Wolfrat hob verwundert die Augen. »An was?«

»Am Lachen!« sagte Frater Severin ernst.

»Sonst macht das Lachen die müden Leut lebendig. Kann eins denn sterben

am Lachen?«

»Leichter als an der Sorg. Mit dem Bruder Friedrich ist's gegangen, so

schnell, ich weiß nit wie.« Eine wehmütige Trauer war noch in Frater

Severins Augen, als er das Gesicht hinüberdrehte zu den offenen

Küchenfenstern, aus denen zarte, wohlduftende Dämpfe sich

herauskräuselten. Je länger Severin diese grauen Flatterfähnchen seines

ererbten Reiches betrachtete, um so fröhlicher wurden seine Augen; nun

fing er leise zu lachen an, und auf dem strebsamen Hügel seiner

Nabelstätte machten die verschlungenen Hände hurtighüpfende Bewegungen.

Dabei sagte er: »Eigentlich ist's ein schandbar Ding, daß man beim

Gedenken an eines guten Menschen gottseliges Sterbstündl so lustig wird.

Aber das ist gewesen wie ein Fastnachtsspiel, so übermütig, daß es der

Keckste von allen Klosterpoeten nit spassiger hätt ersinnen können.«

Er wischte die Lachtränen aus den kleinen Augen. Und während der Sudmann

aller drückenden Pein des Blockes zu vergessen schien, fing Frater

Severin zu erzählen an.

Daß der tonnenrunde Küchenmeister Friedrich vor Lachen sterben mußte,

das geschah in der Woche nach Sankt Jakobi. Schon seit Beginn des heißen

Sommers hatte es den schwerbefrachteten, an Luftnot und Aderverhärtung

leidenden Bruder -- wie Frater Severin sich ausdrückte -- >arg beim

Zwickel<. Jeder Schnaufer wurde ihm zu einer so harten Mühsal, wie wenn

man ein gewichtiges Essigfaß heraufziehen muß über die steile

Kellertreppe und es quieksen beim Rutschen die Dauben und Reifen. Seit

einigen Tagen wollte ihm auch der Marksaft der Schneerosenwurzel nimmer

richtig helfen, den gedrosselten Atem nicht mehr erleichtern. Dennoch

harrte er, wie eine arme Seele auf den Himmel wartet, an jedem Morgen

auf die Mittagsstunde, in der ihm nach sparsamer Krankenkost die >zwei

Tropfen< gereicht wurden. Wollte die Erleichterung dann nicht kommen, so

bettelte er hundertmal wie ein krankes Bübl: »Noch! Noch!« Hätte man es

ihm nicht gewehrt, er hätte den Nießwurzgeist geschluckt wie Rechberger

Auslese -- Frater Severin sagte: >wie des liebreichen Himmels

allerhöchste Gnad<. Immer mußte jemand bei dem Kranken sitzen und ihm

den Weg zum Fenster versperren, wo die kleine Phiole mit dem

wasserklaren Schneerosenblut in der Sonne stand, um die belebende Kraft

des Heilsaftes in der firmamentischen Wärme zu steigern.

»Und da bin ich am Freitag nach Sankt Jakobi neben seinem Lehnstuhl in

der Küchenzell gesessen. In seiner schmerzhaften Sehnsucht hat er mit

den eingesunkenen Durstaugen allweil hinübergeschaut zum Fenster, hat

allweil die Hand gestreckt, die so rund gewesen ist wie ein

Butterkrapfen. Und endlich hat das Stündl geschlagen, wo ich das Fläschl

hab holen dürfen. Sein Gesicht, ui jei, das ist gewesen wie eine

mondgewordene Menschenfreud. Und derweil ich fürsichtig die zwei

Tröpflen hineinfallen laß in seinen gewässerten Metbecher, geht draußen

in der Küch ein Bubengelächter los, daß man meinen hätt können, der

Teufel hätt seinen Schwanz verloren. Ich stell das Fläschl auf den Tisch

und spring zur Tür hinüber, will gucken, was da draußen geschehen ist --

und da seh ich die Küchenbrüder und Laufbuben herumstehen um die

Anrichttafel. Und jeder von ihnen muß sich vor Lachen zusammenbiegen,

muß die gespreizten Händ heben oder ein Hockerl machen. Und der Walti

schreit wie ein lustiger Narr: >Mirakel, Mirakel, der Frater

Küchenmeister hat --< Er kann vor Lachen nit weiterreden. >Was hat er?<

frag ich. Und der Walti kudert: >Ein Kindl hat er gekriegt! Das schaut

ihm gleich wie ein grünes Johannisbeerl dem Kürbis!< Ich will dem Buben

wegen seiner ehrfurchtswidrigen Red eine Gesunde hinter die Ohren hauen.

Aber kaum ich hinguck auf die Anrichttafel, da muß ich selber lachen --

ui jei, schau her, ich kann schier nimmer reden, so tut mir das Lachen

weh!«

Frater Severins runde Mitte wackelte so hurtig, als wäre die Erinnerung

für ihn zu einer Wirklichkeit geworden, die er abermals erlebte. Auch

Wolfrat in seinen Schmerzen mußte schmunzeln und sagte: »Ich hätt mir im

Leben nit denken mögen, was für ein kurzweilig Ding das sein kann, im

Block sitzen.« Und weil der Frater in seinem fröhlichen Erinnern noch

immer schweigsam blieb, fragte der Sudmann: »Sag? Warum ist's in der

Klosterküch am selbigen Freitag nach Jakobi so lustig zugegangen?«

Einer von den Küchenjungen hatte einen Bubenscherz getrieben, um den

sich so viel Heiterkeit entspann, daß die Lachenden nicht merkten, wie

grausam er war.

Halb aufrecht, mit den unbehilflichen Zappelhändchen in der Luft, saß

inmitten der großen Anrichttafel ein winziges, drollig entstelltes,

weißgrünes Geschöpf, wie ein kugelförmiger Märchenzwerg -- ein

Laubfrosch, den der Küchenjunge mit einem Strohhalm aufgeblasen hatte.

Weil das Tier bei der prallen Rundung seines silberweißen Ränzleins

nimmer auf alle Viere kam, mußte es aufgerichtet sitzen gleich einem

gläsernen Männlein Steh-auf. Bei der geringsten Bewegung geriet es ins

Kollern und überrollte sich ein paarmal, bis es sich mit den

Hinterpfoten wieder an der Tischplatte festsaugen und zu dieser

Predigerstellung aufrichten konnte, die von unwiderstehlicher Komik war.

»Ist kein neuer Spaß gewesen, Gott bewahr,« sagte Frater Severin, »die

Unsinnigkeit der jungen Menschenleut ist ein ewiges Ding, und jeder

Lausbub lernt es vom andern. Man hätt sich ärgern sollen in

Barmherzigkeit. Aber das kürbisfeiste Fröschl hat ausgeschaut -- meiner

Seel, es hat grad so ausgeschaut als wie --« Er mußte wieder verstummen,

weil ihn die lustige Erinnerung aufs neue überwältigte.

Wie der kleine, um das Vielfache seines Umfanges ausgedehnte Frosch so

inmitten der großen Tafel saß, glich er in seiner vorderen, milchweißen

Hälfte einem drastisch geformten Augustinerpüppchen. Und mit der

straffgedunsenen Trommel, mit den hilflos tappenden Händchen, die immer

zu verlangen schienen: »Noch!«, und mit den weißen Schlotterbacken unter

dem klagend verzogenen Mundschnitt hatte das Fröschl mit dem leidenden

Frater Küchenmeister in seiner weißen rundgepolsterten Kutte eine so

flink erkennbare Ähnlichkeit, daß jeder vom Gesind der Klosterküche bei

diesem Anblick brüllen mußte, ob er wollte oder nicht.

»Und derweil wir alle so kudern, hören wir gählings hinter uns ein

Lachen, als tät einer mächtig herumklopfen auf einem hohlen Faß. Wir

gucken wie die Narren. Und was sagst du -- der Frater Küchenmeister, der

seit Wochen schier nimmer aus seinem Lehnstuhl gekommen ist, steht fest

und munter vor uns da! Kann schnaufen wie ein Gesunder! Und lacht und

lacht, ui jei, ich sag dir, in seinen Äugerln ist's gewesen wie

neuvergoldeter Lebensglanz. Und er muß auch gleich gemerkt haben, was

uns alle so lustig macht. >Hoi,< sagt er, streicht wie ein Schwimmer die

runden Händ auseinander, schupft zur Linken und Rechten einen Laufbuben

davon -- >hoi,< sagt er, >so lasset mich doch ein lützel hingucken zu

meinem Ebenbild!< Und da muß er lachen, daß er nimmer hat reden können!

Und buckelt sich mit Brust und Armen über die Tafel hin. Und lacht und

lacht, als hätt er so was Viehnärrisches im Leben noch nie gesehen. Und

wie wir alle vom Brüllen schon müd geworden sind, und es ist ein lützel

stiller um die Tafel gewesen, da hören wir ein feines, langgezogenes

Tönlein -- piiiiiiiii -- als tät ein Spielmann lindhändig über die

Fiedel streichen. Erst haben wir gemeint, der Frater Küchenmeister hätt

so geschnauft. Aber Gott bewahr! Das ist die Luft gewesen, die dem

Fröschl wieder entronnen ist. Und wie ihm so langsam das Bäuchl

schwindet, und wie wir das Fröschl so als Singvogel ^in contrario^ haben

schrumpfen sehen zu der neidhaften Magerkeit, die der liebe Gott bei

Erschaffung der Welt den Laubfröschen gegeben hat -- ui jei, das kannst

du mir glauben, Sudmann, das ist von allem das Allerlustigste gewesen.«

Frater Severin mußte Atem holen.

»Wir brüllen noch alle, derweil das Fröschl munter und vergnügt schon

auf der Anrichttafel herumhupft und einen Ausweg sucht. Da merk ich

gählings, daß der Frater Küchenmeister nimmer lacht. >Bruder, was ist

dir?< frag ich. Und wie ich ihn anrühr beim Ellbogen, rutscht er langsam

von der Tafel auf den Boden hin. Und ist ein maustoter Mann gewesen! --

Freilich, der Tod schaut allweil aus wie ein trauriges Ding. Aber am

Lachen sterben? Ist das nit besser, als sterben an der Pest?«

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 47 / 52 题