seelisches Gut
eingeschlossen ist?
Siedlungsland müssen die großen Güter hergeben. »Ich will der erste sein
und ein Beispiel«, sagte Herr von Borkhus.
Er hatte gesehen, welch leuchtende Augen der Gedanke an das eigene Land
in Horst Oldefeld entzündete, dem armen, verwehten Offizier, ohne
Heimstätte, ohne Familie.
Er hatte ihn liebgewonnen in den wenigen Stunden. »Wenn Sie wollen,
sollen Sie sich hier anbauen.«
Und im Laufe der Tage wurde schnell das Nötigste abgemacht. Baron
Borkhus gab freudig. Einen kräftigen Zipfel schnitt er ab von seinem
Besitztum -- Kulturland und Heide zum Urbarmachen, ein Kieferngehölz und
ein großes Stück Moor.
»Die Ziegelei von der Stadt müssen wir dazu haben, dann können Sie
selber bauen. Herrgott -- und wenn der Tangentiener noch die kleine Ecke
hergeben wollte, dann hätten Sie ein rundes Reich für sich!«
Horst war in Geschmack gekommen. »Meinen Sie, daß ich einmal mit Herrn
von Tangentien rede?«
»Mit Klaus Tangentien?« Der Baron lächelte. »Soll ich Ihnen sagen, wie
der ist? Ich stehe mit ihm auf meinem Acker, nicht weit von unserer
Feldscheide. Da muß er Wasser lassen. Was tut er? Läuft er nicht nach
seinem Feld hinüber und besorgt es da? Daß seinem Boden nicht das
Ammoniak verloren gehe? So ist Klaus Tangentien. Und nun reden Sie mit
ihm.«
Horst dankte. Aber Herr von Borkhus ließ es sich angelegen sein, für die
wirtschaftliche Sicherstellung das Nötige zu besorgen.
Die Siedler selbst brachten ein Grundkapital zusammen. Am meisten hatte
Gisbert in die Suppe zu brocken, den sie den reichen Jüngling nannten,
und er gab mit vollen Händen. Auch Dankwart steuerte tüchtig bei.
Weniger hatte Kunz zu geben, am wenigsten Horst, der so gut wie
mittellos war. Von den anderen Kameraden beteiligte sich dieser oder
jener mit kleinen Beträgen.
Aber diese ganze Summe hätte nur für den Anfang gereicht. Borkhus
brachte einen größeren Fonds zusammen. Er selbst lieh her, soviel er
vermochte. Sobald er wieder auf den Wagen konnte, machte er sich auf die
Walze. Bei Parteifreunden und Nachbarn warb er mit einigem Erfolg --
Landschaft und Regierung versagten. Immerhin, in ein paar Wochen stand
das Unternehmen auf leidlich festen Füßen.
Und er hatte sich selbst einigermaßen wiedergefunden in solchem
Liebeswerk. Die Freude, die er machte, leuchtete ihm heraus aus dem
Dunst, mit dem diese Tage ihn ersticken wollten.
Was bevorstand, trat ein: das Freikorps wurde aufgelöst. Horst und die
drei Offiziere blieben. Dazu neunzehn von den Leuten, die ernsthaftesten
und besten, alte Unteroffiziere in der Mehrzahl.
Horst war der geborene Führer. Er trug etwas von dem Glanz des
Unzerstörbaren, Unverlierbaren in sich. Er hatte die klare, reine Linie
und hielt sie um so fester, als er um sie kämpfen mußte.
Denn er war von Haus aus eigentlich ein Träumer gewesen und hatte viel
bunte Märchen gelebt -- daher kam sein Lachen und seine Güte. Aber im
Grunde seiner Art saß wieder eine starke Sehnsucht nach Verantwortung,
eine Inbrunst für das Ziel, eine leidenschaftliche Liebe zur harten Tat.
Und daher stammte sein Ernst.
Dann die Offenheit seines Auges, die Unbefangenheit seines Wesens, das
von verstecken nichts wußte und auch bei den anderen mit unbekümmertem
Griff aus den Höhlen und der Heimlichkeit herausholte, was das grelle
Tageslicht mied. Wenigen wie ihm taten sich so die Herzen auf. Darum
kannte er auch die Herzen, ihre Kraft, ihre Hoheit wie ihre Tücken und
Nücken. Und eben seines Wesens aufspürende Innigkeit feite ihn gegen
Groll und Gift. Er hatte nun einmal von den großen Eigenschaften, gegen
die es keine Rettung für kleinere Geister gibt -- als die Liebe.
Machte das Hartsinnige, die starre Unbedingtheit den Führer aus, wäre
Dankwart Hamerslag dafür der geeignetste gewesen. Ihm hatte das Feste,
Spröde, Brüchige seiner Art ein grausames Geschick noch härter
geschmiedet. Als frischer Ehemann war er ins Feld gezogen. Wie er auf
Urlaub nach Hause kam, hatte seine Frau, die er vergötterte, die
kindlich junge, schwärmende, haltlose aus der Ehe sich beurlaubt. Davon
trug sein Leben die Wunde, die nicht verharschen konnte, und die sein
Blut mit Bitternis durchschwärte.
Er war der Techniker des Kreises, nicht genial und von großen Ideen,
dazu fehlte es ihm an Herz und an Feueratem, aber von beispiellosem
Scharfsinn und reicher Erfindungsgabe.
Und auch in dieser Seele brannte ein Altar. Das war die Liebe zu seinem
heimatlichen Westfalen. Stunden des Heimwehs hatte er, daß die Augen ihm
übergingen. Dann wetterte er gegen sich selbst. Er, sentimental, er, den
sie die Maschine nannten! Doch dies Gefühl ertrank erst wieder in dem
großen Schmerz um die große deutsche Heimat.
Das Westfalenland, das Sachsentum, es schlang ein zärtliches Band um die
ungleichsten der Brüder, um ihn und Kunz Rutenberg.
Er, der Mathematiker von Geblüt, und Kunz der geschworenste aller
Zahlenfeinde, der einmal erklärte: »Es muß ein Leben nach dem Tode
geben! Ich muß mir -- muß mir den Mann bei Licht besehen können, der die
Logarithmentafeln gebaut hat!«
Kunz mit den frischen Backen, mit den »munteren roten Blutkörperchen«,
trotz dem Elend, das auch an ihm fraß, nicht weniger als an den
Kameraden. Er war ganz gewiß nicht der leichte Obenauf. Genug des
schweren niedersächsischen Sinnes war seinem jungen Frohmut beigemischt.
Und wenn die anderen sich mehr an ihm freuen und über ihn lachen
wollten, als er hergeben konnte, durfte er ernstlich sagen: »Kinder --
wenn ich auch der Clown bin in eurem Zirkus, Komiker sind keine lustigen
Menschen!«
Das ist ja wahr, der Versunkenheit und dem Kultus mystischer Weltflucht,
dem sein Stubengenosse Gisbert oft genug erlag, setzte er leicht eine
unbarmherzige Fröhlichkeit entgegen. Nicht mit böser Absicht -- dann
hätte in Gisbert irgendeine wenn auch noch so unbewußte Komödie am Werke
sein müssen. Und dessen Sauberkeit ahnte nun ganz und gar nichts von
Pose. Es geschah aus einer unwillkürlichen aber um so lebhafteren
Reaktion, die Kunz selber schmerzte. Namentlich dann, wenn sein Übermut
eine Ironie hineinpfefferte.
Gisbert, gewiß der zarteste von ihnen allen, hatte im Kriege das
Schwerste durchgemacht. Vier Tage und drei Nächte lang war er
verschüttet gewesen, alles um ihn war nach und nach verröchelt. Als der
einzig Lebende kam er ans Tageslicht. Die Retter betteten einen
Verklärten, in Visionen Schauernden. Als sie ihn wegtrugen, hob er den
fast schon Seele gewordenen Leib, streckte die fliegenden unkörperlichen
Hände inbrünstig zurück -- und hauchte: »Nicht fort -- ich muß -- ich
muß -- wieder hinein -- dort hab ich Gott geschaut -- --«
Es stimmte schon, was Horst Oldefeld einmal sagte: »Wir alle haben
Wunden, Gisbert aber hat Wundenmale.«
Unter den neunzehn Männern, die mit den vier von ihnen selbst gewählten
Führern an dem langen Brettertisch beim Morgenkaffee saßen, fiel einer
besonders auf. Nicht weil er der größte und längste war, sondern weil er
was großes in den Augen hatte. Es war in ihnen die helle Zuversicht der
kindlich reinen Gottesgläubigkeit entzündet.
Er hatte die ganze niederdeutsche treuherzige Unbeholfenheit in den
schlaksigen Gliedern, über dem kantigen, noch ganz jungen Gesicht,
leuchtete grauweiß sein Haar, das eine Sappenexplosion im Schützengraben
entfärbt hatte. Der tüchtigste Arbeiter wie er der bravste Soldat
gewesen war. In den Mußestunden hielt er sich viel allein, las, nein,
forschte in der Bibel, schrieb nach Hause an seine Mutter, seine Braut.
Gustav Elbenfried war Zimmermann seines Zeichens, sie nannten ihn mit
neckendem Respekt den heiligen Josef.
Das Wort führte von der einen Ecke aus der ranke, schmeidige Fritz
Eggert. Er war gelernter Barbier und hieß darum »Balbutz«. Aber das
sagte im Grunde nichts von seinem Wesen und Leben. Kaum einen Beruf gab
es, den er nicht geübt hätte. Durch alle Länder Europas war er gewalzt.
Hatte auch sattsam geabenteuert, hatte »in den südlichen gelben
Halunkenländern« seinem Anfangsberuf getreu manch einen über den Löffel
barbiert und lieber selbst Hälse abgeschnitten, als sich begaunern
lassen. Kurz vor Ausbruch des Krieges war ihm Europa zu klein geworden,
er wollte »Afrika auch einmal was Gutes gönnen«. So war er nach Algier
gekommen. Von da trieb es ihn, als der Kriegsruf ihn traf, zu den Fahnen
-- unter beispiellosen Listen, Finten, Entbehrungen und Gefahren
erreichte er deutschen Boden. Dies schuf ihm unter den Brüdern seinen
Wert und sein Gepräge.
»Also Kinder,« so gab Horst die Tageslosung aus, »heut werden Bäume
gefällt. Wenn wir übers Jahr trockene Bretter haben wollen, wird es
Zeit. Arbeitsleiter ist Elbenfried.«
So war es ausgemacht und Gesetz, daß bei jedem Werk der fachmännisch
Zuständige das Kommando hatte. Für das Gemeinsamkeitsgefühl gab es
keinen besseren Boden.
Und nun scharwerkten all die jungen fleißigen Arme in dem Kieferngehölz
am Bergeshang. Die Gedanken und Herzen schlugen für die Heimstätte und
für die große Heimat.
Schwere Nebel zogen von der See her über die Flur. In Nebel und Not war
das Vaterland. Aber hell und stark klangen durch den Dunst und Daak Säge
und Axt. Und fast froh flammten die Rufe durch die Schatten und Wolken.
Es waren die Stimmen der Arbeit.
Nieder mit dem Würger!
Nebel wogten durchs deutsche Land, Nebel und Rauch von Feuersbrünsten
und Scheiterhaufen. Ein giftig schwelender Brodem zerfraß die Augen, die
Hirne, die Herzen.
Baron Borkhus und Horst fuhren im Jagdwagen nach der Kreisstadt zu einer
politischen Versammlung. Der Herr kutschierte, neben ihm saß Horst,
hinter ihnen Strempel, der alte Kutscher.
»Was sind wir für ein Volk!« so wälzte Borkhus an seiner Last. »Daß
Unsersgleichen nicht auf Erden ist, wer will es uns jetzt noch
bestreiten! Die größten Helden sind wir -- ja -- aber auch die größten
Hunde! Hat je ein Volk erst sich selbst heimtückisch gemeuchelt -- dann
sich selber begeifert und bespien -- mit einer Art Wollust schmutzigster
Exhibition sich selbst vor aller Welt an den Schandpranger gestellt! Daß
selbst die schwarzen Bestien sich scheckig lachen vor unbändigem
Vergnügen!«
»Wir sind krank -- wir sind im Fieber --«
»Fieber -- seit wann macht Fieber ehrliche Kerle zu Lumpenhunden!«
Er war schon in der gehörigen rhetorischen Stimmung und im
Öffentlichkeitsfeuer. Er brauchte auch Publikum und dessen Widerhall. Da
Horst nachdenklich schwieg, wandte er sich hinterwärts an sein Faktotum.
»Hab ich recht, Strempel, oder nicht?«
»Komplett, Herr Baron,« kaute der zurück, mit seinem breiten, malmenden
Mund.
Borkhus hatte eine Zärtlichkeit für diesen verschmitzten, verkniffenen
alten Knaben, die Horst nicht begriff. Ihm waren in die Falten des
knochigen, eckäugigen, vergilbten und gegerbten Bereitergesichts alle
Tücken der Welt gesät.
Es ist gut, dachte im übrigen Horst Oldefeld, dem Baron zugewandt, daß
du vor der Versammlung von dem gröbsten dich entlädtst! Dein Zorn hat
recht, so weit Zorn recht haben kann. Denn Zorn allein kann nicht
helfen, und Hilfe ist, was wir wollen.
Horst, der selber oft genug seinen Ingrimm mit beiden Händen bändigen
mußte, blieb heute in der Ruhe und strebte in die Tiefe.
Er sprach davon, wie Deutschland von je das Schlachtfeld gewesen sei,
das blutige, das zerwühlte, nicht nur für alle Heere der Erde, auch für
alle großen Ideen der Welt, die alle, alle sein schmerzensreicher Schoß
getragen und geboren hatte. Aufs Tiefste und Schmerzlichste zerpflügt
das Land vom Schwert und vom Geist. Alles, alles Menschliche umspannen
seine Lebenskräfte, das Niederste bleibt ihnen nicht fremd, bis zu den
reinsten Höhen beschwingen sie sich. Das Niederste, ja, warum es
leugnen? Warum mußten wir uns immer wieder die Ohren und die Sinne
betäuben mit dem lauten Sang von deutscher Treue! Auch deutsche Untreue
gibt es mehr als genug! Aber vom Allererbärmlichsten greift die Spanne
deutschen Wesens bis zum Erlauchtesten empor. Das ist sein Reichtum, ist
seine Größe -- das ist sein Schicksal, sein Fluch. Das ist seine Passion
und -- seine Verklärung!
So sprach Horst zu Borkhus.
»Ganz gewiß haben Sie darin recht,« antwortete der, »daß wir uns immer
viel zu viel vorgesungen haben! Was wir für Kerle seien! Wie
geräuschvoll haben wir uns immer unsere Tugenden beteuert! Und mit welch
triefender Empfindsamkeit! Kam einem das alles nicht manchmal vor wie
eine künstlich auf Flaschen gezogene, künstlich kalt gestellte
Sentimentalität, die wir festlich entkorkten, mit der wir feierlich
anstießen und feierlich uns besoffen? Als Idealisten taumelten wir uns
in die Arme! Wieviel fader Muff war doch in diesem Idealismus!«
Horst sah ihn an, ein scharfes Lächeln im Auge. »Und jetzt -- verfallen
wir jetzt nicht in den entgegengesetzten Fehler --?«
»Sie meinen?«
»Haben wir uns früher verhimmelt, bereiten wir uns jetzt ein System
daraus, uns selbst zu beschimpfen!«
»Soll das auf mich gehen? Aber ich schimpfe ja nur darauf, daß wir uns
jetzt so herabziehen, und mit Schmutz beschmieren -- ebenso wie ich
darauf schimpfe, daß wir selber uns einst so in den siebenten Himmel
gehoben haben! Natürlich beides aus derselben dreimal verdammten
Empfindelei! So lange wir die mit uns herumschleppen -- ehe wir diesen
schmierigen Fetzen nicht von uns abreißen, kommen wir nicht wieder
fußfrei auf die Beine. Wie haben unsere Feinde es geschafft! Dadurch,
daß sie brutal sind -- brutal im Denken, im Handeln -- brutal ihre
Energie, brutal ihre Grausamkeit, ihre Tücke, ihre Feigheit, ihre
Verlogenheit! Noch immer hat Gewalt mit Verbrecherhänden die Weltpolitik
gemacht -- wir aber faseln, auch heute noch, von Weltgewissen. Als ob
das Gewissen der Welt nicht der schamlose Nutzen wäre! Und faseln wir
nicht, keifen wir, wie Weiber auf der Treppe.«
Tust du letzteres nicht selbst ein wenig, mußte Horst wieder denken. Er
blickte auf den gewaltigen Mann, der in drohender Haltung neben ihm saß,
den Kopf gehoben, die mächtigen Augen geweitet, keuchend wie zum Kampf.
Ehrlich in jeder Faser -- und sah doch in seinem ehrlichen Zorn an etwas
vorbei, das er selber in sich trug.
Auch einer von denen, die so gern, so gern brutal sein wollten und
konnten es nicht. Dies unser Grimmen und Fluchen -- ist es nicht ein
Sich-Wehren gegen die weiche Stelle in uns, die wir alle haben, die nur
nicht das Mächtige werden darf über uns, ohne die wir aber in unserem
Wesen verstümmelt wären!
Und Horst will es ihm sagen: wir werden sie nicht los unsere
Empfindsamkeit. Sie gehört zu uns. Sie ist ein Teil unserer Kraft. So
dürfen wir sie auch nicht bekämpfen, und sie und uns damit schwächen --
nur in die rechte Bahn, in den starken Strom unseres Lebens sollen wir
ihre Quellen leiten, und sie hilft uns zu unserem großen Werk. Ohne sie
können wir nicht siegen, sie wird dabei sein, sie muß dabei sein -- und
der Triumph der Empfindsamkeit ist auch der Triumph und die Freiheit des
deutschen Geistes, des deutschen Volkes! So werden wir siegen!
Er formte noch an den Worten, daß sie eindringlich sprechen sollten, da
tauchten schon die Lichter der Stadt vor ihnen auf. Borkhus dachte an
die Versammlung und ließ sich den Anfang seiner Rede durch den Kopf
gehen.
Dann wandte er sich zu Horst, mit treuherzigem Lachen und das Herrische
war im Versinken: »wissen Sie, daß ich einen heillosen Bammel habe?«
»Wovor?«
»Nun vorm öffentlichen Auftreten! Lieber ins Trommelfeuer, in einen
Gasangriff als auf die Rednerbühne! Ein Zustand, in dem man sich nach
einem Schlaganfall sehnt --«
»Dann --«
»Würden Sie es lassen, wollen Sie sagen!«
»Ich meinte eigentlich, damit bringen Sie doch der Partei ein großes
Opfer.«
»Nicht so ganz. Es ist doch hier wie überall ein gehöriger Schuß
Eitelkeit dabei. Und der Ärger, daß man diese Angst, diesen kleinen
Schweinhund, nicht unterkriegt.« Die jungen Pferde gingen unruhig in
seiner Hand. »Sehen Sie, meinen Tatterzustand merken selbst die Rösser.«
In dem Gasthof, dessen Saal für die Versammlung bestimmt war, spannten
sie aus. Der Wirt, gar nicht unterwürfig, ein trockener, grader, ernster
Mann mit soldatischem Blick nahm den Baron gleich beiseite.
»Ich habe die Rednerbühne eben noch umstellen lassen.«
»Warum?«
»Sie stand doch an der Wand unter dem Altan.«
»Nun ja -- und?«
»Die Galerie hat unser Janhagel besetzt.«
»Ja so. Und nun meinen Sie, aller Segen kommt von oben!«
»Ich trau ihren Taschen nicht und nicht ihren Manieren, solange die
Berliner Hetzer hier herumwirken.«
»Die Hetzer. Da haben wir sie wieder.« Aber in des Barons unwillig müde
Züge war jetzt etwas freudig Gespanntes getreten, eine Kampfeslust. Sein
Kulissenfieber war gebannt.
Der Saal füllte sich, Bürger, Arbeiter, Frauen. Ein paar Mütter kamen
mit Kindern angeschleift. Versteckten sie dann aber, doch bedenklich
geworden, zwischen ihren Knien.
Behutsam fanden sich jetzt auch einzelne Honoratioren und Akademiker
ein, Herren vom Gericht und vom Gymnasium. Ihre Damen waren wohlweislich
zu Hause geblieben.
Gar nicht behutsam aber trat Dr. Georg Stump auf den Plan. Er gab
Deutsch, Religion und Turnen am Gymnasium, war mit seinem ungebärdigen
Draufgängertum ein Schrecken des Direktors, aber ein Abgott der jüngeren
Jungen.
Er musterte die Arena, hob den kurzgeschorenen Bulldoggenkopf mit den
großen runden Augen zu der Galerie empor, auf der sich die knallrote
Jungmannschaft, von zwei Berliner Spartakisten betreut, mit
weltüberlegener Grandezza hinlümmelte. Aha, sagte er sich, da seid ihr
also! Eure Anwesenheit, eure Haltung und Führung verspricht Erlebnisse.
Jetzt erschien ein Trupp, der auf der Galerie Bewegung weckte. Siedler
waren es, die von Hohenmoor zu Fuß gekommen, zehn Mann, Elbenfried und
Eggert unter ihnen. Dankwart, der sich von seinen Tabellen nicht trennen
konnte, und Gisbert, der im Dienst war, hatten Kunz bewegen wollen,
mitzugehen. Der aber erklärte: »Politische Versammlung -- nee Kinder!
Lieber 'n Geburtshilfekursus in Ostgalizien!« Pfiff seinem Muz, nahm die
Büchsflinte und suchte zwischen Schnee und Mondschein jagdbares Wild.
Auf der Bühne versammelte sich jetzt das Komitee, Mitglieder der
bürgerlichen Parteien, die wohlmeinend und ganz allgemein zu einer
»Aussprache der Vaterlandsfreunde« eingeladen hatten. Auch die
Sozialisten hatten zwei Redner gemeldet.
Vorsitzender war Herr Holzhändler Dobbertien, ein ergrauter Demokrat
guten alten Schlages, mit gesundem vaterländischen Empfinden.
Treuherzig, gemütlich, gütig, gerecht, von erklecklicher Ruhe, der
rechte Mann am rechten Platze -- durften nur die Wogen nicht allzu hoch
gehen.
Er eröffnete die Versammlung.
»Männer und Frauen«, begann er. Da unterbrach ihn quarrendes
Kindergeschrei. »Und Kinder müßte ich eigentlich fortfahren. Aber das
können Sie wirklich nicht verlangen. Wir sind hier kein Säuglingsheim.
Ich muß Sie bitten, die Kleinen zu Bett zu bringen.«
Da klang es von der Galerie: »Die haben keen Kinderfräulein zu Hause«,
und der erste Kampfruf, der erste Auftakt für die Feindseligkeiten hatte
sich eingestellt.
Die Mütter brachten die Kinder hinaus. Der Vorsitzende sprach unbeirrt
weiter. Sprach davon, daß es jetzt heiße, alle Mann an Bord -- alle zu
gemeinsamem Tun! Denn das Schiff sei leck gesprungen, die Stangen
niedergebrochen -- es treibe vorm Winde. Es müsse, müsse wieder
segelfertig werden, müsse dem Steuer wieder gehorchen, sonst gerieten
wir rettungslos auf Grund und müßten untergehen, allesamt. Und nur eine
Hilfe gäbe es aus der großen Not, daß wir allesamt Hand anlegten zu
gemeinsamem Werk. Allesamt, das wäre die Losung. So hätten sich hier
heute aus allen Parteilagern deutsche Männer und Frauen
zusammengefunden, die alle Zwistigkeiten vergessen wollten und Fühlung
miteinander nehmen für die eine große vaterländische Aufgabe.
Der Ton dieser einfachen Ansprache war echt und warm. In diesem und
jenem Frauenauge glänzte es feucht.
Die Worte hatten noch nicht ausgeschwungen, da sprang Dr. Stump in die
Höhe.
»Darf ich ums Wort bitten -- zur Geschäftsordnung!«
»Bitte!«
»Oder vielmehr zur Hausordnung. Es ist nicht angemessen und nicht
gebräuchlich, daß in solchen Versammlungen geraucht wird.«
»Quatsch!« schmetterte einer von oben.
»Ich ersuche den Herrn Vorsitzenden, im Interesse der Redner das Rauchen
zu verbieten.« Georg Stump war selbst ein leidenschaftlicher Raucher. Er
ärgerte sich, daß er sich anständig benahm, während die anderen pafften.
Der Vorsitzende zauderte. Seine Unentschlossenheit entfesselte die
Galerie.
»Rauchfreiheit!« brüllte einer. An alles wird Freiheit als Schwanz
gehängt. Und ein anderer schrie gebietend: »Wenns mir roochert, rooche
ich!«
»Abstimmen! Abstimmen!« riefen nachdrücklich ein paar Volldemokraten von
der heiligen Majorität.
Die Glocke des Vorsitzenden drang durch. »Ich will kein Verbot
aussprechen,« erklärte er mit richtiger Taktik, »ich bitte die
Anwesenden im Interesse der Redner und der Damen --«
Weiter ging es nun wirklich nicht. Warum mußte Vater Dobbertien auch so
altfränkisch sein!
»Die Damen schmökern ja selbst!« mußte er sich von unten belehren
lassen, wo mehr als eine ihre Rauchkringel durch die Luft drehte.
Horst schüttelte bedenklich den Kopf. Der Kasten wackelt, ganz
lächerlich wackelt er. Wenn es so weiter geht, fällt er zusammen.
Immerhin erreichte die Ermahnung des Präsidenten, daß die meisten ihre
Zigarre beiseite legten. Nur die souveräne Lebensart der Bergpartei
lachte ob so zager Rücksichtnahme.
»Ich werde als ersten Redner jetzt Herrn Baron von Borkhus das Wort
erteilen«, bestimmte der Versammlungsleiter. Das »werde« war falsch. Es
ließ Möglichkeiten offen.
Ein Murren rollte dumpf -- dann durchschnitt wieder der unsterbliche Ruf
»zur Geschäftsordnung!« die sich spannende Atmosphäre.
Ein Sozialist erhob sich. Wir sollten doch nicht in den alten Fehler
verfallen. Es gäbe keine Privilegierten mehr, und daß jemand, der der
alten Oberschicht angehörte, den Vortritt vor den anderen Rednern hätte,
entspräche nicht dem Geist der Zeit.
Mehrfache Bravos stimmten ihm zu. Aber gerade aus dem sozialistischen
Heerbann erstand ihm ein Widerpart. Die Herren »vom überwundenen
Standpunkt« sollten sich nur zuerst aussprechen! Es wäre schon die
richtige Anordnung: erst die alte, veraltete Zeit -- dann die neue! Der
das letzte Wort gebühre.
Und noch ein Dritter wollte hierzu reden. Horst schlug sich aufs Knie,
daß es knallte.
Ein junges Mädchen, das neben ihm saß, machte eine unwillige Bewegung.
Er hatte sie bisher gar nicht bemerkt. Jetzt wandte er sich wie zur
Entschuldigung an sie: »Sind wir nicht wieder einmal unsäglich deutsch!
Vor lauter Geschäftsordnung kommen wir nicht zum Geschäft.«
Ein Paar große Schwärmeraugen glühten ihm ins Gesicht. Ein heißer,
höhnischer Mund sprach: »Deutsch ist mir ein zu unwesentlicher Begriff.«
Dann drehte die Sprecherin sich ablehnend zur Seite.
Eine Deutsche war sie -- nicht die Spur eines fremden Lautes war in
ihrer Mundart. Und nun diese leidenschaftliche Absage! In den Worten
schlug Stahl auf Stein -- wie sprühten die Funken!
Horst lehnte sich lächelnd zurück -- womit hatte er solchen Zorn erregt?
Und spürte den flammenden Odem einer fremden Welt.
Er besah sich die feindliche Nachbarin. Was mit den Augen, diesen
brausenden Feuern, sich gegen ihn gewandt hatte, war ein ziemlich
breites Gesicht gewesen, mit vollen Nüstern und fleischigen Lippen.
Wie zart dagegen, wie fein und edel die Linien des Profils. Ein Genuß,
sie mit den Augen nachzuzeichnen. Der schlanken Biegung des Nackens zu
folgen, bis zu dem schweren, dunklen Haarknoten.
Der ganz erlesene Geschmack ihrer schlichten schwarzen Kleidung zog die
Gedanken noch lebhafter an.
Wer war sie?
Aus seiner Frage warf ihn ein Tumult.
Sie saßen immer noch in der Geschäftsordnungsdebatte. Da war in der
anderen Ecke des Saales jemand aufgesprungen. War dann auf den Tisch
gestiegen, eine junge, knabenhafte Gestalt, und eine helle, schmetternde
Stimme verkündete: »Was treiben wir hier für Albernheiten! Was dreschen
wir hier für Stroh!«
»Sie haben nicht das Wort«, rief eindringlich der Vorsitzende.
»Draußen stürmt der Geist der Zeit!« gellte die Stimme ungestört weiter.
»Die neue Revolution! Die volle Arbeit macht! Ohne die falsche verlogene
Sentimentalität! Die uns die erste verpfuscht hat! Das Chaos brauchen
wir! Für die neue Saat --«
Die Neugierde und Spannung hatte dem eigenwilligen Redner Frist gewährt.
Jetzt drang der Unmut der Ordnungsliebenden durch. Die Glocke vom
Vorstandstisch übertönte die schreiende Willkür des einen.
Und nun geschah etwas Bezwingendes mit fröhlichem Einklang. Der Riese
der Stadt, ein mächtiger Bierfahrer, nahm schmunzelnd den immer noch
Redenden wie ein Kind auf den Arm und setzte ihn vom Tisch.
Ein Lachen ging durch den ganzen Saal, das die Galerie auf eine Minute
wehrlos machte. Dann setzten die wilden Rufe ein: »Ausreden lassen!« --
»Redefreiheit!« -- »Haut den langen Laban!« Aber sie verpufften in dem
Raum, den der Humor ausgepolstert hatte.
Herr von Borkhus aber durfte der Erwägung sich überlassen, ob es noch
ernstlich lohne, hier ernstlich zu reden! Eine Versammlung? Nein, ein
zwangloses, durch Ulk gewürztes Beisammensein! Der kleine Schweinhund in
ihm gab ihm sehr lebendig recht. Aber schließlich, die Menge wollte ihre
Sensation. Die zu Gast geladenen wollten ihr Bratenstück. Schon griffen
aller Augen nach ihm, dem unleugbar Kraft- und Saftvollsten unter den
Politikern hier, dem Gefeierten und Gescholtenen, dem Verehrten und
Gehaßten. Sie alle wollten ihn hören, die Freunde und erst recht die
Feinde.
So trat die große schwere Stille ein, als der Vorsitzende verkündete:
»Das Wort hat jetzt als erster Redner Herr von Borkhus!«
Der Redner erhob sich langsam und trat ruhig vor mit seinen wuchtenden
Schritten. Die Nerven schlugen in dem mächtigen Körper -- in gleichem
Maß schwangen die Fieber all der Menschen, die da unten sich ihm
entgegenspannten. Die Fühlung war hergestellt, der Gleichtakt der Pulse
in Liebe und Haß.
Mit Orgelklang umfing die Hörer das schwellende Organ, und etwas wie
Feier war in dem, was er sprach.
»Volksgenossen! Dies ist das deutsche Schicksal, dies der Herzschlag der
deutschen Geschichte: daß nichts auf der Welt die Kinder der deutschen
Erde über alle die Unterschiede, die die einzelnen voneinander trennen
oder gar miteinander verfeinden, zu einer festen Gemeinschaft
zusammenschließen kann -- nichts auf der Welt, als das grimmigste Leid!
Immer nur aus der tiefsten Not wird unsere Einheit geboren. Wann aber
ist unsere Not je so tief gewesen wie heute? Wann hat sie sich je so
tief in unsere Seelen eingefressen -- wann war ihr jemals soviel Schmach
beigemischt! Und darum müssen gerade unsere Tage, trotz aller Wirren und
Zerwürfnisse, uns in eine Zusammengehörigkeit schmieden, wie unsere
Geschichte sie noch nicht gesehen hat! Unsere Zusammengehörigkeit -- das
ist die große lebendige Macht, das ist der mächtige lebendige Wall, den
wir der Hörigkeit entgegenzusetzen haben, mit der die Feinde uns
bedrohen!«
Mit lautem Bravo grüßten diese Rhetorik Gesinnungsgenossen und Freunde
der Wortprägung. Aber solche allzu frühe laute Anerkennung war
bedenklich. Schon kam Bewegung in die Reihen der Gegner. Horst sah, wie
es im Nacken seiner Nachbarin zuckte, wie feindlich die Nasenflügel
witterten. Die Lippen zogen sich kurz zusammen und entblößten die
spitzen, grausamen Zähne. Ein böses schönes Raubtier spannte sie sich.
Der Redner spürte die Wellenbewegung wohl -- er wollte sie zwingen!
Er sprach mit Hingebung von der Nation -- daß das Volkstum erst das
Leben des Staates sei. Es sei aber auch das Leben der Menschheit. Eine
andere Menschheit als die der Völker gäbe es nicht. »Nur als Deutsche
sind wir Menschen und können wir Menschen sein.«
Hier fingen die Internationalen an, sich gemaßregelt zu fühlen, und ein
schon lebhaftes Murren rollte dumpf durch den Saal.
Der Redner wußte, daß er ein heikles Gebiet betreten hatte, aber die
Gefahr steigerte und stärkte ihn. Mit hoch erhobener Stimme führte er
den Hammerschlag: »Und wir -- wir Deutsche haben unsere Menschenwürde
nur in unserem deutschen Empfinden!«
Das schmetterte nieder auf die empfindlich gewordenen. Ein dumpfes
Aufstöhnen von Zorn und Wut -- dann brandete lauter Unwille gegen die
Rednerbühne. Die Geister erhitzten sich mehr und mehr und hetzten sich
leidenschaftlich auf. »Menschenwürde« -- dies Wort wurde zum Verhängnis.
»Du willst von Menschenwürde reden!« rief es von oben, und dann brüllte
einer durch den Saal: »Du Würger!«
Jetzt hatten sie den Kampfruf, den vernichtenden! Und wieder schrie es:
»Würger« -- und dann tobten sie da auf der Galerie im Chor und im Takt:
»Würger!« »Würger!« »Würger!«
Borkhus zuckte zusammen, schmerzlich wild weiteten sich seine mächtigen
Augen. Wie Messer stachen die Rufe weiter auf ihn ein, da die Tobenden
sahen, daß er litt! Die Grausamkeit berauschte sich. Die Bestie hatte
die Pranken gezuckt. Blutdunst legte sich auf die Sinne.
Alle hatte es aufgezogen von ihren Sitzen. Die einen zum Sturm, die
anderen zur Wehr.
Eher als Horst war seine Nachbarin aufgesprungen. Ihre Glieder flogen,
Stichflammen brachen aus ihren Augen, durch die Lippen ging ein
zitterndes Schlürfen. Die ganze Gestalt war verzückte Gier. Ihm erschien
sie fast als Dämon dieser Stunde.
Ihre Finger krallten sich um die Stuhllehne -- im gleichen Augenblick
brach und splitterte Holz auf dem Balkon -- Borkhus, der unter der Wucht
des furchtbaren Wortes sich gebeugt hatte, war jetzt aufgereckt -- die
Arme gestreckt, die Brust geweitet, wie zum Kampf trat er an den
äußersten Rand der Bühne.
Da in tosendem Wettersturm brach es über ihn her, Trümmer von Stühlen
prasselten von der Galerie auf ihn nieder, zerschlugen ihm Kopf und
Gesicht -- über Augen und Schläfen rann ihm das Blut.
Frauenstimmen kreischten und gellten auf.
Horst war gleich an des Wunden Seite. Auch ihm flogen noch Geschosse auf
Schulter und Nacken.
Schon aber war Dr. Stump fast über die Köpfe hinweg zur Tür geflogen --
fünf von den Siedlern, der Balbutz und der heilige Josef voran, brachen
ihm nach -- sie wollten die Burschen da oben einsperren und dingfest
machen.
Im Saale brauste das Meer. Die Glocke des Präsidenten, immerfort
geschwungen, hauchte sich aus in kläglichem Wimmern. Ein Fels in der
Brandung, stand der Riese, der Bierfahrer, die machtvollen Flossen
gehoben, drohend und beschwichtigend zugleich. Sie sagten, was Worte in
dem Tosen nicht vermochten; hier unten Hände in Ruh!
Die einzelnen Gegner standen wie die jungen Hähne, Auge in Auge, Nase an
Nase -- sie zischten, schrien, keuchten sich ihre Wut ins Gesicht --
aber die Fäuste blieben gebändigt.
Und das rinnende Blut dort oben beschwor. Allmählich ebbte die Zornflut
ab --
Da tönten Schüsse auf dem Gang -- wieder die gellenden Frauenschreie im
Saal -- mit Schreck und Grauen zog vollends die Besinnung ein.
Draußen aber zerstob ein erbittertes Handgemenge -- die eingeschlossenen
hatten den Treppenausgang forciert, brachen mit Übermacht durch, einer
schoß auf den feindlichen Stoßtrupp, Dr. Stump kriegte einen Streifschuß
am Ohr -- was seine Fäuste den Fliehenden mitgaben, wurden die in
Monaten nicht wieder los.
Herr von Borkhus wurde von einem Arzt, der zur Stelle war, im Wohnzimmer
des Wirtes verbunden. Horst, der Handreichung leistete, blieb an seiner
Seite. Im Saal verliefen sich die Wasser. Ein Plätschern war es nur noch
-- schon konnten sie über das Geschehene sprechen, das hinter ihnen und
unter ihnen lag.
Der Wirt besah sich den Schaden, auf der Galerie, auf der Bühne, und
drehte das Licht aus. Nur eine müde Flamme über dem Podium blieb
brennen.
Und aus dem Dunkel, wie ein Spuk, schlürfte ein altes gebücktes Weib mit
Scheuertuch und Eimer. Stieg keuchend auf die Bühne und wusch
kopfschüttelnd und brummig das Blut von den Dielen.