Eine Weile schwieg der Frater. Dann sagte er ein bißchen verdrießlich:
»Mir hat man selbigsmal den Fürwurf gemacht, ich hätt nit obacht gegeben
auf das Fläschl mit dem Nießwurzgeist. Zehn Tropfen, heißt es, machen
tot. Aber ich laß mir ein Ding, das mich reuen müßt, nit einreden. Das
Fläschl wird umgefallen sein, und das Schneerosenblut ist ausgeronnen
und verdunstet.« Er lächelte schon wieder. »Und denk, das Fröschl hat
keiner mehr gesehen. Möcht wissen, was geschehen ist mit ihm. Und ob's
noch lebt?«
Der Sudmann murrte: »Möcht lieber wissen, wer den Kuchlbuben bei den
Ohren genommen hat?«
»Freilich, ja!« Frater Severin nickte nachdenklich vor sich hin. »Aber
--« Sein fettes Rundgesicht bekam den Ausdruck tiefster Philosophie:
»Wer blast denn _uns_ so auf?« Langsam strich er mit den Händen über
sein >vollgedrücktes Maß<. Und weil ihm Wolfrat keine Antwort gab, hob
er die Bitsche von der Erde und hielt sie dem Sudmann an den Mund:
»Komm! Schluck wieder ein lützel!«
Wolfrat trank.
»Der liebe Herrgott soll's gedeihen lassen!« seufzte Frater Severin, sog
den Rest aus der Kanne und ging davon. »Auf den Abend komm ich wieder.«
Er hatte da ein Versprechen gegeben, das er nicht halten konnte. Denn
als die Sonne von den Dächern geschwunden war, als es zwischen den hohen
Mauern schon zu dämmern begann und Wolfrat einmal aufblickte, stand Herr
Heinrich vor ihm.
»Nun? Wird's dir schon bald zu lang?«
Wolfrat schüttelte den Kopf. »Ach, lieber, guter Herr! Ich sitz mit
Freuden, bis ich umfall. Das ist doch keine Straf.«
»So? Meinst du?« Herr Heinrich setzte sich auf den Block. »Dann muß ich
raiten mit dir. Hast du nicht Sünde mit Reue, Blut mit Blut bezahlt?
Hast du für das Leben, das du dem Jäger nehmen wolltest, nicht dein
eigenes Leben schier hingeben müssen? Hat dich nicht einer, der klüger
ist als alle Richter der Welt, ein halb Jahr lang in den Block gelegt?
Trägst du nicht ein Merkzeichen davon für deine Lebzeit? Und den
Steinbock hast du teuer genug erkauft: mit dem letzten Blick deines
Kindes. Hätt ich dich härter strafen können?«
Wolfrat ließ den Kopf sinken.
»Schau, noch keiner hat, wo er Böses gesät, eine volle Ähre geschnitten.
Einen wachsenden Kern hat nur das Gute. Man muß nur nicht allweil gleich
die eigene Scheuer damit füllen wollen, muß auch säen können, wo andere
ernten.«
»Wohl, Herr, das muß heilig wahr sein. Was wär denn jetzt mit mir,
wenn's nit gute Leut auf der Welt gäb!«
»Ja, Wolfrat, das sag dir nur allweil, dann wirst du auch nimmer
vergessen, daß man zusammenhalten muß und gut sein mit den anderen, hart
nur gegen sich selber. Ich mein', du hast es doch gespürt, wie schwer
und finster das Leben ist, und wie es über einem oft liegen kann, als
wär es ein ganzer Berg. Wenn du so einem begegnest, dann mußt du halt
auch flink zuspringen. Wirf nicht einen Stein noch drauf, sondern hilf
ihm tragen! Wirst sehen, dann kommt ihr beide zu einem sonnigen Fleck,
wo man rasten und ausschnaufen kann für den weiteren Weg!«
»Wohl, Herr!« Wolfrat blickte mit feuchten Augen zu Herrn Heinrich auf.
»Aber wie soll ich noch etwas helfen können in der Welt? Ungrade Finger
greifen schlecht.«
»Nützen und zum Guten helfen kann einer auch mit halben Armen. Wenn nur
ein ganzes Herz dabei ist! Und schaffen wirst du wohl auch noch können
für Weib und Kind. Man muß halt ein richtiges Geschäftl suchen für
dich.«
»Vergeltsgott, Herr, Vergeltsgott!« stammelte Wolfrat. »Schauet, da hab
ich halt so für mich gemeint: einen Schlepper im Salzberg tät ich
allweil noch abgeben.«
»So? Hast du denn schon einmal im Berg gefördert?«
Der Sudmann schüttelte den Kopf.
»Da wird's schwer halten! Alles will gelernt sein. Ich mein', du wirst
im Sudhaus bleiben müssen. Mit dem Feuern und Sieden hat's wohl ein End.
Aber Ausschau halten und in die Pfannen lugen und Kerbschneiden[35]
wirst du allweil noch können. Da verdienst du auch ein lützel mehr
dabei. Der alte Rottmann[36] will sich zur Ruh setzen. Was der gehabt
hat, wirst du ja wissen. Und jetzt komm, steh auf!«
[Fußnote 35: Jede Schicht eines Arbeiters wurde in zwei aneinander
gelegten Stäben durch eine Kerbe verzeichnet; den einen Stab behielt der
Aufseher, den anderen der Arbeiter.]
Herr Heinrich erhob sich und öffnete den Block. Wolfrat aber blieb
sitzen und rührte sich nicht; er starrte immer den Propst an und würgte
nach Worten. Herr Heinrich mußte ihn am Arm fassen und aufrichten.
»Geh, Wolfrat! Deine Seph wartet daheim, sie wird sich ängstigen, wenn
du so lange bleibst. Streck dich! Und geh heim!«
Wolfrat stand mit gebeugtem Rücken; das Sitzen im Block hatte ihn ganz
steif gemacht; aber das schien er nicht zu fühlen.
»Heim? Heim?« stotterte er mit halb erstickten Lauten. »Wo bin ich denn
daheim? Jetzt saget nur gleich: im Himmel -- und ich glaub's!«
»Später einmal!« lächelte Herr Heinrich. »Für jetzt noch in deinem
Lehen. Wo denn sonst? Nun aber geh und behüt dich Gott!« Er führte den
Wankenden zum Tor und schob ihn auf die Straße.
Ein paar Schritte taumelte Wolfrat vorwärts. Als er hinter sich das Tor
ins Schloß fallen hörte, stammelte er erschrocken: »Jesus Maria! Ich hab
vergessen --« Er sprang zurück und schlug mit der Faust an die Bohlen.
»Herr, Herr! Lasset mich doch hinein! Lasset mich doch ein Vergeltsgott
sagen.«
[Fußnote 36: Aufseher.]
»Dank einem anderen!« klang die Stimme des Propstes, während seine
Schritte sich entfernten.
Wie ein Berauschter schwankte Wolfrat auf die Straße und starrte in der
Dämmerung umher, als wär' es eine neue Welt, die ihn umgab. Da sah er
die Mauer des Friedhofs und hinter ihr die steinernen Kreuze. Er trat
hinzu und fand auch hier ein geschlossenes Tor. Am eisernen Gitter
streckte er den Arm durch die Stäbe, als könnte er hineingreifen bis zum
Grab seines Kindes.
Auf dem Turm begann die Glocke zu läuten. Sanft hallend schwebten ihre
Klänge über das weite Tal, zu Ruh und Frieden mahnend. Wolfrat bekreuzte
sich und murmelte den Mariengruß. Dann rannte er davon.
Keuchend erreichte er sein Lehen. In der Stube brannte schon das Licht.
Unter der Türe trat ihm sein Weib entgegen.
»Seph! Seph!«
Mehr brachte er nicht heraus. Er wankte, und sie mußte ihn stützen. Als
er in die Stube trat, streckte er die Hand, wie um mit einem einzigen
Griff alles zu fassen, was ihn umgab. Sepha ließ ihn auf die Bank
sinken, und da saßen sie nun und hielten sich wortlos umschlungen, bis
von draußen ein aufgeregtes Stimmchen tönte:
»Mutter! Mutter! Alle zwei sind hinein in den Stall, ganz alleinig!«
Wie eine Hummel kam Lippele in die Stube gesurrt und stand erschrocken
still.
»Bürscherl?« fragte Wolfrat mit schwankender Stimme. »Kennst du mich
nimmer?«
»Jöi, der Vater, der Vater!« schrie der Bub in Freude, kletterte auf
Wolfrats Knie und drückte und küßte, daß ihnen beiden fast der Atem
verging.
»Aber Seph! Wo ist denn die Dirn?«
»Ich weiß nit, was da sein muß! Jetzt hat man sie wieder im Klösterl
gehalten. Und die ganze Zeit her --«
Sepha konnte nicht weiter sprechen. Denn Lippele drückte ihr die Hand
auf den Mund und gebot: »Sei still, Mutter, ich muß dem Vater was
zeigen!« Und von Wolfrats Knien auf die Erde niederrutschend, schrie das
Bübl mit brennendem Gesicht: »Schau, Vater, schau, was ich schon kann!«
Im Hui hatte der kleine Kerl das Jöppl heruntergerissen; er warf es auf
den Boden, duckte sich, und schwupp, stand er kerzengerade auf dem Kopf.
Freilich plumpste er gleich wieder auf die Seite; aber das tat dem Stolz
keinen Eintrag, mit dem er sich erhob.
»Und das hast du im Klösterl gelernt?« staunte Wolfrat.
»Wohl! Aber nit von den Klosterfrauen.«
Seph und Wolfrat sahen sich an und mußten lachen.
Wie lange war es her, seit diese Stube das letzte Lachen vernommen
hatte!
Und dieses neugefundene Lachen war gesünder als jenes, an dem der Frater
Küchenmeister hatte sterben müssen.
30.
Am andern Morgen, zu früher Stunde schon, verließ Desertus das Stift und
ging dem Klösterlein der frommen Schwestern zu.
Einige Stunden später wanderte Herr Heinrich nach dem See. Als er am
Eggehof vorüberkam, sah er beim Hag, der das Gehöft vom Polzerlehen
trennte, den Eggebauer mit Wolfrat beisammenstehen. Der Bauer ließ den
Kopf hängen. Wolfrat hatte ihm den Einarm um die Schultern gelegt und
schien dem Bekümmerten herzlich zuzusprechen.
Mit sinnendem Lächeln schritt Herr Heinrich dahin unter dem welkenden
Laubdach der die Straße geleitenden Bäume. »Wieder einer, der im
Schatten die Sonne fand! Freilich, nur einer! Aber laß einen einzigen
Tropfen in den See fallen, er zieht doch immer seine Wellen und rühret
hundert andere!«
Nach einer Stunde erreichte Herr Heinrich die Seelände. Die beiden
Fischerknechte, die mit dem Spannen der feuchten Netze beschäftigt
waren, zogen die Kappen und traten ihm entgegen.
»Habt ihr den Jäger nicht herkommen sehen über den Steig?«
»Den Haymo? Nein, Herr!«
»Dann habet acht eine Weil! Er wird wohl kommen. Doch braucht ihr ihm
nicht zu sagen, daß ich nach ihm fragte. Saget ihm nur: wenn er mich
etwa sprechen wollte, dann fänd er mich beim neuen Haus.«
Herr Heinrich ging, und die Knechte glotzten ihm nach.
Es währte nicht lang, so hörte man auf dem Steig ein Griesbeil klirren
und klappernde Schritte näher kommen.
Haymo tauchte unter den Bäumen auf. Sein Gang war langsam und müde; das
Gesicht sah verhärmt aus, obwohl es gerötet war, denn er hatte schwer
getragen; die Armbrust war um seinen Hals gehängt, und der Rücken mit
einem vollgestopften Bergsack beladen.
»Was tragst du da?« fragte einer der Knechte.
»Mein Sach!« erwiderte Haymo mit zuckenden Lippen.
»Was ist denn? Es liegt doch allweil noch kein Schnee droben? Ziehst du
schon ab von der Röt?«
Der Jäger nickte.
»Mußt du in ein anderes Revier? Auf den Roint oder auf den Griesberg
hinauf?«
Haymo schüttelte den Kopf.
»Wo willst du denn hin jetzt?«
»Ins Kloster hinein zum Herrn.«
»Den kannst du näher haben. Grad ist er zum neuen Haus hinaufgegangen.«
»Zum neuen Haus?« Haymo sah verloren auf und tat einen schweren Atemzug.
»Kann ich bei euch derweil meinen Sack einstellen?« Ohne eine Antwort
abzuwarten, ging er in die Fischerhütte, legte den Bergsack in die
Stube, nickte den Knechten einen Gruß zu und folgte der Straße.
Das >neue Haus< war leicht zu finden. Über die goldig schimmernden
Baumwipfel leuchtete das weiße Schindeldach herüber mit dem
bändergeschmückten Tannenbäumchen. Als sich Haymo zögernd dem Tor
näherte, das den frisch geflochtenen Hag durchbrach, blieb er stehen,
wie von freudigem Schreck betroffen. Es war ihm, als hätte er aus einem
der offenen Fenster ein klingendes Lachen gehört. Er lauschte. Alles
blieb still. Ein bitteres Lächeln zitterte um seinen Mund. War ihm das
in diesen langen, bangen Wochen nicht zu hundertmalen geschehen? Wenn er
durch den stillen Bergwald gestiegen, oder gipfelwärts über ödes
Gestein, versunken in seine träumende Sehnsucht, dann hatte er plötzlich
diese liebe, klingende Stimme gehört, bald wie aus weiter Ferne, bald
wieder, als wäre sie dicht an seinem Ohr. Und hatte er sich mit
stockendem Herzschlag umgewandt, so waren rings um ihn her nur die
leeren Lüfte gewesen, der stille Wald und die schweigenden Felsen. Und
wenn er in dunkler Nacht auf der Wolfshaut lag, vor Ermüdung fiebernd an
allen Gliedern, wenn nach martervollem Sinnen und Grübeln der Schlaf ihm
die Lider schwer machte, daß sie sanken, dann klang es plötzlich hell
und weckend in seinen Schlummer: »Haymo!« Und er fuhr in die Höhe,
strich die zitternde Hand über die Stirn und lauschte, und fand sich
allein, umgeben von tiefer Finsternis, und nur seine Seufzer klangen in
der stummen Hütte.
»Es geht mir überall nach!« murmelte er, während er mit irrem Blick das
stattliche Haus überflog.
Zögernd betrat er den Hofraum und erbleichte, als er einer alten Ulme zu
Füßen, auf einem moosigen Steinblock, Herrn Heinrich sitzen sah.
»Haymo? Du?«
Der Jäger zog die Kappe, und während er sie zwischen den Händen
zerknüllte, trat er näher mit gesenktem Kopf.
»Grüß Gott, Herr!«
»Wie kommst du da her? Was hat dich ins Tal geführt?«
»Herr!« Die Stimme des Jägers schwankte. »Heut ist der Michelstag.«
»Der Michelstag?« sagte Herr Heinrich erstaunt. »Richtig, der
Michelstag! So, so! Der Michelstag? Und deshalb kommst du herunter?«
»Wohl! Ich hätt nimmer bleiben dürfen, auch wenn ich mögen hätt.« Immer
leiser wurde Haymos Stimme. »Heut geht mein Dienst aus.«
»Richtig, richtig! Von heut an hab ich um einen Klosterjäger weniger.
Und weniger um den besten. Und nun bist du gekommen und willst mir Behüt
Euch Gott sagen, gelt? Und dann willst du dir einen neuen Herrn suchen?«
Haymo knüllte an der Kappe, verdrehte den Kopf, als quäle ihn ein Krampf
im Nacken, und zog die Brauen zusammen wie einer, der auf der Folter
liegt und doch keinen Schmerzenslaut will hören lassen.
»So rede doch, Haymo, schau mich an!«
Nur noch tiefer senkte Haymo den Kopf, während er mit heiserer Stimme
Wort um Wort vor sich hinstieß: »Ich bitt, Herr, daß Ihr es kurz machet!
Wenn's mich auch gleich nimmer fortlassen will -- von Euch -- fort muß
ich doch.«
»Mußt du? So? Und was willst du jetzt?«
»Was ich wollen muß! Ein einziges halt! Grad noch ein einzigs im Leben!
Allweil das einzig! Und ich weiß kein Straßl nimmer, wo ich's find. Ich
hab mich verschuldigt, jetzt muß ich's büßen. Und wenn ich gleich einmal
noch hinlauf an mein Glück -- es bleibt nur ein halbes.« Er wandte sich
ab.
»Haymo!«
Der Jäger erzitterte bei dem warmen, herzlichen Klang seines Namens.
»Hab ich recht gehört? Du möchtest gern bleiben bei mir?«
Haymo sagte nicht Ja und nickte nicht mit dem Kopf; er wandte sich nur
noch mehr von Herrn Heinrich ab und drückte das Kinn an die Brust.
Der Propst betrachtete ihn eine Weile mit leisem Lächeln. »Also bleiben
möchtest du? Schau, Haymo, das merk ich gern, daß ich dir lieb geworden
bin als Herr. Schade! Warum hast du nicht früher gesprochen? Denn jetzt
-- jetzt wird es zu spät sein. Heut ist der Michelstag. Du bist nicht
mehr mein Klosterjäger.«
Ein schwerer Atemzug erschütterte die Brust des Jägers.
Immer fröhlicher lächelte Herr Heinrich. »Wer weiß, _wir_ zwei hätten
vielleicht noch können auf gleich kommen miteinander.«
Haymos Augen streiften den Propst mit einem scheuen Blick.
»Aber Pater Desertus hat im letzten Kapitel einen Antrag gestellt, und
der ist durchgegangen. Das Stift hat einen Wildmeister ernannt, von heut
an. Der soll über die ganze Jägerei des Klosters gesetzt sein. Er ist
ein weidgerechter und strenger Jäger. Wie ich ihn kenne, wird er seine
Leute fest an der Schnur halten. Und mit einem, der aus Mutwill oder
Narretei seinen Dienst aufsagt, mit solch einem wird er sich schwer
befreunden. Meinst du nicht auch? -- Was hast du denn? Schaust du dir
das Haus dort an? Ein schmuckes Haus, gelt? Da soll der neue Wildmeister
wohnen. Über vier Wochen hält er Hochzeit. Schau, Haymo, dort unter der
Tür, das ist sein Bräutl.«
Haymo, dem die Kappe entfallen war, stand mit zitternden Händen und
wankenden Knien. Jetzt erblassend, dann wieder die Wangen überflogen von
brennendem Rot, riß er Mund und Augen auf und starrte nach der Tür, aus
welcher Pater Desertus trat, Gittli an seiner Hand. Wie hold und schmuck
war das Mädchen anzusehen! Ein roter Rock umfloß in weichen Falten ihre
schlanke Gestalt, aber er war nicht kurz geschnitten nach Bauernart,
sondern reichte, wie bei einem Fräulein, bis auf die Fußspitzen;
schneeweißes Linnen umbauschte die Schultern und Arme, und knapp spannte
sich ein dunkelgrünes, mit Silber verschnürtes Mieder um die junge
Brust. Gittlis Augen leuchteten, wie glühende Rosen lag es auf ihren
Wangen, und gleich einer schwarzen Krone schmückten die straff
geflochtenen Zöpfe ihre Stirn.
Haymo lallte mit schwerer Zunge. Aber da hatte ihn Gittli schon erblickt
und kam auf ihn zugeflogen mit freudigem Schrei. Stammelnd und
schluchzend hing sie an seinem Hals, während Haymo, durch das über ihn
herstürzende Glück um alle Besinnung gebracht, noch immer mit den Händen
ins Leere tappte. Gittli nahm sich nicht einmal die Zeit zu einem Kuß.
Hastig löste sie sich wieder von Haymos Brust, und mit der einen Hand
seinen Arm umfassend, griff sie mit der anderen nach der Hand des
Paters.
»Gelt, Herr Pater, gelt, ja? Ich darf ihm gleich alles zeigen?«
Desertus nickte mit frohen Augen. Und da zog sie den Stammelnden mit
sich fort, unter sprudelnden Worten: »So schau doch, Haymo, schau! Was
sagst du? Schau dir das schöne Haus an! Da sollen wir wohnen
miteinander, hat der gute Pater gesagt! Und schau nur, das steinerne
Bankl vor der Tür! Da können wir sitzen und Haimgart halten auf den
Abend, hat der gute Pater gesagt. Und er selber wird manchmal kommen,
hat er gesagt. Wie der uns mögen tut, ich sag dir's, ein Vater kann
seine Kinder nit lieber haben. Und schau, Haymo, schau, in das leere
Nischerl über der Tür, hat er gesagt, da kommt ein Muttergottesbild
hinein. Das tut unser Haus hüten und unser Glück! Aber schau nur, das
Anwesen da drüben, das hast du noch gar nit gesehen! Da kommen zwei
Pferd hinein, hat er gesagt, und vier Küh, daß wir Milch haben, grad was
wir brauchen. Und, du --« Sie schlug die Hände ineinander, und ihre
Augen gingen über vor Entzücken. »Du! Das Kucherl muß ich dir zeigen!
Ich sag dir, da glänzet alles vor lauter Kupferzeug! So komm doch, komm
--«
Mit beiden Händen faßte sie seinen Arm und zog ihn zur Tür hinein.
Im dämmerigen Hausflur stand er still und preßte die Fäuste auf die
Brust.
Noch immer begriff er nicht. Aber eines schien er doch endlich zu
glauben: daß wirklich und leibhaftig sein Mädchen vor ihm stand. Und
plötzlich, unter stammelndem Laut, umschlang er Gittli mit heißem Kuß.
Draußen stand der Propst neben dem schweigsamen Chorherren.
»Komm, Dietwald!« sagte Herr Heinrich lachend. »_Den_ Kuß warten wir
nicht ab, bis er ein Ende nimmt. Komm, laß uns gehen! Sie sollen diese
Stunde für sich allein haben. Wenn sie so weit aus ihrem seligen Rausch
erwachen, um nach einem Dritten fragen zu können, dann suchen sie dich
schon.«
Noch lange hing Desertus mit den Augen an der Tür, bis er sich
loszureißen vermochte, um dem Propst zu folgen. Zwischen goldig
leuchtenden Hecken schritten sie der Straße zu. Weiß glänzte ihnen im
Sonnenschein der See entgegen.
Desertus legte die Hand auf Herrn Heinrichs Arm.
»Ich will Euch ein Rätsel zu lösen geben! Was ist wärmer als diese
Sonne, lichter als dieser Tag, reiner als dieser klare See?«
»Deines Kindes Glück. Und deines Herzens Freude. Ja, Dietwald, du hast
recht getan! Ich habe dir meinen Rat nicht aufgedrängt. Hier mußte dein
eigenes Herz die richtige Sprache finden, ganz allein. Und du hast sie
gefunden.«
»Hätt ich mich besinnen sollen? Nur einen Augenblick? Was wollte ich
mehr als meiner Tochter Glück? Jeder andere Weg hätte Weh und Elend über
sie gebracht, hätte ihr Leben zerstört und alle Blüten abgestreift von
ihrem holden Dasein. Und kein Rang und Name, nicht Glanz und Reichtum
hätte sie dafür entschädigt. Ist das Leben noch Leben, wenn ihm die
Sonne fehlt, das Glück? Hätte mich in jener finsteren Nacht, die mir
alles nahm, das Schicksal vor die Wahl gestellt: willst du bleiben, was
du bist, oder willst du ein Bettler werden und nur das Glück deines
Herzens mit hinübertragen in die arme Hütte? -- glaubt Ihr, ich hätte
mich besonnen? Und hätt ich nun anders wählen sollen für mein Kind? Was
sie um ihres Glückes willen verliert? Entbehrt sie es denn? Würde sie
den Geliebten ihrer Liebe werter halten, wenn er den Schild am Arm und
die Helmzier über den Locken trüge? Und ich?« Desertus lächelte. »Haymo
ist ein freier Mann. Und verwahrt er auch keinen Adelsbrief in seinem
Schrank, er trägt auf seiner Stirn den Adel tüchtiger Mannheit und eines
treuen, redlichen Gemüts. Ich lieb ihn. Er ist mein Sohn.«
»Und väterlich hast du für ihn gesorgt!« lachte Herr Heinrich. »Wäre der
Propst von Berchtesgaden nicht dein treuer Freund, und hätte er nicht
selber seine Freude an diesem jungen Glück, er hätte böse Augen gemacht
zu dem tiefen Griff, den du in den Klostersäckel getan. Ich vermute, es
war noch lange nicht der letzte. Aber sag --« Die Stimme des Propstes
wurde ernst. »Du hast auch heute nicht mit ihr gesprochen?«
»Nein, Herr! Ich konnte nicht.«
»Und das Mädel hat genommen und genommen? Und mit keinem Gedanken ist es
ihr aufgefallen: woher kommt das alles?«
»Wäre ihr Glück denn voll und ganz, wenn sie fragen könnte: warum?«
Herr Heinrich nickte, und schweigend schritten sie weiter.
Immer wieder blickte Desertus zurück nach dem hellen, zwischen
schimmerndem Laub verschwindenden Dache. »Oft lag mir das klärende Wort
auf der Zunge,« sagte er nach einer Weile, »aber wenn ich sah, wie
dieses große kleine Herz so übervoll war von Liebe, dann schwieg ich
wieder. Hätt ich sie schrecken und betäuben sollen mit Neuem,
Unerwartetem? Jetzt? Kommt sie in ihrem Glück erst wieder zu Atem, dann
wird sich von selbst die Stunde finden, in der sie mich als Vater
erkennen und Vater nennen wird. Es dürstet wohl mein Herz nach dem süßen
Laut von meines Kindes Lippen. Aber ich will mich gern gedulden.
Vaterliebe, das heißt nicht: nehmen, sondern: geben! Und bin ich nicht
schon reich geworden nach aller Armut meines Herzens? Tag und Nacht darf
ich sinnen und schaffen für meines Kindes Glück, an seiner Freude darf
ich mitgenießen, darf mich erquickt und getröstet fühlen durch seine
Nähe.« Desertus blieb stehen und faßte den Arm des Propstes. »Seht,
Herr, wie freundlich das Heim meines Kindes herschimmert durch die
Bäume!«
»Ein schönes Bild! Komm, wir wollen rasten!«
Aus dem Fuß eines Hügels, der dicht an die Straße reichte, schob sich
eine Felsplatte gleich einer Bank hervor. Hier ließen sie sich nieder.
Kleine Schatten und große Lichter zitterten auf der Erde, denn durch die
halbentlaubten Bäume fand die Sonne fast freien Weg. Ein leichter
Windhauch raschelte durch alles Gezweig, und langsam, wie in gaukelndem
Spiel, fielen die welken Blätter. Mit stillen Augen betrachtete Desertus
ihren lautlosen Fall.