Er schritt durch die Winternacht über die Heide. Von Kristall war die
Mondwelt, die Luft klirrte und klang.
Nach der Hügelkette, die ihm zur Seite blieb, sah er hinauf, »die
Goldberge« hießen die Höhen -- Geheimnisse schliefen in ihrem Schoß.
Nun ließ er seinen Weg und stieg auf die Gipfel. Hier stand er und
blickte ins Land, auf das Reich seines Schaffens.
Sein Reich -- eben hatte er den letzten Kampf bestanden, es sich und den
Seinen zu gewinnen. Er kam aus der Kreisstadt. Nach endlosen
Verhandlungen war es ihm heute gelungen, deren Väter, die trägen, die
übelwollenden, die argwöhnischen Gemüter sich zu beugen. Die verfallene
Ziegelei, die niemand kaufen, niemand pachten wollte, war samt dem
Gelände jetzt ihm und seiner Siedler-Mannschaft gesichert. Damit erst
war das ganze Siedlungswerk auf festen Grund gestellt.
Die Ziegelei mit ihren Tonfeldern, auf der anderen Seite das Moor und
sein Torfstich, ein Stück Kiefernwald, bereit, die Balken und Bretter zu
liefern, reichlich Kulturboden und weites Heideland zum Urbarmachen --
was brauchte man mehr zum Bauen und Hausen!
Die Brust schwoll ihm, tief tranken seine Lungen die mondhelle Luft.
Im Osten strahlte die See, vom Himmel beleuchtet bis an den Saum des
Horizonts. Kein Schiff war zu sehen, kein Dampfer, kein Segler -- das
tote deutsche Meer.
Da zuckte es schmerzhaft durch ihn hin, und er wandte sich wieder
landeinwärts. Schritt herab von der Höhe, schritt wieder seinen Weg über
die Heide. Er warf den Druck von sich, seine Sehnen federten wie im
Marsch. Das Lied der deutschen Jugend, das durch die Seelen zog, kam ihm
in den gestrafften Sinn, und er sang sich die Worte:
Wir sind die Jungen, in Not gestählt,
in Schmerzen geworden, in Schmerzen erwählt.
Deutsche Erde, die uns erschuf,
deutsche Erde, uns gilt dein Ruf.
Wir sind geweiht, wir schließen die Reih'n!
Frei sollst du sein!
Wir sind die Jungen! In unserm Sinnen
du bist der Ausgang, du das Beginnen.
Nicht einen Bissen von deutschem Korn,
nicht einen Tropfen aus deutschem Born,
Deutschland, daß wir nicht dächten dein!
Frei sollst du sein!
Wir sind die Jungen! Wir sind die Kraft,
jede Faser gestrafft und gerafft,
wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,
siehst du die nächtigen Wolken lohen?
Wir sind des Frührots lachender Schein!
Frei sollst du sein!
Wir sind die Jungen -- die Herzen fliegen!
Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen!
Unter die Füße den tückischen Haß,
seine Ketten zerspringen wie Glas.
Unser Gebet, unser Feldgeschrei:
Frei sollst du sein!
Wir machen dich frei!
Er war am Ziel. Die Baracke, die an den kiefernbestandenen Hang sich
lehnte, war sein Quartier.
Der Bretterbau lag dunkel, die Kameraden hatten nicht mehr auf ihn
gewartet. Er klopfte im Dreischlag, der Mann, der die Wache hatte, war
gleich zur Hand, steckte eine Kerze an und öffnete ihm.
»Guten Abend, Runge, oder Guten Morgen!« grüßte der Eintretende.
»Guten Abend, Herr Hauptmann.«
»Wir haben jetzt auch die Ziegelei.«
»Das ist famost!« In dem verschlafenen viereckigen Gesicht des
Wachmannes tanzten freudig die kleinen Augen wie feurige Punkte.
Dann berichtete er »nichts zu melden, Herr Hauptmann«, und jeder ging in
sein Losament. Der Wachthabende in das kleine Gemach rechts vom Eingang,
Hauptmann Horst Oldefeld in sein Zimmer, das gegenüber lag.
Ein kahler, niedriger, einfenstriger Raum, in dem nichts als ein Tisch,
zwei Stühle und ein eiserner Ofen stand. Das Bett war ein
Bretterverschlag an der Wand, mit Strohsack und wollener Decke. Lag es
sich hart und kalt darin, hatte er die Bannworte bereit: Schützengraben
und Champagne! Durch Dreck geschleift -- in Dreck verkrustet! Und er
kuschelte sich ein voll unbändigen Behagens.
Morgens war er der erste auf. Holte sich die große blecherne
Waschschüssel voll Schnee, und rieb sich mit der himmlischen Frische ab
von Kopf zu Füßen. Dann im Mantel an den Tisch zum Schreibwerk, und er
dampfte von Wärme in dem ausgekühlten Raum.
Nicht lange, da trat der Hauptmann Dankwart Hamerslag bei ihm ein. Hart,
ernst, wortkarg. Das Lid über dem rechten Auge infolge eines
Kopfschusses halb gesenkt, der linke Arm steif, ein Granatsplitter stak
noch in der Schulter.
»Morgen, Junge«, grüßte ihn Horst. »Also die Städter hätten wir jetzt
auch erschlagen.«
»Hörte schon.«
»Endlich die freie Bahn! Nun geht's aber auch mit heidi! Heut werden
also Bäume gefällt.«
»Ja.«
»Ich will selbst den ganzen Tag dabei sein. Du übernimmst dann das
Bureau.«
»Gern. Nur --«
»Was?«
»Ich bin mit meiner technischen Berechnung noch nicht durch --«
»Für die Kraftanlage?«
»Ja.«
»Das geht natürlich vor. Dann muß Gisbert den Schreibkram hier machen.
Ich wollte die beiden Jungen sonst mit rausnehmen.«
Die beiden Jungen waren die Oberleutnants Gisbert Hegendorf und Kunz
Rutenberg. Sie schliefen und hausten in einem Gelaß.
Gisbert in seinem Verschlag war der erste, der sich rührte. Langsam
fanden seine schweren Traumaugen den Weg in den Morgen. Die langen
Finger tasteten, der Wirklichkeit ungewiß, wie fragend nach dem Kopf,
dann zuversichtlich geworden, fuhren sie glättend über das weiche blonde
Haar. Und nun reckten sich die schlanken Glieder ins Wache, ins Leben.
Kunz schlief noch fest. Wie ein kleiner Junge lag er, den harten,
kurzgeschorenen Kopf in den runden Arm geborgen. Zu Füßen seines Lagers
hatte Muz sich hingerollt, ein junger Schäferhund, nicht ganz rein von
Rasse, aber um so reiner von Gesinnung, wie sein Herr kritischer Schärfe
der Betrachtung zu wehren liebte.
Gisbert streckte die langen Beine in den kalten Weltenraum und rief:
»Kunz!« Kunz machte den Arm noch runder und schlief weiter.
Gisbert prustete von der Waschschüssel auf: »Kunz!« Kunz knurrte und
schmatzte und schnalzte nach einem Schimpfwort, gurgelte es zurück und
schnarchte wieder ein.
Jetzt aber trat Muz in Tätigkeit. Erhob sich, zog sich lang und länger
die Hinterfüße aus dem Leib und schleifte sich so zu dem Lager des
Unerbittlichen. Wie tröstend legte er die Schnauze auf die Schlafdecke
und ließ den Schwanz pendeln gleich einem Perpendikel. Es ist Zeit, es
ist Zeit, es ist Zeit -- und allmählich immer lebhafter: es ist hohe,
hohe Zeit! es ist hohe, hohe Zeit!
Diese leise Weckuhr brachte den Schläfer zuverlässig zur Besinnung.
Seine Finger fühlten sich zu dem weichen Ohr der Uhr, streichelten das
samtene Fell, sie bekamen ihre Regsamkeit und lösten den ganzen Leib aus
seiner Starre. Und jetzt landete Kunz Rutenberg mit schnellem Sprung aus
dem Bett auf dem harten Dasein und schimpfte sich hier vollends
bodenständig.
»Bande,« rief er, »Bande!« Und gähnte und schalt. »Was wollt ihr
eigentlich von mir, was hab ich eigentlich bei euch zu suchen --
ihr Eisenfresser der Pflicht -- ihr Barackenheilige -- ihr
Kartoffelsuppenspartaner -- ihr Strohsackasketen -- ihr Flagellanten der
Arbeit -- was soll ich bei euch -- in eurer Arche düsterster
Enthaltsamkeit!«
Die gekeuchten Worte gaben den Takt, nach dem er sich wusch und sich
frottierte.
»Das Licht ist, was ich liebe -- das Licht ist, was ich suche -- Geigen
sollen schwirren -- prickelnde, knisternde Weisen will ich --
Farbenfunken sollen sprühen -- über duftendes Frauenhaar -- das perlende
Leben will ich, aus dem Glas, von den Lippen -- nicht die dunkle,
hundekalte, muffige Öde eures elend ungehobelten Bretterstalls!«
Er schnob gewaltig.
Gisbert lächelte schweigend hinein in seine langen, feinen, edel
gebogenen Züge. Dieses Geschmetter in den Morgen brachte ihm an sich
keine Überraschung. Damit pflegte Kunz, der hurtige, Tag für Tag sich
den Mund auszuspülen. Was dem stilleren Stubengenossen eine leise Freude
gab, war die scheinbare Unerschöpflichkeit des Sprachschatzes, der
täglich neue Gaben ausschüttete.
Kunz war zuerst mit dem Anzug fertig und drängte nun zum Tageswerk. Er
nannte das -- um sich vor sich selber treu zu bleiben -- den Tag
schupsen, daß er eher zu Ende gehe.
Gisberts sorgliche Genauigkeit bekam jetzt von ihm die Peitsche, und
bald standen auch die beiden bei Horst im Zimmer. Hier hörten sie gleich
von dem Erwerb der Ziegelei, der die Erlösung brachte. Niemand strahlte
froher als Kunz. Und wie leuchteten die Augen bei diesem Sybariten des
Wortes, als er hörte, daß er mit zu der harten Arbeit des Baumfällens
ausersehen sei.
Mit dem Glockenschlag versammelten sich alle in der Halle zum Frühstück,
alle Siedler, Führer und Mannschaft gemeinsam -- es waren im ganzen
ihrer dreiundzwanzig.
Sie saßen ohne irgendwelche Rangordnung durcheinander. Der
kameradschaftliche Grundsatz herrschte durchaus vor. Freiwillig hatten
die Männer sich zusammengefunden zu schwerem, ernstem, gemeinsamem Werk,
von dem sie meinten, es könnte vorbildlich sein. Von dem sie hofften, es
könnte Hilfe bringen dem armen, ach so bedürftigen Vaterland -- geringe
nur durch die Leistung selbst, doch größere durch das Beispiel. Ein
Werk, in dem eine Freudigkeit des Glaubens atmete, ein gehobener Wille.
Bauen, bauen wollen wir -- aufbauen -- was gibt es, das freier wäre, das
mehr in die Höhe ginge, das dem Göttlichen näher käme!
Und in lebendiger Gemeinsamkeit schaffen wir -- einer so nützlich, so
nötig, so unentbehrlich wie der andere -- alle uns gleich durch die
gleiche Pflicht, den gleichen Stolz, die gleiche Liebe zu dem, was wir
schaffen -- wie Glieder eines lebenden Wesens, das denkt und sorgt und
wirkt!
Heimstätten bauen wir, aus deutscher Erde, auf deutschem Land. So
unglückselig arm ist das Vaterland geworden, nur eins ist sein Reichtum,
das sind seine Kinder. Die drängen zu ihm hin, die schmiegen sich an
seine Brust, sie wollen, sie müssen bei ihm bleiben. Wie sie alle
kommen, wie sie sich mehren, es fehlen die Herde sie zu wärmen und zu
hüten. Deutsche Herde wollen wir bauen! Helfen wollen wir, daß kein
Deutscher heimatlos sei im deutschen Land.
Als wir in Wohlfahrt lebten, in übermütigem, gedankenlosem Glück, haben
wir so manche Strecken deutschen Bodens nicht geachtet oder gar
verachtet, haben wir über Ödland die Achseln gezuckt.
Nun bietet diese arme Erde sich dar, auch sie möchte nützen und helfen.
Und ist sie noch arm, da solche Kraft in ihr lebt? Uns liegt es ob, die
Kraft zu lösen und zu mehren, durch unserer Hirne, unserer Hände,
unserer Herzen Walten und Wirken. Ist das nicht wie Schöpfung? Ist das
nicht Gottesnähe? Ein andächtiges, ein tiefes, ein heiliges Werk.
Etwas von dieser Weihe lag auf jedem der Männer, die solchem
tiefinnerlichen Dienst an der deutschen Erde sich ergeben hatten.